Essay „Magnifica humanitas“ 

Der Papst als Fährtenleser 

In seiner ersten Enzyklika nimmt Papst Leo XIV. die Botschaften seines Vorgängers Franziskus auf. Doch das Netz aus Referenzen reicht noch viel weiter. 

Wer „Magnifica humanitas“ aufmerksam liest, kann dem Papst beim Fährtenlesen über die Schultern schauen – und wird entdecken, wie tief verwurzelt in der Tradition seine für viele zeitgenössische Beobachter:innen überraschend aktuellen und radikalen Botschaften sind.

Bereits ein schneller Blick auf den Fußnotenapparat von „Magnifica humanitas“ lässt vermuten, dass Leo mit seiner ersten Enzyklika in den Fußspuren seines direkten Vorgängers Papst Franziskus unterwegs ist. Dieser erste Eindruck wird beim gründlichen Lesen bestätigt:

Leo nimmt wichtige Botschaften von Franziskus wie die Option für die Armen und Ausgeschlossenen und die Beziehung des Menschen zur gesamten Schöpfung an zentralen Stellen von „Magnifica humanitas“ auf. Seine Kritik an unserem Umgang mit Künstlicher Intelligenz fußt auf Franziskus‘ Kritik an Technokratie und Kapitalismus. Schreibt Leo also die Verkündigung seines Vorgängers nahtlos fort? Institutionalisiert und systematisiert er nur, was Franziskus wollte? Worin besteht sein eigener Beitrag zur Aktualisierung der katholischen Soziallehre, die „Magnifica humanitas“ leisten will?

Um das herauszufinden, ist es nötig, sich genau anzuschauen, auf welche Botschaften und Schriften seiner Vorgänger Papst Leo Bezug nimmt. Wie in vatikanischen Dokumenten und päpstlichen Lehrschreiben üblich, wird auch in „Magnifica humanitas“ häufig aus anderen solchen Schriften zitiert: Dadurch entsteht ein Netz aus Referenzen, eine Landkarte von Denkpfaden. Welchen Fährten seiner Vorgänger folgt Papst Leo – und wo geht er eigene, neue Wege?

Von der „Bewahrung des Menschen“ ist neben dem „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ direkt im Titel der Sozialenzyklika von Papst Leo XIV. die Rede. Bereits an dieser Stelle können wir „Laudato si‘“ mithören, die große Umweltenzyklika von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015. Und mit „Laudato si‘“ zugleich auch die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ von Benedikt XVI. aus dem Jahr 2009, aus der wiederum Franziskus zitiert: „Darum beabsichtigt die Kirche mit ihrem Tun, nicht nur an die Pflicht zu erinnern, die Natur zu hüten, sondern ‚sie muss vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen‘“ („Caritas in veritate“ Nr. 51, „Laudato si‘“ Nr. 79, vgl. „Laudato si‘“ Nr. 4f., 163, 204, 207).

„Die Bewahrung des Menschen“

Doch was genau bedeutet Bewahrung bzw. Schutz des Menschen? Leo nennt als Bedrohung die Idee vom hybriden Menschen und erklärt, wie ein solcher Posthumanismus den Anthropozentrismus infrage stellt (Nr. 116). Der Anthropozentrismus selbst, also eine Zentralstellung des Menschen in der Welt, ist allerdings – vor allem in „Laudato si‘“ – Gegenstand der Kritik von Franziskus.

Leo nimmt wiederum in anthropozentrismuskritischer Absicht den „situierten Anthropozentrismus“ positiv auf, den Franziskus im Jahr 2023 in seinem Schreiben „Laudate deum“ (Nr. 67) sowie in „Laudato si‘“ dargelegt hat – also die Idee der Relationalität der Schöpfung, in die der Mensch eingebunden ist (Nr. 237). Der situierte Anthropozentrismus war die tragende positive Figur, die Franziskus in „Laudato si‘“ der Technokratie entgegensetzt hatte. Ist damit die Gefahr gebannt, mit einem oberflächlich verstandenen Begriff von der „großartigen Menschheit“ in einen nicht-situierten Anthropozentrismus zurückzufallen?

Bewahrung des Menschen heißt für Leo vor allem die Achtung seiner Begrenztheit (Nr. 12). Unsterblichkeitsphantasien, wie sie beispielsweise ein Peter Thiel mit großem Aufwand verfolgt, werden von Leo deutlich kritisiert. Ihnen stellt er die Rede von der „großartige[n]“ und zugleich „verwundete[n] […] Menschheit“ entgegen, die zudem nicht verleugnen dürfe, „was sie menschlich macht, nämlich die Fähigkeit zu Beziehung und Liebe“ (Nr. 126). Die Verletzlichkeit als Eigenschaft des Menschen und zugleich der gesamten Schöpfung betonte bereits Franziskus: „Die Verletzlichkeit vereint uns alle. […] Auch Gott wollte für uns verletzlich werden.“

Das „wahre more than human”

Das „wahre more than human“ finden wir laut Leo nicht in den „prometheischen Träumen“ des Trans- und Posthumanismus, durch eine „technologische Vergöttlichung“, sondern in jener Vollendung des Menschen, „die die Gnade Gottes bewirkt, die wir in Christus empfangen“ (Nr. 126, 128).

Hierzu zitiert er in Nr. 128 das Schreiben „Evangelii gaudium“ (Nr. 8). Dort wiederum nimmt Franziskus implizit auf Romano Guardini Bezug, der über Blaise Pascal schrieb, für diesen gebe es den „naturalistische[n] und autonomistische[n]“ Menschen der Neuzeit nicht, denn „[i]m wahren Sinne Mensch kann der Mensch nur sein, wenn er es wagt, mehr zu sein als nur ‚Mensch‘ – aber auf Gott hin: ‚Lʼhomme passe infiniment l’homme‘.“ (Romano Guardini: „Christliches Bewußtsein“, Leipzig 1935, S. 104f.).

Leo spricht diesbezüglich die „Gefahr der Entmenschlichung“ durch den Ausschluss Gottes an (Nr. 10): Ein zentraler Topos der Verkündigung, den Franziskus beispielsweise durch ein Zitat Benedikts XVI. in seine Enzyklika „Laudato si‘“ (Nr. 6) aufgenommen hat, „dass die Schöpfung geschädigt wird, ‚wo wir selbst die letzten Instanzen sind‘“.

In „Magnifica humanitas“ verbindet Leo diesen Gedanken mit einer Götzenkritik am Gewinn, an einer „Vergötterung des Profits“, die er griffig als „Babel-Syndrom“ bezeichnet (Nr. 10). Damit nimmt er einen überaus bedeutenden Teil der Verkündigung von Franziskus auf, mit dem dieser seit „Evangelii gaudium“ (Nr. 55), das im ersten Jahr seines Pontifikats 2013 erschienen ist, implizit die Befreiungstheologie rezipierte (vgl. „Fratelli tutti“ Nr. 274).

„Die großartige Menschheit“

Doch zurück zur „von Gott geschaffene[n] großartige[n] Menschheit“ (Nr. 1): Der Ausdruck wird im Text variiert zum „großartige[n] Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde“ (Nr. 90), und mündet am Ende in den Aufruf, „im Antlitz des Sohnes eine großartige Menschlichkeit zu betrachten“ (Nr. 233). Im Englischen und den romanischen Sprachen wird jeweils derselbe Begriff benutzt (z. B. humanity). Letztlich geht es also darum, die Idee der Menschwerdung Gottes zu „bewahren“, die das Kreuz impliziert. Der Leidfähigkeit – und Leidempathie! – wird höchste Bedeutung beigemessen: „Das Fleisch des Sohnes, arm und verletzlich, erinnert an das Fleisch so vieler Brüder und Schwestern, die ihrer Würde beraubt und zum Schweigen gebracht wurden.“ (Nr. 231)

Die „Großartigkeit“ des Menschen besteht nach Leo gerade im Klein-Sein und der Anerkennung seiner eigenen Grenzen (vgl. „Dilexi te“ Nr. 16, 109), was wiederum Gemeinsamkeit und Empfindlichkeit für das Leid der anderen ermöglicht (Nr. 118–122). In „Laudato si‘“ bezog Franziskus diesen Gedanken auf die gesamte Schöpfung.

Eine weitere deutliche Parallele zwischen den beiden Autoren liegt in ihrem Blick auf das Zweite Vatikanum: So betonen sie, in Nachfolge der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, die Bedeutung des Dialogs mit den Fragen der Zeit (Nr. 2, vgl. „Evangelii gaudium“ Nr. 14, 51, 108) und die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten (Nr. 18, 20, vgl. „Laudato si‘“ Nr. 80). Explizit stellt Leo fest, dass Franziskus sich mit seiner Soziallehre in der Spur von „Gaudium et spes“ befände (Nr. 42): Eine posthume Verteidigung des Pontifikats von Franziskus gegen seine zahlreichen innerkirchlichen Kritiker?

Von vielen Seiten der ersten Enzylika von Papst Leo grüßt Papst Franziskus (Foto: Long Thiên (Flickr), Public Domain)

Auch der an vielen Stellen der Enzyklika erwähnte und vor allem im Kontext der Friedensethik problematisierte „Realismus“ ist ein Motiv, das beide Päpste verbindet. Der derzeitige Pontifex entdeckt ihn bei seinem Namensvorgänger Leo XIII. in der Verbindung von Evangelium und konkretem Leben (Nr. 3). Bei Franziskus war das Prinzip, die Realität sei „der Idee überlegen“, fast allgegenwärtig (vgl. „Evangelii gaudium“ Nr. 231–233; „Laudato si‘“ Nr. 110, 201). Vom „Realismus des Dialogs“ sprach er beispielsweise auch in Nr. 221 von „Fratelli tutti“.

In „Magnifica humanitas“ Nr. 25 nutzt Leo außerdem ein weiteres der vier bekannten Prinzipien von Papst Franziskus – „die Zeit ist mehr wert als der Raum“ – und erklärt es mindestens so klar wie sein Vorgänger: „Es kommt nicht in erster Linie darauf an, Machtpositionen zu besetzen oder kulturelle Festungen zu bewachen […] so drängt sich die Wahrheit des Evangeliums nicht von oben auf, sondern wächst im Laufe der Zeit, im konkreten Geflecht von Leben, Gemeinschaften und Kulturen.“

Weitere Anklänge an die vier Prinzipien sowie das Polyeder-Motiv finden sich in derselben Passage. Machtkritik ist in „Magnifica humanitas“ noch weiter bedeutsam (s.u.): Leo wendet sie nicht zuletzt gegen die Kirche, vor allem bezogen auf verschiedene Formen des Missbrauchs (Nr. 25, 89). Bemerkenswert ist, wie deutlich die Geltung der Soziallehre für die Kirche selbst hervorgehoben wird (Nr. 86–89).

„Auf der Baustelle unserer Zeit“

Die beiden ersten Kapitel seiner ersten Enzyklika widmet Leo explizit der Auseinandersetzung mit der kirchlichen Soziallehre und rahmt sein Schreiben zudem eingangs als Erinnerung an den 135. Jahrestag der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (Nr. 3). Mit dieser systematischen Bezugnahme und dem ausdrücklichen Anliegen, die Soziallehre im Eingehen auf die aktuellen Probleme der Digitalisierung weiterzuentwickeln (Nr. 17), unterscheidet sich Leo von Franziskus – zumindest, was dessen Enzykliken angeht (vgl. jedoch „Evangelii gaudium“ Nr. 182–185).

Papst Leo XIV. grüßt am Tag seiner Wahl von der Loggia des Petersdomes aus

In einer seiner Botschaften an die Volksbewegungen stellte Franziskus die Grundsätze der Soziallehre jedoch zentral für seine Argumentation und implizit begleiten sie seine Verkündigung durchaus. Hier könnte sich eine Tendenz zeigen, die Leo schon des Öfteren zugeschrieben wurde: Schwerpunkte, die Franziskus während seiner Amtszeit eher praktisch oder assoziativ setzte, nun in Systematik überführen zu wollen. Andererseits annulliert dies auch Franziskus‘ eher dekonstruktiven Umgang mit der Soziallehre. Die Volksbewegungen adressierte der neue Pontifex übrigens nicht nur persönlich bei ihrem jüngsten, in Kooperation mit dem Vatikan durchgeführten Treffen im Oktober 2025, sondern erwähnt sie auch in „Magnifica humanitas“ (Nr. 13, 58).

Die Aufgabe der Weiterentwicklung versteht Leo als gemeinschaftliche und geistige. Er benutzt dafür mehrmals den – seinen direkten Vorgänger selbstverständlich leitenden – ignatianischen Begriff der Unterscheidung bezüglich der Zeichen der Zeit (Nr. 22f., 27). Die Soziallehre der Kirche versteht Leo als Prozess, als „Theologie der Gemeinschaft in der Geschichte“ (Nr. 27), die kontextuell anzupassen sei (Nr. 26). Sie habe „dynamischen Charakter“ (Nr. 17) und sei kein Satz feststehender Antworten, erklärt Leo in der Enzyklika „Magnifica humanitas“ ganz so wie Franziskus im Jahr 2021 bei seinem Vortrag vor den Vertretern der Volksbewegungen.

Die Soziallehre sieht Leo somit eher auf der Prinzipienebene angesiedelt, statt auf der Ebene der Handlungsrichtlinien (Nr. 24). Systematisch wird, wiederum unter Bezugnahme auf Franziskus, ausgeführt, warum Gegenwartsfragen die Kirche angehen (Nr. 19, „Evangelii gaudium“ Nr. 183). Auch die Dreck-Metapher wird weiter verwendet: Mit der Aufforderung, sich „die Hände schmutzig zu machen“ „auf der Baustelle unserer Zeit“ (Nr. 16), analog zum Aufruf, „sich mit dem Schlamm der Straße zu beschmutzen“ („Evangelii gaudium“ Nr. 45)

Das Vermächtnis der Soziallehre Pauls VI. bringt Leo zudem auf den Nenner, sie richte sich gegen Exklusion (Nr. 36): Keiner soll „als entbehrlich behandelt“ werden. So stellt Leo eine deutliche Kontinuität von Paul zu Franziskus her. Das Duo wird beispielsweise in Nr. 94 in einem Atemzug zitiert. Pauls „Populorum progressio“ (Nr. 14) mit dem Postulat, dass die echte Entwicklung für „jeden Menschen und den ganzen Menschen“ sein müsse, wird sogar zweimal angeführt (Nr. 35, 82). Auch dabei handelte es sich um einen wichtigen Bezugspunkt für Franziskus (vgl. „Evangelii gaudium“ Nr. 181).

Papst Paul VI. war für Jorge M. Bergoglio / Franziskus ein bedeutsamer Vorgänger, wie zahlreiche Referenzen aus seiner Zeit im Papstamt und der Zeit davor zeigen, die nicht zuletzt dem großen Einfluss von „Evangelii nuntiandi“ und „Populorum progressio“ auf die lateinamerikanische Kirche und Theologie geschuldet sind. Leo nimmt nun Pauls VI. Begriff der „Zivilisation der Liebe“ als einen der Zentralbegriffe seiner ersten Enzyklika auf, besonders prominent im Schlusswort der Enzyklika. (Überschrift des 5. Kapitels, Nr. 185-187, 210, 213, 219, 226f./, 236, 245, vgl. „Fratelli tutti“ Nr. 183).

Neben die in „Magnifica humanitas“ zentrale Kritik an der technologischen Macht stellt Papst Leo eine Kritik an den sozialen Ungleichheiten, die er als Erbe von Franziskus übernimmt (u.a. Nr. 12, 32, 161). Leo sieht eine gespaltene Menschheit: Auf der einen Seite jene, die sich (vermeintlich) selbst verwirklichen können, auf der anderen jene, die selbst das „Lebensnotwendige“ entbehren müssen (Nr. 12). Franziskus hatte in “Fratelli tutti“ Nr. 18 geschrieben: „Teile der Menschheit scheinen geopfert werden zu können zugunsten einer bevorzugten Bevölkerungsgruppe, die für würdig gehalten wird, ein Leben ohne Einschränkungen zu führen.“ (vgl. auch „Fratelli tutti“ Nr. 19, 22 sowie „Laudato si‘“ Nr. 90, 109).

Wie Franziskus fordert auch Leo eine Korrektur dieses Ungleichgewichts, das aus einer Konzentration des Reichtums bei wenigen resultiert (Nr. 164). Die Kritik am Paradigma des wirtschaftlichen Wachstums ist jedoch bei Franziskus harrscher als in „Magnifica humanitas“:  In „Laudato si‘“ Nr. 193 spricht Franziskus im Bezug auf das „unersättliche und unverantwortliche Wachstum“ in privilegierten Weltregionen von decrecimiento, also der Notwendigkeit des „Schrumpfens“. Leo hingegen übernimmt von Franziskus lediglich die Warnung vor einem grenzenlosen Wachstum und fordert ein inklusives Wachstum (Nr. 12, 160).

Die Option für die Ausgeschlossenen

Papst Leo kreidet den „Wohlstandsmodellen“ dieselbe Perfektionierungsmentalität an, die er beim Trans- bzw. Posthumanismus als Übel sieht: Er spricht in Anknüpfung an Franziskus und die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals (SDGs)) davon, durch das einseitige Wachstum würden ganze Völker zurückgelassen. Für Franziskus war die Forderung nach einer ganzheitlicher Entwicklung für alle zentral (vgl. zudem „Evangelii gaudium“ Nr. 53f., 190). Leo schreibt nun, dem „[Z]urücklassen“ müsse die gegenseitige Fürsorge entgegen gesetzt werden. Hier können wir „Laudato si‘“ mithören, das die Ethik und Ästhetik der Sorge in das Zentrum stellte.

Außerdem fällt in der neuen Enzyklika die häufige Verwendung einer Exklusionsterminologie auf, die Papst Franziskus dem Lehramt sehr dezidiert ins Stammbuch geschrieben hat: „[D]ie verworfenen Steine – die Armen, die Kranken, die Migranten, die Kleinen – zu Ecksteinen“ werden zu lassen, ist auch Papst Leo wichtig (Nr. 16). Insbesondere die Verwendung von „verworfen“ lässt daran denken, wie Franziskus skandalisiert hatte, dass die Ausgeschlossenen als „Abfall“ betrachtet werden („Evangelii gaudium“ Nr. 53; vgl. auch Nr. 103). Dasselbe gilt für die Feststellung, dass „der Mensch letztlich […] auf eine Ressource, die man nutzen und ausbeuten kann“, reduziert werde (Nr. 51, 178).

In diesem Sinne steht die Option für die Armen – und Ausgeschlossenen – im Zentrum auch von „Magnifica humanitas“: Immer wieder geht es darum, die Perspektive der Schwächsten einzunehmen (Nr. 10; 32, 63, 78), mitunter verbunden mit der Mahnung zur Sorge für die Schöpfung (Nr. 129 sowie Nr. 101 in Bezug auf Künstliche Intelligenz).

Besonders bedeutsam im Hinblick auf das Titelthema der Enzyklika erscheint, dass die ausbeuterische „stille Arbeit von Millionen von Menschen“ hinter den KI-Werkzeugen und -Produkten vergegenwärtigt wird, sowie die höchst prekäre Tätigkeit so vieler Menschen beim Abbau der Ressourcen, die für diese Technologien genutzt werden: „Körper werden verletzt, verstümmelt und verbraucht, damit der Rechenfluss nicht zum Stillstand kommt.“ (Nr. 173)

Kritik an Macht und Technokratie

Das dritte Kapitel seiner ersten Enzyklika widmet Leo der Frage nach der Technik, geradezu parallel zu „Laudato si‘“ von Franziskus. Die Sorge vor einer wachsenden und ungleich verteilten Machtfülle, gar einer „Herrschaft im äußersten Sinn des Wortes“, die in der gegenwärtigen Ausrichtung der Technik angelegt sei, stand im Zentrum des 3. Kapitels von „Laudato si‘. Dem totalitären Zug der aktuellen Technologienutzung setzte Franziskus – wie bereits erwähnt – die Wahrnehmung der Relationalität der ganzen Schöpfung entgegen, sowie die Frage nach dem Sinn („Laudato si‘“ Nr. 109f., 113).

Die Figur des technokratischen Paradigmas aus diesem Vorgänger-Schreiben wendet Leo auf die „digitale Macht“ an (Nr. 92), die wie ein „Beschleuniger“ desselben wirke (Nr. 93). Er bringt dieses Paradigma auf den Begriff der „Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen“ (Nr. 92). Das technologisch-wissenschaftliche Können verleihe enorme, nie dagewesene Macht (Nr. 4f., vgl. „Laudato si‘“ Nr. 104). Wie Franziskus zitiert auch Leo Romano Guardinis Aussage über die mangelnde Erziehung zu einem rechten Gebrauch der Macht (Nr. 93, „Laudato si‘“ Nr. 105).

Franziskus warnte eindringlich, Technik dürfe nicht als Sinnressource missverstanden werden („Laudato si‘“ Nr. 110). Daran knüpft Leo offenbar an, wenn er von der Gefahr schreibt, dass Technik als „Beurteilungsmaßstab“ verstanden (Nr. 92), Effizienz als höchster Wert angesehen (Nr. 112), und Technik zur Quelle von Heilsversprechen würde (Nr. 117).

Beide Päpste stimmen auch in ihrer Diagnose überein, dass Technik nicht neutral ist, sondern immer partikular interessengesteuert eingesetzt wird (Nr. 9, 85, „Laudato si‘“ Nr. 107). Solche wertebezogenen Vorentscheidungen prägen auch die Konzeption von Systemen Künstlicher Intelligenz, denen so ein spezifisches Menschenbild eingeschrieben wird, noch bevor sie in die Hände der Nutzer geraten (Nr. 104).

Wichtig ist es Papst Leo offenbar, sich trotz aller Kritik an der Künstlichen Intelligenz von einer oberflächlichen Denunziation von Technik abzugrenzen, die dem französischen Philosoph Jean-Luc Nancy zufolge als „banalste“ und „vergeblichste“ Geste des technologischen Zeitalters gelten kann. Einer Dämonisierung der Technik erteilt Leo eine Absage (Nr. 4). Vielmehr müsse es um ihre Orientierung und um politische Rahmensetzungen zum Schutz der Menschen gehen (Nr. 105-108).

Leo wendet sich somit gegen eine Moralisierung von Technik und problematisiert stattdessen die Technokratie (Nr. 92f., 106, 112, 172, 185, 241, in „Laudato si‘“ ebenso vielfach z.B. Nr. 102, 118, 16, 54). Darunter versteht er die Machtkonzentration im digitalen Bereich in den Händen privater Akteure (Nr. 5, 95), die Menschen an der Ausübung ihrer Rechte hindert (Nr. 56, vgl. „Fratelli tutti“ Nr. 209). Dieser Gedankengang war ebenfalls bereits in „Laudato si‘“ zu finden, wie Bernhard Emunds und Matthias Möhring-Hesse in ihrem sozialethischen Kommentar von 2015 zusammenfassen:

„Die schärfste Kritik der Enzyklika an der ›jetzigen Wirtschaft‹ dürfte darin liegen, dass Papst Franziskus Guardinis Warnungen vor einer alles manipulierenden, zerstörerischen, ja die ganze Welt bedrohenden Technik in den Händen totalitärer bzw. kriegsführender Staaten auf den Technikeinsatz heutiger Konzerne bezieht.“ (aus „Die öko-soziale Enzyklika. Sozialethischer Kommentar zum Rundschreiben ‚Laudato si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus‘ von Papst Franziskus“, S. 276f., Download

Auch Leos Ausführungen zur Frage, welche Rolle Technik bei der sozialen Exklusion (s.o.) spielt, liegen parallel zu „Laudato si‘“. Der Einsatz von KI könne Exklusion verschärfen, wenn ihr beispielsweise Entscheidungen über Menschen überlassen würden (Nr. 102), denn ein „Mitgefühl für die Ausgeschlossenen“ kenne KI nicht. Daher könne sie auch leicht als Legitimationsquelle für exkludierende Entscheidungen missbraucht werden (Nr. 103f.).

Künstliche Intelligenz „entwaffnen“

Neu an „Magnifica humanitas“ ist, dass Daten als Kollektivgut bezeichnet werden (Nr. 67, 108). Die Denkfigur ähnelt dem Framing des Klimas als Kollektivgut, einem weitreichenden Postulat von „Laudato si‘“ (Nr. 23). Neu ist auch die explizite Anwendung des Subsidiaritätsprinzips auf Tech-Akteure, womit ihre mangelnde Gemeinwohlausrichtung angeprangert wird (Nr. 71).

Die „Entwaffnung“ der KI ist dabei eine Pointe der Enzyklika: „Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen.“ (Nr. 110) Im Zuge dessen wird die gegenwärtige Wirtschaftsweise gewissermaßen als Krieg bezeichnet. Gilt es also, dem technokratischen Paradigma zu widerstehen (vgl. „Laudato si‘“ Nr. 113)?

Das Zulassen der „letzten Fragen“ des Lebens (vgl. Nr. 6), die Künstliche Intelligenz weder stellen noch beantworten kann (vgl. Nr. 99), und mithin ein Bewusstsein für die „großartige“ Begrenztheit des Menschen sind laut Leo Voraussetzungen dafür, grenzenlose Profit- oder Effizienzideologien nicht zur letzten Antwort zu erheben.

Wirklicher Widerstand würde allerdings bedeuten, die Konzentration der technischen Macht selbst aufzubrechen, also auch die Konzentration der ökonomischen Macht in den Händen weniger: Laut „Magnifica humanitas“ ist es nicht die Technologie, die „den Menschen beherrscht“ (Nr. 110) – hier stellt sich eine gewisse Unschärfe im Text ein –, sondern es sind Menschen, die sich der Technologie bedienen, um andere Menschen zu beherrschen und auszubeuten. Davon ist wohlgemerkt die gesamte Schöpfung betroffen.

Im Kontext der „Entwaffnung von Künstlicher Intelligenz“ prangert der Papst auch die wirtschaftliche und politische Macht der Rüstungsindustrie an (Nr. 193), kritisiert das gegenwärtig herrschende Recht des Stärkeren (Nr. 202, vgl. „Fratelli tutti“ Nr. 174) und eine Aufrüstungsideologie, die auch in Europa vorherrschend sei (Nr. 204f.). All das macht „Magnifica humanitas“ sicher zu einer Herausforderung für Christen und Kirchen in Deutschland.

Das Problem liegt eben in der „großartigen Menschheit“ selbst, insofern zu ihr auch jene Akteure gehören, die Technologien Künstlicher Intelligenz auf eine Weise durch- und umsetzen, die anderen Menschen und der Schöpfung insgesamt Lebenschancen nimmt – die also Künstliche Intelligenz überhaupt erst zur Waffe machen. Dass es für eine gemeinwohlorientierte Zukunft essenziell ist und auch möglich, diese wirtschaftlich-technischen Machtkartelle aufzulösen, ist die überaus wichtige und zeitgemäße Mahnung und Ermutigung von Papst Leo.


Unterstütze uns!

Die Eule bietet Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation. Der unabhängige Journalismus und die Stimmenvielfalt der Eule werden von unseren Abonnent:innen ermöglicht. Mit einem Eule-Abo unterstützst Du die Arbeit der Redaktion, die faire Entlohnung unserer Autor:innen und die Weiterentwicklung der Eule.

Jetzt informieren und Eule-Abo abschließen!

Mitdiskutieren