Haben die Kirchen den Kipp-Punkt überschritten?
Was verraten die aktuellen Kirchenmitgliedschaftszahlen über die Zukunft der Kirchen? Haben sie den Kipppunkt zu ihrer Marginalisierung endgültig überschritten? Außerdem: Holberg-Preis für Lyndal Roper.

Liebe Eule-Leser:innen,
jedes Jahr im März, seit dem vergangenen Jahr wieder gemeinsam, veröffentlichen die beiden großen Kirchen ihre Mitgliedschaftszahlen für das vergangene Kalenderjahr. Auch in diesem Jahr sind die Pressemeldungen von Deutscher Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ziemlich traurig. Auf Bluesky habe ich schon über dieses interessante Text-Genre gescherzt, in dem die wenigen positiven Zahlen rhetorisch vor die – wie üblich – große Menge der Abgänge geschoben wird.
Die März-Statistiken muss man ohnehin mit Vorsicht „genießen“, denn sie beruhen auf vorläufigen Zahlen. Die Weitergabe der Zahlen kirchlichen Lebens durch die verschienenen Ebenen der (Amts-)Kirchen dauert normalerweise bis zum Herbst. Dann gibt es exakte Zahlen zu (fast) allen Bereichen des kirchlichen Lebens, die aber von beiden Kirchen in den letzten Jahren besser versteckt werden als zuvor. So wurde beispielsweise die Zahl der evangelischen Austritte 2024 noch einmal um ca. 6.000 im Vergleich zur Meldung von März 2025 nach oben korrigiert.
Aus der römisch-katholischen Kirche sind im Jahr 2025 307.000 Menschen ausgetreten, hinzu kommen 204.000 Bestattungen. Den evangelischen Landeskirchen haben 350.000 Menschen den Rücken gekehrt, hinzu kommen 330.000 Sterbefälle. Die Austrittszahlen haben sich also auf hohem Niveau eingependelt. Über das Problem der Sterbe- oder besser: Bestattungslücke hatte ich im vergangenen Jahr ausführlich geschrieben.

Der Mitgliederrückgang beträgt evangelisch ca. 600.000 Menschen (-3,2 %) und römisch-katholisch ziemlich genau 550.000 Menschen (-2,8 %). Wenig deutet darauf hin, dass sich am Tempo und Umfang des Abschmelzens der großen Kirchen in den kommenden Jahren etwas ändern wird. Im Jahr 2030 werden beide großen Kirchen zusammen noch etwa 30 Millionen Mitglieder haben (ca. 35 % der Gesamtbevölkerung).
Doch den Abgängen stehen in den beiden Kirchen auch Zugänge gegenüber, die es sich lohnt genauer anzuschauen. Wie viele Menschen entscheiden sich bewusst dafür, in die Kirche (wieder) einzutreten? Wie sieht die Entwicklung bei den Taufen aus? Haben die Kirchen den Kipppunkt zu ihrer Marginalisierung überschritten oder gibt es sogar Anlass zur Hoffnung?
Rückgang der Taufen hält an
105.000 Taufen hat die evangelische Kirche für 2025 überschlagen (2024: 110.000, 2023: 136.000). 109.000 Menschen wurden in der katholischen Kirche getauft (2024: 116.222, 2023: 131.245). Die Taufzahlen sind also weiterhin (stark) rückläufig. In der römisch-katholischen Kirche haben sich die Kennzahlen zum Sakramentenempfang in den vergangenen 20 Jahren etwa halbiert, während der Mitgliederverlust in dieser Zeit bei „nur“ 25 % liegt. Was hier verloren gegangen ist, werden die Kirchen nicht wieder „aufholen“ können.
Der Rückgang bei den Taufen ist sowohl Folge des Mitgliederrückgangs und verpasster Chancen zur Mitgliederbindung in den 1990er- und 2000er-Jahren, als die heutige Elterngeneration selbst noch im Kindes- und Jugendalter war. Er ist aber auch eine Konsequenz des dramatischen Wandels der Lebenswelt(en) von Kindern, Jugendlichen und Familien. Vielleicht wird darüber noch viel zu wenig gesprochen. In der aktuellen, gerade erst heute erschienenen Episode des „Eule-Podcast“ spreche ich mit der Jugendpolitik-Expertin und Medienwissenschaftlerin Anna Grebe darüber, wie Kinder und Familien durch Ganztagsbeschulung, Digitalisierung und multiple Krisen unter Druck geraten sind.
Für die Kirchen bedeutet dieser Wandel einen dramatischen Rückgang an Kontaktflächen zu Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. An vielen Orten haben sich die Kirchen ihm bereits bis zur Unkenntlichkeit angepasst. Etwa wenn die Vorbereitung auf die Erstkommunion oder der Konfirmationsunterricht auf wenige Wochenenden und damit einen Randplatz im Alltag zusammenschrumpft. Wer im Kinder- und Jugendalter keine positiven Erfahrungen in der Kirche macht, der*die tritt – wenn überhaupt jemals durch Taufe Mitglied geworden – im frühen Erwachsenenalter aus, häufig nach dem ersten gründlichen Blick auf die Höhe der zu entrichtenden Kirchensteuer. Der Rückgang der Taufen liegt in zeitgeschichtlicher Perspektive natürlich auch daran, dass es heute kaum noch einen sozialen oder ökonomischen Zwang zur Kirchenmitgliedschaft gibt.
„Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“, fragt der Kämmerer den Apostel Philippus in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments. Seine Taufkatechese dauert nur ein ausführliches Gespräch lang, weil er sich zuvor selbst in die Tradition des Glaubens hineingearbeitet hatte. Wie können die Kirchen Wege zur Taufe ebnen und zu Firmung / Konfirmation, die der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute entsprechen, mit den Bedürfnissen von Eltern und Familien rechnen?
Womöglich geht es auch darum, die Verbindlichkeit einer – trotz allem – lebenslangen Zusage zum Glauben theologisch neu zu plausibiliseren, gerade im Unterschied zu weitgehend unverbindlichen Segenszusagen, die heute im Portfolio kirchlicher Lebensbegleitung in Mode sind.
Kommen sie wieder zurück?
Seit den 1980er-Jahren hält sich in den Kirchen das Gerücht, einmal ausgetretene junge Erwachsene würden „spätestens“ dann zur Mitgliedschaft zurückkehren, wenn sie der Kirche bei einer Kasualie / einem Sakrament wie der Trauung / Eheschließung oder der Taufe der eigenen Kinder bedürfen. Spätestens seit den 2010er-Jahren sehen wir, dass diese Rechnung nicht mehr aufgeht. (Es gilt ja offenbar nicht einmal mehr für die gealterten Kirchenmitglieder, die in erheblichem Ausmaß auf die eigentlich bereits „vorfinanzierte“ kirchliche Begleitung bei Sterben und Bestattung verzichten.)
16.000 (Wieder-)Aufnahmen gab es 2025 in den 20 evangelischen Landeskirchen. Die Zahl der (Wieder-)Eintritte in die römisch-katholische Kirche ist – wie üblich – deutlich geringer: Nur 7.700 Menschen fanden den Weg (zurück) in den Schoß der Mutter Kirche. Diese Zahlen haben sich im Vergleich zum Vorjahr nur ganz leicht um wenige hundert Personen nach oben entwickelt. In seiner lesenswerten Analyse der aktuellen (katholischen) Kirchenmitgliedschaftszahlen bei katholisch.de weist Felix Neumann darauf hin, dass die Eintritte „für die Präsenz der Kirche in der Gesamtgesellschaft“ nur eine kleine Rolle spielen, weil diese Personen zuvor bereits Mitglied der (oder: einer anderen) Kirche gewesen sind.
Immer wieder werden derzeit, nach dem Vorbild einiger französischer Bistümer, für Deutschland höhere Zahlen von katholischen Erwachsenentaufen kolportiert oder zumindest ersehnt. Vor wenigen Tagen erst hat sich die katholisch.de-Redaktion dieses Phänomen angeschaut. Wenn überhaupt, so mein Eindruck, handelt es sich um kleine Zuwächse bei den zuvor katastrophal niedrigen Erwachsenentaufen. Die Kirchen in Deutschland haben keine Antwort auf die Frage, wie man als erwachsene Person zum Glauben und zur Kirche finden kann, die man irgendwie operationalisieren oder gar reproduzieren könnte.
In städtischen Zentren, so die katholisch.de-Auswertung, gäbe es mehr Erwachsenentaufen als im ländlichen Raum. Derweil hält Felix Neumann in seiner Analyse fest, „dass kein Bistum das Patentrezept zur Stärkung der Kirchenbindung und für Neuevangelisierung gefunden hat“. „Gegen“ Kirchenaustritte helfe statistisch „vor allem eine ländliche und volkskirchliche Prägung und teilweise extreme Diaspora-Situationen“. Ein erster kursorischer Durchgang durch die evangelischen Statistiken für 2025 zeigt ein ähnliches Bild. Laut EKD gibt es ca. 10.000 Erwachsenentaufen und im ökumenischen Vergleich mehr (Wieder-)Eintritte, aber in keiner Landeskirche manifeste positive Trends.
Kipp-Punkt überschritten
Es bleibt der kirchlichen Zeitgeschichte überantwortet, dereinst zu klären, wann genau die Kirchen eigentlich den Kipppunkt zu ihrer eigenen Marginalisierung überschritten haben. Deutlich wird, dass ein solcher Tipping Point wohl eher nicht mehr in der Zukunft zu suchen ist. Über die Problematik des „Heiligen Rests“ und Fragen für die Kirchenstrukturreformdebatten hatte ich erst im vergangenen Jahr ausführlich geschrieben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Für die Menschen, die sich ganz praktisch als Ehren- und Hauptamtliche in den Kirchen engagieren, sind die jährlichen Austrittszahlen demotivierend. Dabei hängt das Erleben auch viel mit der Mikro-Demografie an verschiedenen Kirchorten zusammen. Insofern sollte man einzelne Gemeinden bzw. Kirchenmitarbeiter:innen vom Druck befreien, sich für die Gesamtentwicklung immerzu zuständig zu fühlen oder gar „sich gegen den Trend zu stellen“. Es bringt nichts, an Orten, an denen es zum Beispiel kaum mehr jüngere Familien in der Kirche gibt, große Aufbrüche einzufordern, wenn zugleich die Probleme der alternden Gesellschaft adressiert werden müssen.
Beunruhigend allerdings ist die Tendenz in beiden Kirchen, die noch verbleibenden Kontaktflächen zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiter zu versiegeln, statt den (womöglich) fruchtbaren Ackerboden aufzureißen. Über das Beispiel der evangelischen Studierendengemeinden im Rheinland hatte ich hier in der Eule Anfang 2026 ausführlich berichtet. Im Konzert mit lokalen Partner:innen und der Politik muss es darum gehen, Kindern und ihren Eltern mehr Freiraum zu schaffen, der auch zur seelischen Erhebung genutzt werden könnte.
Digital & analog: „Weitergabe des christlichen Glaubens“
Es mangelt auch „im Digital“ an vertiefenden, gemeinschaftsstiftenden Angeboten der Kirchen, die es vermögen, Erwachsene mit ihren intellektuellen und sozialen Bedürfnissen zu adressieren. Womöglich ist die Allokation der noch verbliebenen digitalpublizistischen Ressourcen der Kirchen auf Probleme und Biografiearbeit eines kleinen (post-)evangelikalen Milieus, die wir vor allem auf Instagram beobachten können, gar nicht so zielführend, wenn man eigentlich versuchen müsste, (junge) Erwachsene bei der Stange zu halten. Von den gegenwärtigen digitalen Formaten der Kirchen müssen sich suchende Erwachsene unterfordert sehen, während originäre Angebote für Kinder und Familien insgesamt Mangelware sind.
„Die Weitergabe christlichen Glaubens in den Familien ist immer weniger selbstverständlich“, kommentiert der Präses der rheinischen Kirche, Thorsten Latzel, die aktuellen Kirchenmitgliedschaftszahlen. Stimmt. Das ist auch seit Jahr(zehnt)en bekannt. Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) ist da sehr eindrücklich, gerade wenn sie die traditionellen gemeindlichen Kommunikationsformate wie Christenlehre, Konfirmandenunterricht und Kantoreien / Posaunenchöre lobt.
Aber wo gibt’s – jenseits von kleinen analogen Projekten – denn einen Aufschlag in den Kirchen in der Familienpastoral? Dazu, wirklich etwas für die Unterstützung von Familien bei der Kommunikation des Evangeliums zu unternehmen? Man kann ja nur weitergeben, was man zuvor empfangen hat. Digitale Angebote der Kirchen für Kinder und Familien laufen – auch und gerade bei kirchenleitendem Personal und bei der universitären Theologie – unter ferner liefen, sind unzureichend vernetzt und haben kaum Budget.
Die von Präses Latzel beworbenen „Angebote in Kitas, zum Schulstart oder bei Tauffesten“, ich füge noch Aktionen wie „einfach heiraten“ hinzu, sind ja nicht schlecht. Es stellt sich „nur“ die Frage, wie man den inklusiven und zugänglichen Vibe, der dort örtlich- und zeitlich eng gebunden gepflegt wird, in weitere Kreise der Kirchen als Kultur- und Strukturwandel hineinbringt.
Ganz sicher nicht durch introspektives Selbstmitleid, wie es in dieser Woche der immer wieder mit dem eigenen Thymos-Haushalt struggelnde Nürnberger Theologieprofessor Ralf „Fuck you, Greta!“ Frisch erneut vorgetragen hat. Die oft (und nicht zu Unrecht) geschmähten kirchlichen Leitungskräfte stehen vor der immensen Herausforderung, in einer politisch zunehmend schwierigen Lage die Spätfolgen der Volkskirchlichkeit zu mitigieren. Dazu braucht es mehr Mut auch zu großen Sprüngen und nicht noch mehr Ängstlichkeit, es sich ja nicht mit Anspruchsträger:innen zu verscherzen.
Aktuell im Magazin
Habermas im Hintergrund – Niklas Schleicher
Was bleibt vom Philosophen Jürgen Habermas, der am vergangenenen Wochenende im Alter von 96 Jahren verstorben ist? Eine persönliche Lektüre-Erkundung von Niklas Schleicher, nicht nur für theologisch Interessierte:
„Kants kategorischer Imperativ und Platons Höhlengleichnis gehören zum Allgemeinwissen für die gebildete:n Bürger:in. Mittlerweile gilt das auch für die Idee des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ und für Habermas‘ Argumentation dafür und warum religiöse Vorstellungen im öffentlichen Diskurs eine Bedeutung haben.“
Eule-Podcast (57): Warum uns ein Social-Media-Verbot nicht weiterhilft. Mit Anna Grebe (58 Minuten)
Ist ein Verbot von Social-Media-Plattformen für Jugendliche eine gute Idee? Oder schafft es mehr Probleme, als es löst? Mit der Medienwissenschaftlerin, Podcasterin und Jugendpolitik-Lobbyistin Anna Grebe spricht Philipp Greifenstein in dieser Folge des „Eule-Podcast“ über Sinn und Unsinn von Social-Media-Verboten und die Lebenswelt(en) junger Menschen.
Kinder, Jugendliche und ihre Eltern stehen derzeit unter massivem Druck und vor neuen Herausforderungen. Dazu gehört auch, durch die digitalisierte Welt zu navigieren. Was können Erwachsene tun, um in dieser Situation Verantwortung zu übernehmen? Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit Kinder und Jugendliche sicherer aufwachsen können?
UKA-Millionen und sächsische Verhältnisse – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)
In der katholischen Kirche wurden bereits 93 Millionen Euro an Missbrauchsbetroffene gezahlt, die Reform in der evangelischen Kirche kommt nur mit Mühe voran. Dazu schauen wir auf eine bemerkenswerte Entscheidung der sächsischen Landessynode. Außerdem: Eine neue Missbrauchsstudie in Paderborn und bedrohte Christen.
Mit dem renommierten Holberg-Preis für wissenschaftliche Exzellenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in der Rechtswissenschaft und Theologie wird in diesem Jahr die australische Historikerin Lyndal Roper ausgezeichnet, gab das Komitee bekannt. Ein exzellenter Anlass, (noch einmal) das Eule-Interview mit Lyndal Roper zum 500. Jubiläum des Bauernkrieges vom vergangenen Sommer zu lesen oder in die „Eule-Podcast“-Episode mit ihr zum gleichen Thema hineinzuhören.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Die Ideen der Bauern sind nicht mit ihnen auf den Schlachtfeldern gestorben, sondern haben weitergelebt. Man findet sie […] in der Mystik und in vielen verschiedenen Gruppen, die sich nach dem Bauernkrieg entwickelt haben. Es gibt andere Arten, Religion zu denken und zu leben. Auch das ist Teil des Bauernkrieges.“
– Lyndal Roper im Eule-Interview zum Gedenken an den Bauernkrieg von 1524/25
Mitdiskutieren