Ein Versprechen für die Zukunft
Sarah Mullally ist die erste Erzbischöfin von Canterbury. In ihrer englischen Heimat und in der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft steht sie vor großen Herausforderungen.
„Here I am“ – „Hier bin ich“ – Sarah Mullally stimmt zum Beginn ihres Dienstes als Erzbischöfin von Canterbury in die Antwort Marias ein, als ihr der Engel die Geburt Jesu ankündigt. Passenderweise am Festtag der Verkündigung des Herrn wurde Mullally am vergangenen Mittwoch in ihr neues Amt eingeführt. Die Erzbischöfin von Canterbury ist das geistliche Oberhaupt der Church of England (CofE) und als primus inter pares Ehrenoberhaupt der Anglican Communion, der weltweiten Gemeinschaft der anglikanischen Kirchen.
Sarah Mullally ist die erste Frau auf dem erzbischöflichen Stuhl von Canterbury, der seit Ende des 6. Jahrhunderts Sitz des Primas von England ist. Sie folgt 105 männlichen Erzbischöfen nach. Bisher war sie Bischöfin der anglikanischen Diözese von London. Mullallys Weg ins geistliche Amt und schließlich auf den erzbischöflichen Stuhl von Canterbury jedoch war außergewöhnlich.
Erst im Alter von 16 Jahren ließ sich Mullally taufen. Auf diese bewusste Entscheidung für Gott und die Kirche rekurrierte sie in ihrer Einführungspredigt mehrmals. Mullally ist studierte Pflegefachfrau, die als (leitende) Krankenschwester in mehreren Krankenhäusern arbeitete, bevor sie zur Jahrtausendwende fünf Jahre lang die Labour-Regierung als Chief Nursing Officer beriet. Zur gleichen Zeit absolvierte sie nebenberuflich ein Theologiestudium und die kirchliche Ausbildung zum geistlichen Amt.
Im Jahr 2002 wurde Mullally schließlich zur anglikanischen Geistlichen ordiniert. Seit 2004 war sie hauptamtlich für die Kirche und nebenbei in weiteren akademischen Funktionen tätig, seit 2015 als Bischöfin von Crediton und seit 2018 als Bischöfin von London.
In einem aufwendigen und kunstvoll gestalteten Gottesdienst (Video, Begleitheft mit Ablauf und Liedern) wurde Mullally nun in der Kathedrale von Canterbury in ihr neues Amt eingeführt und auf dem Bischofsstuhl des Heiligen Augustinus von Canterbury installiert. In Gottesdienst, Musik und Predigt präsentierte sich die anglikanische Kirche als Weltkirche, die mit der Zeit geht: Stolz, mit Mullally zum ersten Mal eine Frau zur Erzbischöfin gewählt zu haben. Teilnehmer:innen und Beobachter:innen zeigte die Kirche sich als junge, diverse und von Frauen geprägte Gemeinschaft, die eine Kirche „für die ganze Nation und die Welt“ sein will, „die die Ärmel hochkrempelt und sich dort einmischt, wo Gott bereits am Werk ist“.
Vor der neuen Erzbischöfin türmen sich jedoch Probleme auf, die sie zu einem großen Teil von ihrem Amtsvorgänger Justin Welby geerbt hat. Nicht nur in der Anglican Community gilt es Konflikte zu schlichten, sondern auch vor der eigenen Haustür in der Church of England bedarf es der Erzbischöfin als Moderatorin.
Ein anglikanisches Schisma?
Glaubt man konservativen Influencer:innen und Akteur:innen vor allem aus den USA, steht die weltweite Gemeinschaft der anglikanischen Kirchen durch die Wahl Mullallys kurz vor dem endgültigen Auseinanderbrechen. Zum ersten Mal hatte die königliche Auswahlkommission eine Frau als Erzbischöfin von Canterbury designiert. Eine Reihe von konservativen anglikanischen Kirchen lehnt bis heute das Priestertum für Frauen und/oder ihre Wahl ins bischöfliche Amt ab. In der Church of England dürfen sie seit 1994 zu Priesterinnen ordiniert, seit 2014 auch zu Bischöfinnen berufen werden.
Nur knapp eine Dekade später hat mit Mullally nun eine Frau das höchste geistliche Leitungsamt der Kirche übernommen. Die Kommission war nach dem Rücktritt Welbys im Herbst 2024 zusammengetreten und umfasste Vertreter:innen der Diözese Canterbury, der Synode der Church of England und fünf Mitglieder aus der internationalen Anglican Community. Nach der Bestätigung durch König Charles III. wurde die Wahl Mullallys im Herbst 2025 der Öffentlichkeit bekannt gegeben, bevor sie im Januar 2026 offiziell vom Domkapitel Canterburys gewählt wurde.
Die Anglikanische Gemeinschaft
Zur Anglikanischen Gemeinschaft (engl. Anglican Communion), die weltweit ca. 90 Millionen Gläubige zählt, gehören die Church of England (ca. 25 Millionen Mitglieder) und ihre „Tochterkirchen“ in den Ländern des ehemaligen britischen Weltreichs. Die Anglican Communion besteht aus 41 eigenständigen (National-)Kirchen, die mittels vier „Instrumenten der Einheit“ (engl. Instruments of Unity) zusammenarbeiten: Die Erzbischöfin von Canterbury, die Lambeth-Konferenz, die Beratende Versammlung (Anglican Consultative Council (ACC)) und die Versammlung der Primasse der anglikanischen Kirchen.
GAFCON (engl. Global Fellowship of Confessing Anglicans, neu: Global Anglican Communion) ist ein Zusammenschluss von konservativen Gruppen und Kirchen vor allem aus Afrika, Süd- und Nordamerika, die der restlichen Anglican Communion ein Abirren von den biblischen Wahrheiten und der rechten Lehre der Kirche vorwirft. Streitpunkt ist neben der Ordination von Frauen zu Geistlichen und Bischöfen vor allem die Anerkennung von lgbtqi+-Personen. GAFCON soll ungefähr die Hälfte aller Anglikaner:innen weltweit vertreten.
GSFA (engl. Global South Fellowship of Anglican Churches) ist ein Zusammenschluss von insgesamt 12 anglikanischen Kirchen, von denen 10 auch Mitglied der Anglican Communion sind. Der Kirchenbund will (bis auf weiteres) innerhalb der Anglican Communion gegen die „revisionistische Agenda“ der Liberalen ankämpfen.
Als Reaktion auf die Wahl Mullallys erklärte GAFCON (engl. Global Fellowship of Confessing Anglicans) seine Umbenennung in Global Anglican Communion und formulierte damit den Anspruch, die weltweite anglikanische Gemeinschaft zu vertreten. Bischof Laurent Mbanda, der Primas von Ruanda und GAFCON-Vorsitzende, kündigte an, im Frühjahr 2026 einen eigenen Vorsitzenden für die „neue“ Bewegung zu wählen, der anstelle der neuen Erzbischöfin als primus inter pares für die Gemeinschaft sprechen solle. Allerdings ist es beim GAFCON-Treffen in Abuja (Nigeria) Anfang März 2026 nicht zu der angekündigten Wahl eines „Gegenvorsitzenden“ gekommen.
GAFCON tritt seit zwanzig Jahren als Opposition zu Liberalisierungen in den anglikanischen Kirchen auf und vertritt evangelikale Grundsätze. Auslöser der Gründung waren Priester- und Bischofswahlen von homosexuellen Personen vor allem in der US-Episkopalkirche, die zur Anglican Communion gehört.In der weiteren Öffentlichkeit wird GAFCON vor allem mit seinen afrikanischen Mitgliedskirchen in Ruanda, Kenia, Uganda oder Nigeria identifiziert. Dort haben die Kirchen zahlreiche Mitglieder und wachsen. Seinen Widerstand framed GAFCON auch als Aufbegehren des Globalen Südens gegen den vermeintlich dekadenten Globalen Norden / Westen. Prägend für GAFCON sind aber ebenso die evangelikal orientierten Mitgliedskirchen in Australien, Süd- und Nordamerika.
Für Kai Funkschmidt, Referent für Anglikanismus am Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes in Bensheim, stellen die neuesten GAFCON-Aktivitäten „keine neue Qualität der Trennung innerhalb der Anglican Communion“ dar: „GAFCON hat sich bereits lange vor der Wahl Mullallys von den vier Instrumenten der Einheit der Communion losgesagt.“ „In letzter Sekunde“ habe GAFCON, so Funkschmidt, „davon Abstand genommen, den Bruch mit der Anglikanischen Weltgmeinschaft zu vollenden“.
Bemerkenswert sei, dass wichtige Primasse der GSFA (engl. Global South Fellowship of Anglican Churches) gar nicht am Treffen der verbündeten GAFCON in Abuja teilgenommen hätten. Der konservative Kirchenbund GFSA hatte nach der Wahl Mullallys erklärt, weiterhin am Prozess der „Nairobi-Cairo Proposals“ mitzuarbeiten, einer Umstrukturierung innerhalb der Anglican Communion. „Mein Eindruck ist, dass GAFCON, im Bild gesprochen, sein Blatt überreizt hat“, erklärt Anglikanismus-Experte Funkschmidt. „Der vollmundigen Ankündigung dann keine Wahl eines eigenen primus inter pares folgen zu lassen, weist auf die Schwäche von GAFCON hin.“
„Wir schauen natürlich gespannt auf die weiteren Entwicklungen. Ich bin gar nicht so pessimistisch“, sagt gegenüber der Eule auch Reverend Christopher Easthill. Der Wiesbadener Priester der US-Episkopalkirche ist seit 2025 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Die Ankündigung von GAFCON, eine eigene unabhängige Struktur zu schaffen, sei zwar „eine weitere Steigerung“ gewesen, „das Echo darauf“ sei aber „selbst innerhalb der GAFCON-Gemeinschaft relativ verhalten“ ausgefallen: „Die meisten wollen sicher mit den Konservativen weiter zusammenarbeiten, aber eben auch Teil der Anglican Communion bleiben.“
Ein Zugeständnis gegenüber den Zweiflern in der Anglican Communion enthielt die Liturgie zur Einführung Mullallys jedoch: Bei der Installation ihres Vorgängers Justin Welby hatte es noch gehießen, die gesamte anglikanische Gemeinschaft werde auf ihn „als Zentrum ihrer Gefolgschaft und Gemeinschaft schauen“. Mullally wurde vom Dekan der Kathedrale hingegen nur zugesagt, „durch Gottes Gnade ein Instrument der Einheit zu sein“.
Streitpunkt LGBTQI+-Anerkennung
So einheitlich, wie von konservativen Akteur:innen dargestellt, ist die Front gegen Mullally und die Liberalisierung in den anglikanischen Kirchen unter den Kirchen des Globalen Südens keineswegs. Das zeigte auch die Anwesenheit von zahlreichen Bischöf:innen aus der anglikanischen Gemeinschaft an ihrer Einführung in der Kathedrale von Canterbury. (Die Stühle für Bischöfe aus Ländern, die vom Iran-Krieg betroffen sind, blieben symbolisch leer.) Ausgerechnet Erzbischof Albert Chama aus Sambia, dem Primas der zentralafrikanischen Kirchenprovinz, war es vorbehalten, am Stuhl des Heiligen Augustinus in seiner Muttersprache Bemba für Mullally zu beten, bevor sie ihren Amtsschwur ablegte und die anwesende Gemeinde sie mit lautem Applaus begrüßte.

Sarah Mullally blickt bei ihrer Installation auf den Stuhl des Augustinus von Canterbury auf ihren Hirtenstab (Bild: Screenshot CofE)
Auch in vielen konservativen anglikanischen Kirchen werden bereits Frauen zu Priesterinnen ordiniert, auch wenn sie (noch) vom Bischofsamt ausgeschlossen bleiben. Hauptstreitpunkt aber ist ohnehin die Frage der Anerkennung von LGBTQI+ – also sowohl die Frage nach Segnungsfeiern / Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare als auch die Frage, ob lgbtqi+-Personen als Priester:innen und Bischöf:innen ordiniert werden können.
Diese Fragen sind gleichwohl auch in der Church of England noch immer hoch umstritten. Ein ursprünglicher Plan für Segnungsfeiern, der bereits die Unterstützung einer Mehrheit der Bischöf:innen hatte, wurde im vergangenen Jahr zurückgezogen, um gemeinsam mit konservativen Kräften an einer grundlegenden Änderung der Lehre der Kirche zu arbeiten, die jedoch einer 2/3-Mehrheit in der Synode bedürfte. Laut Anglikalismus-Experte Funkschmidt sind Bischöfe und Geistliche in der Church of England liberaler gesinnt als die Mehrheit der Lai:innen in der bisherigen Generalsynode und die gesamte Kirchenmitgliedschaft. Noch im Jahr 2026 wird in der Church of England eine neue Generalsynode gewählt.
Mullally hatte sich im Streit um die LGBTQI+-Anerkennung zuletzt vermittelnd geäußert, wird aber von der innerkirchlichen Opposition mit den Liberalisierungs-Zielen identifiziert, die auch von einer Mehrheit der britischen Gesamtbevölkerung erwartet werden. Für die Church of England als Staatskirche ist die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit keineswegs unbedeutend. Wie auch in anderen eher liberalen Kirchen droht durch den Streit jedoch eine Abwanderung von theologisch-konservativen Personen in andere Kirchen bzw. ein Rückzug der häufig sehr engagierten evangelikal geprägten Gemeindeglieder von der (ehrenamtlichen) Mitarbeit in der Kirche.
„Mullally hat in ihrer ehemaligen Diözese von London Erfahrungen im Dialog mit konservativen Akteuren gesammelt, die sie als Bischöfin ablehnten. Sie hat diese Akteure mit ihren Meinungen ernstgenommen und ist im Dialog geblieben“, erklärt Kai Funkschmidt vom Konfessionskundlichen Institut. „Das hat ihr viel Respekt von diesen Konservativen eingebracht. Ich kann mir vorstellen, dass sie nun auch auf landes- und weltweiter Ebene so agieren wird.“
Missbrauchsskandal nicht ausgestanden
In ihrer eigenen Kirche steht die neue Erzbischöfin auch vor der Aufgabe, dem Vertrauensverlust durch Missbrauchsskandale zu begegnen. Die Verwicklung ihres Vorgängers Justin Welby in den Missbrauchsskandal um John Smyth wirkt noch immer nach. Betroffene werfen der Church of England vor, das Ausmaß des Missbrauchs immer noch nicht verstanden zu haben – und nicht ausreichend und zu langsam an Verbesserungen zu arbeiten.
In vielerlei Hinsicht gleichen die Probleme der Church of England bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt denen der Kirchen in Deutschland, insbesondere der evangelischen Kirchen. Hier wie dort wird die föderale und synodale Verfassung der Kirchen als Ermöglichungsraum für Verantwortungsdiffussion identifiziert. Auch in der Church of England wurde erst im Sommer 2025 ein neuer Plan für finanzielle Anerkennungsleistungen für Missbrauchsbetroffene verabschiedet. Dafür wurden 150 Millionen Pfund von der Kirche bereitgestellt.
Bereits im Februar 2025 hatte die Generalsynode einen Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission entgegengenommen, sich jedoch über die Empfehlung der Kommission hinweggesetzt, die Verantwortung für den Umgang mit Missbrauchsfällen zukünftig an eine unabhängige Stelle zu übertragen. Im Herbst 2025 schließlich kritisierte die Charity Commission der Regierung die Safeguarding-Bemühungen der Kirche deutlich: „Die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt nicht mit ausreichender Dringlichkeit und Geschwindigkeit, und der derzeitige Ansatz ist fragmentiert und übermäßig komplex.“
In ihrer Einführungspredigt sprach Mullally die Verletzungen, die ihre Kirche durch sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch verursacht hat, offen an: „Wir dürfen den Schmerz nicht übersehen oder kleinreden, der durch unser Tun, Unterlassen und Vergehen in unseren christlichen Gemeinschaften entstanden ist.“ Es brauche, so die neue Erzbischöfin, „Wahrheit, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Handeln“. Das Bild einer Kirche, die stark weiblich geprägt, inklusiv und progressiv auftritt, wie es ihr Einführungsgottesdienst vermittelt hat, ist für Mullally Verpflichtung. Doch bedarf es mehr als einer geschickten Bildregie, damit es nicht etwa ein leeres Versprechen wird.
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