Newsletter Re:mind (29)

Leo gegen Trump in der Nacht des Krieges

Papst Leo und die Trump-Regierung liegen im heftigen Streit um den Iran-Krieg. Welche Konsequenzen hat das „katholische Schisma“ für die US-Regierung und die Kirche?

Liebe Eule-Leser:innen,

herzlich willkommen zurück nach einer kleinen Osterpause des „Re:mind“-Newsletters. Obwohl?! Ostern hat ja mit dem Fest der Auferstehung am vergangenen Wochenende erst begonnen. Rein theoretisch zumindest leben wir nun in der österlichen Freudenzeit. Das allein ist schon ein heftiger Kontrapunkt zum Weltgeschehen.

Atemlos schauen wir auf das Kriegsgeschehen im Nahen Osten, wo der US-israelische Krieg gegen Iran uns nun schon im zweiten Monat mit täglichen Schreckensmeldungen von zivilen Opfern, Fluchtbewegungen, den Folgen für die internationale Stabilität und das Wirtschaftsleben konfrontiert. Die Sozialen- und Nachrichtenmedien hecheln Donald Trumps immer neuen Volten hinterher. Die Schicksale der betroffenen Menschen in den arabischen Golfstaaten, in Iran und Libanon treten da fast schon in den Hintergrund.

Durch den neuerlichen Nahost-Krieg noch weiter aus unserer Wahrnehmung verdrängt wird auch der seit drei Jahren andauernde Sudan-Krieg. Heute machen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie Katastrophenhilfe „angesichts von rund 21 Millionen hungernden Menschen und mehr als 13 Millionen Vertriebenen“ auf diesen Konflikt aufmerksam. Am 15. April wird in Berlin die nächste Sudan-Konferenz stattfinden. Deutschland soll, fordern EKD und Diakonie Katastrophenhilfe, sich deutlich stärker für die Sudan-Hilfe engagieren.

Die Kriege in unserer Nachbarschaft lösen bereits jetzt gewaltige Fluchtbewegungen aus, die sich über kurz oder lang auch nach Europa bewegen werden, wenn nicht die Waffen in Gaza, Libanon und Sudan wirklich schweigen und wenn die europäischen Länder nicht direkt vor Ort helfen. Allein innerhalb des Sudans gibt es mehr als 9 Millionen Binnenflüchtlinge. 4,5 Millionen Sudanes:innen haben vor allem in den afrikanischen Nachbarländern Schutz gesucht. Innerhalb des Libanon wurden aufgrund des neuerlichen israelischen Angriffs mindestens 700.000 Menschen vertrieben.

„Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.“

Diese Worte von Jochen Klepper aus dem Jahr 1937 werden in den Kirchen heute vor allem als Adventslied gesungen. Sie passen, nicht nur der Lichtmetaphorik wegen, auch gut zum Osterereignis. Wenn die Nacht zu fliehen beginnt, entdecken die Menschen die Auferstehung. Welche Form findet Osterfreude angesichts von Krieg und Unsicherheit? Ein Lob des Gottes, der im Dunkeln wohnen will und es doch erhellt?

„Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.“

Trump und das neue katholische Schisma

Eine bemerkenswerte Folge des Kriegshandelns der US-Regierung ist sicher die Verschärfung der Spaltungen im US-Katholizismus. Bereits bei den ICE-Eskalationen Anfang des Jahres wie sowieso in Fragen von Flucht und Migration war der Vatikan auch öffentlichkeitswirksam auf Gegenkurs zum Weißen Haus gegangen. Auch die katholische Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten kritisierte die Migrationspolitik der Trump-Regierung deutlich (wir berichteten).

Über den Iran-Krieg hat sich das Verhältnis der katholischen Kirche zur US-Regierung noch einmal deutlich eingetrübt: Papst Leo XIV. verurteilt den Krieg deutlich. Die US-Bischofskonferenz und der Vatikan sind sich einig: Der Krieg entspricht weder der katholischen Lehre vom Gerechten Krieg noch ist er mit dem geltenden Völkerrecht vereinbar. In den USA gibt es mit „Stand with Pope Leo“ sogar eine Aktion zur Aktivierung der katholischen Bürger:innen.

Eine Ausnahme von dieser an sich klaren Positionierung stellt (wieder einmal) Bischof Robert Barron (Winona-Rochester, Minnesota) dar, der im Rahmen seines Ehrenamts als Mitglied der Religionsfreiheitskommission der US-Regierung an einem österlichen Meeting mit Donald Trump teilnahm. Und sich dort auch nicht zu schade war, die messianischen Lobeshymnen seiner evangelikalen und neo-charismatischen Kolleg:innen auf Trump zu beklatschen. Bei katholisch.de hat der katholische Publizist Andreas Püttmann in seinem „Standpunkt“ dazu alles Notwendige gesagt.

Insgesamt ist man ob der päpstlichen und bischöflichen Kritik in der US-Regierung offenbar durchaus angesäuert. Ganz egal ist dem Trump-Lager  der Widerspruch aus Rom nicht, auch aufgrund eigener prononcierter Positionierungen in der katholischen Welt wie von Vizepräsident J.D. Vance. Der US-amerikanische Papst als Gegner des Trumpismus ist ein Stachel im Fleisch. Wohl auch deshalb wurde in dieser Woche durch die rechtspopulistische The Free Press (€) die Drohung der Regierung gegenüber dem Vatikan mit einem neuerlichen „Papsttum von Avignon“ lanciert.

Über diesen erstaunlichen Vorgang, der wohl auch zur Absage eines baldigen Papstbesuchs in den USA geführt hat, berichtet Christopher Hale im US-Blog „Letters from Leo“ (auf Englisch). In der FAZ (€) hat es Patrick Bahners auf sich genommen, den Vorgang historisch informiert einzuordnen. Wer nicht wie die gegenwärtigen Trump-Wegelagerer in pseudo-mittelalterlichen Fantasie- und Computerspielwelten daheim ist, wird ob der Avignon-Drohung vermutlich erst einmal ratlos die Schultern zucken. Bahners schreibt:

„Eine starke Minderheit unter den amerikanischen Bischöfen dürfte die Haltung ihres Landmanns Leo gegenüber Trump skeptisch sehen. In der Reihe der neoimperialistischen Phantasieprojekte des Trump-Zirkels wäre ein Gegenpapsttum unter Bischof Robert Barron nicht einmal besonders unplausibel. […]

Eine Frage ist, wer „The Free Press“, ein Trump wohlgesonnenes Organ, informiert hat. Dabei geht es auch um die Chronologie. Wenn die Information nicht aus der Nuntiatur, sondern aus dem Pentagon kommt, kann die Botschaft sein, dass man Leos Belehrungen für ebenso anmaßend hält wie Philipp der Schöne Bonifaz.“

Wie relevant sind die katholischen Wähler:innen?

Bleiben wir gegenwärtig: Für die US-Regierung ist der sich formierende katholische Widerstand gegen sie durchaus ein Problem. Noch bei der US-Präsidentenwahl im Herbst 2024 hatten vor allem junge katholische Männer die Republikaner gewählt, unter ihnen auch verstärkt Latinos. Rund 50 Millionen Menschen gehören in den USA der römisch-katholischen Kirche an. Zwar wählen die Katholik:innen lange schon nicht mehr im Block, aber als Wählergruppe(n) sind sie dennoch relevant. Hören sie noch auf den Papst oder sind insbesondere (jüngere) katholische Männer unrettbar red pilled vom Trumpismus?

Bei den Halbzeitwahlen (Midterm-Elections) im Herbst droht den Republikanern eine empfindliche Niederlage, die im Verlust mindestens einer der Parlamentskammern resultieren könnte. Damit würde Donald Trump endgültig zu einer Lame Duck („Lahme Ente“). Sollte der Parlamentarismus in den USA noch nicht ganz tot sein, würde damit zumindest den schlimmsten Eskalationen seiner Regierung ein Riegel vorgeschoben.

Und auch für die Präsidentenwahlen in zwei Jahren bedeutet der Streit mit dem Papst für die Republikaner nichts Gutes: Denn die beiden aussichtsreichen republikanischen Bewerber, Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio, sind beide nicht nur katholisch, sondern waren in der Vergangenheit starke Gegner einer interventionistischen US-Weltpolitik bzw. der Spaltung der NATO. Mit dem Iran-Krieg hat Donald Trump beiden einen schweren Klotz ans politische Spielbein gehängt.

Für Katholik:innen und Christ:innen bedeutet die neuerliche Eskalation, dass ihr Glaube und seine institutionelle Heimat extrem politisiert werden. Das ist zwar keine völlig neue Entwicklung, aber doch bemerkenswert: Heute wird man kaum Katholik:in (und Christ:in) sein können, ohne sich für oder gegen Donald Trump zu positionieren.

Aktuell im Magazin

Anglikanische Gemeinschaft: Ein Versprechen für die Zukunft – Philipp Greifenstein

Sarah Mullally ist die erste Erzbischöfin von Canterbury. In ihrer englischen Heimat und in der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft steht sie vor großen Herausforderungen. Was verrät ihre feierliche Einführung in der Kathedrale von Canterbury über den Kurs, den die weltweite Anglican Communion einschlägt?

„So einheitlich, wie von konservativen Akteur:innen dargestellt, ist die Front gegen Mullally und die Liberalisierung in den anglikanischen Kirchen unter den Kirchen des Globalen Südens keineswegs. Das zeigte auch die Anwesenheit von zahlreichen Bischöf:innen aus der anglikanischen Gemeinschaft an ihrer Einführung in der Kathedrale von Canterbury. (Die Stühle für Bischöfe aus Ländern, die vom Iran-Krieg betroffen sind, blieben symbolisch leer.)“

RE: März 2026 – Erzbischöfin Sarah Mullally, Austritte und Reformdebatten – Michael Greder, Philipp Greifenstein (53 Minuten)

Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ auf den März 2026 diskutieren Michael Greder und ich diesmal die aktuellen Mitgliedschaftszahlen der großen Kirchen und die Frage, wie sich Kirchenreformdebatten hierzulande eigentlich ins Konstruktive hinein drehen könnten. Außerdem sprechen wir ausführlich über die erste Erzbischöfin von Canterbury Sarah Mullally und haben zwei Medientipps im Gepäck.

Neues Evangelisches Gesangbuch: Ein Bericht aus der Testküche – Jonah Klee

Über das neue Evangelische Gesangbuch, das im Jahr 2028 erscheinen soll, wird leidenschaftlich gestritten. Eine Erprobungsphase einiger Teile des neuen EG ist gerade zu Ende gegangen. Jonah Klee gibt in diesem Text einen Einblick in die Arbeit der Gesangbuchkommission.

„Dass in einer so heterogenen Gruppe wie der Gesangbuchkommission, in der theologische, musikhistorische und popmusikalische Expertise und reichlich gemeindepraktische Erfahrungen versammelt sind, dennoch tragfähige Entscheidungen getroffen wurden, spricht weniger für Beliebigkeit als für ein hohes Maß an Professionalität, Ambiguitätstoleranz und gemeinsamer Verantwortung.

Im Jahr 2028 wird ein neues Evangelisches Gesangbuch erscheinen – analog und digital. Es wird kein Buch sein, das allen gleichermaßen entspricht. Es bleibt ein Versuch, das Evangelisch-Sein im 21. Jahrhundert auf wenige Blätter und Bytes zu destillieren.“


Angesichts von Kriegen und weltweiten Krisen sind die Meldungen und Debatten in den Kirchen in Deutschland deutlich kleiner, vielleicht auch kleinmütig und -geistig? Da wäre die Debatte um das neue Evangelische Gesangbuch, die einerseits durch die Veröffentlichung der soeben von der EKD-Kirchenkonferenz (KiKo) entgegengenommenen vorläufigen Liederliste neuen Auftrieb erhält, anderseits durch einen Artikel von Susanne Westenfelder im VAN Magazin angestachelt wurde.

Ihr drastisch mit „Da fällt man vom Glauben ab“ überschriebener Artikel allerdings altert schlechter als so manches Neues Geistliches Lied (NGL). Wir werden uns der Debatte in den kommenden Tagen und Wochen im Magazin möglichst vielstimmig annehmen und freuen uns, von unseren Leser:innen und Hörer:innen zu hören!


Einen Impuls zur ehrlichen Diskussion über die Zukunft der universitären Theologie haben in den Tagen vor Ostern drei evangelische Promis in der FAZ gesetzt. Hans Michael Heinig von der Uni Göttingen, u.a. auch Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Christoph Markschies von der HU Berlin, u.a. auch Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, und Stephan Schaede, Leiter des Amtsbereichs der VELKD und Vizepräsident im Kirchenamt der EKD, fragen danach, wie die (evangelische) Theologie angesichts von Studierendenrückgang und Bedeutungsverlust einen Platz an den Universitäten behalten kann – wenngleich offenbar nicht an allen.

Ihr Gastbeitrag ist seit heute auch online, aber hinter der Bezahlschranke bei der FAZ (€) zu lesen. Um „Synergiemaßnahmen“ geht es auch in einer (immer noch) aktuellen Stellungnahme des Katholisch-Theologischen Fakultätentags (KThF) und des Evangelisch-Theologischen Fakultätentags (E-TFT), die davor warnt, die Expertisen vor Ort auszuklammern.


Wenigstens kurz notiert: Papst Leo XIV. hat, wie erwartet, mit Hubertus van Megen einen neuen Apostolischen Nuntius für Deutschland berufen. Bei katholisch.de erfährt man ein wenig mehr über den Niederländer mit außerordentlich intensiver Afrika-Erfahrung und -Expertise.


Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf MastodonFacebook und Instagram sowie Bluesky.

Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.“

– Jochen Klepper „Die Nacht ist vorgedrungen“ (EG 16, GL 111)


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