Was uns lieb und teuer ist
Ist das Eintrittsgeld für den Kölner Dom tatsächlich ein „Tabubruch“ – und wenn ja, welches Tabu wird gebrochen? Höchste Zeit für eine ehrlichere Debatte über die Kosten unserer Kirchgebäude:

Liebe Eule-Leser:innen,
wer es gut mit der Kirche meint, will beim Stichwort Kircheneintritt an individuelle Lebenswenden zum Guten oder gar positive Spikes bei der Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft denken und nicht an Eintrittsgelder zu Sakralbauten. Allein, die (Kirchen-)Welt ist defintiv unerlöst und so wird am Kölner Dom ab dem 1. Juli ein happiger Wegezoll von 12 Euro pro erwachsene:r Besucher:in fällig, die den Dom nicht explizit zu einem der zahlreichen Gottesdienste, einem Konzert oder durch einen Seiteneingang zu Gebet und stiller Andacht betritt.
Die diensttägliche Ankündigung durch Dompropst Guido Assmann versetzte nicht nur die heilige Stadt am Rhein in Aufruhr, sondern schlägt sozial-mediale Wellen in der ganzen Republik: Was erlaubt sich die Kirche, für den Besuch ihrer Gotteshäuser Geld zu verlangen? Sind Kirchen etwa Museen und keine Orte lebendigen Glaubens mehr? Gehören sie nicht der gesamten Gesellschaft und müssten daher allen (und jederzeit) zugänglich sein?
In der Diskussion vermischen sich viele Motive, die wir aus Kirchendebatten unserer Zeit kennen. Als Basso continuo vernehme ich, dass viele Menschen der Kirche immer noch viel zutrauen. Ist sie nicht vermögend genug, sich selbst um den Erhalt und Betrieb ihrer Liegenschaften zu kümmern? Dient sie nicht unserer Gesellschaft – und sich selbst! – durch die Bereitstellung von Orten, an denen Ruhe einkehrt und Andacht gehalten werden kann, die also nicht durchkapitalisiert sind? Ist das denn zu viel verlangt?
Das Kölner Szenario mit seinen spezifischen Charakteristika ist sicher kein besonders günstiges Beispiel für die Probleme, die unsere „steinreichen“ Kirchen zunehmend mit ihrem Gebäudebestand haben. Vielleicht ist die Diskussion über die Eintrittsgelder für den Kölner Dom aber ein guter Anlass für eine ehrlichere Debatte über die Zukunft der Sakralbauten im Land.
„Der Dom gehört sich selbst.“
Bleiben wir zunächst in Köln. Gegenüber dem WDR schildert Dompropst Guido Assmann die Lage: 6 Millionen Besucher:innen finden jedes Jahr den Weg in den Dom. 170 Angestellte kümmern sich um sie und das Gotteshaus. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 16 Millionen Euro. Durch gestiegene Löhne, Material- und Energiekosten sei der Haushalt in den vergangenen Jahren ins Ungleichgewicht geraten.
Man muss gar nicht, wie der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen beim epd, erst von „Over-Tourismus“ sprechen, der Kulturschätzen schadet oder womöglich die Experience anderer Besucher:innen schmälert, um sich zu vergegenwärtigen, dass so viele Besucher:innen am Dom sicher nicht spurenlos vorbeigehen. Bald schon nach ihrer Wiedereröffnung vor 20 Jahren musste beispielsweise in der Dresdner Frauenkirche das (an sich ja neue) Gestühl sukzessive komplett ersetzt werden.
Zum Haushalt des Kölner Doms gehört auch die Einnahmenseite: 4,7 Millionen Euro schießt das Erzbistum Köln (aus Kirchensteuermitteln) jährlich zu. Der Dombauverein aus Mitgliedschaftsbeiträgen 4 Millionen Euro, das Land Nordrhein-Westfalen 1,3 Millionen Euro und die Stadt Köln 200.000 Euro. Zu diesen 10,2 Millionen Euro, die ganz unabhängig vom Tagesgeschäft einlaufen, kommen im Betrieb selbst erwirtschaftete Einnahmen durch die bereits bisher kostenpflichtigen Turmbesteigungen und Schatzkammer-Besichtigungen.
Eine kritische Beschau der Situation habe ergeben, so Assmann, dass der Dombauverein als Eigentümer des Doms 4 Millionen Euro zusätzlich erwirtschaften müsse, um mit den gestiegenen Kosten Schritt zu halten. Der Kölner Dom, wenngleich Bischofskirche des Erzbistums, gehört nicht der großen und reichen Diözese, sondern „sich selbst“. Im WDR-Interview betont Assmann, der bis gerade eben noch auch Generalvikar des Erzbistums gewesen ist, mit einer (noch) größeren Unterstützung seitens des Erzbistums sei nicht zu rechnen, schließlich müsse es aus Kirchensteuermitteln ja auch Schulen, Kindergärten und die sonstigen kirchlichen Angebote finanzieren – das erwarteten die Bürger:innen schließlich auch.
„Mer losse d’r Dom en Kölle“
Im weiteren Verlauf des aufschlussreichen Interviews geht es dann auch um das Verhältnis zur Stadt Köln, die laut Assmann in gewaltigem Ausmaß von der Strahlkraft des Doms, dem „meistbesuchten Gebäude“ des Landes, profitiere. Und sicher ist die lokalpatriotische Emphase rund um die Domsilhouette in Köln besonders ausgeprägt: „Mer losse d’r Dom en Kölle, denn do jehöt hä hin.“
Aber mehr Geld für den Dom ist in der Stadtkasse darum längst nicht übrig: Köln erwirtschaft jedes Jahr ein ordentliches Defizit (ca. 500 Millionen Euro), Aussicht auf Besserung gibt’s nicht. Selbst die Übernahme von 300 Millionen Euro Altschulden durch das Land NRW vor einem halben Jahr wird nur als Tropfen auf den heißen Stein empfunden.
Ab 1. Juli nun sollen erwachsene Besucher:innen des Doms 12 Euro Eintritt zahlen, „Kinder bis 13 Jahre, Schwerbehinderte samt einer Begleitperson sowie Mitglieder des Zentralen Dombauvereins als Fördernde [erhalten] freien Eintritt“, „Schüler ab 14 Jahren, Azubis, Studierende, Begleitpersonen von Schülergruppen sowie Inhaber eines Sozialpasses aller NRW-Kommunen“ müssen immerhin einen ermäßigten Eintrittspreis von 6 Euro berappen, berichtet der epd.
Kostenfrei zugänglich ist der Dom weiterhin für den Besuch von Messen und Gottesdiensten, die mehrmals täglich stattfinden. Der Online-Kalender des Doms sieht für jeden Tag rund 7 gottesdienstliche Veranstaltungen vor. Auch wer zu Konzerten und sonstigen Veranstaltungen in den Dom kommt, muss nicht extra Eintritt bezahlen. Und „freien Eintritt für alle“ soll es auch „in der Zeit vom 6. Januar (Dreikönigstag) bis zum darauffolgenden Sonntag, an den staatlichen Feiertagen 1. Mai und 3. Oktober sowie im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen“ geben.
Last but not least: Über den nördlichen Eingang in Richtung Hauptbahnhof können Menschen jeden Tag von 6-22 Uhr den Dom auch weiterhin kostenfrei zum Gebet und zur stillen Andacht betreten und „im Bereich der beliebten Schmuckmadonna eine Kerze anzünden“.
„Für Heimat zahlt man keinen Eintritt“
Gemessen an den Zugangsmöglichkeiten zu anderen (auch berühmten) Gotteshäusern ist diese Situation, man muss es einmal so deutlich sagen, äußerst komfortabel. Gerade im internationalen Vergleich ist ein Eintrittsgeld sicher zu vertreten, auch wenn der Dombauverein wohl auch mit einem Preis unter 10 Euro auf die anvisierten 4 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr käme. Trotzdem regt sich erheblicher Widerstand:
Zwei Beispiele: Ein „verheerendes Signal“ und einen „Tabubruch“ sieht Thomas Jansen in der FAZ (€) in den neuen Eintrittsgeldern. Er hält schon die bloße Idee von Eintrittsgeldern für Kirchen (Gebäude) für eine „Bankrotterklärung“, denn schließlich wolle die Kirche (Organisation) doch möglichst viele Menschen erreichen. Außerdem sei das Erzbistum Köln ja wohl reich genug, um sich den Unterhalt des Doms leisten zu können.
Der CEO der Kölner Stadt-Anzeiger Medien, Oliver Eckert, kommentiert im Kölner Stadt-Anzeiger lokalpatriotisch: „Für Heimat bezahlt man keinen Eintritt“. Eckert ist wenigstens so ehrlich, seine Beschwerde ganz auf den Kölner Lokalpatriotismus fußen zu lassen und nicht gleich die Kirchendämmerung herbeizuschreiben.
Einmal ganz abgesehen davon, dass die überdurchschnittlich guten (kostenlosen) Zugangsmöglichkeiten zum Dom in den Kommentaren nicht angemessen gewürdigt werden, bleiben beide Autoren auch eine Antwort darauf schuldig, woher denn das notwendige Geld zum Stopfen des Haushaltslochs sonst kommen soll, wenn nicht aus Eintrittspreisen für touristische Besucher:innen.
Was uns lieb und teuer ist
Wir verlassen Köln: Anderswo wird die Lage nicht so dramatisch öffentlich diskutiert, aber ist keineswegs weniger bedrückend. Was anstellen mit Gotteshäusern, die immer weniger für Gottesdienste in Betrieb genommen werden? Wer trägt die weiterhin auflaufenden Kosten, wenn sich ein Weiterbetrieb für die Kirchgemeinde an und für sich gar nicht mehr rechnet? Wer kommt für die allfälligen Renovierungs- und Sanierungskosten auf?
Einige Beispiele: Eine Kleinstadtkirche, deren großer Kirchenraum im Winter überhaupt nicht beheizt wird, verursacht im Jahr rund 16.000 Euro Kosten. Da sind allerdings keine Personalkosten enthalten. Wird (wenigstens anteilig) ein:e Hausmeister:in oder Reinigungskraft beschäftigt, belaufen die jährlichen Kosten sich auf 30.000 bis 50.000 Euro. Entscheidend für lokale Unterschiede ist vor allem, ob und wie im Winter geheizt wird und eine energetische Sanierung schon erfolgt ist (die natürlich auch erhebliche Kosten verursacht).
Ein recht typisches Gemeindezentrum aus den 1970er-Jahren, wie man es in vielen evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern immer noch häufig findet, bestehend aus Kirchsaal und weiteren Gemeinderäumen und Büros, schlägt mit rund 20.000 Euro zu Buche. Eine kleine Dorfkirche, die weder über Heizung noch Wasseranschluss verfügt, kostet jährlich noch immer ca. 3000 Euro. Durch Vermietungen holen Kirchgemeinden nur selten mehr als 10 % der Kosten wieder rein, eher deutlich weniger, und das trotzdem ihre Gebäude für die Stadt- bzw. Dorfgemeinschaft nicht nur sentimentale Funktionen erfüllen.
Die laufenden Kosten werden aus Kirchensteuermitteln beglichen. Laut Oberlandeskirchenrat Adalbert Schmidt, der in der Landeskirche Hannovers für Immobilienwirtschaft zuständig ist, „werden rund 10 Prozent der Haushalte in den [EKD]-Gliedkirchen für die Bauunterhaltung verwendet“. Von den aufwendigen Restaurierungen der häufig historischen Bauwerke ist da noch gar nicht die Rede.
Unterschlupf bei der Kirche
In einem langen Gespräch von Jörg Echtler für die EKD-Website spricht Schmidt mit dem EKD-Kulturbeauftragten Claussen über „multifunktionale Nutzungen“ von Kirchen, die dem Problem jedenfalls etwas abhelfen sollen. Dort wo sich Kommune, Vereine, Kirchen und andere Akteur:innen am Ort zusammentun, um „ihre“ Kirche zu beleben, kann Neues und Gutes entstehen.
Doch sollte man sich auch vor Augen führen, dass genau diese anvisierten Partner bisher aus guten Gründen in Kirchen und Gemeindehäusern für lau Unterschlupf fanden: Nicht-kirchliche Krabbelgruppen, Yoga- und Gymnastikkurse, Beratungsangebote zivilgesellschaftlicher und sozial-diakonischer Vereine etc. etc. – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Viele von ihnen können selbst die moderaten Mieterhöhungen, die ihnen von Kirchgemeinden (vor allem seit dem Ukraine-Krieg 2022) zugemutet werden müssen, kaum stemmen. (Ähnliches gilt für viele nicht-muttersprachliche Gemeinden, die in den Räumen der großen Kirchen Gastrecht genießen.)
Die Kirchen haben bisher viel aus Kirchensteuern ermöglicht, wovon selbst viele Kirchenmitglieder und noch mehr Bürger:innen sich wenig Vorstellung machen – und das ohne Kirchensteuerzuweisung an diese Zwecke kaum von anderen Akteur:innen finanziert werden wird. Neben so manchem „Hobby“ von Hauptamtlichen im Dienste der demokratischen Zivilgesellschaft und einer lebendigen Kulturlandschaft sind damit eben auch die Dorfkirchen und 70er-Jahre-Gemeindezentren gemeint. Im EKD-Gespräch wird Adalbert Schmidt deutlich:
„Das können die Kirchen auf Dauer für alle Gebäude nicht mehr stemmen, das muss man ganz deutlich sagen. Unabhängig von einzelnen privaten Spenden wird es zu Mischfinanzierungen mit der öffentlichen Hand kommen müssen. […] Viele glauben nach wie vor, dass die Kirchen über nahezu unbegrenzte Mittel verfügen, um ihre Gebäude in einem Topzustand zu erhalten. Das ist schon jetzt nicht mehr der Fall und wird es künftig noch weniger sein.“
Schon jetzt werden überall im Land Kirchen und Gemeindehäuser aufgegeben. Das ist nicht nur gut für die Klimabilanz der Kirchen, sondern sorgt in den meisten Fällen auch für Ärger in den Ortsgemeinden und Kommunen. Nicht überall lässt man sich auf hübsch organisierte Trauerprozesse ein. Über den Frust ist schon manche:r aus der Kirche ausgetreten.
Erst recht werden nicht aus allen für den gottesdienstlichen Betrieb überflüssigen oder unbrauchbaren Kirchen Kletterparks, pittoreske Cafés, Bibliotheken oder Konzertkirchen werden. Mit solchen „Best-Practise-Beispielen“ sollten wir im Diskurs vermutlich noch sehr viel vorsichtiger haushalten als es bisweilen der Fall ist. Es sind ohnehin schon hohe Erwartungen im Spiel, die häufig genug enttäuscht werden (müssen).
In Deutschland gibt es ca. 45.000 Kirchen. Viele von ihnen sind historisch wertvoll, viele von ihnen stehen im Zentrum eines Stadtviertels oder Dorfes, viele von ihnen waren lange Zeit Mittelpunkt des bürgerlichen Lebens. In vielen von ihnen wird nicht mehr wöchentlich Gottesdienst gefeiert, geschweige denn sieben Mal am Tag wie im Kölner Dom. Die meisten von ihnen sind auch keine touristischen Attraktionen. Einnahmemöglichkeiten sind rar. Und leider stehen die meisten Kirchen auch nicht von 6-22 Uhr Besucher:innen offen, die Ruhe und Gottes Gegenwart suchen.
Man soll ja keinen Streit ungenutzt lassen. Denjenigen um die Eintrittspreise am Kölner Dom müssten Kirchenvertreter:innen an vielen kleinen Orten nutzen, um mit den Leuten in Christen- und Bürgergemeinde intensiv darüber ins Gespräch zu kommen, ob und wie man die wechselseitigen Ansprüche an Kirchengebäude angesichts einer stark veränderten gesellschaftlichen Ausgangslage in ein neues Gleichgewicht bringen kann.
Aktuell im Magazin
Eine Bibel nur für Mädchen? – Ariane Dihle („Sektion F“)
Brauchen wir „Mädchenbibeln“, damit weibliche Figuren der Bibel nicht völlig vergessen werden? Wie komplizierte Frauengeschichten in der Bibel sichtbar werden können, zeigt das Beispiel von Hagar, erklärt „Sektion F“-Gastautorin Ariane Dihle.
„Werden Frauen nicht, wenn diese Geschichten unter dem Label „Mädchenbibel“ oder „Superheldinnen“ verkauft werden, wieder nur auf eine Differenzkategorie, ihr Geschlecht festgelegt? Wird ihr Frausein neben all dem, was sie sonst noch sind, dadurch überbetont?
Eule-Podcast RE: Mai 2026: Enzyklika „Magnifica humanitas“ & Katholikentag 2026 – Thomas Wystrach und Philipp Greifenstein (52 Minuten)
Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ diskutieren „Re:mind“-Newsletter Autor Thomas Wystrach und ich die neue Enzyklika „Magnifica humanitas“. Mit seiner ersten Enzyklika aktualisiert Papst Leo XIV. die katholische Soziallehre für das „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Außerdem sprechen wir über die Bedeutung des Katholikentages für die katholische Kirche heute und geben zwei Medientipps.
Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“
– Psalm 127,1 (Lutherbibel 2017)
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