Kolumne Sektion F

Eine Bibel nur für Mädchen?

Brauchen wir „Mädchenbibeln“, damit weibliche Figuren der Bibel nicht völlig vergessen werden? Wie komplizierte Frauengeschichten in der Bibel sichtbar werden können, zeigt das Beispiel von Hagar.

Ich bin Patentante eines großartigen Mädchens. Ihre Mutter ist Religionslehrerin, ebenso wie die Großeltern. Wer in dieser Familie ein Geschenk zur christlichen Erziehung machen will, muss sich etwas einfallen lassen. Ich möchte meinem Patenkind nicht einfach „noch eine“ Kinderbibel schenken, sondern am liebsten die „Beste“, die es gerade auf dem Markt gibt. Ich mache mir bei der Suche ziemlichen Druck, schließlich bin ich auch Theologin.

Jedes Jahr aufs Neue rund um ihren Tauftag begebe ich mich auf die Suche nach Kinderbibeln und christlichen Kinderbüchern: Die Bandbreite und Vielfalt an Kinderbibeln ist riesig und kaum zu überblicken. Während ich so stöbere, stelle ich mir immer wieder die Frage: Was möchte ich eigentlich, dass die Kinderbibel erzählt? Welche Geschichten sollen unbedingt vorkommen? Welche Figuren?

Dabei stoße ich auf Titel wie „Superheldinnen der Bibel: 16 furchtlose Frauen“ von Michelle Sloan und Summer Macon (Herder 2020) oder „Die Mädchenbibel“ von Martina Steinkühler (Gütersloher Verlagshaus 2021). Sofort regt sich bei mir Widerstand: Braucht es wirklich eine Mädchenbibel? Was soll das überhaupt sein?

Hat die Bibel ein Geschlecht? Richtet sie sich primär an ein Geschlecht? Erzählt sie nicht in aller Vielfalt von unterschiedlichsten Erfahrungen, die Menschen mit dem Gott Israels gemacht haben und können sich nicht daher unterschiedlichste Menschen mit vielfältigsten Erfahrungen in ihr wiederfinden?

Wird in der Bibel nicht auch von vielen, vielen Frauen erzählt, die entscheidende Rollen spielen: Von Eva, Sarah, Hagar, Rebekka, Rahel, Lea, Schifra, Pua, Mirjam, Tamar, Batseba, Waschti, Ester, Hanna, Debora, Rahab, Elisabeth, Maria, Marta, Lydia und vielen mehr? Werden Frauen nicht, wenn diese Geschichten unter dem Label „Mädchenbibel“ oder „Superheldinnen“ verkauft werden, wieder nur auf eine Differenzkategorie, ihr Geschlecht festgelegt? Wird ihr Frausein neben all dem, was sie sonst noch sind, dadurch überbetont?

Die Theologin Annette Jantzen zeigt in ihrem sehr lesenswerten Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird“ (Herder 2026), wie biblische Frauenfiguren in der Leseordnung des Gottesdienstes ausgeblendet und weggekürzt werden oder an weniger wichtigen und damit weniger gut besuchten Gottesdiensttagen gelesen werden: Auch wenn die Bibel voller Frauenfiguren ist, die entscheidende Gotteserfahrungen machen und zentrale Rollen einnehmen, so werden sie in der Tradition häufig unsichtbar gemacht.

Das zeigt sich nicht nur in Leseordnungen, sondern auch in Schulbüchern für den christlichen Religionsunterricht und Kinderbibeln. Vielleicht braucht es deshalb Bücher wie die „Superheldinnen der Bibel“ und die „Mädchenbibel“. Nicht, weil die Bibel nur für Mädchen wäre, sondern weil alle lernen müssen, Frauen in diesen Geschichten überhaupt wahrzunehmen.

Frauenfiguren nicht (weiter) ignorieren

Wie notwendig das ist, möchte ich an einem Beispiel zeigen: Die Abraham-und-Sarah-Erzählung gehört fest zum Kanon von Lehrplänen und Kinderbibeln. Dabei fällt die zweite Frau und erste Mutter in der Erzählung, Hagar, oft raus: In den 34 von eliport, dem Evangelischen Leseportal, empfohlenen Kinderbibeln tauchen in 30 Abraham und Sarah auf, aber nur in 13 wird auch von Hagar erzählt. Häufig scheint in der Geschichte nur Platz für eine Frauenfigur zu sein.

Die Gottesoffenbarung an Mose im brennenden Dornbusch (Exodus 3) ist fester Teil christlichen Wissens, das in Bildungsprozessen tradiert wird. Die Gottesoffenbarung an Hagar allerdings nicht. Anders als Mose muss Hagar Gott nicht nach einem Namen fragen, sondern gibt Gott einen Namen (Exodus 3,13-14 und Genesis 16,13):

„Hagar gab dem Herrn, der mit ihr geredet hatte, den Namen El-Roi, das heißt: Gott sieht nach mir. Denn sie hatte gesagt: ‚Hier habe ich den gesehen, der nach mir sieht.‘“ (Genesis 16,13 in der Basis Bibel)

Dass Hagar so häufig ignoriert wird, mag nicht nur an ihrem Geschlecht liegen. Sicher spielen auch die antijüdische Figuration der Hagar (Galater 4,21-31, s. antisemitismuskritische Bibelauslegung) oder auch rassifizierende Konstrukte eine Rolle: Schließlich ist Hagar eine versklavte Frau of Color.

In vielen Schulbüchern, gerade für die Grundschule, fehlt Hagar ebenfalls. Eine kleine Umfrage unter mir bekannten Religionslehrerinnen ergab: Auch sie erzählen kaum von Hagar. Als Antwort auf meine Frage nach dem „Warum?“ höre ich immer wieder: „Wie soll man denn Kindern von diesen zwei Frauen erzählen?“ Das verwundert mich, denn auch wenn es keine offiziellen Zahlen zu Patchworkfamilien gibt oder Familien mit unterschiedlichen Müttern, so ist doch bei rund 110.000 Scheidungen mit minderjährigen Kindern im Jahr 2024 in Deutschland davon auszugehen, dass sie zur Lebenswelt von Kindern gehören.

Die Gewaltgeschichte nicht ausblenden

Die Geschichte von Sarah, Hagar und Abraham ist (zunächst) keine Geschichte von (vermeintlicher) Konkurrenz von erster Frau und zweiter Frau in einem patriarchalen Kontext, als die sie gelegentlich erzählt wird. (Wie dabei die Rolle des Abraham in Kinderbibeln ausgeblendet wird, wäre noch einmal ein anderes Thema (Genesis 16,5f.)) Es geht (zunächst) auch nicht um ein Gegeneinander von Kindern aus erster oder zweiter Ehe, auch wenn die biblische Erzählung und die breite Traditionsbildung rund um Ismael, den Sohn der Hagar und erstgeborenen Sohn Abrahams, an und für sich spannend sind.

Hagar wird nicht freiwillig von Abraham schwanger. Es ist die Idee Sarahs, die ungewollt kinderlos ist, dass Abraham ein Kind mit Hagar zeugt. In der Lutherübersetzung heißt es hierzu nüchtern (Gen 16,3f.):

„Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte. 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger.“

Wenn man die Geschichte so (vermeintlich) nüchtern erzählt, erkennen Kinder möglicherweise die Gewalt nicht, die in der Handlung steckt. Die Gewalt wird durch das Nicht-Markieren verharmlost.

Eine vielfach gewählte Lösung ist, Hagar ganz verschwinden zu lassen und nur von Abraham und Sarah zu erzählen. Übrig bleibt eine Geschichte des Gottvertrauens der beiden. Was geht dabei mit der Figur der Hagar verloren? Die theologisch bedeutsame Perspektive, dass sich Gott einer versklavten Frau of Color zuwendet und Partei für Hagar ergreift (Genesis 16,9-11.13; Genesis 21,17-21), ohne aber, dass diese Position für Hagar zugleich eine gegen Sarah wäre und ihre Not ausblendet (Genesis 18,9-14; Genesis 21,12). Gottes Eintreten für Hagar geht nicht auf Sarahs Kosten.

Die Erzählung kann unser Gottesbild weiten und ginge verloren, würde von Hagar nicht erzählt. Ohne Hagar ginge auch die Ambivalenz der anderen biblischen Figuren verloren: Aus den komplexen Figuren Abraham und Sarah würden eindimensionale GlaubensheldInnen. Doch wie kann die Gewaltgeschichte verantwortungsvoll erzählt werden?

Zu sexualisierter Gewalt sprachfähig werden

Beim Lesen der unterschiedlichen Kinderbibeln merke ich, dass genau darin ihre Stärke liegen kann: Nicht darin, dass sie eine richtige Version anbieten, sondern unterschiedliche und darum vielfältige Zugänge eröffnen.

In der „Mädchenbibel“ beispielsweise wird die Geschichte von Sarah und Hagar aus der Perspektive einer weiteren Magd erzählt: Die Schwangerschaft der Hagar wird mit einem Plan der Hagar verknüpft: Deutlich wird, dass Hagar sich einen besseren Status durch die Schwangerschaft erhofft. Die Gewalt wird indirekt thematisiert aber, so könnte man sagen, durch Hagars Agency etwas aufgefangen.

In der „Alle Kinder Bibel 1“ von Andrea Karimé (Neukirchener Verlag 2023), die den Anspruch hat, vielfaltssensibel (S. 101) für Kinder zu erzählen, heißt es schlicht :

Aber ich habe eine Idee!, sagte Sara. Nimm einfach Hagar zur Frau. Und mach mit ihr ein Kind!Ein merkwürdiger Vorschlag. Aber so kam es. Und kurze Zeit später wurde Hagars Bauch dick wie eine Melone.[…]“ (S. 36)

Hier wird sexualisierte Gewalt als „merkwürdiger Vorschlag“ bewertet: Trifft es das? Reicht das aus? Vielleicht eröffnet gerade diese vorsichtige Formulierung Raum für Gespräche: Die Gewalt in dieser Geschichte wird zumindest angedeutet und kann durch diese Offenheit – je nach Einschätzung der vorlesenden Person angepasst an den Resonanzraum der konkreten Kinder – mit den zuhörenden Kindern im Gespräch besprochen werden: Warum ist das ein „merkwürdiger Vorschlag“? Merkwürdig für wen?

Eine Bibel, von der ich mir immer gute Ideen für eine geschlechtersensible und feministische Betrachtung erhoffe, ist die „Gütersloher Erzählbibel“ von Diana Klöpper und Kerstin Schiffner (Gütersloher Verlagshaus 2004). Diese Kinderbibel kann ich nicht mehr verschenken, denn sie ist vergriffen. Allerdings ist sie seit ihrem 20. Geburtstag frei verfügbar. Die „Gütersloher Erzählbibel“ orientiert sich an der „Bibel in gerechter Sprache“. Hier wird die Erzählung aus Hagars Perspektive erzählt:

Da schlug sie vor, dass Abram, ihr Mann, unser Herr, der mittlerweile schon 85 Jahre alt war, mit mir schlafen könne. Sollte ich dann schwanger werden und ein Kind von Abram bekommen, könne sie es ja als ihres großziehen. Abram war einverstanden, jedenfalls kam er zu mir und schlief mit mir. Ob ich das auch wollte? Das interessierte die beiden nicht. Ich war ja nur eine ausländische Sklavin, die sie mitgenommen hatten, als Pharao sie aus seinem Land geschickt hatte.“ (S. 28)

Die Frage der Hagar „Ob ich das auch wollte?“ unterbricht zusammen mit der Antwort: „Das interessierte die beiden nicht“ die Erzählung der Handlung, macht diese fragwürdig und markiert die Gewalt. Das Unterbrechen macht das Gewaltgeschehen sichtbar, ohne Kinder mit drastischen Ausformulierungen zu überfordern.

Kritisch lesen lernen

Bei meinem Suchen nach dem diesjährigen Geschenk für mein Patenkind, beim Durchforsten unterschiedlicher Kinderbibeln muss es gar nicht darum gehen, „die eine“ ultimative, tolle, innovative Kinderbibel zu finden. Es ist gut, in vielen unterschiedlichen Kinderbibeln zu stöbern – nicht nur für meine Patentochter, sondern auch für mich: Beim Vergleichen stolpere ich über Unterschiede und die Erzählweisen werden irritiert:

Wenn eine Geschichte ganz anders erzählt wird als in der Kinderbibel vom letzten Jahr. Plötzlich Figuren auftauchen, die bisher in den gelesenen Geschichten nicht auftraten. Und ja, es sind oft Frauenfiguren wie Mirjam am Schilfmeer, Rahab oder Waschti in der Ester-Erzählung, Elisabeth, die nicht nur in Bezug auf Zacharias, sondern auch mit Maria erzählt wird, Maria und Marta, Lydia und Junia.

Mit jeder neuen Kinderbibel (im nächsten Lebensjahr) können wir entdecken, wie offen die Texte und Geschichten der Bibel sind und wie uns ihre Erzählperspektive(n) prägen: Vielleicht ist ja genau das ein gutes Geschenk, das eine Patentante machen kann, wenn es darum geht, in einen christlichen Glauben hineinzuwachsen, der kritisch und irritierbar bleibt?


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