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Zwischen Trennungsschmerz und Aufbruchsstimmung

Die Piusbrüder, ein Schwurbel-Kardinal und alt-katholische Sorgen. Über Schismen, Exkommunikationen und Proteste gegen Konzilien. Was heißt es heute, katholisch zu sein?

Thomas Wystrach

Liebe Eule-Leser:innen,

„Wir Alt-Katholiken haben’s auch nicht leicht!“ – diesen Satz habe ich, mal eher abgeklärt-ironisch gemeint, mal mit einer gewissen Portion Selbstmitleid vorgetragen, letzte Woche mehrfach im Gustav-Stresemann-Institut gehört, beim Warten in der Essenschlange, beim letzten Bier in der Pianobar oder als Stoßseufzer während einer ausufernden Debatte über einen unklar formulierten Abänderungsantrag. Von Fronleichnam bis zum vergangenen Sonntag tagte in Bonn nämlich die 65. Ordentliche Synode des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland. Da war ich als Mitglied der Synodalvertretung (unserer Kirchenleitung) natürlich mit dabei.

Die etwa 16.000 Mitglieder der alt-katholischen Kirche sind es gewohnt, in den etwa 60, meist über große Flächen verteilten Gemeinden lange Wege zurückzulegen, um mit drei Dutzend anderen Glaubensgeschwistern Gottesdienst zu feiern, bisweilen in einem evangelischen Kirchengebäude, das man in ökumenischer Gastfreundschaft mitbenutzen darf.

Deutsche Alt-Katholik:innen sind in ihrer Mehrzahl ihrer Kirche als Erwachsene beigetreten. Davor waren die meisten römisch-katholisch. Für sie ist der Wechsel in aller Regel keine Kleinigkeit, sondern das Ergebnis eines oft langen Ringens mit Enttäuschungen und der Suche nach einer neuen geistlichen Heimat. Was als Protestbewegung gegen die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 begann, hat sich in den letzten gut 150 Jahren zu einer eigenen, wenn auch kleinen Kirche entwickelt.

Gleichwohl (oder gerade darum) hadern manche Kirchenmitglieder mit dem Namen „alt-katholisch“. Sorgte bei der Synode 2024 ein „Herdenbrief“ aus südwestdeutschen Gemeinden, die sich auf die Suche nach einem neuen Namen für ihre Konfession machen wollten, für Kontroversen über das Selbstverständnis der Kirche, lag in diesem Jahr der Antrag 21 der Gemeinde Konstanz vor, der anregte, die Formulierung „katholische Kirche“ in den Glaubensbekenntnissen zu prüfen und ggf. eine Änderung vorzuschlagen. Am Ende fand aber auch er keine Mehrheit unter den 128 Synodalen, davon etwa zwei Drittel Laien.

Als Motivation für die regelmäßig wiederkehrenden Wünsche nach einer Namensänderung der in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannten Kirche wird häufig angeführt, die traditionelle Selbstbezeichnung als „alt-katholisch“ (im Sinne der Kirche vor dem Ersten Vatikanischen Konzil) sorge für Missverständnisse, es drohe gar eine Verwechslung mit den Piusbrüdern, die sich die Feier der „Alten Messe“ (vor der Liturgiereform im Gefolge des Zweiten Vatikanums) auf die Fahne geschrieben haben und auch viele weitere, wesentliche Lehren des letzten Konzils wie Ökumene, Religionsfreiheit oder die Kollegialität der Bischöfe als „Verrat an der Tradition“ ablehnen.

Ein „Ausverkauf des Konzils“?

Diese Sorge könnte nun Auftrieb erhalten durch die von der Piusbruderschaft für den 1. Juli angekündigten Bischofsweihen, die erneut ohne päpstliche Erlaubnis in ihrem Hauptquartier in Écône im Schweizer Kanton Wallis gespendet werden sollen und sicher für mediale Aufmerksamkeit sorgen werden.

Bereits 1988 hatten „unerlaubte Bischofsweihen“ durch den Gründer, den damals bereits suspendierten Erzbischof Marcel Lefebvre, zu Exkommunikationen aller Beteiligten geführt, die erst durch Papst Benedikt XVI. aus „väterlichem Empfinden“ aufgehoben wurden, um „die gegenseitigen vertrauensvollen Beziehungen (zu) stärken“. Innerhalb wie außerhalb der römisch-katholischen Kirche stieß die ungewöhnliche Milde gegenüber einer hartnäckig ungehorsamen Gruppierung weitgehend auf Unverständnis, die Sorge vor einem „Ausverkauf des Konzils“ ist bis heute weiter gewachsen.

„Zur Tragik der Traditionalisten, die eigentlich den Primat des Papstes gegen Tendenzen einer Demokratisierung stärken wollten, gehört es, dass sie die Autorität des Papstes schwächen, dass sie einen Keil in das Kollegium der Bischöfe hineintragen und bei den Gläubigen Verwirrung stiften, als gebe es nun zwei Katholizismen, einen vorkonziliaren und einen nachkonziliaren“,

schreibt der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück in einem Beitrag für die Zeitschrift COMMUNIO. Am gleichen Ort attestiert Bernard Mallmann den Piusbrüdern eine „entwurzelte Katholizität“ und „Antijudaismus pur“. Auf die Warnung des Vatikans vor einem Schisma, das die erneute Exkommunikation nach sich ziehen werde, antwortete der derzeitige Obere der Bruderschaft postwendend mit einer „Katholischen Glaubenserklärung, gerichtet an Papst Leo XIV.“ – diese sei aber „keine Diskussionsgrundlage, sondern Ausdruck der eigenen Glaubensidentität“, so Mallmanns Einschätzung:

„Es wird nicht nur die eigene Position erklärt, vielmehr wird Rom beschuldigt, grundlegende Glaubenswahrheiten veräußert zu haben. Dabei wird die Anklage gegen die römische Kirche, in der die gängigen Themen der Religionsfreiheit, der Liturgie, des Ökumenismus sowie der Sexualmoral angeführt werden, durch eine theologisch höchst problematische Auffassung eingeleitet. (…) Mit der Überzeugung, dass in Jesus Christus der Alte Bund aufgehoben ist, gerät die Piusbruderschaft in die markionitische Falle.“

„Ein wahrer Katholik lebt in Einheit mit dem Papst“

Den Vorwurf, das Zweite Vatikanische Konzil stelle einen Bruch mit der bisherigen Lehre der römisch-katholischen Kirche dar, weist Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Interview mit Jan-Heiner Tück als gegenstandslos zurück.

Müller war bereits als Bischof von Regensburg (2002-2012) mit den Piusbrüdern befasst, da deren Priesterseminar Zaitzkofen innerhalb der Bistumsgrenzen liegt. Von 2012 bis 2017 führte er zudem als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre die Gespräche zur „Klärung doktrinaler Differenzen“ mit der Bruderschaft. Seine Argumentation stützt sich letztlich auf den platten Autoritätsbeweis, dass im Zweifel der Papst entscheide, was geltende römisch-katholische Lehre ist:

„Es können nicht die Donatisten in Nordafrika sein (die pars Donati), die über den Glauben der universalen Kirche letztlich entscheiden, und auch nicht die Altkatholiken, die mit einer abenteuerlichen Sukzessionskette eines jansenistischen Bischofs die alte katholische Kirche bewahren gegenüber einer, wie Ignaz von Döllinger meinte, vom Ersten Vatikanum neu geschaffenen Kirche. (…)

Ein wahrer Katholik lebt in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen in hierarchischer und sakramentaler Gemeinschaft mit ihm. Ins Schisma begibt sich jeder selbst durch die freie Entscheidung, die Autorität des Papstes theoretisch und praktisch nicht anzuerkennen.“

Müller, der sich zum erzkonservativen Kritiker von Papst Franziskus entwickelte und während der Corona-Krise ein krudes Manifest gegen eine angebliche „Weltverschwörung“ unterstützte, sieht selber die römisch-katholische Kirche in einer tiefen Krise, wo die Verantwortlichen „den Menschen Steine agnostischer Ideologien geben, anstatt ihnen das Brot des Wortes Gottes und der Gnade der Sakramente zu reichen“.

In „Fastnachtsmessen oder atheistische(n) Regenbogenfahnen im Altarraum, die den Blick auf den für uns gekreuzigten Herrn verdecken“, sieht Müller „billige Unterhaltung“, die auf die „verwandelnde Macht der Liturgie“ verzichte:

„Die Piusbruderschaft hat alles Recht, solche liturgischen Missstände und dogmatischen Irrtümer anzuprangern, aber alles bleibt unfruchtbare Kritik, wenn nur vom moralischen Podest der Selbstgerechtigkeit heruntergepredigt wird.“

Bischofswahlen als Lackmustest?

Die Entscheidung, wer zum Bischof geweiht wird, ist sowohl bei den Piusbrüdern als auch in der römisch-katholische Kirche insgesamt keineswegs Sache aller Gläubigen, sondern wird wenig transparent top-down entschieden. In der alt-katholischen Kirche in Deutschland hingegen steht im Oktober die Wahl des Nachfolgers oder der Nachfolgerin des bisherigen Bischofs Matthias Ring an, der im September in den Ruhestand treten wird.

Eine außerordentliche Bistumssynode wird dann in Karlsruhe zusammentreten und eine Wahl aus dem Kreis der wählbaren Geistlichen treffen. Alt-katholische Bischöfe fallen nämlich nicht vom Himmel – sie werden gewählt. Wie, von wem und nach welchen Regeln, damit hat sich Michael Kehren, Rektor der Namen-Jesu-Kirche, der alt-katholischen Bistums- und Bischofskirche in Bonn, näher beschäftigt. In seiner Masterarbeit, die jetzt auch als Buch erschienen ist, untersucht er die kirchenrechtlichen Verfahren der Bischofswahl in den deutschsprachigen altkatholischen Kirchen der Utrechter Union und wirft vergleichende Schlaglichter auf weitere Kirchen im ökumenischen Umfeld.

Dabei wird deutlich: In den Details kirchenrechtlicher Verfahren spiegelt sich stets auch das Selbstverständnis der jeweiligen Kirche.


Aktuell im Magazin

Der Papst als Fährtenleser – Lucia Werbick

In seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ nimmt Papst Leo XIV. die Botschaften seines Vorgängers Franziskus auf. Doch das Netz aus Referenzen reicht noch viel weiter, stellt Lucia Werbick in ihrem Essay fest. Der Pontifex schöpft aus der reichen Tradition der katholischen Soziallehre und leistet seinen eigenen Beitrag zu ihrer Aktualisierung.

„Die Anerkennung des Leids der Betroffenen hat oberste Priorität“ – Interview mit Heike Springhart

AfD-Wahlerfolge, Strukturdebatten und der Streit um Anerkennungsleistungen: Die evangelische Kirche steht vor großen Problemen. Wie begegnet sie ihnen? Darüber hat Philipp Greifenstein mit Heike Springhart gesprochen, die Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden (EKIBA) und Mitglied im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie (BeFo) ist:

„Wir binden zu viel Energie in unseren eigenen Strukturprozessen. Das ist verständlich, denn sie sind kompliziert und häufig auch konfliktbeladen. Aber unsere Strukturen sind nur Mittel zum Zweck. Wir müssen aufpassen, Veränderungen innerhalb der Kirche nicht mit einer Dramatik aufzuladen, die sie – bei aller Schmerzhaftigkeit – manchmal vielleicht gar nicht haben.“


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Ein schönes Wochenende wünscht
Thomas Wystrach


Ein guter Satz

„Die Mischung aus Action und Sekten-Simulation hat Potenzial. (…) Stimmt die Balance aus Freiheit und Konsequenz, erwartet uns im Herbst ein echter Geheimtipp.“

— aus der Ankündigung des Koop-Survival-Games „Join Us“, in dem die Spieler ihre eigene Endzeit-Sekte gründen.


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