Anna-Nicole Heinrich, Präses der 13. EKD-Synode (Foto: Paul-Philipp Braun)
Interview Evangelische Kirche

„Nur gemeinsam können wir Wirkung entfalten“

Im Frühjahr 2027 wird Anna-Nicole Heinrich sich als Präses der EKD-Synode verabschieden. Ein Rückblick auf sechs herausfordernde Jahre an der Spitze der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Eule: Frau Heinrich, in einem Monat findet die siebte und letzte Tagung der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) statt. Mit dem Ende der Legislatur im Frühjahr 2027 geben Sie das Amt der Präses der Synode ab und kandidieren nicht wieder. Warum?

Anna-Nicole Heinrich: Mir wurde das Amt der Präses der Synode für einen bestimmten Zeitraum anvertraut. Ich mache es mit großer Freude und voller Energie und so werde ich auch die rund 200 Tagen angehen, die noch vor uns liegen. Ich finde es gut, dass wir in unserer Kirche Verantwortung auf Zeit übernehmen. Das gilt für mich genauso wie für die vielen Menschen, die sich auf allen Ebenen engagieren: Wir übernehmen eine Aufgabe und stehen verlässlich dafür ein. Und irgendwann dürfen wir sie auch wieder weitergeben. Sechs Jahre sind gerade in meinem Lebensabschnitt eine lange Zeit. Da darf es am Ende dieser Amtszeit für mich auch gut sein.

Eule: Sechs Jahre sind eine lange Zeit in jedem (Ehren-)Amt. Ihr Abschied vom Präses-Amt kommt nicht überraschend. Als junge Person – bei Ihrem Amtsantritt waren Sie gerade einmal 25 Jahre alt – einem gewichtigen Gremium vorzustehen, war das ein Experiment?

Heinrich: Aus meiner Perspektive nicht. Sicher war zu meiner Wahl mein junges Alter die größte Nachricht. Wir haben als Synode mit meiner Wahl zur Präses konsequent unseren Weg fortgesetzt, junge Menschen in Verantwortung zu bringen. Auf allen Ebenen unserer evangelischen Kirche sind wir damit in den letzten Jahren weit vorangekommen.

Das ist für eine Organisation wie die evangelische Kirche, in der man mit der Religionsmündigkeit mit 14 Jahren voll mit dabei ist, ein schöner Erfolg. Ich bin froh, dass wir zu diesem Wandel beigetragen haben. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass Jung und Alt gleichermaßen und gemeinsam Verantwortung für unsere Kirche übernehmen.

Eule: Mit Ihrem Abschied vom Amt verliert die evangelische Kirche ihr prominentes junges Gesicht, eine Identifikationsfigur für junge Menschen. Kommt jetzt wieder ein alter grauer Herr?

Heinrich: Wir haben eine Reihe junger Identifikationsfiguren auf vielen unterschiedlichen kirchlichen Ebenen, auch in den Landeskirchen, die immer häufiger in der Öffentlichkeit stehen. Ich selbst werde mich weiterhin in der evangelischen Kirche engagieren und auch weiter in Räume hineingehen, die bisher kaum kirchlich geprägt sind. Mir wird sicher nicht langweilig werden. Es gibt Themen, an denen ich sehr gerne weiterarbeiten möchte, wenn auch nicht mehr an dieser herausgehobenen Stelle.

Was die Frage nach meiner Nachfolge angeht: Die neue, 14. Synode der EKD wird sich erst im kommenden Jahr konstituieren. Im Januar 2027 werden wir wissen, wie die Synode zusammengesetzt ist. Auf der ersten Tagung im Frühjahr wird aus der Mitte der neuen Synode ein:e Präses gewählt. Prinzipiell werden dann also 128 Menschen zur Auswahl stehen, von denen übrigens mindestens 15 % unter 27 Jahre alt sein werden. Junge Menschen werden, egal auf wen die Wahl am Ende fällt, das Gesicht der EKD-Synode weiter prägen.

Eule: Gab es in den vergangenen sechs Jahren einen Moment der Herausforderung, sogar der Überforderung, an dem Sie sich gefragt haben: „Warum hab ich mir das nur zugemutet“?

Heinrich: Eine Herausforderung war sicher die Tagung zur Ratswahl im Herbst 2021 in Bremen, zu der die halbe Synode schon angereist war, die dann aber aufgrund eines positiven Corona-Tests eines Bischofs doch digital durchgeführt werden musste. Wir mussten alle wieder Heim schicken und von heute auf morgen auf eine digitale Tagung umsatteln. Das war die erste Synodentagung, die wir als neues Präsidium zu verantworten hatten, zudem sollte es das erste Treffen in Präsenz für die Synodalen der 13. Synode werden und dann natürlich auch eine erfolgreiche Ratswahl. Ich bin froh, dass wir da gut durchgekommen sind und am Ende auch einen vollständigen Rat gewählt hatten.

Der Start mitten in der Corona-Pandemie hat unsere Arbeit bis heute mitgeprägt. Wir haben als Synode sicherlich ein Stück weit länger gebraucht, um zu einem guten Arbeitsmodus zu kommen. Zugleich haben sich durch die Digitalisierung große Chancen eröffnet, was die Arbeit in den Ausschüssen, die unterjährige Vorbereitung der Tagungen und auch den Austausch unter den Synodalen angeht. Da haben wir einen riesigen Sprung gemacht.

Eule: Die Tagung der Synode in Ulm im Jahr 2023 bleibt wegen der Diskussionen rund um Annette Kurschus in Erinnerung, die wenige Tage nach der Tagung vom Amt der EKD-Ratsvorsitzenden zurücktrat. Das Treffen wurde wegen eines Bahnstreiks abrupt beendet. Viele Teilnehmer:innen erinnern die Tage von Ulm als äußerst problematisch. Wie schauen Sie jetzt mit dem Abstand von drei Jahren darauf zurück?

Heinrich: Die Tagung selbst und die Monate danach waren äußerst herausfordernd. In den Leitungsorganen der EKD haben wir im Anschluss einen ausführlichen Beratungsprozess durchgeführt, in dem wir das interne Zusammenwirken gerade in solchen angespannten Situationen kritisch reflektiert haben. Wir haben Leitlinien für Meldewege und Verfahren entwickelt, um für die Zukunft besser gewappnet zu sein. Den Rücktritt hat die EKD auch als Verpflichtung verstanden, den eingeschlagenen Weg beim Thema sexualisierte Gewalt konsequent weiter voranzubringen.

Eule: Als Präses der Synode gehören sie auch dem Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie (BeFo) an, das während der Legislatur quer zur bestehenden EKD-Architektur aus Synode, Rat und Kirchenkonferenz als neues Beratungs- und Entscheidungsgremium eingeführt wurde. Das geht nicht ohne Konflikte ab.

Heinrich: In diese Arbeit haben wir uns als Synode mit der neuen Struktur des Beteiligungsforums verstärkt einbringen können. Zuvor gab es den Beauftragtenrat und – für kurze Zeit – den Betroffenenbeirat. Durch die Mitgliedschaft der Präses im Beteiligungsforum und die dauerhafte Befassung mit dem Thema auf den Synodentagungen sind die Arbeit des Beteiligungsforums und die synodalen Beratungen heute enger miteinander verbunden.

Die Zusammenarbeit der kirchlichen und diakonischen Beauftragten und der Betroffenenvertretung steht unter einer großen Spannung. Hier arbeiten Menschen, denen in Kirche und Diakonie großes Unrecht widerfahren ist und die vielfach auch institutionelles Versagen erlebt haben, mit Vertreterinnen und Vertretern dieser Institutionen zusammen. Als Präses bin auch ich Teil dieser kirchlichen Verantwortung. Zugleich bringe ich meine Perspektive als ehrenamtliches, jüngeres Kirchenmitglied und Synodale ein. Ich hoffe, dass ich damit zur Verständigung und zur gemeinsamen Arbeit beitragen konnte und kann.

Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, gemeinsam mit weiteren Mitgliedern des Beteiligungsforums und der Synode den Tagesordnungspunkt für die Synodentagungen vorzubereiten. Dabei beraten wir, welche Themen und offenen Fragen wir in die Synode und in die Öffentlichkeit tragen, und achten darauf, dass die unterschiedlichen Perspektiven sichtbar bleiben. Wer sich die Berichte und Debatten zum Thema sexualisierte Gewalt auf den vergangenen Tagungen anschaut, wird bemerken: Es geht uns nicht um die Darstellung von Harmonie. Wir benennen klar, wo wir als Kirche noch nicht gut und schnell genug sind und unserer Verantwortung gegenüber Betroffenen noch nicht ausreichend gerecht werden.

Eule: Wie erleben Sie persönlich die Arbeit im Beteiligungsforum?

Heinrich: Die Sitzungen und Treffen sind immer sehr intensiv. Sie gehören zu jenen, bei denen ich im Anschluss das starke Gefühl habe, dass die gemeinsame Arbeit wichtig war. Ich sitze in vielen weiteren Gremien und Runden, bei denen ich mich nach zehn Stunden Sitzung gelegentlich frage: Hat es das jetzt gebraucht? Dieses Gefühl habe ich im Beteiligungsforum nicht – auch wenn wir Fortschritte machen und dann wieder Rückschläge erleben. Zugleich ist mein persönlicher Eindruck nicht der entscheidende Maßstab. Entscheidend ist, ob unsere Arbeit für Betroffene spürbar etwas verbessert.

Eule: Es gibt immer wieder auch Synodale, die das Thema als Belastung auf den ohnehin schon eingekürzten und vollen Synodentagungen wahrnehmen. Die 13. EKD-Synode hat sich bewusst für die Dauerbefassung auf jeder Tagung entschieden. Sollte die 14. Synode daran festhalten?

Heinrich: An der Gestaltung des Tagesordnungspunktes haben wir von Jahr zu Jahr gearbeitet, um den unterschiedlichen Bedürfnissen aller Beteiligten zu entsprechen. Er wird sich auch in Zukunft sicher verändern. Das Thema von der Tagesordnung zu streichen, würde allerdings bedeuten zu behaupten, wir hätten alles geschafft. Den Punkt kann es aber nicht geben. Wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein müssten und deswegen muss das Themenfeld auf alle Fälle auf der Tagesordnung bleiben.

Eule: Die EKD-Synode erfährt – wie die gesamte Kirche – einen zunehmenden Bedeutungsverlust. An der Begrenzung ihrer Möglichkeiten wirkt die Synode durch die Selbstbindung an neue Entscheidungswege wie das BeFo, aber auch an Beschlüsse wie die Finanzstrategie der EKD oder auch die „Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“ von 2020 aktiv mit. Gleich mehrfach beließ die Synode es in dieser Legislatur wie bei der Anerkennungsrichtlinie und Klimaschutzrichtlinie dabei, den Beschlüssen von Rat und Kirchenkonferenz der EKD im November nur noch zuzustimmen.

Heinrich: Damit machen wir uns als Synode aber doch nicht überflüssig! Die genannten Prozesse wurden aus der Mitte der Synode heraus angestoßen, zum Teil vor längerer Zeit. Wir beschließen den Haushalt und haben die langfristige Perspektive im Blick. Dass wir auf den Tagungen zum Beispiel bei den Finanzen oder auch den BeFo-Beschlüssen keine großen Änderungen im Plenum beschließen, ist Ergebnis der guten unterjährigen Arbeit.

Am Beispiel des kirchlichen Klimaschutzes sieht man exemplarisch sehr gut, dass wir unsere eigenen Beschlüsse sehr ernst nehmen. Die Verknüpfung zwischen dem politischen und innerkirchlichen Handeln der Kirche mit einem geistlichen Fundament ist uns gut gelungen. Wir sind als Synode beim Thema Klimaschutz stark vorangegangen, an manchen Punkten vielleicht auch übers Ziel hinausgeschossen. Aber gerade deswegen ist das Ziel der Bewahrung der Schöpfung durch guten Klimaschutz in der Breite unserer Kirche inzwischen sehr präsent.

Eule: In Ihrem ersten Eule-Interview vor sieben Jahren haben Sie gesagt, die Synode „lernt“. Was haben Sie seitdem über die EKD gelernt?

Heinrich: Wenn wir echt was auf die Straße bringen wollen, dann müssen wir alle an einem Strang ziehen. Dafür ist nicht entscheidend, wie viele Gesetze wir auf EKD-Ebene erlassen, sondern ob wir mit allen Gliedkirchen einen gemeinsamen Weg gehen. Wenn Richtlinien dafür der bessere Weg sind, kann ich damit gut leben. Für die Umsetzung braucht es am Ende die anderen Organe der EKD und die Landeskirchen. Wir sind aufeinander angewiesen und nur gemeinsam können wir wirklich Wirkung entfalten. Als Synode müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, an welchen Stellen es gut ist, Druck und Tempo ins System zu geben, und wo wir uns auch zurücknehmen können.

Eule: Irmgard Schwaetzer, Katrin Göring-Eckardt, der während ihrer Amtszeit verstorbene Jürgen Schmude und vor allem Gustav Heinemann. Die Liste ihrer VorgängerInnen mit herausragender Erfahrung in der Politik ist lang. Hat Ihnen dieser Background gefehlt und hat die evangelischen Kirche dadurch an politischem Gewicht eingebüßt?

Heinrich: Nein, gerade dass ich keine Parteizugehörigkeit habe, hat mir viele unterschiedliche Türen geöffnet. Zugleich haben wir für den politischen Raum auch andere Akteure im Zusammenspiel der evangelischen Kirche und die Bevollmächtigte in Berlin, Anne Gidion, die dieses Feld gut bestellt. Ich konnte die EKD gerade auch in nicht-kirchlichen Netzwerken anders ins Spiel bringen, als das jemand mit einem klaren parteipolitischen Profil hätte tun können.

Es gibt so viele gesellschaftliche Räume, in die wir als evangelische Kirche sprechen können! Ich möchte in den kommenden Monaten die Türen, die gerade auch zu jungen Netzwerken aufgestoßen wurden, so offen halten, dass anderen Menschen durch sie hindurchgehen können und diese Netzwerke weiterhin angeschlossen bleiben an die evangelische Kirche, auch unabhängig von meiner Person.

Eule: Welchen Ihrer VorgängerInnen fühlen Sie sich denn jetzt gegen Ende Ihrer Amtszeit besonders nahe?

Eule: Irmgard Schwaetzer bleibe ich sehr verbunden, schon allein wegen ihrer Hilfe beim Onboarding vor sechs Jahren und ihrer Offenheit für alle meine Fragen. Und ein Zitat von Gustav Heinemann begleitet mich: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren – ich ergänze: und Damen – gehen, unser HERR aber kommt!“

Das ist ein sehr guter Satz, der auch hineinspricht in unseren gemeinsamen Weg, als Weggemeinschaft einer Synode, als Kirche mit übersichtlichen Amtsperioden. In diesen Weg sind Abschiede und neue Anfänge immer schon eingeschrieben. Wir übernehmen für eine Zeit lang Verantwortung und können uns dann wieder Neuem zuwenden, im guten Glauben daran, dass die Zukunft in Gottes Hand liegt.


Alle Eule-Beiträge zur EKD-Synode.

Alle Eule-Beiträge zu Anna-Nicole Heinrich.

Alle Eule-Beiträge zum Themenschwerpunkt „Missbrauch evangelisch“.


Unterstütze uns!

Die Eule bietet Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation. Der unabhängige Journalismus und die Stimmenvielfalt der Eule werden von unseren Abonnent:innen ermöglicht. Mit einem Eule-Abo unterstützst Du die Arbeit der Redaktion, die faire Entlohnung unserer Autor:innen und die Weiterentwicklung der Eule.

Jetzt informieren und Eule-Abo abschließen!

Mitdiskutieren