
Manifesta 16: Das ist keine Kirche!
Was könnte diese Kirche auch noch sein? Zwischen Säkularisierung und Heimatsuche: Eine Erkundung auf der Manifesta 16 im Ruhrgebiet.
Beton, Ziegel, Holz und Glas. Wer an sakrale Architektur im Ruhrgebiet denkt, dem kommen zurecht nicht Spätromanik und Barock in den Sinn, sondern Backsteingotik und Brutalismus, Notkirchen und ein Stil, der ganz im Gegensatz zu den jahrhundertealten Kathedralen, prestigeträchtigen Domen und hanseatischen Hauptkirchen andernorts sich nicht einmal die Mühe zu machen scheint, himmlische Herrlichkeiten zu vergegenwärtigen, sondern ganz bewusst down-to-earth ist.
Umso spannender, dass die Manifesta genau solche Gebäude zum Raum und zur Kulisse ihrer diesjährigen Iteration auserkoren hat. Zwölf Kirchen im Ruhrgebiet, die alle erst nach dem Jahr 1945 errichtet wurden, bilden gemeinsam den Ausstellungsort für die nomadische Biennale. Das dazugehörige Motto lautet: „This is not a church“ / „Das ist keine Kirche“.
Aber noch einmal von vorne. Manifesta? Was ist das eigentlich für eine Veranstaltung? Und warum gerade hier im Ruhrgebiet und dann mit diesem Motto? Die Manifesta ist eine alle zwei Jahre stattfindende Kunstaustellung, deren erklärtes Ziel es ist, die Beziehung zwischen Kunst und urbanen Räumen zu erforschen. Dafür wandert sie bei jeder Austragung in eine andere Metropolregion Europas. Dass nun also auch einmal das Ruhrgebiet zur Gastgeberin wird, ist daher wenig verwunderlich.
Erstaunlich hingegen bleibt die Entscheidung, die sakrale Nachkriegsarchitektur in den Fokus zu rücken. Schon allein deshalb, weil die konkrete Auseinandersetzung mit der religiösen Bedeutung der Räume, die man sich zur temporären Bleibe erwählt hat, zunächst entschieden vermieden wird. Der Titel „Das ist keine Kirche“ ist programmatisch, denn nach Ansicht der Ausstellung haben die Räume spätestens mit dem Einzug der Kunstwerke ihre Funktion als liturgische Orte hinter sich gelassen.
Dieser Anspruch klingt deutlich anmaßender als er eigentlich ist, immerhin hat man bewusst zwölf Kirchen gewählt, in denen schon lange kein regulärer Gottesdienst oder Gemeindeleben mehr stattfindet. Doch wenn es sich bei den Gebäuden nicht mehr um Kirchen handelt, um was dann? Das ist die Frage, die im Zentrum der Ausstellung steht: Was machen wir mit all diesen überflüssiggewordenen Räumen, die im Zuge der fortschreitenden Säkularisierung nur noch zahlreicher werden? Was könnten diese Räume noch sein?
Kunst und Gespräche
Beim Besuch der Ausstellungen fällt jedoch schnell auf, dass diese Frage eigentlich die langweiligste ist, die man hier stellen kann. Anderswo wurden schon tausend Antworten auf ie Frage gefunden, was man mit ungenutzten (überflüssigen?) Kirchengebäuden alles so anstellen kann, um sie in Räume zu verwandeln, die weiterhin von einer lokalen Community genutzt werden. Sei es, indem sie zu günstigem Wohnraum, in Bibliotheken oder gar zu Kletterhallen umgestaltet werden.
Statt mit solchen kreativen Ideen zur alternativen Nutzung sakraler Bauten ins Gespräch zu treten, hängen sich besonders die Ausstellungen auf dem Essener Stadtgebiet an völlig banalen Aspekten der Gestaltung kirchlicher Räume auf und erklären beispielsweise die „Logik der Kirchbänke“ zu einer nahezu unüberwindbaren Hürde für die Neuinterpretation des Raumes. Das darauffolgende Abarbeiten an den Bänken als Material für Skulpturen ist dann bei zweiten aber spätestens beim dritten Mal einfach langweilig.
Das ein tiefergehendes Gespräch mit dem Raum als Kirchraum ausbleibt, mag auch daran liegen, dass offenbar eine gewisse Sprachlosigkeit oder mindestens Unbeholfenheit in Bezug auf christliches Vokabular besteht. Wer sich wie Šejla Kamerić nicht darauf verlassen kann, dass dem eigenen Publikum ein Begriff wie Agape geläufig ist, der bleibt vielleicht lieber bei den Kirchbänken. So kommt dann aber ein tieferes Gespräch zur Wiederbelebung dieser Räume vorerst nicht zustande.

„Abendmahl“ von Akbar Behkala , 1978 (Foto: Manifesta16 / Ivan Erofeev)
Es grenzt fast an Satire, wenn die Kirche Christkönig in Bochum, die schon seit über einem Jahrzehnt recht erfolglos versucht, sich als künstlerischer Community-Space zu etablieren, meint, dass die Antwort auf die Frage nach der Zukunft von Kirchgebäuden genau das sei, was bisher kaum geklappt hat. Ist es nicht auch eine bildungsbürgerliche Utopie, dass gerade Kunstaustellungen Orte der nachbarschaftlichen Begegnung sind?
An anderen Kirchorten, die an der Manifesta teilnehmen, wurde das verstanden. Sie fahren in ihrer Konzeption bewusst zweigleisig: Drinnen Kunst und draußen vor der Kirche Community. Draußen zwischen den Kräuterbeten von St. Bonifatius oder im Garten der Gethsemane-Kirche findet man zusammen. Nicht nur laden Sitzmöglichkeiten und das viele Grün wirklich zum Verweilen ein, auch der Fakt, dass man sich nicht sorgen muss, andere bei der Betrachtung der Kunst drinnen zu stören, ermöglicht es, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Andersherum ist die Trennung ein Befreiungsschlag für die Kunstwerke. Sie müssen sich nicht immerzu um die Frage der Gemeinschaftsstiftung drehen, sondern können davon erzählen und danach fragen, was uns hier eigentlich noch beschäftigt. Statt also allein zu fragen, was wir denn mit all diesen Kirchräumen machen sollen, wird die Frage der Ausstellung dann doch breiter: Was sollen wir eigentlich mit all uns Menschen machen, die wir hier noch sind? Was bedeutet Heimat im Ruhrgebiet?
Identifikation mit der christlichen Tradition der Gebäude?
Man könnte fragen, ob die Beschäftigung mit der Konstruktion eines Heimatbegriffs für das Ruhrgebiet nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010, den vielen Ausstellungen auf Zollverein und in den zahlreichen Kunstmuseum des Reviers nicht arg abgekaut ist: Am Ende kommen doch immer nur dieselben Gruppen zu Wort und der Rest bleibt unsichtbar. Statt eine intensive Beschäftigung mit den Beziehungen zur Region zu ermöglichen, die von den vielen unterschiedlichen Menschen, die hier leben, gelebt werden, läuft die Heimatsuche häufig auf eine Selbstvergewisserung der Wenigen hinaus, die vor allem im Süden des Ruhrgebiets wohnen, deren Migrationsgeschichte meist nur nach Ostwestfalen oder in die alten Ostgebiete Deutschlands reicht – und bei denen das Portmonee in der Regel ziemlich locker sitzt. Aber gerade hier zeigt die diesjährige Manifesta ihre ganze Stärke.

„Mutter“ von Julia Logothetis, 1979 (Foto: Mnifesta16 / Ivan Erofeev)
Das beginnt schon bei der Auswahl der Stadtteile, in denen die Ausstellungsorte zu finden sind. Statt der üblichen Verdächtigen wie Bredeney, Rüttenscheid oder Bochum-Ehrenfeld bewegen wir uns zwischen Carnap und Alsenkiez, von Gelsenkirchen-Erle bis in die Fronx. Natürlich sind mit dem Bochumer Westend und Ückendorf auch Stadtteile dabei, in denen bereits der kalte Wind der Gentrifizierung weht, aber die ist eben auch Teil der Geschichte.
Und auch inhaltlich schafft die Ausstellung es, bisher Unsichtbares sichtbar zu machen. Das geschieht besonders in den Gelsenkirchner Kirchen explizit – denn hier wird der Blick ganz auf die Lebensrealitäten und -geschichten von Arbeitsmigrantinnen gelenkt. Zwischen den in Textilarbeiten festgehaltenen Erinnerungen und Julia Logothetis‘ Bildnis einer kurdischen Gastarbeiterin kommt die Vielstimmigkeit der migrantischen Communities zu Wort: Von der Gayhane, über die ersten migrantischen Künstler*innen, die im Kunstmuseum Bochum ausstellen durften, bis hin zu Emre Abuts Hiphop.
So wird nicht nur die Geschichte der Migration im Ruhrgebiet sichtbar, sondern der Fakt, dass es gar nicht nur eine Geschichte gibt. Selbst die Verbindungen der Ruhrindustrie mit deutsch-kolonialen Unternehmungen im Nahen-Osten kommen zum Vorschein. Im Kontrast zwischen der alltäglichen Wärme in den Stillleben von Wohnzimmern und Darstellungen der Zubereitung des Essens zur bürokratischen Kälte eines Systems, das mit Passbildern und Gastarbeitendenvisas versucht, all diese Menschen für seine eigenen Zwecke zu packen zu kriegen, beginnen Akbar Behkalam und Ismail Çoban tatsächlich das Gespräch mit der religiösen Tradition des Gebäudes, in dem sie ausgestellt werden. Die Arbeitsmigranten gehen beim letzten Abendmahl leer aus und der verurteilte Jesus solidarisiert sich vor Pilatus mit den Opfern des Brandanschlags 1993 in Solingen. Es ist vielleicht diese Identifikation von christlicher Tradition und migrantischer Geschichte, die für mich zum Schlüsselmoment der ganzen Ausstellung geworden ist.
Das Ruhrgebiet als Sakristei
Liegt die Sprachlosigkeit gegenüber christlichen Glaubensrealitäten und der Architektur, die von ihnen inspiriert wurde, nicht parallel zur Sprachlosigkeit in Bezug auf einen neuen Heimatbegriff für die Region, deren konstituierendes Merkmal es ist, dass ihre Einwohner alle irgendwann hier eingewandert sind? Die nach dem Krieg behelfsmäßig aus Ziegel, Beton und Holz errichteten Kirchen haben hier genauso unverhofft Wurzeln geschlagen wie die Gärten derer, von denen der deutsche Staat wollte, dass sie hier keine Wurzeln schlagen, weil sie diesem Land eigentlich nur kurzweilig ihre Arbeitskraft schenken sollten.

„Steps“ von Coumba Samba, 2026 (Foto: Manifesta16 / Ivan Erofeev)
Eine solche Ent- und Verwurzelung stellt Mirosław Bałkas Meditation des Heimatbegriffes direkt neben die Geschichte der queeren Ikone Hans Heinrich von Portatius. Ein voyeuristischer Einblick, wenn in einem Beichtstuhl die Körper halbnackter Bergmänner in schwarzer Bronze dargestellt werden, im Wechsel mit der sterilen und geometrischen Architektur eines Pumpwerkes, die uns alle am Leben erhält.
Es geht um eine Region, deren Natur so geschunden wurden, dass Tauben aus dem Himmel fallen und am Ende nur Hügel schwarzer Asche zurückbleiben. Und um einen Jesus, der in den Bergbau aufersteht, gestorben für das Leid der Zwangsarbeitenden und den Schmerz muslimischer Bergmänner, die beide zu lange keinen Raum bekommen haben. Welche neue Gemeinschaft kommt zum Ausdruck, wenn die Hingabe von betenden Muslimen in den Mauern einer katholischen Kirche zur Schau gestellt wird?
Die Manifesta16 enthüllt, dass wir trotz aller Sprachlosigkeit diese Geschichte(n) nicht einfach hinter uns lassen können. Der Funktionalismus der Kirchgebäude erinnert genauso wie die Halden und Fördertürme, wie die Nachnamen Grabowski und Yildirim an die ganz bestimmte Geschichte dieser Region. Marion Stokes Video-Installation in der Sakristei von St. Anna ermahnt uns schließlich daran, dass wir gar nicht vergessen können. Und vielleicht ist sie, eine Sakristei, die schönste Metapher für das Ruhrgebiet. Aline Bouvy fragt in ihrem Werk „The Lore of Us” ob nicht das Ruhrgebiet wie die Sakristei ein Hinterzimmer bildet, in dem der Ritus und Mythos des ganzen Landes materiell vorbereitet wird.
Sind dann diese zwölf Kirchen im Sommer 2026 nicht gleichsam ein Raum, in dem die materielle Hintergrundarbeit für den Mythos Ruhr sichtbar gemacht wird? Vielleicht ist das keine Kirche (mehr), aber es bleibt eben trotzdem ein dickes Stück Heimat.
Die Manifesta 16 findet noch bis zum 4. Oktober 2026 in ausgewählten Kirchen im Ruhrgebiet statt. Der Eintritt ist kostenlos. Alle weiteren Informationen für den Besuch finden sich auf der Manifesta-Website.
Titelbild: „Measures of Distance“ von Mona Hatoum, 1988 (Foto: Manifesta16 / Rainer Schlautmann)
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