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Das (post-)moderne katholische Schisma

Nach der unerlaubten Bischofsweihe sind die Piusbrüder nun richtig raus aus der römisch-katholischen Kirche. Eine weitaus größere Abkehrbewegung erhält hingegen viel weniger Aufmerksamkeit.

Liebe Eule-Leser:innen,

auf dem Katholikentag vor ein paar Wochen stand ich am Rande des Empfangs der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) mit ein paar römisch-katholischen KollegInnen zusammen. Bewegt vom Geist der Ökumene konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, ob denn die erkleckliche Zahl von Beiträgen über das (damals noch) drohende Schisma mit den Piusbrüdern wenigstens vom Publikum angenommen werde. „Ja, die klicken gut“, bekam ich zur Antwort.

Man könnte wohl Essays und wissenschaftliche Studien en masse darüber schreiben, wieso und warum Tradi-Phänomene wie die Piusbrüder oder ihre evangelikalen, muslimischen, säkularisierten oder neu-heidnischen Geschwister im Geiste – völkische „Jugendbewegungen“, Tradwives oder auch Salafisten – als Medienereignisse immer wieder Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Dass die Mediennutzung dieser Gemeinschaften dafür von zentraler Bedeutung ist, müsste man gleich im ersten Kapitel beschreiben.

Am Mittwoch durfte die Welt auf YouTube jedenfalls live einen „schismatischen Akt“ bezeugen. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. zog zum zweiten Mal nach 1988 ohne päpstliche Erlaubnis die Weihe von vier neuen Bischöfen durch. Aus dem vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre folgte auf dem Fuß die Feststellung der Exkommunikation der beteiligten – insgesamt sechs – Bischöfe. Außerdem gibt es Konsequenzen für die gut 700 Priester, die Ordensleute und weiteren Akteur:innen der Bruderschaft. Die jahrzehntelangen vatikanischen Dialogbemühungen sind damit an ein Ende gekommen. Sieht so ein Schisma aus?

Die neuerliche Exkommunikation wegen der unerlaubten Weihen stinkt gegenüber den großen abend- und morgenländischen Schismen und Kirchenspaltungen der Christentumsgeschichte doch ziemlich ab. Wir jazzen auch nicht jede Spaltung und anschließende Neugründung von evangelischen Freikirchen zum Weltereignis hoch. Vielleicht kann man das Geschehen mit viel Mühe, wenn man den ersten Durchgang von 1988 mal ausblendet, als erstes post-modernes Schisma verstehen?

Vielleicht aber hilft es, „Schisma“ in seinem engeren Sinn als Begriff aus dem römisch-katholischen Kirchenrecht zu verstehen? Dann ist damit einfach nur die Abkehr vom Gehorsam gegenüber dem Papst (und den ihm treuen Bischöfen) gemeint (Can. 751 des CIC), auf die als automatische Konsequenz die Exkommunikation folgt. Ganz egal, ob diese explizit festgestellt wird oder nicht.

Eine Abkehr von der römisch-katholischen Kirche haben in Deutschland im vergangenen Jahr ausweislich der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) 307.000 Menschen durch ihren Kirchenaustritt vollzogen. Vielleicht entgeht den Männern, die auf Tradis starren, doch die entscheidende Abkehrbewegung?

Ein „schismatischer Akt“

Was kirchenrechtlich und im Kontext der jahrelangen Auseinandersetzung zwischen der Pius-Bruderschaft und dem Vatikan am Mittwoch eigentlich passiert ist, erklärt Felix Neumann bei katholisch.de in einem ausführlichen Artikel. Der YouTube-Kanal „Ready to Harvest“ hat eine komplette Geschichte der Beziehungskiste (25 Min). Sowohl bei Felix Neumanns Text als auch auf YouTube finden sich weitere Lese- und Medienhinweise, die nutzen kann, wer immer noch tiefer ins rabbit hole hinabsteigen will. Felix Neumanns Fazit:

„Mit der erklärenden Note ist damit deutlich, dass der Vatikan im jahrzehntealten Konflikt mit den Piusbrüdern eine neue Gangart einschlägt: Die Strategie der Dissimulation ist passé. Das nicht erst nach den neuerlichen Weihen bestehende Schisma wird nicht mehr vornehm beschwiegen. Und auch die von Benedikt XVI. wie von Franziskus betriebene Strategie der Barmherzigkeit ist vom Tisch: Kein noch so großzügiges Zugeständnis konnte bisher die Verstocktheit der Piusbrüder erweichen.

Dass der Kurs der Klarheit daran etwas ändern wird, ist kaum zu erwarten. Doktrinell haben sich die Fronten immer weiter verhärtet: Die Piusbruderschaft hat zuletzt mit ihrer „Glaubenserklärung“ ihre Haltung zementiert, die gegen zentrale Lehren der Kirche steht, wie sie das Lehramt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt hat.“

Louis Berger von Kirche + Leben sieht auf Bluesky in der Weihe eine Niederlage der Piusbrüder, denn der Vatikan habe sich ihren Forderungen nicht gebeugt. Damit spielt er auf die letzten Dialogversuche des Vatikan an, die wiederum Felix Neumann auf katholisch.de ausführlich erklärt hat. Louis Berger erklärt:

„Die FSSPX ist über ihr eigenes Milieu nie hinausgekommen, ihre Forderungen sind auch unter Papst Leo XIV. weitgehend verhallt. […] Das ,Problem der Tradition‘ ist weiter nicht gelöst. Auch weil verschiedene Teile der katholischen Kirche einem Traditionsverständnis, einer Ekklesiologie und einem Ästhetizismus anhängen, die von den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht gedeckt sind.“

„Klickt“ gut?

Auf den Social-Media-Plattformen wurde das „schismatische Ereignis“ vom Mittwoch intensiv begleitet und diskutiert. Während sich konservative und rechte katholische Influencer:innen (vor allem in der englischsprachigen Welt) darum mühten, wortreich darzustellen, warum nun ausgerechnet die vierfache Bischofsweihe der Tradi-Bruderschaft „one step too far“ sei, ohne das von ihnen auf katholische Kulturkämpfe abgerichtete Publikum zu vergraulen, verfolgten eher liberale, linke, lutherische und säkulare Kommentator:innen das Geschehen mit Befremden – und durchaus auch mit Belustigung.

Stand heute Morgen wurde der sechsstündige Livestream knapp 32.000 Mal angeklickt. Ich weiß nicht, wie gut die vielen Artikel, Videos und Podcasts „klicken“, die in den vergangenen Tagen dazu erschienen sind. In einem guten Verhältnis zur tatsächlichen lebensweltlichen Bedeutung der (nun gar nicht mehr römisch-)katholischen Splittergruppe scheint mir der mediale Auftrieb nicht zu stehen. Aber irgendwie ja auch cool, dass man Schismen, Exkommunikationen und Weiheliturgien und -Theologien jetzt mal ganz ausführlich einem neugierigen Publikum erklären kann! Schisma spricht man übrigens wie Häs-chen aus.

Als Medienereignis und Unterhaltung funktioniert die Weihe schon deshalb, weil Ritual und die Gesamtästhetik der Veranstaltung den allermeisten Menschen überaus fremd vorkommen müssen. Und zwar nicht nur denjenigen Zeitgenoss:innen, die mit religiösen Riten generell unvertraut sind, sondern auch solchen christlichen Glaubensgeschwistern, denen sich die Symbolik von Weihen, Investituren oder Segnungen sonst erschließt.

Es geht nicht (nur) um die Ästhetik

Auf das Haupt gelegte Bibeln, verbundene Hände, extra für die Benetzung mit geweihtem Chrisam-Öl ausrasierte Tonsuren und Spitzenkleidchen und Handschühchen galore sieht man eben nicht aller Tage. Ich persönlich konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen, als direkt im Anschluss an den eigentlichen Weiheakt die Zitronenscheiben rausgeholt wurden, um die Häupter der neuen Bischöfe vom Öl zu reinigen.

Andererseits gibt es auf Gottes weitem Erdenrund eine derart große Vielfalt religiöser und kultischer Rituale, dass man sich davor scheuen sollte, von der eigenen Unvertrautheit auf Illegitimität zu schließen.

Dass Jesus ein gläubiger Jude war, heißt meines Wissens auch, dass er dem Tempeldienst gegenüber nicht feindlich gesinnt war. Wer meint, Rituale hätten im Christentum keinen Platz, weil der Heiland dergleichen stellvertretend für alle seine Nachfolger:innen abgeschworen hätte, geht wohl selbst antijudaistischen christlichen Ressentiments auf den Leim (die gleichwohl schon im Neuen Testament bezeugt sind).

Ich persönlich bemühe mich, die durch und durch klerikalistischen und paternalistischen Rituale der Piusbrüder mit größtmöglicher ökumenischer Offenheit anzuschauen. Kritik an den Piusbrüdern als Kritik an ihren ästhetischen Entscheidungen festzumachen, vornehmlich an ihrer Liebe zur Messe in ihrer vorkonziliaren Form, hat sich in den vergangenen Jahren innerhalb der römisch-katholischen Kirche als Irrweg erwiesen.

Wenn überhaupt, hat man dadurch nur noch eine weitere Generation von jungen Katholik:innen mehr politisiert, die auf identitäre Vibes empfindlich reagieren. Der Vatikan jedenfalls geht mit den Lai:innen, die Piusbrüder-Messen aus spirituellen und ästhetischen Gründen besuchen, weiterhin barmherzig um.

Was schert uns die (Ab-)Splittergruppe?

Warum sollte also Christ:innen interessieren, was sich da am äußersten Rand der römisch-katholischen Kirche ereignet? Mir fallen dafür drei Gründe ein:

Erstens ist die Piusbruderschaft als ein Beispiel einer hoch-individualistischen (post-)modernen Frömmigkeitsrichtung interessant, gerade weil sie sich – wie es für diese Bewegungen typisch ist – als Gemeinschaft darzustellen versucht, die treu gegenüber der Tradition ist. Das ist meiner Meinung nach der Hauptwiderspruch der Gemeinschaft, der sich kirchenrechtlich dahingehend ausdrückt, dass sie zwar das Jurisdiktionsprimat des Papstes anerkennt, aber in der Praxis ignoriert. Die Bruderschaft hält sich für katholischer als der Papst. Sie glaubt, dereinst wird die gesamte Kirche auf ihren (den richtigen) Weg „zurückkehren“.

Zweitens ist der Anspruch der Bruderschaft, allein im Besitz der exklusiven Wahrheit(en) zu sein, in der Christ:innentumsgeschichte nicht ohne Präzedenz. Die römische Kirche kennt sich damit, möchte man meinen, sehr gut aus. Im Gegenüber zu den Konzilsgegnern der Bruderschaft verteidigt die Amtskirche das prinzipielle „Ja“ der Kirche zu den Menschenrechten, zur Trennung von Staat und Kirche und zu Ökumene und interreligiösem Dialog, wie es in den Schriften des 2. Vatikanischen Konzils (mindestens) angelegt ist und sich in den Pontifikaten seither entfaltet hat.

Das ist in ökumenischer Perspektive sehr interessant, weil doch alle Kirchen vor der Herausforderung stehen, mit antipluralistischen, antidemokratischen und antiegalitären Strömungen in ihren Reihen oder an ihren Rändern umzugehen. Wo sind also rote Linien zu definieren und berharrlich zu verteidigen? Für Christ:innen doch mindestens dort, wo es um die Verbindung zum Judentum geht. Da sieht es bei den Piusbrüdern eindeutig tiefdunkel aus, denn sie halten den Ersten Bund für obsolet.

Was heißt Abkehr von der Kirche?

Drittens ist die Rede von Häresien, Schismen und Exkommunikationen, soweit sie über memetisches Online-Geplänkel hinausgeht, aus deutscher Perspektive deshalb interessant, weil damit das Thema Kirchenmitgliedschaft auf dem Tisch liegt. Der Codex Iuris Canonici von 1983, das geltende römisch-katholische Kirchenrecht, hält im Can. 751 fest:

„Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit; Apostasie nennt man die Ablehnung des christlichen Glaubens im ganzen; Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche.“

Mit der Unterordnung unter den Papst und seine Bischöfe und dem Glauben an die vielen Wahrheiten der römischen Kirche tun sich deutsche Katholik:innen zunehmend schwer. Das zeigt nicht allein die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, an der sich zum ersten Mal auch die katholische Kirche beteiligt hat, es dokumentiert sich ja auch im Leben in den Pfarreien und Verbänden, z.B. beim ganz individuellen Umgang mit der Messpflicht und dem Sakramentsempfang.

Die Mehrzahl der Katholik:innen verzichtet auf beides in großer Regelmäßigkeit. Es ist darum nicht gänzlich unverständlich, dass sich manche Bischöfe und konservative Akteur:innen und Medien gerade von traditionalistischen Vereinigungen eine Erneuerung der Kirche in ihrem Sinne erwarten, wo das ganz anders ausschaut.

Katholik:in wird man durch die Taufe und katholisch bleibt man, meint das katholische Kirchenrecht, im Anschluss daran für immer. Daran ändert auch ein Kirchenaustritt nichts. Die deutschen katholischen Bischöfe sehen das gleichwohl mindestens ein bisschen anders. Wer aus der katholischen Kirche in Deutschland austritt, die nun mal als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert ist, zieht sich bisher eine „Quasi-Exkommunikation“ zu.

Darüber wurde vor zwanzig Jahren und im vergangenen Jahrzehnt vor Gericht und vornehmlich unter Kirchenrechtler:innen gestritten. Einen sehr guten Einstieg in die Debatte liefert immer noch Georg Bier, heute Professor für Kirchenrecht an der Universität Freiburg, mit einem Artikel in der Herder Korrespondenz von 2012: „Wer nicht zahlen will, muss büßen?“

„[Es ist] unverhältnismäßig, die Verletzung der Unterhaltspflicht [Kirchensteuer-Nichtzahlung wegen Austritt, Anm. d. Red.] mit der Quasi-Exkommunikation als Quasi-Tatstrafe zu sanktionieren, während für andere Distanzierungen von kirchlichen Geboten und amtlichen Lehren eine Strafe nicht einmal angedroht wird.“

Dialog statt Strafe?

Am Umgang mit Splittergruppen wie den Piusbrüdern erweist sich, wie pluralismusfähig unsere Kirchen sind, sowohl nach außen als auch nach innen. Der Modus der Strafe scheint mir persönlich irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein.

Bemerkenswert ist sicher, dass der Vatikan seine Sanktionen gegen die Bruderschaft wenn schon nicht mehr als „Medizin“ (Felix Neumann), so doch als Druckmittel versteht, die eine Rückkehr in den Schoß der Kirche erwirken sollen. Nach einem Kirchenaustritt sollen die Verantwortlichen vor Ort übrigens den Ausgetretenen hinterhergehen, wie Hirten, die noch nach dem verlorenen Lamm suchen. Eine interessante Rollenverschiebung, oder?

Von solchen Bemühungen um Ausgetretene, um Menschen also, die vom Glauben abgefallen sind und ihren Vertrauensverlust durch eine Abkehr von der Institution dokumentieren, ist in den Kirchen in Deutschland viel weniger die Rede als von Tradi-Gruppen an ihren Rändern. Der Blick auf die Extreme ist vielleicht einfacher auszuhalten als der in das Loch, das sich in der Mitte auftut.

Aktuell im Magazin

Eule-Podcast RE: Juni 2026: Nmecha-Debatte, „einfach heiraten“ und Kirchenasyl – Michael Greder und Philipp Greifenstein (59 Minuten)

Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ ordnen Podcast-Host Michael Greder und ich die Debatte um den Gebetskreis von Nationalspieler Felix Nmecha ein. Außerdem geht es um die Aktion „einfach heiraten“, bei der sich Paare spontan trauen und segnen lassen konnten. Und ich berichte vom 26. Berliner Symposium zum Flüchtlingsschutz: Was bedeutet das neue europäische Asylsystem GEAS für die Kirchen, ihre Wohlfahrtsverbände und das Kirchenasyl? Am Ende der Episode gibt es wieder zwei Medientipps des Monats.

Abschied von „Anders Amen“: Das beste evangelische Medienprojekt – Philipp Greifenstein

Nach sechs Jahren verabschieden sich Ellen und Steffi Radtke mit ihrem YouTube-Kanal „Anders Amen“ aus Öffentlichkeit und #digitaleKirche. Ein Nachruf auf das beste evangelische Medienprojekt:

„‚Anders Amen‘ strahlte weit über junge queere Communities und die #digitaleKirche im engeren Sinne hinaus und projizierte ein authentisches Bild evangelischer Kirchlichkeit. So wie Steffi und Ellen Radtke plappern, lachen, schimpfen, diskutieren und beten, so sprechen evangelische Pfarrer:innen heute eben.“


Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf MastodonFacebook und Instagram sowie Bluesky.

Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Brautsträuße heutzutage komplett weird, klar, Tradition diesdas, aber ich habe noch nie Knoblauch oder Rosmarin in diesen Bouquets gesehen also über welche Tradition reden wir hier genau?“

@ichbinjazz.bsky.social, weitere „Himmelssterne“ auf dem Blog der Pressepfarrerin


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