Kommentar „Anders Amen“

Das beste evangelische Medienprojekt

Nach sechs Jahren verabschieden sich Ellen und Steffi Radtke mit ihrem YouTube-Kanal „Anders Amen“ aus Öffentlichkeit und #digitaleKirche. Ein Nachruf auf das beste evangelische Medienprojekt:

Die Kamera fährt zurück, zwei Pfarrerinnen im Talar lehnen sich weit aus einem Kirchturm heraus und küssen sich. Die kurze Sequenz aus dem Trailer zum YouTube-Kanal „Anders Amen“ setzte gleich zu Beginn des Video-Influencerinnen-Projekts im Jahr 2020 den Ton. Sie war auch ein Versprechen: „The future is now.“ Und, ja, das war eine große Sache.

Sechs Jahre später beenden Ellen und Steffi Radtke „Anders Amen“. In einem ausführlichen „Finale“ (YouTube) ziehen sie eine persönliche Bilanz ihrer Arbeit als evangelische, queere Influencerinnen. Dass es Arbeit war, daran lassen die beiden zum Schluss keinen Zweifel. Anlass des Abschieds ist eine doppelte berufliche Neuorientierung: Ellen Radtke wechselt in die Fachstelle Prävention sexualisierter Gewalt der hannoverschen Landeskirche, Steffi Radtke wird Schulpfarrerin in Wunstorf.

Damit endet das beste evangelische Medienprojekt der jüngeren Vergangenheit. „Anders Amen“ war das ambitionierteste und professionellste evangelische digitale Verkündigungsformat: Ein #digitaleKirche-Leuchtturm mit Breitenwirkung, ein Beispiel für gelingendes Community-Building und ein Aushängeschild für die evangelische Kirche, für das sie dankbar sein kann. Hier ist im digitalen Raum Gemeinde entstanden.

„Anders Amen“ hat für die Produktion von Online-Formaten in den Kirchen in Deutschland Maßstäbe gesetzt und exemplarisch vorgemacht, wie im Social-Media-Zeitalter Verkündigung und Gemeindearbeit gelingen können. Der Abschied von „Anders Amen“ fällt darum wohl nicht zufällig mit dem Ende dieser Form des Social Web zusammen.

Ein authentisches Bild evangelischer Kirchlichkeit

Ein Impuls für die Entwicklung eines eigenen YouTube-Formats war 2019/2020 auch die Unzufriedenheit mit der evangelischen Social-Media-Präsenz. Es sind seitdem erst sechs Jahre vergangen und trotzdem wirken die Debatten von damals wie aus einem anderen Zeitalter. Evangelische #digitaleKirche auf YouTube und Instagram bestand aus einem Dutzend gut gemeinter Influencer:innen-Kanäle und einer bunten Menge von Klein- und Kleinstaccounts, die von richtigen Menschen bewohnt wurden. Alle wurschtelten so vor sich hin, Geld und Stellenanteile für den digitalen Verkündigungsdienst waren eine Seltenheit.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte gerade erst mit dem Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (gep) in einem YouTube-Modellprojekt von Jana Highholder engagiert – und verbrannt (s. hier, hier & hier in der Eule). Viele der #digitaleKirche-Debatten, die seither vor allem auf Instagram beharrlich wiedergekäut werden, waren damals bereits akut: Welches Bild entwirft die evangelische Kirche von sich im digitalen Raum? Wie kann auch im Netz authentisch kirchliche Realität beschrieben und gelebt werden? Welche Themen, Fragen, Frömmigkeitsstile und Personen werden ins Scheinwerferlicht gerückt?

„Anders Amen“ war im Jahr 2020 ein Durchbruch, weil sich zwei mutige lesbische Pfarrerinnen mit progressiv-liberalem und feministischem Profil unterstützt von ihrer Kirche und den professionellen Medienschaffenden vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachen-Bremen auf dem Weg machten, diese Fragen praktisch zu beanworten, statt in (Meta-)Debatten und Beschwerden zu verharren.

Seitdem haben Ellen und Steffi Radtke die Zuschauer:innen und ihre wachsende Online-Gemeinde in ihren Fragen rund um den Glauben und Kirche begleitet. Für viele queere Menschen sind sie der Anker in Kirchengewässern geworden. Ein Halt auch in den Auseinandersetzungen, die lgbtqi+ Personen mit der Institution immer noch ausfechten müssen. Zugleich ist „Anders Amen“ ein Denkmal dafür, wie weit die evangelische Kirche dank des Engagements von queeren Akteur:innen inzwischen gekommen ist.

Dass ein Pfarrerinnenehepaar in vielen Öffentlichkeiten noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, bescherte Ellen und Steffi Radtke, „Anders Amen“ und ihrer Kirche ein äußerst positives, reichweitenstarkes und nachhaltiges Medienecho. Mit „Anders Amen“ ist es gelungen, ein Gegengewicht zu den rechtsdrehenden, evangelikalen „Christfluencern“ zu schaffen. Der Blick auf die inzwischen großen Follower:innen- und Zuschauer:innen-Zahlen zeigt nur einen Teil des Image-Gewinns, den die evangelische Kirche mit „Anders Amen“ gemacht hat.

Das Pfarrerinnenteam Radtke hat dabei eine gute Balance zwischen notwendiger Kritik an und Solidarität mit der Institution Kirche gehalten. Radtkes sprachen immer auch als Pastorinnen. Als solche changierten die beiden in ihren Rollen als Erklärerinnen von Glaube und Kirche und – in aller evangelischen Freiheit – als Kritikerinnen des eigenen Ladens. Oberflächliche Negativfolien kamen dabei nur wenig und zunehmend seltener zum Einsatz: Wer richtige Probleme adressiert, braucht die halt nicht ständig rauskramen.

„Kennst Du eigentlich Ellen und Steffi, die beiden Pfarrerinnen von YouTube?“, fragte mich irgendwann auf der Höhe der Corona-Pandemie meine Mutter – zu der Zeit also, da so viele Christ:innen – wie marginalisierte Gruppen zu jeder Zeit –  digital nach Gemeinschaft suchten. „Anders Amen“ strahlte weit über junge queere Communities und die #digitaleKirche im engeren Sinne hinaus und projizierte ein authentisches Bild evangelischer Kirchlichkeit. So wie Steffi und Ellen Radtke plappern, lachen, schimpfen, diskutieren und beten, so sprechen evangelische Pfarrer:innen heute eben.

Ellen Radtke zu Gast im „Eule-Podcast“

Im „Eule-Podcast“ diskutieren Florence Häneke, Autorin von „Queer im Pfarrhaus: Authentisch Pfarrer:in sein“, und Ellen Radtke über über Authentizität im Pfarrberuf und queeres Leben im Pfarramt und -Haus.

Welchen Vorurteilen müssen queere Pastor:innen immer noch entgegentreten, welche Chancen ergeben sich für die Seelsorge aus queeren Identitäten? Was muss geschehen, damit lgbtiq* Pfarrpersonen in Zukunft nicht mehr in „zwei Welten“ leben müssen?

Vor den Menschen leben

Zu „Anders Amen“ gehörte von Beginn an die Dynamik eines Pfarrerinnen-Ehepaars und das Hinneinnehmen in das Familienleben. Radtkes lebten vor den Menschen. Damit lösten sie das Kirchturm-Versprechen aus dem Trailer ein und gaben ein Beispiel für das Method Acting, das von Pfarrer:innen und Influencer:innen zugleich verlangt wird.

Sie nahmen ihre Follower:innen mit durch Tiefen und Höhen ihres gemeinsamen Kinderwunschs und beleuchteten dieses für viele Menschen belastende Thema so, wie man es sich von theologisch-verantwortlich und seelsorglich-sensibel agierenden Akteur:innen in der Kirche wünscht. Queerness, Familien- und Erziehungsfragen, Körperbilder, feministische Standpunkte und Klärungen der eigenen Frömmigkeit und politischen Positionen wurden in „Anders Amen“ nicht als „Themen“ besprochen, sondern inkarniert in den Personen und in der Paar-Dynamik zur Darstellung gebracht. „Anders Amen“ hat die Möglichkeiten und Grenzen des Influencer:innendaseins exemplarisch für die evangelische Kirche ausgelotet.

Entscheidend für diesen Erfolg war, dass ihre Kirche den Pastorinnen weitgehend und inhaltlich freie Hand gewährte, wie es auch heute längst nicht für alle evangelischen Medienformate üblich ist. Und dass Ellen und Steffi Radtke dank ihrer eigenen fachlichen und Erfahrungs-Expertise und „Kraft der Wassersuppe“ der Improvisation zwar vieles, aber längst nicht alles für diskutabel erklärten. Authentizität verlangt nach Grenzen und heißt weder sich für all-zuständig zu halten, noch über jedes Debattenstöckchen zu springen – oder es gar selbst zu schnitzen.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor von „Anders Amen“ war auch die professionelle Filmarbeit durch die Mitarbeiter:innen des Evangelischen Kirchenfunks. Ohne eine bewusste und überlegte Ressourcenallokation geht es nicht. Eine Lehre, die evangelische Kirchen aus dem Erfolg von „Anders Amen“ ziehen müssten. Hier steht die evangelische Medienarbeit auch nach sechs Jahren weitgehend ratlos und nach dem Ende von „Anders Amen“ ziemlich nackig da.

Den guten Kampf gekämpft

Nach sechs Jahren ist nun Schluss. So lange dauern in der evangelischen Kirche üblicherweise Beauftragungen für Sonderseelsorgebereiche wie die Gefängnis- und Polizeiseelsorge oder Jugendpfarrämter. Ellen und Steffi Radtke haben das Werk einer Prediger:in des Evangeliums im digitalen Raum getan und redlich ihren Dienst erfüllt.

Das Ende kommt nicht völlig überraschend, aber „Anders Amen“ war zum Glück bis zum Schluss nicht vollständig durchgestylt und -getaktet, immer noch ein wenig improvisiert. Das richtige Leben muss nicht überdramatisiert werden. Sind die „Anders Amen“-Storylines auserzählt?

In ihrem Abschiedsvideo sprechen die beiden Pastorinnen auch über die Belastung für ihr gemeinsames Leben, die „Anders Amen“ darstellte. Und darüber, dass es ihnen heute schwerer fällt als zu Beginn, als queere Personen in der Öffentlichkeit zu stehen. Die Hoffnung, mit „Anders Amen“ queeres Christsein derart selbstverständlich zu machen, dass es sich andauernder Diskussionen entzieht, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Beantwortung dieser Jahrhundertfrage allein einem Medienformat und Influencerinnen-Paar zuzumuten, wäre jedoch vermessen.

Die (zusammen-)gewachsene „Anders Amen“-Gemeinde und viele passagere Zuschauer:innen und Beobachter:innen werden „Anders Amen“ vermissen. Es bleibt die Erinnerung an ein gelungenes digitales Projekt, von dem sich evangelische Medienschaffende, Influencer:innen und Pastor:innen hoffentlich weiterhin inspirieren lassen – und das für die Zuteilung von Ressorcen Maßstäbe gesetzt hat. #digitaleKirche muss sich im Jahr 2026 post-social-medial neu erfinden. Dass es Persönlichkeiten und Personen aus Fleisch und Blut sind, die (auch) im digitalen Raum überzeugen können, nicht pfiffige Formate und sleake Gestaltungsideen, sollten evangelische Akteur:innen aus „Anders Amen“ gelernt haben.

Am Ende ihres Abschiedsvideos reichen Ellen und Steffi Radtke den Staffelstab weiter. Wer wird ihn aufnehmen? Ihren Influencerinnen-Lauf haben die beiden vollendet, sie haben Glauben gehalten und den guten Kampf gekämpft.


Alle Eule-Beiträge zum Themenschwerpunkt #digitaleKirche.


Unterstütze uns!

Die Eule bietet Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation. Der unabhängige Journalismus und die Stimmenvielfalt der Eule werden von unseren Abonnent:innen ermöglicht. Mit einem Eule-Abo unterstützst Du die Arbeit der Redaktion, die faire Entlohnung unserer Autor:innen und die Weiterentwicklung der Eule.

Jetzt informieren und Eule-Abo abschließen!

Mitdiskutieren