Verständigungsort Deutschland
Beim „Prozess gegen Deutschland“ waren jene Diskursdynamiken und -Störungen der extremen Rechten zu beobachten, die Verständigung im Land unmöglich machen. Was können Demokrat:innen tun?

Liebe Eule-Leser:innen,
die Inszenierung „Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau am Thalia Theater Hamburg hat ihr vorgebliches Ziel erreicht. Seitdem das Theater am vergangenen Wochenende über die Bühne ging, wird heftig diskutiert: Über Sinn und Unsinn des fingierten Prozesses über ein AfD-Verbot, über Sinn und Unsinn eines AfD-Verbots und – passend zu den Karnevalstagen – über die (olle?) Kamelle „Mit Rechten reden“.
Ich habe mir die vielen Stunden „Schauspiel“ nicht komplett reingezogen, sondern nur auszugsweise einige Redebeiträge auf dem YouTube-Kanal des Thalia Theaters konsumiert. Dort stehen die Aufzeichnungen der „Prozesstage“ zur Verfügung und extra nochmal die Schlussrede von Michel Abdollahi. Hier bei uns in der Eule hat Louis Berger den „Prozess gegen Deutschland“ bereits kritisch besprochen. Benno Schirrmeister schont in seiner theaterhistorisch informierten Besprechung in der taz auch jene Akteure nicht, die dem Hause sonst verbunden sind. Und für die Chrismon war Theologie-Redakteur Konstantin Sacher sogar vor Ort.
Als Theaterstück fand ich das, was ich gesehen habe, ziemlich lame. Immerhin Volker Weiß, einer der führenden Experten für die Neue Rechte, hat das Gefüge des Prozesses ein wenig gestört. Nach einer ziemlich peinlichen Befragung durch die Verteidigerin Liane Bednarz hielt er, statt sich auch noch durch die Anklage befragen zu lassen, ein kurzes Referat zum Geschichtsbild der AfD. Zuvor bekannte er: „Wir sind alle Laiendarsteller in einem fragwürdigen Spektakel.“
Ich bin kein Theaterkritiker. Mich interessiert vor allem, wie sich der „Prozess gegen Deutschland“ (sic!) zu anderen Dialogversuchen und -Formaten verhält, bei denen nolens volens mit Rechtsradikalen geredet werden muss. Bei Raus „Prozess“ stand trotz mehrfacher Einladungen kein:e aktuelle:r AfD-Politiker auf der Bühne, um seine*ihre Partei gegen ein womögliches Verbot zu verteidigen. Wohl aber gaben sich eine Reihe von Vertreter:innen der Neuen Rechten und Personal des AfD-Vorfelds ein Stelldichein. Dass deswegen gleich mehrere Expert:innen ihre Zusage zur Mitwirkung zurückzogen, hat Louis Berger in seiner Eule-Rezension bereits ausgeführt.
Was lässt sich vom Debattenort „Prozess gegen Deutschland“ (sic!) lernen? Welche medialen Dynamiken waren im Spiel, die wir auch in Parlamenten und anderswo beobachten können? Wie kann Verständigung über politische Fronten hinweg gelingen?
Wer in das Bühnenstück hineinlugt und ein wenig auf die Reaktionen des Theaterpublikums im Saal lauscht, wird sich beruhigt zurücklehnen können: Mitnichten wird man hier einer „Sportpalast“-Atmo oder einem Fanal der Faschisisierung Deutschlands angesichtig. Vielmehr applaudieren die Kulturbürger:innen im zumeist gesetzten Alter an den für Demokrat:innen richtigen Stellen: Trotz Mahnung an ihre Adresse auch und besonders der Rede von Michel Abdollahi. Ich denke, es passt ganz gut, dieses Verschlucken von Selbstkritik als Kommodifizierung in den kulturbürgerlichen Diskurs zu verstehen.
Dieses Verdaulichmachen für Kulturbürger:innen funktioniert natürlich auch deshalb, weil die Opfer rechtsradikaler Politik, ja die Gewaltförmigkeit des Rechtsradikalismus weitgehend außen vor bleiben. Die Absagen von vulnerablen Akteur:innen verweisen auch auf die mangelnden Schutzvorkehrungen. Wer will sich schon mit Rechtsradikalen auf eine Bühne stellen? Wer kann sich das erlauben? Höflich wider die Faschisierung des Landes zu applaudieren, muss man sich leisten können.
TikTokisierung der Debatte
Im Nachgang des Theaterevents wurde sozialmedial vor allem die Rede des neuen BILD-Kolumnisten Harald Martenstein diskutiert. Früher war der Mann mal witzig, heute gefällt er sich in einer selbstgewählten Wutbürger-Poste. Rechte und rechtsradikale Medien haben das Manuskript und (Kurz-)Videos seiner Rede fleißig geteilt. Die auf der Plattform X hausierende rechte Diskurs-Bohème feierte den Redebeitrag als epochale rhetorische Glanzleistung.
Durch das Clippen der Rede, das Herausschneiden schneidiger Sätze und die damit einhergehende Entkontextualisierung, hat die Rechte nicht nur die Hamburger Inszenierung unterlaufen, sondern das Spielfeld gewechselt. Die Idee der Pseudo-Prozesse von Milo Rau dreht sich darum, dass an einem Ort, in einem Raum, vor einem Publikum und mit einem Ensemble exemplarisch verhandelt wird. Das zerbricht in dem Moment, in dem Kameras laufen und die bewegten Bilder in einem anderen Kontext Verwendung finden.
Genau das passiert in deutschen Parlamenten seit einigen Jahren permanent: Insbesondere die Redner:innen der AfD sprechen nicht zum Plenum, führen keine Parlamentsdebatte, sondern sondern Krawallo-Sätze ab, die sie anschließend als (Kurz-)Videos auf Social-Media-Plattformen verwerten. Ziel ist nicht die Auseinandersetzung, sondern die Delegitimierung des Parlaments, des demokratischen Prozesses und der politischen Gegner.
Die Ziel der Neuen und extremen Rechten ist nicht, das Spiel zu gewinnen, sondern die Zerstörung des Spielfelds. Der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit hat das bereits 2018 treffend beschrieben (und am vergangenen Wochenende in Hamburg doch als „Anklagevertreter“ mitgespielt). Man kann versuchen, Rechtsradikale dazu zu zwingen, sich an die Regeln zu halten. Nur aus Freundlichkeit allein werden sie sich nicht regelkonform verhalten, sondern weiterhin durch Dekontextualisierung, die der Lüge Vorschub leistet, mediale Re-Inszenierung und gezielte Regelbrüche provozieren.
#VerständigungsOrte
Seit 2024 versuchen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie „Menschen mit unterschiedlichen Meinungen“ zusammenbringen. Die Gesprächsabende stehen unter dem Titel #VerständigungsOrte. So unterschiedlich die einzelnen Gesprächsformate auch sind, gemeinsam ist ihnen, dass es regelbasiert und hoch-formatiert zugeht. Geleitet werden die Gespräche von ausgebildeten Moderator:innen. Alle Teilnehmer:innen und Besucher:innen müssen sich den Regeln des demokratischen Diskurses unterwerfen, sollen sogar evangelisch achtsam und wertschätzend miteinander reden.
An den Verständigungsorten kreuzen Leute auf, die zu kontroversen Themen unserer Zeit dringenden Redebedarf haben. Gesprochen wurde schon über die Pandemie-Politik, Klima- und Migrationspolitik sowie die Friedensethik. Die Verständigungsorte sind längst kein Forum, in dem sich alle ernsthaft betroffenen Menschen wohlfühlen, aber die Veranstalter:innen bemühen sich darum, eine erträgliche und konstruktive Gesprächsatmossphäre zu schaffen. Indem die Veranstalter auf demokratische Spielregeln beharren, schließen sie jene Akteur:innen aus, die sich nicht an sie halten wollen (oder können). Versucht wird hier die Kommodifizierung in den demokratischen Diskurs.
Ab in den Nächstenliebe-Diskurs!
Ob das dem Unternehmen #VerständigungsOrte zugrundeliegende Polarisierungs-Paradigma wirklich eine zutreffende Beschreibung der gesellschaftlichen Lage ist, müssen wir an anderer Stelle diskutieren. An den Verständigungsorten wird jedenfalls versucht, Debatten nicht in einem immerwährenden Pro-und-Contra mit Äquidistanz politischer Positionen zu führen. Ein Fake-Gerichtsverfahren a’la Rau macht übrigens genau das.
Zu den Verständigungsorten lädt schließlich die evangelische Kirche mit ihrer spezifischen Positionalität ein. Von den Diskussionsbeiträgen bei den Verständigungsorten gibt es keine TikTok-Schnipsel, geredet wird – im besten Fall – miteinander, Ziel ist nicht die (rhetorische) Vernichtung oder Einschüchterung der anderen Gesprächsteilnehmer:innen.
Wo Demokrat:innen die Regeln eines demokratischen und wertschätzenden Diskurs durchzusetzen vermögen, wollen Rechtsradikale übrigens nicht mitspielen. In einen christlichen Nächstenliebe-Diskurs hineinkommodifizieren lassen sich extreme Rechte nicht. Ihr letzter (und bequemster) Ausweg ist die Meta-Debatte darüber, „wie politisch Kirche eigentlich sein darf“.
Kalkulierter Regelbruch
Was aber, wenn man nicht (mehr) in der Position ist, demokratische Regeln durchzusetzen? Man wird den Besucher:innen ja schlecht die Smartphones entwinden können, deren Kameras zu jedem (un-)möglichen Zeitpunkt angeknipst werden könnten. Was ist, wenn 40, vielleicht 50 % der Leute nicht mehr an demokratischen Spieltischen Platz nehmen wollen und die „Tische der Entscheidung“ ganz woanders stehen als an diakonisch-evangelischen Verständigungsorten?
Dann müssen auch die regelbasierten kulturbürgerlichen, christlichen und demokratischen Akteur:innen langsam mal darüber nachdenken, wie man zugunsten der guten Sache die Spielregeln über den Haufen werfen und selbst intervenieren kann. Den „Prozess gegen Deutschland“ (sic!) fand ich auch deshalb langweilig, weil niemand zu tanzen oder singen begann oder auf andere Weise aus dem Schema kippte.
Die Linken und Liberalen Online-Diskursiven sahen sich sogar außerstande, ihrerseits Redeschnipsel in den virtuellen Äther zu pusten. Das Thalia Theater hatte ja mit dem Herauslösen der Abdollahi-Rede sogar eine Vorlage dazu gegeben. Dass „TikTokisierung“ nicht allein der extremen Rechten nutzen kann, hat DIE LINKE im letzten Bundestagswahlkampf eindrücklich vorgeführt.
Und wie eigentlich könnte eine richtig fette evangelische Intervention eigentlich ausschauen? Womöglich müsste man dafür vom Reden mal wegkommen, ins liturgische Fach wechseln oder sinnstiftend ritualisieren. Ganz sicher sollte es nicht um ein Zerreden von „Brandmauern“ gehen, die an vielen Orten längst brüchig geworden sind, sondern um ein gemeinsames Bauen an Schutzorten, an Verstecken und festen Burgen (Psalm 31).
Aktuell im Magazin
Wer wird neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz? – Philipp Greifenstein
Am Dienstag, den 24. Februar, will die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) sich einen neuen Vorsitzenden wählen. Welche (Erz-)Bischöfe haben Chancen auf den Spitzenjob? Welches Signal geht von der Wahl aus?
„Rein alterstechnisch hat jene Generation von Ü55-jährigen (Erz-)Bischöfen, die nun „zur Wahl steht“, nur noch wenig mit den Hochzeiten von Vertuschung und Vernebelung vor 2010 zu tun, wenngleich es natürlich weiterhin Kontinuitäten gibt und der Kritik aus bischöflichem Munde an den systemischen Ursachen des Missbrauchs nur zögerlich Taten folgen. Die Reform-Bilanz aller (Erz-)Bischöfe in ihren (Erz-)Bistümern fällt bestenfalls gemischt aus. Gesucht wird darum nicht zuletzt ein DBK-Vorsitzender, der Stillstand fischelant als Fortschritt verkaufen kann.“
Spektakel zur Legitimation von Rechtsradikalen – Louis Berger
In Hamburg inszeniert Milo Rau den Streit um ein AfD-Verbot in seinem „Prozess gegen Deutschland“. Über ein – zum Teil – absurdes Spektakel, bei dem man doch etwas lernen konnte.
„Zuweilen geriet die Verhandlung zur Revue der prägenden Twitter- und Feuilletondebatten der vergangenen Jahre, durchsetzt mit Zeugnissen politischer Radikalisierung. Die Philosophin Susan Neiman sprach beispielsweise über Erinnerungskultur, während der AfD-nahe Influencer Feroz Khan über den „Großen Austausch“ fabulierte. Und zuletzt wollte sich der Würzburger Historiker Peter Hoeres nicht darauf festlegen, ob Adolf Hitler rechts oder links gewesen sei. Das Anliegen des Prozesses, die Frage nach einem AfD-Verbot, geriet so zuweilen aus dem Blick.“
Weil in diesem Jahr der islamische Fastenmonat Ramadan und die christliche vorösterliche Buß- und Fastenzeit zusammenfallen, gab es in den vergangenen Tagen reichlich (wechselseitige) Grüße zwischen Akteur:innen der Religionsgemeinschaften, wie zum Beispiel dieses „Gemeinsame Grußwort“ der badischen Landesbischöfin Heike Springhart und des württembergischen Landesbischofs Ernst-Wilhelm Gohl im Lichte der nahenden Landtagswahl im Südwesten:
„Der Ramadan unterbricht mit Fasten, Gebet, Besinnung und festlichen Zusammenkünften die alltägliche Normalität im Jahreslauf. Wir wünschen Ihnen, Ihren Gemeinden und Familien dafür Raum und Kraft. Fasten bedeutet ja auch eine Besinnung auf das Wesentliche, nicht zuletzt darauf, dass uns die elementaren Dinge des Lebens und das Leben selbst geschenkt sind.“
In der kommenden Woche trifft sich die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) zu ihrer Frühjahrsvollversammlung in Würzburg. Neben der Wahl eines neuen Vorsitzenden steht auch die Zustimmung der Bischöfe zur Satzung der neuen Synodalkonferenz auf der Tagesordnung. Sollten sie diese gewähren, ist dann der Vatikan am Drücker. Das neue Gremium auf Bundesebene bedarf der recognitio ad experimentum des Apostolischen Stuhls (s. „Re:mind“-Newsletter vom 30. Januar).
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Schau niemals zu jemandem herab, es sei denn Du hilfst ihm auf die Beine.“
„Never look down on anybody unless you’re helping him up.“
– Reverend Jesse Jackson (†)
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