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Foto: Christmas Pageant at Art Gallery of Toronto, Toronto History (Flickr), CC BY 2.0

10 Weihnachtspredigten, die ich gerne hören will

Vorfreude schönste Freude: Philipp schreibt auf, welche Predigten er sich zu Heiligabend wünscht. Das ist gar nicht so leicht. 10 Versuche:

Die Predigt zu Heiligabend ist eine Herausforderung. Für PredigerInnen genauso wie für die Gemeinde. Und nicht immer ist das, was man zu hören kriegt, na ja, gut. Auf eine Reihe Predigten, die wir so nicht mehr hören können, hat Erik Parker gestern hingewiesen.

Auch wenn für die Predigt wie für so vieles gilt, dass man es nicht besser können muss, um sich beschweren zu dürfen, ist es doch vergleichsweise einfach, zu sagen, was einem nicht passt. Jedenfalls einfacher, als einmal positiv zu bestimmen, welche Weihnachtspredigt man sich eigentlich wünscht. Ich will einmal versuchen, ganz ohne Anklagen auszukommen.

10 Weihnachtspredigten, die ich mir wünsche:

1) Die Predigt, die dem Text vertraut: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Engel, die Jungfrau und das Kind. Eine Predigt, die dem Text vertraut, lässt das alles ohne Einschränkungen stehen und vertraut auf die Kraft der Bilder. Ja, es gibt eine Menge Theologie da drum herum, aber die alten Bilder wirken auch ohne Erläuterungen. Und wenn nicht, dann sind sie auf eine gute Art anders als der Rest unserer Sprache.

2) Die Predigt mit den großen Worten: Diese Predigt ist mit der vorhergehenden verwandt. Viele PredigerInnen scheuen die großen Wörter, das Predigtzentrum in Wittenberg empfahl während einer Passionszeit sogar den Komplettverzicht auf Sünde, Heil, Gnade etc.. Nicht am Heiligen Abend! Es geht um alles, deshalb sollten die theologischen Begriffe nicht klein geredet werden, bis sie uns annehmbar erscheinen. Christus hat das Heil gebracht – uns und der ganzen Welt. Was das Heil ist, darüber und über andere, unserem Alltag entrückte Begriffe denke ich gern auf dem Spaziergang nach Hause nach.

3) Die Predigt, die dem Setting vertraut: Gibt es ein Krippenspiel, braucht es keine Predigt, die noch einmal wiederkäut, was wir gerade gesehen haben. Auch die beliebte „Ergänzungspredigt“ des Pfarrers nicht, der auf das hinweist, was das Krippenspiel ausgelassen hat. Vertraut dem Spiel, vertraut den Liedern, vertraut der Stimmung. Das alles predigt mit. Fünf gerade Sätze nach einem Krippenspiel für Kinderohren, die sich an die Erwachsenen richten, will ich hören. Und vielleicht sind diese Sätze vor dem Krippenspiel besser platziert, als danach, wenn alle Kinder schon ganz rappelig werden.

4) Die Predigt, die sich Zeit nimmt: In die Kirche rammeln, Platz suchen, Kind(er) beruhigen, im Liedblatt suchen, aufstehen, hinsetzen, aufstehen, „O du fröhliche“, durch die Menge hindurch den Ausgang finden, jetzt aber schnell, sonst wird es zu spät für Bescherung und Abendessen. Husch, husch.

Zu den irdischen Beschwernissen der Weihnacht kommen manchmal sehr gute Ideen der Ehrenamtlichen und PfarrerInnen, was alles so in die Christvesper gehört. Und das soll alles in eine Stunde passen? Ich will lieber mehr als nur zwei Strophen von einem Lied singen. Einem Chorstück lauschen. Und für die Predigt: Die kurze Predigt, die sich Zeit nimmt, will ich hören, nicht die, in der der Pfarrer durch sein viel zu langes Manuskript hastet.

5) Die kurze Predigt: Es hilft ja nüscht! Mir blutet bei jeder Predigt und jedem Artikel das Herz, wenn ich daran herumkürzen muss. Der alte Rat „Kill your darlings!“ (fang beim Kürzen bei deinen Lieblingssätzen an) stimmt wohl. Aber grausam ist das! Die kurze Predigt hat die Chance am Heiligen Abend tatsächlich gehört zu werden. Sie ist ein Akt der Barmherzigkeit und pragmatisch zugleich.

Ich habe in den letzten Tagen schon viele neue Weihnachtspredigten gelesen, die schon mal ins Internet gestellt wurden. Da sind ganz feine drunter, und ein paar die super anfangen und dann doch wieder ins Schwafeln kommen und dadurch (auch gefühlt) zu lang werden. Manchmal mag das daran liegen, dass gedacht wird, bestimmte Sätze müssten fallen, sonst sei es keine „richtige“ Weihnachtspredigt. Bullshit! Vertraut euren Ideen, nicht auf Formeln und Floskeln.

6) Die Predigt, die das Licht anmacht: Weihnachten ist Schauspiel. Ich möchte in Szene gesetzte Predigten hören und sehen. In vielen Kirchen werden nur zu Weihnachten noch die Kanzelaltäre genutzt – zelebriert das! Wenn alle Leuchter an sein müssen, damit wir beim Singen in den Liedblättern lesen können, ok, aber doch nicht während der Predigt. Ich mag es heimelig! Entzündet eine Kerze am Licht in der Krippe und nehmt sie mit euch auf die Kanzel. Lest die Weihnachtsgeschichte aus einer alten, fetten Bibel. Sprecht frei von der höchsten Kanzel oder aus der Mitte des Altarraums. Gebt mir etwas zum Anschauen!

7) Die Predigt, die lebt: Harrisons Ford zeitloser Rat an Schauspielschüler ist: „Live in front of people!“ („Lebe vor den Menschen!“). Es braucht schauspielerisches Talent oder eben etwas mehr Übung. Lebt den Text mit: Seid mit Josef besorgt, mit Maria erwartungsfroh, mit beiden gehetzt und verzweifelt. Und seid mit beiden erleichtert, staunt mit den Hirten, haltet Andacht mit den Weisen und jubiliert wie die Engel! Zeigt mir, was geschieht. Den Audio-Kommentar mit Begleiterklärungen braucht ihr nicht dazu schalten.

8) Die Predigt ohne Komma: Was lange Sätze braucht, muss vielleicht gar nicht gesagt werden. Zu Heiligabend kommen Leute in die Kirche, die nicht nur lange Predigten nicht gewohnt sind, sondern überhaupt das Zuhören allein auf das gesprochene Wort. Macht es ihnen und mir einfach! Die eigene Predigt nach den Maßgaben der Einfachen Sprache zu durchleuchten, das bringt was, auch wenn man sich schlussendlich nicht 100%ig dran hält.

9) Die Predigt, die nichts fordert: Wir haben alles von Gott zu fordern. Lasst mich und die anderen Menschen, die doch freiwillig in die Kirche gekommen sind, in Ruhe mit euren Forderungen und Maßstäben. Ja, das ist jetzt eine Anklage, aber die muss sein. An die PredigerInnen: Lasst doch auch euch in Frieden! Die perfekte Weihnachtspredigt gibt es nicht. Wir fordern von Gott, dass Frieden wird, dass wir heil werden, dass er sich kund tut, dass Jesus auch heute unter uns geboren wird. Nichts davon könnt und müsst ihr leisten.

10) Die Predigt mit dem einen guten Satz: Ein Satz, der bleibt, der gut tut, der Wumms macht oder ganz leise ist. Ein Satz. Und der muss nicht einmal neu oder der Phantasie der PredigerIn entsprungen sein. Ein Satz. Und gut.

Ich bekenne, wie auch Erik Parker gestern, dass ich auch nicht weiß, wie man das 100%-ig richtig macht und das auch noch viele Jahre nacheinander immer wieder. Ich habe höchsten Respekt vor PfarrerInnen, die das Wagnis Weihnachtspredigt jedes Jahr aufs Neue auf sich nehmen. Wenn sich ab und zu doch eine Anklage in meine Wünsche eingeschlichen hat, liegt das daran, dass ich auch so ein Weihnachts-Verwundeter bin.

Ich will, dass wir alle in der Kirche schön Weihnachten feiern können. Das haben die Menschen mit in der Hand, die am Heiligen Abend Gottesdienste gestalten. Viele Menschen machen mit, sind aufgeputscht und freuen sich, auch wenn alle (mehr als) ein bisschen nervös sind.

PfarrerInnen haben trotz Weihnachtsstress und Kirchenblabla priviligierte Jobs. Und es ist ein Job. Ein herausfordernder Beruf, der mehr umfasst, als zu predigen. An allen Tagen des Jahres, nicht nur zu Heiligabend. Da seid ihr die GastgeberInnen: Am Sonntag seid ihr die Engel, wir Ehrenamtlichen und die Gemeinde sind die Hirten.

Ich will – und das ist nicht wenig verlangt, ich weiß – merken, dass die PfarrerIn das gerne macht, von Jesus erzählen, die Gute Nachricht verkünden.

Philipp Greifenstein

Philipp stammt aus Dresden, wohnt in Lutherstadt Eisleben und ist bei uns für die Artikelplanung zuständig. Außerdem schreibt er die Kolumne Unter Heiden. Philipp führt seinen eigenen Blog und ist als @rockToamna auf Twitter.

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