Newsletter Re:mind (18)

Analog ist Trumpf

Zwischen Schneeschippen und Neujahrs-Vorsätzen auf der Suche nach den Megatrends für 2026: Können die Kirchen von der Sehnsucht nach analoger Begegnung profitieren?

Liebe Eule-Leser:innen,

ich komme gerade vom Schneeschippen rein. Wie in weiten Teilen des Landes liegt auch im Norden Thüringens jetzt mal genügend tiefer Schnee, um Rodeln zu gehen und Schneemänninnen zu bauen. Die Hamburger Morgenpost warnte davor, Schneeschippen könne Herz und Kreislauf gefährden, aber vielleicht ist ein richtiges Winterwochenende doch eine angenehme Belebung, wenn man die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat. Hände hoch, wer diesen Newsletter im Home Office oder verlängerten Wochenende liest?!

„Durch Hohes und Tiefes“ heißt das Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland. Es enthält neben reichlich Klassikern des Jugend-Liedguts auch das Florian-Geyer-Lied, das ich bereits unter der Woche in meinem Artikel über die womögliche Schließung der Studierendengemeinden im Rheinland zitiert habe. Der von Heinrich von Reder 1885 geschriebene Text rekurriert auf den Bauernkrieg von 1524/1525, dessen 500. Gedenkjahr wir im vergangenen Jahr ausführlich begangen haben. Auch so wirkt der erste Reformationskrieg nach: „Wir wollen’s Gott im Himmel klagen, dass wir die Pfaffen nicht dürfen totschlagen. Kyrieleis.“

Seit 2008 ergänzen drei neue, deutlich weniger gewaltbereite Strophen das Lied: „Für Frieden und Gerechtigkeit, ziehn ohne Waffen wir zum Streit, heia hoho!“ Geschrieben hat die Zusatzstrophen Friedrich Kramer, Mitherausgeber des Gesangbuchs und seinerzeit Studierendenpfarrer in Halle (Saale). Heute ist er Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – und schon allein deswegen in den Debatten über die Friedensethik der vergangenen Monate und Jahre prominent hervorgetreten.

Auch im neuen Jahr begleiten uns also – der Jahreslosung „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5) zum Trotz – die „alten Themen“ weiter. Zu Beginn des Jahres ist meine Timeline voll mit Prognosen und Vorhersagen für 2026. Durch Altes und Neues werden wir uns irgendwie hindurchklamüsern müssen. Ein Trend dieser Tage aber sollte den Kirchen eigentlich entgegenkommen, wenn sie es denn klug anstellen.

In vielen der zahllosen Trend- und Prognose-Artikel, -Newsletter, -Videos und -Podcasts, die in diesen Tagen erscheinen, taucht ein Megatrend immer wieder auf: analoge Begegnungen und Community-Erlebnisse. Podcasts gehen auf Tour, Medien veranstalten Festivals, als Gegengift wider Vereinsamung und Polarisierung werden Dialog-Foren und Gespräche „im Fleische“ (wieder-)entdeckt. Live-Konzerte boomen ohnehin. Wer schon mal vom Format #Verständigungsorte von EKD und Diakonie Deutschland gehört hat (wie ich), erlebt eine Reihe von „Aha, so so“-Momenten. Gibt’s doch schon! Macht die Kirche doch!

Jenseits der spezifischen Anziehungskraft des dort gebotenen vereindeutigenden theologischen und politischen Programms ist es wohl auch diese, eben unspezifische und unaddressierte Sehnsucht nach Gemeinschaft, die Menschen zur „MEHR“-Konferenz des Gebetshauses Augsburg von Johannes Hartl zieht. Louis Berger von der Kirche + Leben hat sich die Konferenz in diesem Jahr vor Ort angeschaut, darüber in der Münsteraner Kirchenzeitung (€) geschrieben und in der Sendung „Tag für Tag“ des Deutschlandfunks Auskunft gegeben. Man sollte genau hinschauen, wie mit den Sehnsüchten von Menschen am Ende gearbeitet wird.

„Nicht zuletzt hielten Kritiker dem Gebetshaus und der „Mehr“ in der Vergangenheit vor, man setzte zu sehr auf Gefühle und zu wenig auf die Vernunft. Seinerseits polemisierte Gebetshaus-Gründer Hartl immer wieder gegen die „akademische Theologie“ in Deutschland. Dem Vorwurf der Gefühligkeit versuchten die Veranstalter mit dem ihm Nebenprogramm angesiedelten Panel „MehrDenken“ am Montagnachmittag zu begegnen. […]

Auch wenn die Vorträge zuweilen etwas zu sehr nach theologischem Proseminar klangen, waren sie durchweg gehaltvoll. […] Ganz abgesehen davon, dass das Panel mustergültig jene deutschsprachige Universitätstheologie repräsentierte, wie sie auch auf Katholikentagen anzutreffen ist. […]

Vielleicht ist eine Spiritualität, die sich in theologisch und politisch fragwürdiger Weise auf den Einzelnen kapriziert, nicht an der Zeit. Neue Leidenschaft im Glauben lässt sich auf diese Weise in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft jedenfalls kaum entfachen.“

Vom 13. bis 17. Mai findet in diesem Jahr der Katholikentag in Würzburg statt, für 2027 lädt der Evangelische Kirchentag nach Düsseldorf. In den vergangenen Advents- und Weihnachtstagen war überall im Land zu sehen, wie attraktiv analoge kirchliche Veranstaltungen nach wie vor sind, wenn es um zielgruppenspezifische Angebote für Kinder, Jugendliche und Senior:innen geht, um Kirchenmusik von Bach bis Pop und ums Kind in der Krippe. Über die Weihnachtsfeiern in Stadien hatte ich ja im „Re:mind“-Newsletter am 19. Dezember geschrieben.

Können die Kirchen vom Trend zum analogen Community-Happening profitieren? Jedenfalls sollten sie sich nicht zu fein sein und im Gestus eines kulturreligiösen Dünkels auf Distinktionsgewinne setzen. Zwei Qualitätsansprüche wöllte ich aber gerne einbringen:

Erstens kann es bei christlicher Gemeinschaft nicht einfach nur um das unbestimmte Abfeiern von Gemeinschaft gehen. Man darf als Besucher:in gerne merken, wo man gelandet ist. Am besten in einer herzlichen Community von Christ:innen, die nicht übergriffig agiert und die sich etwas für diese Welt und Gesellschaft vornimmt, was über (Selbst-)Bestätigung der Gefühlswelten der Teilnehmer:innen hinausführt. Für Katholiken- und Kirchentage sowie andere christliche und kirchliche Events heißt das: Mehr Theologie, mehr Inhalte, mehr Kontroverse und mehr Tiefe wagen!

Zweitens sollten sich die Kirchen – #Verständigungsorte – nicht allein hin zu jenen Zielgruppen orientieren, die mit ihren Bedürfnissen und Anliegen vermeintlich unerhört bleiben. Ja, es braucht Orte in unserer Gesellschaft, an denen Menschen zusammenkommen und debattieren können, die sich sonst fremd oder gar feindlich gegenüberstehen. Wenn Kirchen solche Orte sind, dann aber nicht als wertfreie oder gar neutrale Orte. Deshalb wäre es gut und nötig, auch nach jenen zu fragen, die eben nicht laut oder gefährlich quengeln und mosern, sondern in unseren Gemeinden, Städten und Regionen wirklich an den Rand gedrängt werden und verstummen.

Analog ist Trumpf

Seit meiner kleinen Recherche zu den Studierendengemeinden im Rheinland geht mir das nicht mehr aus dem Kopf: Trotz des Trends zu analogen Begegnungen und trotz eines durchaus differenziert-kritischen Lebens in der Digitalität gerade der Zielgruppe der 18-30-Jährigen, baut eine Kirche hier Infrastruktur zurück, konkrete Kontaktflächen ab. Den Studierendengemeinden (ESGen) geht es überall im Land nicht sonderlich gut: In Westfalen gab es vor zwei Jahren eine große Kürzungsrunde. In den ostdeutschen Landeskirchen arbeiten die ESGen mit knappen Bordmitteln.

Es gibt sicherlich Reformbedarf, denn das Universitätsleben und die Hochschullandschaft haben sich, nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie, in den letzten zehn Jahren massiv verändert. Darauf müssten die Kirchen mit ihren Angeboten für Studierende reagieren. Ein Rückzug bedeutet schließlich auch, anderen Akteuren das Feld zu überlassen – auch solchen mit theologisch und politisch fragwürdigen Angeboten.

Mein Eindruck: Offenbar denkt man in beiden Kirchen, mit ein paar hippen Influencer:innen und Instagram-Angeboten sei die Zielgruppe der Jungen Erwachsenen gut bedient. Dabei war das alte #digitaleKirche-Credo nicht, analoge Kontaktflächen abzubauen, sondern auch digitale Kontaktmöglichkeiten und Communities zu schaffen. Als Ersatz für tiefe, persönliche Gemeinschaft und Begegnung taugen, nicht erst wegen Plattform-Fatigue, die häufig arg oberflächlichen, Click-Bait-getriebenen Online-Kanäle nicht. Das müssten auch die Online-Akteur:innen selbst sehen, wenn sie sich die Reichweiten- und Engagement-Zahlen ihrer Kanäle mal ehrlich zu Gemüte führen würden.

Die rheinische Kirche will nicht mit dem „Rasenmäher“ sparen, sondern klare Prioritäten setzen. Das beinhaltet auch den Abschied von bisherigen Handlungsfeldern. Wegen des Ressourcenmangels an Geld und Personal ist in den Kirchen hierzulande längst ein (zumeist recht stiller) Kampf darüber entbrannt, welche Handlungsfelder das sein sollten oder um Himmels Willen nicht sein dürfen.

Mir scheint: Ein Abschied von den ESGen und vom gemeinschaftlichen Wohnen im Studienalter, wie im Rheinland vorgesehen, ist eine kurzsichtige und folgenschwere Fehlentscheidung: Nicht nur, weil die Kirche Kontaktflächen zu jungen Erwachsenen abbaut, die kaum noch Anlass haben dürften, vom ersten richtigen Gehalt treulich Kirchensteuer abzuführen. Sondern vor allem, weil sie die Chance auslässt, in einer unübersichtlichen Welt, in der Menschen neu nach Gemeinsinn und Gemeinschaft suchen, ihre Kompetenz und Tradition auf diesem Feld einzubringen.

Aktuell im Magazin

Eule-Podcast (54): Predigt liebevoll mit den „Predigtbuddies“ (58 Minuten)

Ist die Predigt im Gottesdienst unverzichtbar? Was macht eine gute Predigt aus? Wie gehen Pastor:innen mit ihrer Macht und Konflikten im Gottesdienst um? In dieser Episode des „Eule-Podcast“ sprechen Anja Bär und Lea Herbert vom Podcast „Die Predigtbuddies“ mit Podcast-Host Michael Greder über die Schönheit der Predigt.

Wenn der Krieg vor der Tür steht – Tobias Graßmann

Artur Weigandt schreibt über seine Abkehr vom Pazifismus. Für wen oder was wären wir im Extremfall bereit zu kämpfen? Ein Buch gegen Strategiespielereien in vermeintlicher Sicherheit. Tobias Graßmann rezensiert „Für euch würde ich kämpfen“ von Artur Weigandt:

„Frieden hat einen Preis und Haltung braucht mehr als Worte. In jedem Fall sollten wir uns auch im friedlichen Westeuropa fragen: Für wen oder was wären wir im Extremfall auch bereit zu kämpfen? Wie weit wollen wir dabei gehen? Und können wir damit leben, wenn andere für uns sterben? Müssen wir nicht doch mehr für den Frieden tun, als ehrwürdige Prinzipien der Gewaltlosigkeit vor uns herzutragen?“

Eule Podcast RE: 2025 – Kriege, Rants und Rechtsradikale … und ein Friedenslicht (90 Minuten)

Im Jahresrückblick „RE: 2025“ ist Eule-Redakteur Max Melzer bei Michael Greder und Philipp Greifenstein zu Gast, um auf die wichtigen Themen des Jahres zurückzublicken: Krieg und Frieden und die Frage nach dem Pazifismus, den Aufstieg der Christlichen Rechten, den Boom von generativer KI und die Frage, wie weit das Real Life in den Kirchen überhaupt relevant ist . Außerdem gibt es – wie immer – eine gute Nachricht!

Neue Anerkennungsleistungen: Fehlstart mit Ansage – Philipp Greifenstein

Evangelische Kirche und Diakonie verkünden den Start der neuen Verfahren für Anerkennungsleistungen. Nicht nur im Osten gibt es jedoch noch ungelöste Probleme. Wie steht es um die Einführung der neuen Anerkennungsleistungen für Betroffene sexualisierter Gewalt tatsächlich?

„Die Verzögerungen bei der Einführung des neuen Verfahrens ergeben sich also nicht allein aus der großen Herausforderung, in wenigen Monaten neue Strukturen zu etablieren und kirchenrechtliche Regelungen zu verabschieden, sondern auch aus einem erneuten Interesse einiger Kirchen, die mit Betroffenenbeteiligung in einem aufwendigen Abstimmungsverfahren erzielte EKD-Richtlinie doch noch aufzubohren.“

Wird dem roten Hahn der Hals umgedreht? – Philipp Greifenstein

Im Rheinland will die evangelische Kirche bis 2030 drastisch sparen, um aus den Miesen zu kommen. Von den Sparplänen unmittelbar bedroht sind die Evangelischen Studierendengemeinden. Die ESGen würden durch die Kürzungen „faktisch abgeschafft“, warnt die Petition „Der rote Hahn muss bleiben“.


Ob analog oder digital: Ich freue mich auf zahlreiche Begegnungen mit Eule-Leser:innen und -Abonent:innen in diesem neuen Jahr 2026. Lasst gerne auch mit Hinweisen, Kritik und Lob von Euch hören! Du erreichst uns z.B. per Email oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.

Ein gutes neues Jahr 2026 wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Wir wollen dir dienen auf mancherlei Weise,
in Stille, im Trubel, im Dunkel, im Licht,
mit Wort und Gesängen, mit Farben und Formen,
in Domen, Baracken, wo immer wir sind.“

– aus „Wir wollen dir dienen“ der evangelischen und katholischen Studentengemeinde Bonn, 1966, „Durch Hohes und Tiefes“ Nr. 400

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