Interview Aufarbeitung und AfD

„Die Anerkennung des Leids der Betroffenen hat oberste Priorität“

AfD-Wahlerfolge, Strukturdebatten und der Streit um Anerkennungsleistungen: Die evangelische Kirche steht vor großen Problemen. Wie begegnet sie ihnen?

Eule: Frau Springhart, Sie sind Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden (EKIBA) und Mitglied im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie (BeFo). Ich würde gerne mit dem BeFo und dem Missbrauch evangelisch beginnen.

In der ersten Jahreshälfte 2026 haben fast überall in Deutschland die neuen Kommissionen für Anerkennungsleistungen ihre Arbeit begonnen (s. hier & hier in der Eule). Allerdings fehlt immer noch der sog. Anhaltskatalog, der die Leistungen vereinheitlichen soll. Hätte man mit dem Start nicht besser warten sollen, bis auch er beschlossen ist?

Springhart: Ich finde es wichtig, dass die Anerkennungskommissionen mit ihrer Arbeit begonnen haben. Es geht darum, das Leid derjenigen Betroffenen anzuerkennen, die sich melden – also um eine individuelle Betrachtung jedes Einzelfalls. Die Orientierungshilfe, wie der Anhaltskatalog nun präziser heißt, ist ein Versuch, Korridore für Leistungen zu formulieren, an denen sich die Kommissionen orientieren können. Insofern ist es sehr misslich, dass sie noch nicht durch alle Gremien durch ist.

Eule: Warum dauert die Arbeit daran nun ein ganzes Jahr länger als die an der EKD-Anerkennungsrichtlinie, die im Frühjahr 2025 vom BeFo, Rat und Kirchenkonferenz der EKD verabschiedet wurde?

Springhart: In der Orientierungshilfe wird deutlich, was es praktisch heißt, dass wir uns mit der Anerkennungsrichtlinie entschieden haben, den Blick konsequent auf die Betroffenen zu richten. Die Anerkennungsleistungen werden in einem Verfahren eigener Art – sui generis – zugesprochen, auf Grundlage einer Plausibilitätsprüfung. Es gibt keine Beweispflicht wie vor Gericht. Darüber gibt es auch nach der Verabschiedung der Richtlinie immer wieder Diskussionen mit Vertretern der EKD-Gliedkirchen und der Diakonie.

An der Umsetzung der Orientierungshilfe entscheidet sich für mich, wie konsequent wir wirklich darin sind, das Leid von Betroffenen anzuerkennen und darauf zu verzichten, die Institution zu schützen oder die finanziellen Kosten für die Institution in einem überschaubaren Rahmen zu halten. Wenn die Orientierungshilfe veröffentlicht wird, stehen Korridore von Leistungssummen im Raum, die Erwartungen an die konkrete Spruchpraxis der Kommissionen wecken können. Insofern verstehe ich, dass die Orientierungshilfe von der Kirchenkonferenz nicht einfach durchgewunken wird.

Eule: Ist es nicht ein Ausweis von Misstrauen gegenüber den Kommissionen, ihnen Leistungskorridore vorzuschreiben? Immerhin werden sich dort jetzt über viele Jahre lang Menschen ehrenamtlich engagieren.

Springhart: Das hat nichts mit Misstrauen zu tun. Die Kommissionen sind unabhängig, aber als Kirche und Diakonie übernehmen wir die politische Verantwortung dafür, dass unsere Grundhaltung, das Leid von Betroffenen wirklich anzuerkennen, zur Geltung kommt. Der Wunsch nach einer Orientierungshilfe kommt auch aus den Kommissionen selbst und Vorsitzende der Anerkennungskommissionen sind an der Erarbeitung beteiligt.

Es geht darum, einen Orientierungsrahmen zu setzen und zu klären, welche Faktoren bei der Bemessung der Leistungen mit in den Blick kommen sollen. Denn die Anerkennungsleistungen orientieren sich eben nicht allein an der Schwere der Tat, sondern auch an den Folgen, die Betroffene tragen müssen, oft schon über viele Jahre hinweg.

Eule: Die EKD-Anerkennungsrichtlinie sollte Standards für die Anerkennungsleistungen in den evangelischen Kirchen und der Diakonie formulieren und eine Vereinheitlichung sicherstellen, trotzdem es neun regionale Anerkennungsleistungskommissionen gibt und nicht wie in der katholischen Kirche bundesweit nur eine Kommission. Ohne den Anhaltskatalog / die Orientierungshilfe ist dieser Anspruch noch nicht eingelöst.

Springhart: Ja, das ist leider so. Allerdings wird es immer ein Spannungsverhältnis geben zwischen dem Anspruch, individuelle Fallkonstellationen zu würdigen, und dem Vergleich mit anderen Fällen. Die Orientierungshilfe ist nicht dafür da, individuelle Fälle über einen Kamm zu scheren.

Eule: In der römisch-katholischen Kirche hat die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) seit ihrem Start im Jahr 2021 Betroffenen insgesamt 93 Millionen Euro zugesprochen. Ist damit zu rechnen, dass in der evangelischen Kirche und Diakonie genauso viel Geld aufgewendet werden muss?

Springhart: Das kann ich nicht vorhersehen. Zum Teil wird es auch davon abhängen, was am Ende in der Orientierungshilfe stehen wird. Das wissen wir noch nicht. Im Raum steht hier immer wieder das bekannte Kölner Urteil, das aber in einem besonders schwerwiegenden Fall gesprochen wurde.

Eule: Das Landgericht Köln hatte das Erzbistum Köln 2023 zur Zahlung von 300.000 Euro Schmerzensgeld an einen Missbrauchsbetroffenen verurteilt. In der bisherigen Anerkennungspraxis der Kirchen wurden bisher nur sehr selten sechsstellige Summen zugesprochen.

Für die Gesamthöhe der Anerkennungsleistungen und damit auch für den Kostendruck auf Landeskirchen und diakonische Werke ist neben der Leistungshöhe aber auch die Zahl der gemeldeten Fälle relevant. Sind denn die Meldezahlen in letzter Zeit gestiegen?

Springhart: Natürlich melden sich zunehmend Menschen, zum einen wegen aktueller Interventionsverfahren, zum anderen aufgrund schon länger zurückliegender Vorfälle. Ich rechne aber nicht damit, dass durch vermehrte Meldungen der Kostenrahmen explodiert. Natürlich müssen wir uns überlegen, wie wir die Leistungen finanzieren und entsprechende Rücklagen bilden. Unser Fokus darf aber nicht sein, die Leistungen zu begrenzen. Wir können hier nicht, wie bei anderen Themen, anders priorisieren. Die Anerkennung des Leids der Betroffenen hat oberste Priorität.

Eule: Wie viele Fälle noch ans Licht kommen, hängt in erheblichen Maße daran, wie intensiv die Aufklärung von Tatkontexten betrieben wird. Ist dieser Aspekt der Aufarbeitung im Vergleich zu den Bemühungen um eine verbesserte Prävention und Intervention zu sehr in den Hintergrund getreten?

Springhart: Je länger wir mit dem Thema unterwegs sind, umso mehr wächst auch das Problembewusstsein. Auch auf den Feldern Prävention, wo wir mit den Präventionsschulungen für Haupt- und Ehrenamtliche gut vorangekommen sind, und Intervention, die sich kontinuierlich verbessert, auch wenn noch nicht alles ideal läuft, lernen wir weiter hinzu. Das drückt sich dann in Vorhaben wie der Überarbeitung der Gewaltschutzrichtlinie aus, an der wir im BeFo ebenfalls arbeiten. All das machen wir in Wahrnehmung unserer Verantwortung und in der Hoffnung, dass es durch unsere Bemühungen künftig weniger Übergriffe gibt, auch wenn man die vermutlich nie ganz verhindern können wird.

Eule: Aber was ist mit den Missbrauchsfällen aus der Vergangenheit? Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass einem Täter sehr häufig mehrere Taten zugeschrieben werden können. Es gibt fast immer mehr als eine von sexualisierter Gewalt betroffene Person in einem Tatkontext. Klärt die Kirche die angemessen gründlich auf?

Springhart: Wir haben in der badischen Landeskirche eine Studie zu einem anonymisierten Fall veröffentlicht, die bereits mein Vorgänger in Auftrag gegeben hatte. Für diese Studie wurde in die betreffenden Gemeinden gegangen, es wurde mit Betroffenen, Verantwortlichen und Bystandern gesprochen. Vor einiger Zeit haben wir in einem anderen Fall einen öffentlichen Aufruf an mögliche Betroffene gestartet bezüglich eines mutmaßlichen Täters, der sowohl im Rheinland als auch in unserer Landeskirche agiert hat. Der Fall wird seit 2025 durch die Bergische Universität Wuppertal wissenschaftlich aufgearbeitet.

Eule: Fast jede evangelische Landeskirche kann inzwischen auf einzelne Aufarbeitungsstudien verweisen. Hinter dem tatsächlichen Missbrauchsgeschehen, wie es z.B. die „ForuM-Studie“ nahelegt (wir berichteten), bleiben diese Bemühungen dennoch weit zurück.

Springhart: Ich habe ein hohes Interesse daran, dass Licht ins Dunkel kommt. Wir befinden uns bei solchen Fällen jedoch in echten Dilemma-Situationen. Eine Spannung, mit der wir uns auch bei der Revision der Gewaltschutzrichtlinie beschäftigen, ist das Bedürfnis von Betroffenen danach, dass ihre Geschichte nicht ans Licht gezerrt wird. Das halte ich für sehr nachvollziehbar, denn häufig wird der Missbrauch als Makel immer noch den Betroffenen angeklebt. Wir müssen mit der Macht der Scham rechnen.

Deswegen ist es der Normalfall, dass betroffene Menschen sich erst spät melden, manchmal erst nach Jahrzehnten. Ich glaube, das kann man gar nicht häufig genug erklären: Das lange Zögern und Schweigen liegt in der Gewalt begründet, die diesen Menschen angetan wurde. Gerade die überschaubaren Kontexte in unserer Kirche erschweren das Vorgehen, weil wir auf die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten und das Bedürfnis nach Diskretion von Betroffenen Rücksicht nehmen müssen. Beides steht in Spannung zu unserem Anliegen, mögliche weitere Betroffene dazu zu ermutigen, sich zu melden.

Eule: Und wie steht es um die Täter in den eigenen Reihen?

Springhart: Personen, bei denen wir um eine Täterschaft in der Vergangenheit wissen, erhalten keine Geburtstagsbriefe, keine Glückwünsche und im Todesfall gibt es auch keine ausführliche Kondolenz. Das klingt erst einmal harmlos, aber ich glaube genau damit fängt es an. Wenn wir es mit aktuellen Fällen zu tun haben, wird unverzüglich dienstrechtlich gehandelt und die Person wird von ihrer Stelle entfernt.

Auch damit bewegen wir uns allerdings in einem Spannungsfeld, denn wir handeln auf der Grundlage unserer Gewaltschutzrichtlinie, nach der auch Übergriffe inakzeptabel sind, die nicht strafrechtlich geahndet werden. Einen verbeamteten Mitarbeiter können wir sofort für den Zeitraum der Aufklärung eines Tatkontextes freistellen, bei angestellten Mitarbeitern ist das schon schwieriger.

Es bringt mich gelegentlich zur Verzweiflung, dass wir hier sehr klar sind und sagen, dieser Kantor oder Diakon beispielsweise kann da nicht mehr weiterarbeiten, und dann kommen wir in Konflikt mit der Mitarbeitervertretung, mit dem Arbeitsgericht usw. Ich scheue diese Konflikte nicht. Fakt ist aber, dass wir in einem System unterwegs sind, das unser entschiedenes Handeln gelegentlich unterläuft. Und das gilt natürlich auch im Blick auf die Frage, welche Vorgänge wer wann öffentlich macht.

Eule: Kann denn so „die Scham die Seite wechseln“, also von den Betroffenen sexualisierter Gewalt zu den Tätern, wie es Gisèle Pelicot gefordert hat?

Springhart: Ich habe gerade gestern erst einen Beitrag für die Zeitschrift Evangelische Theologie mit genau diesem Satz beendet, möchte aber sagen, dass er auch eine Bruchkante hat: Scham ist ein affektives Gefühl, das man nicht einfach weg reden kann, sondern Teil und Folge des traumatisierenden Ereignisses ist. Der Skandal ist, dass sich nicht die Täter, sondern die Betroffenen dessen schämen, was passiert ist. Das kann ich unterstreichen.

Aber es hilft nicht, wenn statt der Beschämung der Betroffenen jetzt die Beschämung der Täter kommt. Wir brauchen die Herstellung von Gerechtigkeit. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen und verurteilt werden, und es muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht weitere Taten verüben können.

Eule: In Baden-Württemberg haben die großen Kirchen gerade mit den Dachorganisationen des Sports die wechselseitige Anerkennung von Schulungen zur Prävention sexualisierter Gewalt verabredet. Eine Vereinbarung mit Signalwirkung?

Springhart: Ja, das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, bei dem wir gemeinsam als Organisationen mit besonders vielen Ehrenamtlichen Verantwortung übernehmen. Wir treffen uns regelmäßig mit den Spitzenverbänden des Sports in Baden und Württemberg – auch die Sportverbände sind noch badisch und württembergisch getrennt. In den Gesprächen ist inzwischen eine größere Awareness für das Thema gewachsen, so dass wir uns dann gefragt haben, wie wir unsere gemeinsame Verantwortung konkret werden lassen können.

Und so ist es zu dieser Vereinbarung gekommen, die zudem evangelisch-katholisch erarbeitet wurde. Das ist auch keine Selbstverständlichkeit! Wir haben festgelegt, welche Inhalte in den Schulungen enthalten sein müssen. Dabei haben wir die hohen Standards aus dem kirchlichen Bereich angelegt. Und wir haben auch geregelt, dass es Nachschulungen für spezifische Kontexte geben kann.

Eule: Ihr gesellschaftliches Verantwortungsgefühl in allen Ehren, aber wäre es nicht besser, es gäbe staatliche Standards und auch eine Finanzierung der Präventionsmaßnahmen durch das Land oder den Bund?

Springhart: Das wäre beides wünschenswert. Aber darauf zu warten, hilft uns ja nicht weiter.

Banner der Kampagne „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ der mitteldeutschen Kirche (Foto: EKM)

Eule: In Baden-Württemberg ist gerade eine neue Landesregierung gestartet, mit Cem Özdemir (Grüne) als erstem Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes mit Migrationshintergrund. Deutschland schaut derweil gebannt auf die Landtagswahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, bei denen die AfD wohl jeweils stärkste Kraft werden wird.

Ich habe mir das Wahlergebnis in Baden-Württemberg noch einmal angeschaut: 18,8 % der Wähler:innen haben AfD gewählt. Das entspricht rund 1.000.000 Zweitstimmen für die rechtsradikale Partei. So viele Wähler:innen gibt’s in Sachsen-Anhalt insgesamt gar nicht. Wie lebt es sich denn mit 1 Million AfD-Wähler:innen in der Nachbarschaft?

Springhart: Was mich wirklich bedrückt, ist das Wahlergebnis unter den Evangelischen in Baden-Württemberg. 19 % der Evangelischen im Land haben AfD gewählt. [17 % der Katholik:innen, Anm. d. Red.] Natürlich gibt es starke regionale Unterschiede. Die kenne ich. Ich war ja Pfarrerin in Pforzheim, wo die AfD die Nase vorn hat. Mich macht das sehr nachdenklich.

Ein zentrales Thema, das von der AfD bespielt wird, ist der Strukturwandel im ländlichen Raum. Es gibt weniger Hausärzte, der Tante-Emma-Laden macht zu. Dann erleben die Menschen, dass auch die Kirche nicht mehr in dem Maße präsent ist wie früher einmal, dass es jetzt eben übergreifende Kooperationsräume gibt. Nur weil es Kooperationsräume gibt, wählen die Leute sicher nicht AfD. Aber es passt in das Zeitgefühl mancher Menschen: „Keiner sieht uns mehr, wir sind hier die Abgehängten.“ Die AfD hängt Wahlplakate auch da auf, wo sonst keiner mehr welche aufhängt.

Eule: Die Kirchen warnen immer wieder vor der AfD. Halten Sie daran fest?

Springhart: Für mich ist völlig klar, dass die Werte der AfD nicht vereinbar sind mit dem, wofür ich stehe, wofür wir als Kirche stehen. Zugleich sind alle Brandmauer-Reden und die Appelle, die wir als Kirchen machen, bei den AfD-Wählerinnen und -Wählern offensichtlich verhallt. Das ist natürlich nicht überraschend, stellt aber auch die Frage danach, wie wir mit der Situation jetzt in aller Klarheit und wirkungsvoll umgehen.

Ich war als Gast bei der konstituierenden Sitzung des neuen Landtages und bei der Wahl des Ministerpräsidenten auf darauffolgenden Tag dabei. Mir wurde schon mulmig dabei, wie der große AfD-Block im Plenum agiert. Eine Normalisierung des Umgangs mit dieser AfD darf es nicht geben.

Eule: Dass die AfD im Südwesten sehr starke Wahlergebnisse einfährt, ist keine Neuigkeit. Das haben wir bei den Wahlen in den vergangenen zehn Jahren immer wieder erlebt. In Pforzheim wählen zum Beispiel die Russlanddeutschen beständig die AfD. Ihnen tritt man häufig so entgegen wie den Ostdeutschen, nach dem Motto: „Wir müssen euch erstmal noch Demokratie beibringen“. Funktioniert das so nicht oder wurde es in den letzten Jahren einfach nur nicht konsequent versucht?

Springhart: Auch in Pforzheim wählen längst nicht nur Menschen mit russlanddeutschen Wurzeln die AfD. Und andersherum würden viele Menschen in Ostdeutschland die AfD niemals wählen. Aber die von Ressentiments gesteuerte Politik der AfD hat in unserer Gesellschaft einen Nährboden. Damit müssen wir umgehen.

Ich glaube jedoch, dass Paternalismus an keiner Stelle hilft. Die Diskurse in der Kirche werden häufig so geführt, als ob wir uns in moralischen Fragen alle einig wären und immer wüssten, wie es richtig geht. Die anderen haben es halt irgendwie nur noch nicht verstanden. Aus meiner Sicht befördert eine solche Haltung, dass sich Menschen abkehren, die aus Frust oder Enttäuschung oder einem Gefühl, dass es so wie jetzt mit dem Land nicht weitergehen kann, die AfD wählen.

Eule: Auch im Südwesten hat die AfD inzwischen Stammwähler:innen. Das sind doch keine Protest- oder Frustwähler mehr, die an der Wahlurne mal ein Zeichen setzen wollen. Wie kommt die Kirche an diese Menschen heran?

Springhart: Das sind häufig Menschen, die wir mit unseren Angeboten kaum mehr erreichen. Wir sind nicht bei TikTok, da ist die AfD viel besser. Die klassischen Zeitungen werden inzwischen von weit weniger Menschen gelesen als früher. Wenn wir Pressemitteilungen oder -Statements verschicken, werden die, wenn wir Glück haben, in der regionalen Tageszeitung oder gelegentlich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet. Diese Medien nehmen viele Menschen aber gar nicht mehr zur Kenntnis.

Eule: Die Kirche verkündigt ihre Botschaft schon immer in Beziehungen. Wie kann die Kirche denn in Beziehung mit den Menschen treten, zu denen die Gesprächsfäden derzeit abgeschnitten sind?

Springhart: Wir müssen uns von der Kommunikation mit moralistisch enggeführten Appellen verabschieden. Mich bewegt die Frage, wie wir Räume schaffen können, in denen die an einem Tisch sitzen, die sonst nicht mehr miteinander reden – also das, was wir in der EKD „Verständigungsorte“ nennen. Das finde ich auch für uns in Baden erstrebenswert.

Zugleich müssen wir im Blick behalten, dass wir es mit einer Verrohung in allen gesellschaftlichen Schichten zu tun haben, die weit mehr als ein AfD-Phänomen ist – und die ich auch nicht einfach erklären kann. Es macht mich fassungslos und wütend, wie viele rassistische, sexistische und antisemitische Botschaften wieder sagbar geworden sind.

Als Kirche müssen wir besonders auf jene achten, die von diesem gesellschaftlichen Trend an den Rand gedrängt werden, seien das unsere jüdischen Freunde, queere Personen oder Migranten und Geflüchtete. Hier geht es darum, nicht nur zu reden, sondern konkret hinzugehen, in Beziehung zu bleiben und hörbar dafür einzutreten, dass sie sich nicht bedroht fühlen.

Eule: Hat Ihre Kirche dazu überhaupt noch die Kraft?

Springhart: Ja, aber wir binden zu viel Energie in unseren eigenen Strukturprozessen. Das ist verständlich, denn sie sind kompliziert und häufig auch konfliktbeladen. Aber unsere Strukturen sind nur Mittel zum Zweck. Wir müssen aufpassen, Veränderungen innerhalb der Kirche nicht mit einer Dramatik aufzuladen, die sie – bei aller Schmerzhaftigkeit – manchmal vielleicht gar nicht haben.

Ich glaube, dass es auch eine Befreiung reinbringt in unsere Debatten, wenn wir darauf schauen, wie Kirche anderswo ist, vor welchen Herausforderungen Christinnen und Christen am anderen Ende der Welt oder am anderen Ende der Republik stehen. Wenn wir die Welt um uns herum vergessen, die nahe und die ferne Welt, dann haben wir auch unseren Auftrag vergessen.


Alle Eule-Beiträge zum Themenschwerpunkt „Missbrauch evangelisch“.


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Das Interview führte Eule-Redakteur Philipp Greifenstein.

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