Gemeinsam durch die Klimakrise?
Fünf Jahre ist die Flutkatastrophe an Ahr und Erft inzwischen her. Während an die Opfer erinnert wird, ist die Klimapolitik mitten im Rollback. Was ist aus der Klimaschützerin Kirche geworden?

Liebe Eule-Leser:innen,
„Vieles ist nicht mehr, wie es mal war – und wird es auch nicht wieder sein“, sagt Rolf Stahl, Superintendent des Kirchenkreises Koblenz, bei seinem Bericht vor der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), die fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal erstmals wieder für zwei Tage in Bad Neuenahr zu Gast ist. Von 1976 bis 2020 hatte die rheinische Landessynode 45 Mal in der Stadt getagt. Seit der Flut ist vieles anders.
Bei der Flutkatastrophe zwischen dem 12. und dem 15. Juli 2021 starben in Deutschland und Belgien mindestens 220 Menschen. Bei einer Gedenkfeier im nordrhein-westfälischen Landtag am kommenden Dienstag soll an die Opfer und Folgen der Flut erinnert werden. Dazu reist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an, auch Superintendentin Claudia Müller-Bück (Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel) wird eine Rede halten.
Die EKiR schaut fünf Jahre nach der Katastrophe auf viele Zeichen der Solidarität zurück, bewertet die Ergebnisse der millionenschweren Hilfsprogramme und sieht auch den Schaden für die Seelen der Menschen in der Region. „An Tauffeste an der Ahr ist momentan nicht zu denken. Und Psalmen, in denen das Wort Flut auftaucht oder die lebensspendende Kraft des Wassers beschrieben wird, sind schwierig,“ erklärt Sung Kwon Kim, der neue Gemeindepfarrer von Bad Neuenahr.
Dass aus den extremen Regenfällen eine Flutkatastrophe mit vielen Toten und noch mehr an Leib und Seele verwundeten Menschen wurde, die das Gesicht der Region auf viele Jahre hin prägt, lag an vielen Faktoren. Untersuchungsausschüsse der Landtage der betroffenen Länder haben die sie genauso wie Wissenschaftler:innen und Expert:innen unterschiedlicher Disziplinen zu ergründen versucht. Extremwetterereignisse wie damals haben wir in Europa seitdem immer wieder erlebt. Zuletzt eine Hitzewelle, an der dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge mehr als 4.000 Menschen gestorben sind. Solche Extreme gehören zur Realität der Klimakrise, in die wir uns hineinmanövriert haben.
Vieles wird nicht mehr wieder so werden, wie es einmal war. Sinnvolles Agieren in der Klimakrise heißt, gegen ihre Verschärfung vorzugehen und ihre Folgen zu lindern, und kann nur im Dreischritt von politischem, gemeinschaftlichem und individuellem Handeln gelingen. Wo stehen wir im heißen Sommer 2026?
Dass Extremwetterereignisse wie damals an Ahr und Erft durch den menschengemachten weltweiten Temperaturanstieg viel wahrscheinlicher werden, haben Forscher:innen unmittelbar nach der Katastrophe 2021 zeigen können. Dass die heißen und trockenen Sommer seither „nicht normal“ sind, erzählen sich Nachbar:innen über den Gartenzaun.
Darüber, wie die Hitzetoten im RKI-Bericht, siehe epd-Meldung, zu verstehen sind, wird politisch und medial gestritten. Das Stichwort „Übersterblichkeit“ kennen wir noch aus der Corona-Pandemie. Die meisten Hitzetoten waren alt und vorerkrankt. Gegen die extreme Hitze sinnfällig vorzugehen, erschöpft sich aber nicht in der Installation von Klimaanlagen in Pflegeheimen. Die meisten Angehörigen von Risikogruppen wohnen in Privatwohnungen, besonders betroffen sind alleinlebende und arme Menschen.
Politisch ist aus den in den vergangenen Jahren gewachsenen Erkenntnissen bisher wenig geworden. Heute hat der Deutsche Bundestag dem Wunsch der Regierungskoalition von CDU/CSU und SPD nach das Heizungsgesetz aufgeweicht. Als Reaktion auf den Reformdruck in der Wirtschaft arbeitet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) an weiteren Entschärfungen der deutschen und europäischen Klimaschutzgesetze. Aber die Arbeitsplätze in der Auto-Industrie! Aber, aber, aber …
Wo bleibt die Verlässlichkeit?
Über das mangelnde Rückgrat in Sachen Klimaschutz sind viele Menschen enttäuscht. In klimabewegten Kreisen herrscht blankes Entsetzen darüber, in welche Richtung sich die deutsche Politik derzeit bewegt. Noch viel weiter verbreitet ist das Kopfschütteln darüber, dass der Staat beim Katastrophen- und Bevölkerungsschutz nicht konsequent nachrüstet. Die Klimakrisenfolgen fortdauernd unfair zu schultern, wächst sich zu einer Gefahr für das demokratische Miteinander aus.
Zu dieser Unsicherheit gehört auch, dass Privatpersonen, Unternehmen und nicht zuletzt die Kirchen, sich auf die Zielformulierungen der Politik derzeit nicht verlassen können. Beispiel Heizungen: Mit großen Engagement rüsten die Kirchen ihren Gebäudebestand derzeit um, vermitteln auch „in der Fläche“, dass der Abschied von vielen Liegenschaften notwendig ist, weil sie unter Klimaschutzgesichtspunkten nicht wirtschaftlich betrieben werden können. All jenen, die sich tatsächlich an die Umsetzung von Klimaschutzpolitik gemacht haben, erweist die Bundesregierung mit ihrem Hü-hott-Kurs einen Bärendienst.
Politik und mediale Öffentlichkeit kreisen immer wieder um die selben Sachfragen, als ob sich die Klimakrise zwischenzeitlich entspannt oder gar erledigt hätte. Auch innerkirchlich hat der Einsatz für den Klimaschutz einen schwierigen Stand, wurde bereits vor drei Jahren – wir berichteten – als ein „Triggerpunkt“ identifiziert, an dem sich spaltende Diskussionen entzünden könn(t)en, die man von Seiten der Kirchenleitungen in Zeiten des Mitgliederschwunds gerne vermeidet.
Ein schwaches Zeugnis
Seit Ende November 2025 (s. hier & hier in der Eule) hat sich zum Beispiel die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nicht mehr mit einem Votum oder einer Bekanntmachung von Klimaschutz-Projekten, -Aktionen oder -Protesten an die Öffentlichkeit gewandt. Ein schwaches Zeugnis ausgerechnet im Kalenderjahr nach der vielfach kritisierten EKD-Klimakampagne. Der Blick auf die letzte EKD-Pressemitteilung zum Klima verrät noch mehr:
Damals forderten 62 evangelische und katholische Organisationen gemeinsam die Bundesregierung zu einer konsistenten und konsequenten Klimaschutzpolitik auf. Den von der Klima-Allianz koordinierten Appell (PDF) unterstützten neben der EKD mehrere evangelische Landeskirchen, katholische Bistümer, (Wohlfahrts-)Verbände und kirchliche Arbeitsstellen. Die Beauftragte für Schöpfungsverantwortung des Rates der EKD, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Nordkirche), forderte „ein starkes Klimaschutzprogramm, den konsequenten Ausstieg aus fossilen Energien und eine sozial gerechte Ausweitung des Emissionshandels“.
Nicht nur stoßen solche Appelle bei der aktuellen Bundesregierung offenbar auf taube Ohren, sie genießen auch innerkirchlich einen zweifelhaften Ruf. Dass man mit Klimaschutzengagement derzeit „keinen Blumentopf gewinnt“, ist zur Weisheit der kirchlichen Büroflure geronnen. Im besten Fall lässt man die hauseigenen Klimaschützer:innen und -Manager:innen auf Grundlage der durchaus ambitionierten (evangelischen) kirchlichen Klimaschutzgesetze weiterarbeiten und hofft im Stillen, auch Staat und Politik mögen sich an ihre Verpflichtung gegenüber den zukünftigen Generationen erinnern.
Wer wird zur Klimaschutzanwält:in?
Bevor sich die EKD an einer eigenen Klimakampagne top-down versuchte, deren Website bis heute nur ein klägliches Bild vom flächendeckenden, herzlichen Engagement in ihren Gliedkirchen zeigt, war die evangelische Kirche einmal Partnerin derjenigen in unserer Gesellschaft, die der Klimapolitik Dampf unterm Hintern gemacht haben. Heute lässt man sich von den Forderungen der Jugend nach einer konsequenten Klimapolitik, wie sie z.B. auf dem Katholikentag 2026 in Würzburg wieder zu Gehör gebracht wurden, nur noch stundenweise irritieren.
Die Kooperation mit „Fridays for Future“ und die Gesprächsangebote in Richtung der „Letzten Generation“ haben der Kirche stets auch ärgerliche Post von Kirchenmitgliedern beschert. Getragen war der Einsatz allerdings von der Überzeugung, den zukünftigen Generationen als Christ:innen etwas schuldig zu sein. „Klimaschutz ist mehr als Umweltpolitik, sondern eine zutiefst ethische und theologische Forderung“, erklärte die EKD-Schöpfungsbewahrungsbeauftragte Kühnbaum-Schmidt noch im vergangenen Herbst:
„Wir tragen Sorge für Gottes Schöpfung, für die Menschen, die heute unter dem Klimawandel besonders leiden, und für diejenigen, die nach uns kommen.“
Derweil zeigt eine neue Studie des Bundesumweltamtes, über die auch der epd kurz berichtete, „dass der Umwelt- und Klimaschutz bei den 14- bis 22-Jährigen in Deutschland weiter an Bedeutung verliert“. Sicherheit und soziale Gerechtigkeit drängen sich als Probleme in den Vordergrund. Wer mag es den wirklich jungen Menschen angesichts der Debatten über Wehrpflicht und Sozialstaatsreform verdenken?
Dass „nur“ noch rund ein Drittel der Befragten den Umwelt- und Klimaschutz als „sehr wichtig“ empfindet (2021 waren es noch rund die Hälfte der Befragten), mag allerdings auch an Ernüchterung und Verzweiflung liegen. Der epd berichtet:
„Der gesellschaftlichen Zukunft Deutschlands sehen der Umfrage zufolge 73 Prozent der Befragten pessimistisch entgegen, während es bei einer Erhebung vor vier Jahren noch 54 Prozent waren. Zudem haben 69 Prozent der jungen Menschen bei der Umfrage angegeben, dass die Bundesregierung nicht genug für Umwelt- und Klimaschutz unternehme.
Umweltbundesamts-Präsident Dirk Messner erklärte, der zunehmende Pessimismus junger Menschen solle zu denken geben. Er rief bei der Vorstellung der Studie dazu auf, der nächsten Generation eine lebenswerte Zukunft zu bieten, indem man ihr einen intakten Planeten hinterlasse. „Ein wichtiger Schlüssel ist es, junge Menschen umweltpolitisch noch stärker zu beteiligen“, sagte Messner.“
Politische Teilhabe ermöglichen, Selbstwirksamkeit erlebbar machen und Vereinzelung auflösen – das sind doch eigentlich Stärken kirchlicher Arbeit?! Für Umwelt- und Klimaschutz und gegen die Folgen der Klimakrise gemeinsam anzutreten, wäre womöglich sogar ein Beitrag zur gesellschaftspolitischen Klimaverbesserung.
Aktuell im Magazin
Das (post-)moderne katholische Schisma – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)
Nach der unerlaubten Bischofsweihe sind die Piusbrüder nun richtig raus aus der römisch-katholischen Kirche. Eine weitaus größere Abkehrbewegung erhält hingegen viel weniger Aufmerksamkeit.
Vielleicht aber hilft es, „Schisma“ in seinem engeren Sinn als Begriff aus dem römisch-katholischen Kirchenrecht zu verstehen? Dann ist damit einfach nur die Abkehr vom Gehorsam gegenüber dem Papst (und den ihm treuen Bischöfen) gemeint (Can. 751 des CIC), auf die als automatische Konsequenz die Exkommunikation folgt. Ganz egal, ob diese explizit festgestellt wird oder nicht.
Eine Abkehr von der römisch-katholischen Kirche haben in Deutschland im vergangenen Jahr ausweislich der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) 307.000 Menschen durch ihren Kirchenaustritt vollzogen. Vielleicht entgeht den Männern, die auf Tradis starren, doch die entscheidende Abkehrbewegung?
Eule-Podcast RE: Juni 2026: Nmecha-Debatte, „einfach heiraten“ und Kirchenasyl – Michael Greder und Philipp Greifenstein (59 Minuten)
Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ ordnen Podcast-Host Michael Greder und ich die Debatte um den Gebetskreis von Nationalspieler Felix Nmecha ein. Außerdem geht es um die Aktion „einfach heiraten“, bei der sich Paare spontan trauen und segnen lassen konnten, und das 26. Berliner Symposium zum Flüchtlingsschutz.
Abschied von „Anders Amen“: Das beste evangelische Medienprojekt – Philipp Greifenstein
Nach sechs Jahren verabschieden sich Ellen und Steffi Radtke mit ihrem YouTube-Kanal „Anders Amen“ aus Öffentlichkeit und #digitaleKirche. Ein Nachruf auf das beste evangelische Medienprojekt.
Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich der „Re:mind“-Newsletter – aber nicht Die Eule – in die Sommerferien. Den nächsten „Re:mind“-Newsletter gibt es am 7. August. Bis dahin erscheinen im Online-Magazin aber weiterhin spannende Beiträge, die Leser:innen und Hörer:innen der Eule durch den Sommer begleiten.
Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.“
– aus „Laudato si'“ von Papst Franziskus (Nr. 244)
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