Kolumne Sektion F

Starre Männlichkeit aufmischen?!

„Manosphere“, Femizide und „Männer in der Mitte“: Auf der Suche nach einer Männlichkeit zwischen toxischer Dominanz und orientierungsloser Beliebigkeit.

„Besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen“ – Die launige Empfehlung von Dirk Peglow im „heute journal“ bei Moderatorin Dunja Hayali im April 2026 schlug (sozial-)medial ein. Besonders in männlich dominierten (Online-)Räumen sorgte die Erinnerung des Vorsitzenden des Bundes deutscher Kriminalbeamter für große Aufregung, dass das Risiko für Frauen, von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt betroffen zu sein, in Partnerschaften mit Männern größer ist als die Gefahr durch einen „fremden Mann, der hinter dem Busch wartet“.

Die Aufregung hatte sicher auch etwas mit dem Sprecher zu tun. Denn mit Peglow warnte gerade kein in den Augen des Online-Mobs verdächtig „verweichlichter“ Mann oder „linksgrüner“ Feminist vor dem Risiko von Sexual- und Tötungsdelikten im sozialen Nahraum, sondern ein Polizeibeamter mit jahrelanger Ermittlungserfahrung.

Die Kriminalstatistik spricht eine klare Sprache, auch wenn sie nur das „Hellfeld“ der Kriminalität beschreibt. Peglow warnt: „Jeden Tag werden in Deutschland mindestens zwei Frauen und Mädchen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdeliktes.“ Für Frauen stellt das männliche soziale Nahumfeld die größte Gefahr für Seele, Leib und Leben dar. Auch deshalb wird darüber diskutiert, den ursprünglich sozialwissenschaftlichen Begriff Femizid und damit die Gefahr von Tötungen von Frauen als Frauen stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Männer, die vor Männern warnen? Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September mahnten die Kirchen im Land die Bevölkerung, „nicht ins Blaue hinein zu wählen“. Ein Ratschlag, den 43 % der Wählenden in den Wind schlugen. In ihren Beschreibungen der Lage im Bundesland vor der Wahl sprachen die beiden leitenden Kirchenmänner der mitteldeutschen und anhaltischen Kirche auch die Situation von Frauen an.

„Besonders Frauen auf dem Land haben zunehmend Angst vor einer politischen Entwicklung, die sprachliche Gewalt und Bereitschaft zur Übergriffigkeit verstärkt und die Grenze des Sagbaren immer weiter verschiebt“, erklärte Karsten Wolkenhauer, der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Und Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), berichtete im Eule-Interview, die Frauen im Land „spür[t]en die Bedrohung, auch durch den aggressiven Männlichkeitskult, den die AfD pflegt“.

„Starke Männer übernehmen Verantwortung“

Dass Männer sich kritisch-konstruktiv mit (ihrer) Männlichkeit auseinandersetzen, ist in unserer politisch-gesellschaftlichen Situation dringend nötig. Wo geschieht das? Als Theologin und weibliches Grünen-Mitglied bin ich aktuell zwei Mal fündig geworden:

Eine zeitgemäße „Einladung für moderne Männlichkeit“ wollen führende Grüne-Politiker*innen mit dem Papier „Starke Männer übernehmen Verantwortung“ (PDF) formuliert haben. Die Grünen wollen damit, interpretiert der SPIEGEL (€), von ihrem „Softie-Image“ wegkommen. Der Grüne Bundestagsabgeordnete und ehemalige Fraktionschef Anton Hofreiter kritisiert, dass es „im linken Lager kein positives Bild moderner Männlichkeit“ gäbe.

Die Partei will zugleich der „toxischen Männlichkeit“ der „Manosphere“ ein anderes Männlichkeitsbild entgegensetzen und für die jungen Männer attraktiv werden, die sich von solchen Männlichkeitsidealen begeistern lassen – aber ohne ihnen „nur“ mit Verboten oder Kritik zu begegnen. Das ist ein schwieriges Projekt! Was steht nun aber in dem Papier?

Die Diagnose der grünen Autor*innen ist so klar wie vereindeutigend (und vereinfachend): „Jahrhundertelang“ sei Männlichkeit über Dominanz definiert worden. Das habe insbesondere bei Frauen „Leid verursacht“, wogegen der Feminismus kämpfe. Dabei sei aber nur geklärt worden, was Männer nicht sein sollten: „nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend.“ Weil unklar geblieben sei, was Männer positiv auszeichne, erhielten nun „alte Bilder“ Zulauf, z. B. durch „Manosphere“-Influencer wie Andrew Tate.

Dagegen setzen die Autor*innen eine „moderne Männlichkeit“ mit einem umfassenden Verständnis von „Stärke“ sowie „die Freiheit, der Mann zu sein, der du sein willst – in der Verantwortung für andere“, denn: „Das alte Männerbild war ein Käfig, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer selbst.“ Das Papier führt das an unterschiedlichen Bildern aus: Des Vaters, des Partners, des Kollegen und auch desjenigen, der die Fähigkeit hat „Nein zu sagen zu den Erwartungen, die nicht zu dir passen“. „Du darfst weinen. Du darfst Hilfe brauchen und sie in Anspruch nehmen. Das ist keine Schwäche – das ist Menschsein.“

Geht es also bei einer „modernen Männlichkeit“ am Ende gar nicht um spezifisch „männliche“ Eigenschaften, Stärken oder Schwächen, sondern um ein Bild von Menschlichkeit, das eben nicht geschlechtsspezifisch gekennzeichnet ist? Das ist eine Nachfrage, die ich hier in der „Sektion F“-Kolumne bereits an Hans-Martin Gutmanns Plädoyer „Wir brauchen Väterlichkeit“ hatte. Brauchen wir nicht dringend den Ausstieg aus binären Geschlechterbildern? Oder bedeutet der Verzicht auf spezifisch „positive“ Männlichkeitsbilder, Männer aus einer besonderen Verantwortung zu entlassen?

„Mehr Freiheit für alle!“

Das nur fünf Seiten lange Grünen-Papier bleibt erstmal im Ungefähren. Einerseits soll die „moderne Männlichkeit“ ein neues Angebot sein, das Mann so von den Grünen vielleicht nicht erwartet hat, andererseits wird sie als Teil der feministischen DNA der Grünen beschrieben: „Feminismus kämpft dafür, Frauen von einengenden Rollenbildern zu befreien. Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit. Sie befreit Männer von einengenden Rollenbildern. Das sind keine konkurrierenden Projekte, sondern Projekte mit dem gleichen Ziel: Mehr Freiheit für alle.“

Genau das: Freiheit für alle vom Patriarchat und damit einhergehenden Rollenerwartungen, scheint mir Feminismus in a nutshell zu sein. Aber anscheinend müssen auch Grüne noch einmal differenzieren und ihre „neue“ Pointierung vor dem historischen Erbe des Feminismus, dem es zuerst um Frauen ging, vertreten?

„Das alte Männerbild war eine Rollen-Diktatur“, stellen die Grünen Politiker*innen klar und zählen einige an dieser Rollen-Diktatur kratzende Elemente auf: Schwulsein, Sensibilität, Künstlersein. Diese seien aber keine Gegensätze zum Mannsein. Der gemeinsame Nenner sei „Verantwortung“ und zwar auch „[d]ie Verantwortung, Strukturen zu bekämpfen, die andere Menschen einschränken, egal welchen Geschlechts.“ Auch hier zeigt sich eine Tendenz, von binären Geschlechtervorstellungen abzusehen.

Eine „moderne Männlichkeit“, die nicht in Konkurrenz zu Feminismus steht, aber mit ihm auch nicht vollständig identisch ist, soll laut dem Grünen-Papier ein Angebot sein, damit „ein 15-jähriger Junge heute nicht zwischen toxischer Dominanz und orientierungsloser Beliebigkeit wählen muss“.

Ein „positiver“ Gegenentwurf – wogegen?

Wie prägend das Verständnis einer als „stark“ verstandenen Männlichkeit unter Männern zwischen 18 und 35 nach wie vor ist, hat eine Studie von Plan International gezeigt, die im erstmals im Juni 2026 veröffentlichten Infodienst „Stoffsammlung #M“ des Studienzentrums der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie zitiert wird. Demnach heißt Männlichkeit für viele der befragten Männer, Probleme selbst lösen zu müssen (78%). Schwulsein in der Öffentlichkeit wird als störend empfunden (48%). 34 % der Befragten meinen, dass Partnerinnen durch Handgreiflichkeiten Respekt eingeflößt werden muss.

Wie kann man solchen Einstellungen begegnen, wenn doch anscheinend nicht alle das alle Menschen befreiende Potenzial von Feminismus erkannt haben? Und ich merke: Meine Kritik daran, dass binäre Geschlechtervorstellungen noch fortgeschrieben werden, setzt an einem Punkt an, der in der Männerarbeit anscheinend nicht wirklich im Fokus steht und auch im Text der Grünen nur am Rande aufscheint, aber nicht als Ausgangs- oder Zielpunkt formuliert wird. Ist das strategisch motiviert?

Braucht es erst einmal eine Diversifizierung von Männlichkeiten, bevor geschlechtsunspezifische Menschlichkeit als Vision entworfen werden kann? Dass je nach Sprache Menschheit und Männlichkeit synonym und die Normvorstellung von Menschsein weitgehend maskulin geprägt sind, ist mir bewusst. Braucht es also erst einmal das Aufmischen von starrer Männlichkeit, um später auf non-binäre Menschheitsideale zu kommen? Ist die Rede von einer spezifischen Verantwortung von Männern, wie sie die Grünen und Hans-Martin Gutmann einüben, ein umständlicher und am Ende überflüssiger Umweg oder ist sie ein notwendiger Zugang, der (jungen) Männern geschaffen werden muss?

Der Autor der „Stoffsammlung #M“, Lucas Schucht, weist ausdrücklich auf die Methode der „positiven Narrative“ hin. Sie setzen bei „Männern in der Mitte“ an, also nicht bei denjenigen, die schon für oder gegen Gleichstellung aktiv sind. Männer sollten da abgeholt werden, wo sie sind, und weniger Kritik geäußert als Anreize geschaffen werden. Männer sollen inspiriert und nicht belehrt werden.

„Realpolitisch“, das zeigen nicht zuletzt die jüngsten Erfolge der AfD bei jungen und männlichen Wählern, wäre schon Einiges geschafft, wenn sich positive Narrative von „moderner Männlichkeit“ oder andere Impulse zur Vervielfältigung von Männlichkeitsbildern herumsprächen. Lucas Schucht sucht übrigens derzeit solche positive Erzählungen über Männlichkeit. Die kreativsten Ideen sollen in der nächsten „Stoffsammlung #M“ veröffentlicht werden.


Alle Ausgaben der Kolumne „Sektion F“ von Carlotta Israel hier in der Eule.


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