Essay Kirche und Kunst

Meine (fast) leere Kirche

Wie lebt es sich in und um leere Kirchen? Was geschieht, wenn eine Dorfkirche ihren Zweck einbüßt und doch einfach stehen bleibt?

Als Autorin für Sprache in Wort und Bild hat sich Eva von Schirach auf eine vierwöchige Erkundung in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt begeben. Wie leben die Menschen mit ihrer Kirche, die doch zunehmend leer steht? In diesem Text schaut sie – angeregt von Elinor Hökes Beobachtungen von der „Manifesta 16“ im Ruhrgebiet – auf Begegnungen am Gartenzaun und mit dem Kirchenraum zurück.


Vielleicht geht es leichter mit dem Auffinden einer Lösung für die vielen leeren Kirchen in Deutschland, wenn wir uns nicht mit den Kirchen, sondern mit den Menschen beschäftigen.

Das lese ich so in meinem Notizbuch, ganz offensichtlich von mir aufgeschrieben während meiner kleinen Erkundung/künstlerischen Forschung in einem kleinen Dorf mit einer kleinen, leeren Kirche in einem kleinen Bundesland.

Nicht die Menschen sind leer, verloren und bedürftig, sondern die Kirchen.

Das steht auch in meinem Notizbuch.

Die Kirche und die große Verkleinerung

„Wenn die Zahlen kleiner werden, die Mitglieder weniger, Mittel und Einfluss geringer, dann kann man sich der Gedankenlosigkeit von Zahlenreihen und ihrer Verwaltung überlassen. Man kann aber auch andere Zugänge wählen, zum Beispiel: minderheitlich werden.“ (Dietrich Sagert: „minderheitlich werden. Experiment und Unterscheidung“, S. 7)

Das Klingt für mich interessant und vertraut. Umbau ist immer. Als Europäische Ethnologin/empirische Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin mit einem Hang zu partizipativen Kunstprojekten in (leeren) Kirchen kann ich der Position des Marginalen1 leicht etwas abgewinnen – vorausgesetzt ich habe meine Randständigkeit selbstgewählt.

Von hier bietet sich mir ein anderer Blick auf Marginalisierungen als von der gut gefüllten Mitte aus. Ich bleibe (eher) beweglich, fühle mich wohl dabei, kein Festhalten an (immer schon) zu großen Denkgebäuden, Konzepten und Manifesten in meinem eigenen Denkgebäude zu dulden. Als Nicht-Kirchen-Mitglied betrete ich jede (leere) Kirche als eine, die nicht dazugehört. Gehört die Kirche nicht zu mir oder ich nicht zur Kirche?

Ausgehend vom „Kirchenmanifest“ sind Anne Brisgen, Pfarrerin und theologische Referentin am Zentrum für Gottesdienst- und Predigtkultur, und ich zusammengekommen, um uns über leere Kirchen auszutauschen. Und von den leeren Kirchen sind wir zu den Menschen gekommen. Wir haben uns zum einen gefragt, wie es einer Kirche geht, die leer geworden ist und zum anderen, wie es denen geht, die der Kirche fehlen. Kurz: Sprache spielt eine große Rolle. Wer spricht. Wer hört zu. Wer wird gehört. Wer soll Gehör finden. Wie sprechen wir miteinander. Wer ist „wir“?


Minderheitlich-Werden ist die kircheninterne Begrifflichkeit, die das Verlernen als komplexen Lernprozess2 beschreibt. Minderheitlich-Werden ist eine Praxis, die viel zu bieten hat und ganz offensichtlich gut in unsere Zeit passt. Wir alle sind auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Räumen eingebunden in diese Transformationsprozesse (und die mit ihnen verbundenen Diskurse).

So auch die „Manifesta 16“. Mit dem Titel „Das ist keine Kirche. 15 Wochen Kultur in eurer Nachbarschaft“ wendet sie sich den leeren Kirchen zu, um dem Einflussverlust der Kirchen positiv zu begegnen.

„Das Team der Creative Mediators wurde eingeladen, alternative Ansätze und Instrumente für die Transformation dieser Orte zu entwickeln. […] Die Menschen suchen wieder nach Ritualen. Nicht unbedingt nach religiösen Ritualen, sondern nach Ritualen des Zusammenkommens, der Fürsorge, der Teilhabe und der Gemeinschaft.“ (aus dem Programm der „Manifesta 16“)

In ihrem Artikel über die „Manifesta 16“ reagiert Elinor Viska Amrei Höke mit einer rhetorischen Frage auf dieses Programm: „Ist es nicht auch eine bildungsbürgerliche Utopie, dass gerade Kunstaustellungen Orte der nachbarschaftlichen Begegnung sind?“ Sie hat sich dazu entschieden, nicht direkt zu formulieren, was sie sagen möchte.

Nun versuche ich es hier leicht vergröbernd und roh: 1. Eine leere Kirche besitzt nicht nichts, ehe sie mit Kunst gefüllt wird. 2. Kunst ist kein Garant für Gemeinschaft. 3. Gemeinschaft ist kein Garant für Solidarität. 4. Weil die Kirche leer ist, werden die Menschen nicht kulturlos.

Kultur, so sehe ich es, ist das gegenüber von Gesellschaft. Sie ist also nichts, wohin wir uns zurückziehen, wenn wir auf der Suche nach Krafttankstellen sind oder eine Auszeit brauchen von dem vielen Gewusel im Kopf und/oder den äußeren Einflüssen. Kultur ist das, was wir alle täglich unternehmen. Kultur ist nicht das, was (von mir) via Kunstwerke in die leere Kirche gebracht wird oder was ich durch meine künstlerische Tätigkeit vor Ort herstelle. „Culture as a whole way of life“ meint „Kultur als gesamte Lebensweise“3. Auch Alltagshandeln ist Kultur. Hier zeigt sich, wie wir immer neu Bedeutungen aushandeln und Welt gestalten. Was Kunst ist, weiß ich nicht. Ich mach’s einfach.

So bin ich nun im Auftrag des Zentrums für Gottesdienst- und Predigtkultur fast vier Wochen unterwegs, um mit den Menschen vor Ort darüber zu sprechen, wie es sich denn lebt in einem Dorf mit einer leeren Kirche.

Und weil die nicht nur Kirche leer, sondern auch zu ist, muss ich mir erst den Schlüssel besorgen, ehe ich hineingehen und fotografieren kann.

Kirche kann viel anrichten

Der „Manifesta16“-Titel „Das ist keine Kirche“ ist eine Adaption von „Ceci n’est pas une pipe“. René Magrittes Pfeifenbild besteht aus einer gemalten Pfeife und der ebenfalls gemalten Zeile „Das ist keine Pfeife“.

Ich höre, wie diese Bild spricht, kenne zwar niemanden mehr, der Pfeife raucht, bin aber mit dem Gegenstand Pfeife vertraut und reagiere umgehend mit der für mich üblichen Skepsis auf die dort festgehaltene Aussage: Doch, das ist schon eine Pfeife. Ich kann sie nur nicht rauchen. Oder ich sage zu mir: Nein. Das, was da steht, stimmt. Denn es ist wirklich keine Pfeife, sondern ein Text, der von sich selbst behauptet, keine Pfeife zu sein. Und die Pfeife ist einfach eine gemalte Pfeife, die ich, wie auch den Text und das ganze Gemälde, nicht rauchen kann, selbst wenn ich will, was glücklicherweise aber nicht der Fall ist.

Aber es geht gar nicht um die Pfeife (gemalt und geschrieben) auf dem Bild, sondern um die Ikone. Es geht um das Symbol und seine Analogien. Ist es nun eine Kirche oder ist es keine? Was mache ich und was lasse ich, wenn ich drin bin? Rauchen, schlafen, singen, glauben. Spielfilme auf die Wände projizieren, Wein oder Kaffee trinken. Arbeiten.

Alles, was ich in der Kirche tue, ist sofort mit unfassbar viel Bedeutung aufgeladen. Ich lese diese Bedeutungen in das Gebäude hinein, und zu wissen, dass ich das kann, macht es nicht leichter. Die Pfeife, die ich weder rauche noch nicht rauche, die Kirche, die mir nicht sagt, was sie ist oder was ich mit ihr machen soll. Das Offensichtliche, was so oft erst im Nachhinein erkannt wird (von wem?). Der unwirkliche Qualm aus Magrittes nicht angesteckter Pfeife (= surrealistische Ikone), mein in der Kirche vergessener Kaffee, das Schultern meiner eigenen Erwartungen. Das Gedicht, welches mir meine Tochter via WhatsApp zuschickt und von mir nicht zu Ende gelesen wird. Weil ich sofort am Inhalt vorbei denke:

Ach, das ist doch von der Frau mit der Pelztasse. Das Gedicht lese ich später irgendwann nochmal in Ruhe. Jetzt habe ich nur die Künstlerin Meret Oppenheim im Kopf und die von ihr erschaffene surrealistische Ikone: Eine mit chinesischem Gazellenfell überzogene Tasse plus Untertasse und Löffel. Ein sich durch den Pelzüberzug selbst verklärender historischer Gegenstand des täglichen Gebrauchs. Die Pelztasse als Stein meines Anstoßes. Wer einmal davon gehört hat, vergisst sie nicht mehr so leicht.

Kenne ich, denke ich. Das ist doch meine Kirche.

Wenn ich auf meiner kleinen Kirche ein Schild anbringe „Das ist keine Kirche“ ist sie immer noch eine Kirche. Ich bin für die (damit meine ich, die kirchennahen wie kirchenfernen) Menschen im Dorf „die mit unserer Kirche“, und dabei hat diese Zuschreibung immer eine andere Qualität und es gibt gar nichts zu enträtseln.

Auf Nachfrage (Was machen Sie denn genau da drin?) gebe ich zurückhaltend Auskunft und wirke anscheinend glaubwürdig in meiner Suche nach dem für diese Kirche passenden fotografischen Ansatz: Einen Plan habe ich schon, kann aber noch nicht richtig darüber reden. Später weiß ich’s besser und sage: Ich versuche antidokumentarisch diese Kirche zu dokumentieren.

Ich betrete also diese Kirche als realen Ort meines täglichen Gebrauchs.
Hier muss ich nichts gestalten, denke ich mir und fühle mich angekommen.


Zunächst das, was auf der Hand liegt: Die von uns für dieses Projekt ausgewählte leere Dorfkirche ist gar keine leere Dorfkirche, sondern nur eine fast leere Dorfkirche. Ab und zu finden Gottesdienste statt und diese werden von wenigen Menschen besucht. Ich kann auch sagen, die Gottesdienste werden von einigen Menschen besucht. Oder: Alle Gottesdienste, die angeboten werden, werden auch besucht. Oft kommen auch noch Menschen aus anderen Gemeinden hinzu. So wie ich es verstanden habe, geht es dabei gar nicht um die kleine Kirche, sondern um den Gedanken, für die Pfarrperson etwas Nettes zu tun.

Wo ist also der Mangel? Was fehlt zur Leere?

Es ist eine Frage der Relation. Die in alle Richtungen (auch von mir) formulierte „Leere“, das „Abgeschnittensein“ ist immer eingebettet in Zeit und Raum. Spreche ich in der Großstadt über das Land, ernte ich befremdliche Blicke. Dafür treffe ich auf dem Land niemanden, der Wiesen und weiten Himmel gegen Müll, Verkehrschaos und Lärm tauschen möchte. Alle leben gerne hier auf dem Dorf. Auch die, die eigentlich lieber nicht in diesem Dorf leben würden.

Ich sperre die kleine Kirche auf, arbeite innendrin tagelang allein vor mich hin, laufe zwischendurch im Dorf herum, unterhalte mich über den Gartenzaun, besuche Menschen in ihren Wohnungen, werde durchs Kulturhaus geführt oder verabrede mich einfach an der frischen Luft.

Als ich einige Jugendliche (nach der Tanzprobe für das nächste Sommerfest) auf dem Platz vor der Kirche anspreche und einlade, sich einfach so mal die Kirche innen anzusehen, ist die Reaktion: „Nein Danke. Wir haben auch so eine zuhause bei uns auf dem Dorf.“ Erst später fällt mir auf, dass niemand (mich eingeschlossen) vorschlägt, sich für ein Gespräch in der Kirche zu treffen.

Die Bedeutung der Kirche liegt in ihrer Bedeutungslosigkeit

Auch Dorfleben meint ständiges Sich-verändern. Hier sieht es so aus, daneben anders. Die Jahreszeiten. Irgendwas zerfällt, irgendwer baut wieder was auf. Wer als Flüchtlingskind nach dem 2. Weltkrieg hier ankam, ist geblieben oder so schnell wie möglich wieder gegangen. Der Platz um die Kirche wird mit dem Rasenmäher bearbeitet, Sperrmüll vor die Tür eines Bungalows gestellt und abgeholt.

Ich erfahre von einem Strauchgewächs, welches aus dem verwildernden Garten eines verlassenen Hauses sich auf die öffentliche Straße ausbreitet, die Verkehrssicherheit gefährdet, zurückgeschnitten werden muss und auch wird. Denn: „Wenn hier nichts passiert, passiert was“.

Auf einem Feld gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal Sonnenblumen. Die aktuellen Pächter der ehemaligen LPG-Flächen fahren bei Bedarf die Landbesitzer aus dem Dorf auf ihre kleinen, verstreuten Flurstücke und informieren über den Anbau. Menschen ziehen weg oder hin. Sie treffen Entscheidungen, ärgern und freuen sich. Nach dem nächsten Sommerfest ist vor dem nächsten Sommerfest. Manche gehen hin. Manche nicht.

Ein älterer Herr erklärt mir: „Na, zu viele Feste brauchen wir auch nicht.“

Wenn ich will, kann ich weiter weg den stillgelegten Tagebau als Museumsort besuchen und mich über diese große Industrialisierungs-Erzählung informieren. Hier im Dorf lerne ich, wo die Feuerwehr war, die Grundschule, die Kita, das Pfarrhaus, hinterm Feld ein Bahnhof, am Ende des Dorfes eine Kantine, der ehemals gut gefüllte Maschinenfuhrpark mit dazugehöriger Werkstatt (MAS), die Gastwirtschaft, der kleine Laden in der heimischen Garage, das Rapsfeld, der Schweinestall.

Wütend, enttäuscht, neugierig, amüsiert und kenntnisreich werde ich über ehemalige Orte und deren verlorene Funktionen unterrichtet. Soweit ich mich erinnere, taucht die Kirche in diesen Verlust-Erzählungen nicht auf. Vielleicht, denke ich mir, macht es mehr Spaß über das zu sprechen, was große Emotionen hervorruft, ein Narrativ bedient, eine gute, dramatische Geschichte ist und viel Interpretationsspielraum aufschließt, und anscheinend ist die Kirche kein Teil davon. Aber es geht auch einfacher: Während so vieles weiterhin verschwindet, ist die Kirche immer noch da.


Schschschuuppp, Schschschuuppp … Ich brauche ein wenig Zeit, um zu verstehen, woher dieses Geräusch kommt: Gegenüber wird das Dach eines großen Hofes von zwei Arbeitern abgedeckt. Der eine Arbeiter steht im Gebälk, lockert den obersten Ziegel, hebt diesen ab und lässt ihn dann von oben, auf den anderen noch vorhandenen Ziegeln hinab, zu seinem Kollegen an den unteren Dachrand, zur Traufe, rutschen. Das alte Dach kommt runter, das Neue wird anders. In der Dorfchronik lese ich, dass die Kirche mal völlig zerstört war.

„Sie wurde 1848 neu gebaut, mitten im Revolutionsjahr. Der damalige Pastor (…) hatte seine liebe Not mit den Handwerkern, die sich in wilden Zeiten mit Fluchen und anderem rohen Wesen recht freiheitlich gebärdeten. Bis dem größten Schreier ein Stein das Bein zerquetscht hatte, so dass der Pfarrer wieder mehr zum Einfluss kam. War er doch auch der Doktor für Mensch und Vieh.“4

Für mich sieht die Kirche viel älter aus. Jemand erklärt mir, dass beim Neubau wahrscheinlich die schon seit dem Mittelalter vorhandenen großen Feldsteine einfach wieder anders aufeinandergesetzt wurden. Es ist nicht ganz klar, aber es ist auch nicht schlimm.

Die Kirche mit dem üblichen Friedhof steht mitten im Dorf, läutet nur zum Gottesdienst (also sehr wenig), hat eine kleine Steinmauer um sich und bleibt frei von jedem Vorwurf, Nachbargärten zu verschatten. Feldsteine. Glasfenster. Drei kleine Türmchen drauf. Nicht zu übersehen und ganz objektiv: ein Unikat. Obwohl sie am besten Platz steht, nimmt sie anscheinend nicht nur niemandem den Platz weg, sondern sorgt auch noch für Ruhe. Bemerkenswert, wie ich finde. Das muss man erstmal schaffen als kleine Kirche.

Einmal werde ich doch von jemanden aus dem Dorf in der Kirche besucht oder eher hineinbegleitet. Wir hatten vorher miteinander gesprochen und dann – einfach so – unseren gemeinsamen Weg in die Kirche gefunden. Sie sieht sich um, völlig unbeeindruckt von dem, was Kirche an Eindruck schinden kann. Sie streift über Wände und Oberflächen, als würde sie mit ihren Fingern über Meret Oppenheims Tasse streifen und die einzelnen Pelzhaare in Bewegung bringen wollen. Mal sehen, wie sich das anfühlt, denkt sie, sage ich zurückblickend, und dabei ist sie, sage ich, ganz frei.

Als Dorferkundlerin bin ich beauftragt, nicht nur wahrzunehmen, sondern auch etwas herzustellen. Ich will dem Erlebten eine Form geben, so dass darüber gesprochen werden kann. Mein Ziel ist kein reiner Text, sondern etwas, was so überzeugend formvollendet und leicht daherkommt, wie die Pelztasse von Meret Oppenheim.

Das sage ich nur solange, bis ich auf einem Foto entdecke, dass die Pelztasse gar keine kleine, zunehmend in (mir bekannten) Haushalten weniger üblich anzutreffende klassische Teetasse ist. Die Pelztasse ist vielmehr eine Jumbotasse (unschön formuliert). Die Untertasse ist ähnlich der Tasse unerwartet groß und trotzdem passen beide nicht richtig zusammen, finde ich.

Meret Oppenheim hat sich im Laufe ihres Lebens mehrfach im Museum of Modern Art (MoMA) mit der Pelztasse fotografieren lassen. Zu sehen ist auf dem Bild: Meret Oppenheim im MoMA stehend oder sitzend. Anscheinend hat sie ihre Pelztasse aus der Vitrine genommen oder sich aus der Vitrine geben lassen. Die Pelztasse ist nicht mehr ihr Eigentum, sondern gehört dem MoMA5. Mal hält sie sich diese an den Mund, mal spielt sie Aus-der-Tasse-Löffeln. Mal blickt sie genervt, mal entspannt, mal der Kamera amüsiert zugewandt.

Über Meret Oppenheims Beziehung zur Pelztasse gibt es eine stolze Menge an Arbeiten. So zum Beispiel heißt es irgendwo, durch den profanen Akt des angedeuteten Trinkens aus der Tasse zerstöre sie die Aura ihr eigenes Kunstwerkes. Sie selbst hat sich gegen alle Interpretationen gewehrt oder zumindest diese kommentiert wie folgt:

„Ich fand das nur komisch, eine Tasse mit Pelz. Also gut, von mir aus können Sie auslegen, wenn sie wollen!“6

Das Zögern und Nachgeben, der eigenen Irritation nachgehen und an den Rändern herumlaufen, all das hilft mir. Einmal komme ich auf diese Weise mit einem älteren Mann ins Gespräch, der ganz ausdrücklich nicht mit mir reden möchte. Schließlich verabschiede ich mich nach mehr als neunzig Minuten, werde von ihm weiter im Dorf vermittelt und verspreche, den Inhalt unserer Unterhaltung für mich zu behalten.


Ich weiß vorher schon, dass ich im Inneren der Kirche mit bunten Folien arbeiten werde, mit mehreren mobilen Blitzen. Also mit viel Technik, die mich einschränkt, mit Stativen, die mich behindern und dazu zwingen, nicht jede Kameraposition umsetzen zu können. Noch dazu fotografiere ich im Hellen und lasse das Tageslicht mitarbeiten. Auch wenn das heißt, dass ich eine Stunde an einer Einstellung herumwerkle, um dann zu erleben, dass die Sonne schon längst weitergezogen ist.

Auf der Suche nach einem Gegengewicht für eines der vielen Stative greife ich mal auf einen Sack Kartoffeln zurück. Evangelische Gesangbücher, diese willigen Helfer, sind zwar reichlich vorhanden, aber leider diesmal nicht (wie sonst immer!) die naheliegendste Rettung. Also Kartoffeln. Die vor der Kirche probenden jungen Tänzerinnen aus dem Dorfverein wundern sich über diesen von mir herbeigeschleppten Kartoffelsack, welches eher ein Kartoffelnetz ist. Aber sie wundern sich auch nicht genug, um länger mit mir oder untereinander darüber zu sprechen.

Die Gruppe probt für das nahende jährliche Dorffest. Sie proben vor der Kirche. Ich kann auch sagen, am Teich oder auf dem Festplatz, auf einer quadratischen Betonfläche, die sicherlich nicht Festplatz heißt. Sie proben unter freiem Himmel, an einem Nachmittag, unter der Woche. Sie proben nicht im Garten des Kulturhauses und auf jeden Fall ohne sich von mir und der kleinen Kirche unterbrechen zu lassen. Stimmt alles.

Außer mir braucht hier gerade niemand diese Kirche

Am ersten Tag meiner Forschung bin ich nicht im Dorf, sondern auf einer Nachmittagsveranstaltung für Senior*innen in einem Nachbardorf. Hier steckt mir – beinahe konspirativ – meine Tischnachbarin einen kleinen Feigling zu, ein bisschen hochprozentiger Likör in einer Miniflasche. Und erst jetzt, an meinem Schreibtisch, begreife ich, dass der Feigling aus Feigen ist (bislang bin ich am Wortspiel hängengeblieben und habe einfach nicht weiter über den Inhalt nachgedacht).

Ich weiß nicht, dass „kleiner Feigling“ aus Feigen ist, und denke auch, dass ich dieses Wissen nicht weiter brauchen werde. Weil ich aber wissensdurstig bin, freue ich mich später (also jetzt) einen Hinweis zu finden auf die Feige als älteste Nutzpflanze der Welt. Es gibt sogar die Vermutung, Eva hat nicht in einen Apfel, sondern in eine Feige gebissen. Aber meine Feige ist kein Symbol für irgendwas wie Erkenntnis. Sie ist kein Zeichen und auch nicht mal die Marke stimmt. Mir wird gar kein „kleiner Feigling“ (das Original), sondern ein „Feiges Früchtchen“ (Fake) geschenkt. Die leere Flasche hebe ich selbstverständlich auf.

Die Kirche ist keine Marke mit einem Imageproblem, auch wenn das Kreuz wie ein Logo und das Glockengeläut wie ein Jingle funktionieren. Die Kirche hat keine Ware anzubieten und die, die hingehen, kommen nicht wegen des Informationswertes. Hier im Dorf ist meine Kirche sowieso grundsätzlich abgeschlossen (und auch ich schließe nachts ab). Der Schlüssel kann ganz einfach bei einem um die Ecke wohnenden Ehepaar abgeholt werden.

Von diesem Angebot macht zum Beispiel eine Frau Gebrauch, um in der kleinen Kirche auf der Orgel zu spielen, auch wenn sie im Dorf nur ab und an zu Gast ist. Wer sonst das Jahr über den Schlüssel holen kommt, weiß ich nicht. Es gibt die, die sich kümmern, dass keine Tierchen in die Sitzkissen kriechen, die Schäden am Bauwerk wahrnehmen und melden, die sich für Dorfgeschichte interessieren und hoffen, dass es mit der kleinen (fast) leeren Kirche weitergeht. Und es gibt die, die mir erzählen, hier in dieser Kirche nichts mehr für sich zu finden. Weil zu wenig kirchliches Personal da ist, weil zu wenig Menschen aus dem eigenen kleinen Dorf hingehen.

Dass es früher (zum Beispiel vor 1933, vor 1949, vor 1989) anders war, ist offensichtlich. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die mir erzählt, erst neulich bei einem Klassentreffen in der nahen Kleinstadt erfahren zu haben, wie viele ihrer ehemaligen Klassenkameradinnen damals ebenfalls in ihren eigenen kleinen Dörfern zur Konfirmation gegangen sind. Sie sagt, sie hat das bis dato nicht gewusst. Weil ihre Freundinnen eben aus anderen Dörfern stammen und jede von ihnen nicht darüber gesprochen hat. Sie lacht, als sie mir das erzählt, ist aber auch verwundert über sich selbst, über die Zeit und ihre eigene Vergangenheit.


Ob und was früher besser war, kann ich selten verlässlich heraushören. Meine eigenen Kirchen-Umnutzungsideen halte ich vorsichtig zurück und rede mich damit heraus, dass ich nicht diejenige bin, die für diese kleine (fast) leere Kirche ein Konzept entwickeln muss.

Ich finde meine kleine Kirche natürlich wunderschön, und als ich aus dem Nachbardorf höre, dass im Gegensatz zu deren Kirche in dieser, also meiner Kirche, so gar nichts Besonderes drin wäre, werde ich betreten still. Mir gefällt diese Kirche gerade wegen dieser vorhandenen Leere an großartigen Kunstwerken, wegen der Fülle an fehlenden Visionen.

Glaube verstanden als „werklose Tätigkeit“7 zeigt sich im Handeln, in der menschlichen Interaktion. Dazu ist offensichtlich gar kein Kirchenraum nötig. Aber ich sehe auch, wie schwer dieses Loslassen ist. Ein Pfarrer in einer anderen Kirche in einem anderen Dorf schließt schweren Herzens mit dem Wort „Gottesdienstpause“ die Kirchentür zu und stellt traurig fest, dass niemand fragt: „Wann geht’s denn weiter?“ In seinen Augen beginnt nun eine stille Pause für die Ewigkeit. Er hat noch eine ganze Hand voll anderer liebevoll gepflegter Kirchen in seinem Gebiet. Aber in seinen Augen ist nun diese Kirche als liturgischer Ort für immer verloren und durch kein Seniorenheim, Sozialraum oder Waldlichtung zu ersetzen.

In der nahen Kleinstadt bietet das junge Pfarrteam Angebote für Kinder und Familien. Die Kirche ist voll und wirbt mit Reisen ins Familien-Schloss. Hier auf dem Dorf sitzen wir vor meiner Unterkunft auf der Terrasse und ich bemerke, wie mein Gegenüber (nebenbei, aber nicht ohne mich auszuschließen), das Kreuz an der eigenen Halskette anfasst, dann auf den nahegelegenen Kirchturm zeigt. So schnell ist eine Verbindung da, denke ich mir.

Kirchen wie Pelztassen sind unpraktisch wie plausibel

Ehe Meret Oppenheim Tasse, Untertasse und Löffel mit chinesischem Gazellenfell überzieht, hat sie nur eine Pelztasse im Kopf. Erst nachdem sie die Tasse, den Löffel und die Untertasse mit chinesischem Gazellenfell überzogen hat, hält sie auch eine Pelztasse in der Hand. Eine Stahltasse oder eine Tasse aus Stein, ein ganzes Gebäude aus Stein ist wahrscheinlich langlebiger und pflegeleichter. Wenn auch nicht weniger angreifbar als eine reale, kleine, überdimensionierte Pelztasse.

Viele der von mir festgehaltenen Momente bestehen aus Gleichzeitig- und Mehrdeutigkeiten. Da ist zum einen die ältere Dame, die mit großer Freundlichkeit und Leichtigkeit sich an mich wendet, als es darum geht, ein vergossenes Glas Sekt aufzuwischen. Dann gibt es eine andere Dame, die meine Selbstvorstellung abkürzt mit den Worten: „Sieht man gleich, dass sie nicht dazugehören.“

Dazu gehören die Senior*innen, die in einem Kindergarten einen schönen, von einem sozialen Träger organisierten Nachmittag erleben und mich teilhaben lassen, so dass ich hier einen guten Start in mein Projekt im nahegelegenen Dorf finde, im Dorf mit seiner Kirche, die ich mir fraglos ausgesucht habe. Am Tisch die Dame neben mir, die mir den Feigling schenkt und auf meine Bitte, sich mit mir in nächster Zeit über das Leben auf dem Dorf zu unterhalten, entgegnet, sie kennt sich hier auch nicht aus. Sie ist erst seit zweiundvierzig Jahren hier.

Hingefahren bin ich mit dem Gedanken, die Kirche als Gebäude nicht so ernst nehmen zu müssen. Zurückkomme ich mit viel Material, welches nicht aus Daten besteht, sondern aus Begegnungen … mit Menschen und mit einer kleinen Kirche.

So wie Meret Oppenheim sich darum kümmert, die Pelztasse als poetisches Ding zu verstehen, als etwas, was da ist und gesehen wird, also ein Gegenüber hat, hervorruft oder braucht, stelle ich mir vor, wie sich Menschen aus unterschiedlichen kleinen Dörfern mit kleinen (fast) leeren Kirche aus unterschiedlichen Regionen oder Ländern treffen, um sich darüber auszutauschen, wie es sich so lebt mit einer (fast) leeren Dorfkirche, die vielleicht ab und zu von einem Künstler oder eine Künstlerin besucht wird.

Das steht auch so in meinem Notizbuch. Ganz persönlich von mir eben dort hineingeschrieben:

Offensichtlich lässt sich überraschend viel finden bei den Menschen, die im Umfeld (fast) leerer Dorfkirchen leben.


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Anmerkungen:

1 Die Definition des „marginal man“ als Forschungshaltung wurde für die Stadtsoziologie von Robert E. Park (Chicagoer Schule) entwickelt. Rolf Lindner spricht in diesem Zusammenhang vom „experimentellen marginal man“. Überblickshaft formuliert: Der Forschende agiert als Wanderer zwischen den Welten. Techniken wie teilnehmendes Beobachten, Tagebuchschreiben, offene Interviewführung erlauben es, die produktiven Formen von Fremdheit für die eigene Feldforschung nutzbar zu machen. Ausführlich dazu Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur aus der Erfahrung der Reportage. Suhrkamp. F.a.M. 1990. S. 202-216.

2 Gayatri Spivak spricht von „Unlearning one’s privilege as one’s loss“. Siehe dazu auch Hito Steyerl: Die Gegenwart des Subalternen. In: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Übers. Alexander Joskowicz, Stefan Nowotny, Einl. Hito Steyerl. Turia + Kant. Wien 2007.

3 Siehe unter anderem: Rolf Lindner: Die Stunde der Cultural Studies. WUV Universitätsverlag. Wien 2000.

4 Unveröffentlichte Dorfchronik. Angaben zu den Quellen: „Recherchiert von Wolfgang Habedank. Entnommen den Registraturen der Kirchenvisitationen von K. Pallas, „Das sächs. Amt Wittenberg“ von Oppermann, den Tageszeitungen von 1830 bis 1941, bzw der Freiheit und Mitteldeutschen Zeitung, zahlreichen Heimatbüchern, sowie dem evang. Kirchenblatt Heimatgrüße“.

5 Meret Oppenheim hat einmal einen Brief ans Museum geschrieben und darum gebeten, die Pelztasse mit Mottenkugeln zu füttern. (Quelle)

6 Das ganze Zitat lautet: „Was mich gereizt hat, als ich diese Idee hatte: der absolute Gegensatz von Pelz und Porzellan. Und all diese Auslegung, die jetzt da gemacht wird, diese ganzen erotischen Auslegungen, da habe ich nicht im Traum dran gedacht. Ich fand das nur komisch, eine Tasse mit Pelz. Also gut, von mir aus können Sie auslegen, wenn sie wollen!“ (Quelle)

7 Dietrich Sagert: „Als werklose Tätigkeiten verstehen, praktizieren und leben lassen sich vor allem Tätigkeiten wie glauben, taufen, Essen, trinken, Beten, lesen, Singen, Hören, denken, lieben, grüßen oder der Dienst an einer/m Anderen bis in deren Tod hinein. Es sind eben Tätigkeiten, die überhaupt nur in besagter Zeitkonstellation ihren Sinn – ohne Werk – voll entfalten können. Ansonsten haftet ihnen immer auch irgendwie etwas Absurdes an.“ (Quelle)


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