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Foto: Anthony Ievlev (Unsplash)

Apocalypse Now

Wir erleben keinen Weltuntergang, aber eine Zeit der Enthüllung, in der wir uns die Frage stellen können: „Was wäre, wenn …?“ Dann könnten sich Gesellschaft und Kirche nachhaltig verändern.

Ἀποκάλυψις – Apokalypsis: Enthüllung, Offenbarung.
ἀποκαλυπτεω – apokalypteo: enthüllen, entblößen.

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wurde in Zeiten großer Bedrängnis geschrieben. Nicht in Zeiten einer Pandemie, soweit wir wissen, aber in Zeiten politischer Unterdrückung und großer Einschränkungen des religiösen und privaten Lebens zugunsten des römischen Kaiserkultes. Der Brief, der an viele Gemeinden verschickt und dort vor der gesamten Gemeinde verlesen wurde, sollte vor allem trösten. Er ermahnt auch zur Umkehr, aber unter dem Vorzeichen, dass Gott in Jesus eine Welt ohne Schmerzen, eine Welt voller Schönheit vorbereitet hat, und diese nicht mehr weit entfernt ist.

Auch wir erleben eine Zeit der Apokalypse. Aber nicht im umgangssprachlichen Sinne eine Zeit des Weltuntergangs, sondern eine Zeit der Enthüllung. Es wird offengelegt, was vorher schon da war. Und es wird aufgedeckt, was möglich ist. Es wird offenbar, dass ein rein individualistisches Denken nicht kongruent ist mit der Realität der Interdependenz zwischen uns Menschen und unserer Mitwelt: mein Schicksal hängt von deinem ab. Und nicht nur von deinem, sondern von den Verwundbarsten in unserer Mitte.

Wenn du aus dem Skiurlaub aus Ischgl zurückkehrst und vielleicht selbst keine Symptome zeigst, kannst du trotzdem andere Menschen anstecken, die den Virus wiederum weitergeben und zur Ausbreitung beitragen. Der sprichwörtliche Reissack, der in China umfällt, hat sehr wohl Auswirkungen auf unseren Alltag hier in Deutschland. Beim Erforschen eines Impfstoffes sind wir auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Corona verdeutlicht, dass globale Vernetzung nicht einfach nur gut, aber auch nicht einfach nur schlecht ist.

Unsere Interdependenz zeigt sich an komplexen Abläufen, die monatelange Waldbrände in Australien befeuert haben, oder an der Versauerung der Meere, die Ökosysteme dominoartig zusammenfallen lässt, genauso wie im sozialen Bereich: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich“, sagte Audre Lourde. Die positive Seite der Medaille: Planetare Solidarität ist möglich.

Aufdecken, was ist

Es zeigt sich gerade besonders scharf, welche Menschen und welche Berufe als „systemrelevant“ gelten und wie heftig die übliche gesellschaftliche Wertschätzung dazu im Kontrast steht. Müllfahrer*innen, Pflegepersonal, Kassierer*innen, Erzieher*innen — all dies sind Berufe, die das Leben, wie wir es gewohnt sind, aufrecht erhalten. Und trotzdem ist deren finanzielle Entschädigung, in der sich Wertschätzung in unserer durchökonomisierten Gesellschaft nun mal ausdrückt, alles andere als angemessen.

Inzwischen ist offenbar geworden, dass die Kürzungen der Vergangenheit im Sozialsystem nicht haltbar sind. Dass der Markt nicht alles regelt. Es zeigt sich, dass unter Krisen vor allem jene leiden, die sowieso schon von uns und staatlicher Versorgung abhängig sind. Dass die Verletzlichsten unter uns keinerlei Schutzmöglichkeiten haben außer unserem guten Willen. Ein schwaches Sicherheitsnetz.

Wir sehen jedoch nicht nur das, was schief läuft. Corona öffnet uns auch die Augen für das, was möglich ist: Hunderte von Nachbarschaftsnetzen sprießen aus dem Boden, Musiker*innen und Autor*innen stellen ihre Werke zum freien Genuss ins Netz, und Kontakte werden nun wiederbelebt, die eingeschlafen waren.

Entdecken, was möglich ist

Erst Anfang März haben wir Mitarbeitenden der Ev. Gemeinde Frieden und Hoffnung in Dresden überlegt: „Was wäre, wenn…?“. Wir haben rumgesponnen: „Was wäre, wenn wir Kinder entscheiden lassen, wie sie Kirche haben wollen?“ „Was wäre, wenn wir schauen, auf wessen Kosten wir gerade leben und dann versuchen daran was zu ändern?“ „Was wäre, wenn wir, gerade dann besonders viel beten, wenn wir besonders viel zu tun haben?“ Unter anderem haben wir auch darüber nachgedacht, was denn wäre, wenn „wir alle kirchlichen Aktivitäten auf 0 setzen würden und dann alle Gemeindeglieder sagen würden, was sie im nächsten halben Jahr machen wollen“.

Dieser Zeitpunkt ist nun sehr viel früher und radikaler eingebrochen als es irgendjemand von uns vermutet oder gehofft hätte. Alle Gottesdienste und gemeinschaftlichen Aktivitäten wurden eingestellt und Dienstberatungen finden größtenteils über Telefonkonferenzen statt. „Sei vorsichtig, wofür du betest“ ist eins der geflügelten Kirchenwörter, das immer mal wieder so rumschwirrt.

„Was wäre, wenn wir bekommen, was wir brauchen?“ Wir haben für diesen Reboot der Gemeinde oder der Gesellschaft nicht gebetet. Aber was, wenn wir einen solchen Einschnitt brauchen, um unser Denken ganz radikal, von der Wurzel auf, umzulenken? Um uns eine andere Art des Lebens und des Miteinanders vorzustellen? Um einen neuen Weg einzuschlagen?

Verschwenderisches Leben

Die Fragen, die mich beschäftigen, und die uns immer schon in den „anders wachsen“-Gemeinden umtreiben sind: Was brauchen wir und was wollen wir? Wie möchten wir, dass unsere Welt aussieht? Wie wollen wir miteinander umgehen? In was für einer Welt wollen wir leben? Und was glauben wir, sind unsere gottgegebenen Kräfte, Talente und Stärken, die wir dafür einbringen können? Was für ein Leben hat Gott für uns in petto?

Wenn wir uns an der Schöpfung orientieren, sehen wir Leben im Überfluss. Es wächst mehr, als Lebewesen jemals essen können. Tiere und Pflanzen haben Zeit im Übermaß. Jesus gönnt sich ein Wüstenretreat von 40 Tagen! Das ist mehr, als die meisten von uns Jahresurlaub haben. Auch wenn ich persönlich nicht viel von der Rhetorik von „Gottes Plan“ halte, bin ich der tiefsten Überzeugung, dass Gottes Reich ein Leben in Fülle für alle verheißt.

So wie Gott sich in der Schönheit und im Reichtum seiner Schöpfung verschwendet, so wie sich Jesus in Liebe zu den Menschen verschwendet und so wie eine Frau ihr kostbares Öl für Jesus verschwendet, so verschwenderisch stelle ich mir ein Leben aus Gottes Segen heraus vor! „Gönn dir!“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Lüge unter der wir leben, ist das Gefühl des Mangels. Wir haben nicht genug. Wir leisten nicht genug. Wir sind nicht genug. Angeblich. Die Urbotschaft des Evangeliums ist das gebrochene Gegenteil: Ganz am Anfang der Schöpfungsgeschichte spricht Gott allen Geschöpfen zu, dass sie gut sind, sogar sehr gut. In vielen Erzählungen wird dann klar, dass wir Menschen trotzdem auch viel Mist verursachen und „von Grund auf böse“ sind (Noah, Gen 9). Die Lebens-, Sterbens-, und Auferstehungsgeschichten Jesu führen uns vor Augen, dass die Sünde und der Tod in und um uns jedoch nicht das letzte Wort haben werden. Gott, die Liebe, die Hoffnung ist stärker.

Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt, ihr´s denn nicht?“ Foto: Anthony Ievlev (Unsplash)

In jeder Situation, in der Menschen verschwenderisch umgehen, anfangen von den Balkonen zu singen, mit Kreide auf der Straße malen, einfach weil sie es können, bei jedem Fest, das wir feiern, leuchtet diese göttliche Verschwendung auf und zeigt, wie ein Leben in Fülle aussehen kann.

Mit diesem Diktum der Fülle, der Verschwendung, des Rechts auf Luxus liegt dem christlichen Glauben ein zutiefst antikapitalistischer Gedanke inne: Wir haben nicht zu wenig, sondern mehr als genug, um ein gutes Leben zu führen. Du bist es wert geliebt zu werden. Mit all deinen Fehlern, mit all deinen Schwächen. Mit all deinen Stärken. Nicht wegen dem, was du leistest, bist du liebenswert und gut, sondern weil Gott jedes Geschöpf mit Liebe geschaffen hat und jedem Leben ein Wert innewohnt, der unhintergehbar ist. Weil Leben unverfügbar ist und wir diesem mit Ehrfurcht begegnen sollen.

Apokalyptische Hoffnung

Die apokalyptische, enthüllende Situation bietet uns die Chance, unseren Blick auf das zu lenken, was uns trägt und was uns erdet. Was macht unser Leben lebenswert und wie können wir das auch nach der Krise anwenden?

Wie kriegen wir ein Miteinander in den Gemeinden hin, sodass Kirche nicht nur Sonntagsgottesdienst ist, sondern wir als Gemeinschaft Kirche bilden? Wie können wir die „systemrelevanten“ Pfeiler unserer Gesellschaft ausbauen und stützen – auf politischer Ebene mit gerechter Bezahlung und sozialer Absicherung, und auch auf Gemeindeebene?

Wenn wir keine Gottesdienste mehr auf YouTube halten müssen: Lohnt es sich diese trotzdem weiterzuführen, um auch mit denen in Kontakt zu bleiben, die am Sonntagmorgen nicht zur Kirche gehen können? Wenn wir nicht mehr aufs Nachbarschaftsnetz angewiesen sind: Wollen wir trotzdem in Verbindung bleiben, um auch weiterhin in Krankheitsfällen helfen zu können oder im Notfall die Kinder zu betreuen? Wenn wir wieder ganz geregelt im Supermarkt einkaufen gehen können: Wollen wir trotzdem das Wissen unserer Groß- und Urgroßeltern über Selbstversorgung wiederentdecken, um uns von globalen Lieferketten und deren Ungerechtigkeiten loszusagen?

Wenn wir wieder im Alltag der Lohnarbeit angekommen sind: Wollen und können wir trotzdem Zeit einplanen, um Bücher zu lesen, stricken zu lernen oder einen Online-Kurs zu einem Thema zu besuchen, das uns schon immer interessiert hat? Wenn wir die Illusion der Kontrolle und absoluten Sicherheit wiedererlangen: Werden wir uns trotzdem Zeit zum Gebet nehmen, uns für fünf Minuten aus dem Alltag zurückziehen, um Gott zu lauschen?

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