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Bild: "Kaiser Konstantins Vision des Kreuzes vor der Schlacht an der Milvischen Brücke" von Theodor Boeyermans, gemeinfrei

Aufstand der Christen gegen das Kreuz

Der neue bayerische Ministerpräsident Markus Söder verordnet seinem Land eine bedenkliche Packung Identitätspolitik. In jeder Landesbehörde muss zukunftig ein Kreuz hängen.

Als „grundlegende[s] Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“ werden in Bayern verpflichtend Kreuze in die Foyers von Landesbehörden gehängt. Auch dorthin, wo bisher noch keine Kreuze freiwillig positioniert wurden.

Durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte von 2011 ist es im Freistaat Bayern zulässig, dass in Gerichtssälen und Klassenzimmern staatlicher Schulen Kruzifixe bzw. Kreuze hängen dürfen. Das Urteil revidierte einen gegensätzlichen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1995. Es geht in Bayern also rechtens zu, und rechts.

Das alles ist ein Stück bedenkliche Identitätspolitik, die sich im Wahn, rechte Wähler im Vorfeld der Landtagswahl im Herbst zurückzuholen, der gleichen Mitteln bedient, die von rechtsradikalen Identitären bevorzugt werden.

Wider den Missbrauch des Kreuzes

Gegen die Entscheidung des bayerischen Kabinetts formiert sich insbesondere in den Sozialen Netzwerken Widerspruch. Natürlich von Menschen, die Religion allein als Privatssache sehen und sich darum nicht nur gegen Kreuz, sondern wohl auch gegen Kippa und Hidschab wenden. Doch der erbitterste Widerspruch kommt aus den „eigenen Reihen“.

Es sind Christen, die ihren Unmut darüber ausdrücken, dass das Kreuz als Symbol für das „christliche Abendland“ herhalten muss, und nicht in seiner religiösen Bedeutung gewürdigt wird. Das Kreuzesgeschehen (s. „Nur seinen Schrei nehmen wir ihm noch ab…“ von Christoph Gellner, 5. April 2018) versagt sich einer politischen Nutzung, erst recht als Macht- oder Überlegenheitsgeste.

Der am Kreuz gestorben ist, war ohnmächtig und ein Opfer seiner Zeit, ein Opfer konkreter Religionspolitik dazu. Am Kreuz zerschellen irdische Macht, weltliche Bilder von Zugehörigkeit und Abgrenzung, alles Trennende: Das Kreuz als christliches Symbol steht für den Eingang Gottes in das Sterben, hier vollzieht sich das, was in der Krippe zu Weihnachten begonnen wurde: Gott macht sich gleich und schwach. Oder wie es im Philipperbrief heißt:

„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“

Wandel des Symbolverständnisses

Dass das Kreuz immer wieder für Symbolpolitik herhalten muss – sei es als schwarz-rot-golden angemalte Ikone auf Pegida-Demonstrationen oder als Identitäre-AfD-Installation gegen den Bau einer Moschee in Erfurt – hat auch etwas damit zu tun, dass der eigentliche Symbolgehalt des Kreuzes uns fragwürdig geworden ist. Und damit, dass er gerade von den „Verteidigern des christlichen Abendlandes“ nicht (mehr) verstanden wird. Sie verteidigen eine Tradition, an der sie keinen Anteil haben und die ihnen nur in sofern Halt gibt, als dass sie ihnen als Trutzburg gegen (anders-)gläubige Fremde dient.

Symbole können und dürfen ihre Bedeutung wandeln. Das dürfen Christen wissen, weil der Grund dafür, dass in den Kirchen Kreuze hängen, ein solcher Bedeutungswandel ist: Das Kreuz ist Christen mehr als ein antikes Hinrichtungsinstrument, an dem Jesus von Nazareth grausam starb. Es ist nicht allein ein Symbol für die Brutalität und das Leid der Welt, wie es kämpferische Atheisten noch immer Behaupten. Das Kreuz ist Christen ein Symbol für die Nähe Gottes, gerade im Leiden, in der Schwachheit, in der Selbstaufgabe.

Das christliche Kreuz steht Gesten der Macht und Selbstbehauptung, die sich gegen andere richten, fundamental entgegen. Ja, es dient auch den Christen als Identitätssymbol. Das aber als stetiges Mahnmal an das erlösende Kreuzesgeschehen, nicht an die eigene Stärke oder Herkunft. Das christliche Kreuz inkludiert alle Lebenswege, das Kreuz als identitätspolitische Maßnahme will ausschließen.

Der Widerstand der Christen gegen die politische Vereinnahmung des Kreuzes darf nicht zu einer Aufgabe des Kreuzes führen. Die Christen müssen zu ihrem Kreuz stehen, wie es die wenigen Menschen taten, die noch unterm Kreuz bei Jesus blieben: Nicht in einer Geste der Abgrenzung, sondern in einer Geste des Mitgehens durch das Leid der Welt.

Der bayerische Hochschulpfarrer Burkhard Hose hat das vor einiger Zeit in bedenkenswerte Sätze gefasst, an die er gestern erneut erinnerte:

„Ich pfeife auf ein ‚christliches Abendland‘ mit Schulkreuzen an der Wand, mit Burkaverbot, mit all seinen christlichen Feiertagen und seiner behaupteten ‚Leitkultur‘, das Menschen bewusst in Lebensgefahr abschiebt oder zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken lässt. Die Kreuze in den Gerichtssälen und Schulen würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten!“

Philipp Greifenstein

Philipp stammt aus Dresden, wohnt in Lutherstadt Eisleben und ist bei uns für die Artikelplanung zuständig. Außerdem schreibt er die Kolumne Unter Heiden. Philipp führt seinen eigenen Blog und ist als @rockToamna auf Twitter.

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