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Foto: Ashwin Vaswani (Unsplash)

Awareness allein genügt nicht

Papst Franziskus bremst die Erwartungen an das Bischofstreffen zum Missbrauch im Februar. Inzwischen ordnet die Deutsche Bischofskonferenz ihre Reform-Bemühungen.

Awareness ist ein schreckliches Modewort. Es steht im Zentrum einer marktkonformen Lebenskunst. Awareness wird zum Allheilmittel hochgejazzt, als Achtsamkeit feiert sie in mal mehr mal weniger esoterischen Ratgeberbüchern fröhliche Urstände. Dabei ist es egal, ob es um das Aufräumen der eigenen Bude geht oder um das bewusste Genießen des Moments, die Frage lautet allzu häufig: „Does it spark joy?“ („Bereitet es Freude?“)

Wenn Papst Franziskus die Bischöfe der Welt nach Rom und zu mehr Awareness ruft, ist damit mehr gemeint: Ein Ruf zur Umkehr, der aus einem veränderten Bewusstsein erwächst. Niemandem bereitet die anhaltende Missbrauchskrise in der röm.-kath. Kirche Freude. Die Lösungsansätze sind gleichwohl unterschiedlich.

DBK gründet Arbeitsgruppen

Im Vorfeld des Bischofstreffens zum Missbrauch in Rom (20. – 24. Februar) bemüht sich Franziskus über seine zahlreichen Interpreten ausrichten zu lassen, die Welt möge ihre Erwartungen an das Treffen zurückschrauben (s. #LaTdH vom 13. Januar). Adressaten dieser Botschaft sind vor allem Katholik*innen in Europa und Nordamerika, die sich von ihrer Kirche zügiges und konsequentes konkretes Handeln wünschen.

Sowohl die US-amerikanischen Bischöfe als auch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) haben in den letzten Monaten Fortschritte in der institutionellen Aufarbeitung des Missbrauchs erzielt und wenden sich nun der Beratung von Reformen zu, die die systemischen Ursachen des Missbrauchs beseitigen sollen.

In seiner Sitzung am Dienstag und Mittwoch dieser Woche beriet der Ständige Rat der DBK über die „spezifischen Herausforderungen für die Kirche“, die vor allem im pastoralen Bereich liegen. Zuvor berichtete Bischof Stephan Ackermann (Trier), Missbrauchsbeauftragter der DBK, über die Fortschritte bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, wie sie auf der Herbstsynode der DBK beschlossenen und von der MHG-Studie empfohlen wurde.

Ackermann selbst wird „in der nächsten Zeit“ das Gespräch mit Johannes-Wilhelm Rörig suchen, dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs. Gemeinsam mit ihm soll über Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung beraten werden. Außerdem sollen auch die Verfahren auf den Prüfstand, die zu „Leistungen in Anerkennung zugefügten Leids“ führen können.

Für Pastoral und Verwaltung werden nun Arbeitsgruppen unter Leitung von vier Bischöfen eingerichtet. An diesen Arbeitsgruppen und dem ihnen übergeordneten Steuerungskreis sollen auch Vertreter*innen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der größten katholischen Laienorganisation Deutschlands, und weitere Personen teilnehmen. Ob die Arbeitsgruppen zu sinnvollen Ergebnissen kommen werden, hängt im erheblichen Maße davon ab, ob es gelingt fachliche Expertise, Kontrolle durch das Kirchenvolk und institutionelle Macht miteinander zu verbinden. Es ist entscheidend, wer mit am Tisch sitzt.

Einem beliebten Bonmont folgend, gründet man eine Arbeitsgruppe um einen Prozess der geneigt ist tatsächliche Veränderungen herbeizuführen, ins Leere laufen zu lassen. Doch verbinden die Bischöfe mit ihrem Vorgehen die besten Absichten. Immerhin: Eine Arbeitsgruppe zu Fragen des pastoralen Umgangs mit Wiederverheirateten, die 2012 eingesetzt wurde, hat maßgeblich zur Zulassung zur Kommunion von Wiederverheirateten im Einzelfall 2017 beigetragen.

In diesen Zeiträumen denkt die Kirche, das sollte Erwartungen an schnelle Ergebnisse der Arbeitsgruppen dämpfen. Dass das Thema Wiederheirat Schwung erhielt, hing wesentlich auch damit zusammen, dass Papst Franziskus in seiner Exhortation „Amoris Laetitia“ die Tür für Neuregelungen aufsperrte.

Was will Franziskus?

Wie steht der Papst nun zu den Bemühungen um institutionelle Reformen in Deutschland (und den USA)? Auch hier lässt er durch seine Botschafter die Erwartungen dämpfen. Institutionelle Reform steht nicht im Fokus dieses Papstes. Vielmehr wünscht er sich für die Weltkirche ein neues Bewusstsein, aus dem dann – wie von alleine? – Reformen und Neuausrichtungen fließen.

Der Franziskus-Biograph Austen Ivereigh, ein bekannter Papst-Interpret, nennt diesen Weg im US-amerikanischen, liberal-katholischen Commonweal Magazine „den Weg der Bekehrung“. Im Kern sei die Krise eine dreifache: Es handele sich um den Missbrauch von Macht und Gewissen und Sex. Papst Franziskus habe durch die Missbrauchskrise in Chile, auf die er in den Augen seiner Kritiker*innen zu zaghaft reagierte, gelernt, dass Bischöfen und nationalen Bischofskonferenzen nicht zu trauen ist. Darum steht er ihren Ausflüchten, aber auch ihrer Betriebsamkeit skeptisch gegenüber. Den von ihm als Wurzel des Missbrauchs identifizierten Klerikalismus möchte er durch Gebet und Hinhören bekämpfen.

Deshalb werden die Bischöfe in Rom genau dies tun. Franziskus bezeichnet das Bischofstreffen als eine Art „Katechese“. Es ginge darum, so Ivereigh, „Kirchenleitende überall auf der Welt auf das Leiden der Opfer aufmerksam zu machen, sie an ihre Verpflichtung gegen Täter vorzugehen zu erinnern, Berichte der Betroffenen zu hören und im Gebet für die Fehler der Kirche zu büßen“.

Das sei für ein so kurzes Treffen schon ein ambitioniertes Programm, erinnert Andrea Tornielli, der neue Chef-Kommunikator des Papstes. Es gehe dem Papst um eine „globale Perspektive“, nicht allein um Europa oder Nordamerika. Es müsse vielmehr noch um Asien, Afrika und Lateinamerika gehen, wo die Kirche im Denken verharre, sie beträfe die Missbrauchskrise nicht.

Awareness allein genügt nicht. Diesen Satz unterschriebe wohl auch Franziskus, mit wirklicher Bekehrung sei etwas anderes gemeint. Nicht zuletzt bereitet wahre Umkehr keine Freude. Franziskus beharrt auf dem geistlichen Wandel, der institutionellen Reformen vorausgehen muss, damit sie nachhaltigen Erfolg haben. Dazu ruft er nicht allein die Bischöfe und den Klerus auf, sondern richtet sich an das ganze Kirchenvolk.

„Wenn Klerikalismus die Krankheit ist“, so Austen Ivereigh, „dann ist Synodalität das Heilmittel.“ Bis dies in der Weltkirche überall angekommen ist, muss man wohl wirklich noch viel Geduld aufbringen.

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