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Foto: Jacky Zeng (Unsplash)

Christlicher Rassismus

Wie Antisemitismus und Islamhass hat auch der Rassismus christliche Wurzeln. Die Kirchen müssen ihre rassistische Geschichte aufarbeiten, um an einer gerechten und solidarischen Zukunft zu bauen.

Nach der Tötung George Floyds am 25. Mai finden in den USA und in vielen weiteren Ländern Proteste und Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus statt. Auch in Deutschland demonstrieren viele tausende Menschen. Die Debatte über institutionellen Rassismus in Polizei und Gesellschaft wurde erneut aufgenommen und wird kontrovers geführt. In die Diskussion bringen sich auch die Kirchen mit Solidaritätsbekundungen ein, viele Christ*innen nehmen an #BlackLivesMatter-Protesten teil.

Diskutiert wird auch, warum ausgerechnet der Tod George Floyds zu einer so großen Mobilisierung in Deutschland geführt hat. Auch nach den Attentaten von Halle und Hanau hatte es Solidaritäts-Demonstrationen gegeben, die Debatten über Antisemitismus und Islamhass versandeten jedoch schnell.

In den USA reflektieren viele Christ*innen motiviert durch die #BlackLivesMatter-Proteste verstärkt den Rassismus in ihren Kirchen. Auch die Kirchen in Deutschland haben genügend Anlass dazu. Denn auch Rassismus wird, wie Antisemitismus und Islamhass, religiös begründet und überhöht.

Es gibt christlichen Rassismus, dessen Geschichte mit der Abschaffung der Sklaverei in den USA und Europa nicht zu Ende gegangen ist. Ein Methodistenprediger ließ 1915 in den USA die Tradition des Ku-Klux-Klans wieder auferstehen, das brennende Kreuz des Klans wird bis heute als Symbol christlichen Rassismus‘ erkannt. Doch christlicher Rassismus bedient sich nicht immer so deutlicher Erkennungszeichen. Er speist sich bis heute aus weißem christlichen Chauvinismus, der unreflektiert und für selbstverständlich erachtet in allen christlichen Konfessionen zu finden ist.

Den eigenen Rassismus reflektieren

Solidarität mit der #BlackLivesMatter-Bewegung muss daher mit der Reflexion der eigenen religiösen Geschichte und Gegenwart beginnen. Jesus war Jude, Nicht-Weiß und wäre, lebte er heute in Europa, rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. Selbiges gilt für das gesamte vertraute Personal der Bibel. Trotzdem wurden und werden von Adam und Eva angefangen alle Akteur*innen der biblischen Heilsgeschichte in der europäisch-christlichen Kunst als Weiße dargestellt.

Wer heute glaubwürdig Solidarität mit den Christ*innen in den USA bekunden und sich gegen Rassismus im eigenen Land engagieren will, muss die Verstrickung der Kirchen in den europäischen Kolonialismus und immer noch und immer wieder in den Nationalsozialismus aufdecken und thematisieren. Bei der Betrachtung der Geschichte der christlichen Missionsgesellschaften zum Beispiel, die von Deutschland aus einst rund um den Globus aktiv waren, ergibt sich ein Bild voller Schattierungen, von dem die Kirche für die gegenwärtige religiöse Praxis lernen kann.

Zu dieser gehören Partnerschaften mit Kirchen des globalen Südens, Weltgebetstage und andere ökumenische Initiativen selbstverständlich dazu. Dieses Engagement wird bisher jedoch nur selten durch die Perspektive des kritischen Anti-Rassismus betrachtet. Das friedens- und entwicklungspolitische Engagement der Kirchen ist gut gemeint und durch christliche Geschwisterlichkeit begründet (Brief an die Gemeinden in Galatien 3, 24), aber es tradiert nicht selten und womöglich unbewusst auch stereotype, rassistische Rollenmodelle.

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), spricht darum zu Recht davon, dass die Kirche hier nicht „Lehrmeister“, sondern „Lernende“ sein muss. Die Vielfalt der deutschen Gesellschaft zum Beispiel bilde sich in den Gemeinden und erst recht in den Leitungsorganen der evangelischen Kirchen nicht ab. Bei Schlagwörtern wie „Rassismus ist Sünde“, Aufrufen zur Gewaltlosigkeit von Protesten und Friedensbitten dürfen Christ*innen nicht stehen bleiben.

Am Rande der Kirchen

Ein aktuelles Beispiel für die Distinktion des deutschen Mehrheits-Christentums innerhalb der Ökumene sind die Reaktionen in den großen Kirchen auf die Corona-Ausbrüche in Spätaussiedler-Gemeinden vor zwei Wochen.

Um sich von dem unvorsichtigen Vorgehen der Glaubensgeschwister zu distanzieren, werden konfessionelle Unterschiede bemüht, deren Hintergrund nur unzureichend reflektiert wird. Sind es wirklich ultrafromme Baptisten von denen sich – auch öffentlich – distanziert wird oder sind es nicht vielmehr Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die als fremd und störend empfunden werden?

Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion gelten, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und ethnischen Selbstzuschreibung, inzwischen als am schlechtesten in die Mehrheitsgesellschaft integrierte Bevölkerungsgruppe. Hier lohnt sich die kritische Betrachtung des Integrations-Paradigmas ganz bestimmt.

Während jüdische Gemeinden seit den 1990er-Jahren durch den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion stark gewachsen sind und sich unter diesem Druck veränderten, leben die oft sehr frommen Christ*innen unter den Zuzüglern fern oder nur am Rande der großen Kirchen. In der Ökumene werden sie durch Einzelpersonen repräsentiert, denen die Rolle von Klassensprecher*innen für immer schon als „anders“ markierte Gruppen zugeteilt wird.

Was für diese Gemeinden gilt – die sich obendrein häufig aus Menschen zusammensetzen, deren Familien sich historisch als Deutsche empfinden und in denen (auch) Deutsch gesprochen wird -, gilt umso mehr für die koreanischen, chinesischen, afrikanischen und südamerikanischen sowie manche orthodoxe Gemeinden in Deutschland, in denen der Gottesdienst in der jeweiligen Sprache des Herkunftslandes gefeiert wird.

Der charismatisch geprägten Frömmigkeit dieser Gemeinden stehen die evangelischen Landeskirchen und römisch-katholischen Bistümer häufig distanziert gegenüber. In konfessionelle Distinktionen mischen sich jedoch auch hier unreflektierte rassistische Vorurteile, z.B. darüber wie „Afrikaner“ Gottesdienst feiern.

Warum über christlichen Rassismus sprechen?

Von den Attentaten von Hanau und Halle müssen wir lernen, dass rechtsextreme Terroristen keine Unterscheidung nach Religionszugehörigkeit vornehmen. An der rassistischen Praxis zerschellt der selbstformulierte Anspruch, als „Kreuzzügler“ gegen die Ungläubigen vorzugehen.

Die christlichen Kirchen lernen, statt verharmlosend von einem rein religiösen Antijudaismus von christlichem Antisemitismus zu sprechen. Dass der europäische Islamhass christliche Wurzeln hat, wird inzwischen häufiger thematisiert. Die Kirchen nehmen darauf bei der Gestaltung des interreligiösen Dialogs mit dem Judentum und Islam Bezug.

Der christliche Hintergrund des Rassismus gegenüber Schwarzen aber ist unterreflektiert. Das erklärt vielleicht auch, warum es christlich geprägten weißen Europäern leicht(er) fällt, sich mit der Empörung der Schwarzen zu solidarisieren, sich selbst in die Rolle des Anklägers, des „Lehrmeisters“ zu begeben. Eine solche Solidarität bleibt aber hohl, wenn sie nicht durch eine gründliche Beschäftigung mit der eigenen Verstrickung in rassistische Systeme und Deutungsmodelle grundiert ist.

Was tun?

Rassistisch geprägte christliche Kunst sollte im Religions- und Konfirmandenunterricht sowie in der Erwachsenenbildung in Gemeinden und Akademien kritisch betrachtet werden. Dort muss auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Gemeinde und weiteren Kirchengeschichte während des Kolonialismus und Nationalsozialismus verstärkt werden. Anknüpfungspunkte dafür liefern christliche „Heldendenkmäler“ und Kirchen genug.

Auch die universitäre Theologie ist gefragt, wenn es darum geht zu klären, ob und in wie fern die Rezeption Schwarzer Theologien unter rassistischen Vorzeichen geschieht. Was ließe sich durch eine Anwendung des Instrumentariums der critical whiteness auf die Kirchen- und Dogmengeschichte lernen? Was lässt sich aus dieser Perspektive über die Begeisterung gerade deutscher Christ*innen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für Gospelmusik und die Bürgerrechtsbewegungen in den USA oder Südafrika sagen?

Daraus ließen sich auch Schlussfolgerungen für eine reformierte Praxis der ökumenischen und internationalen Solidarität mit den Kirchen des globalen Südens ziehen. Wo werden in der kirchlichen Entwicklungshilfe und in der Ökumene, trotz allen guten Willens, rassistische Stereotype tradiert?

Gerechtigkeit statt Barmherzigkeit

Seit Tagen lese ich auf Twitter von lieben Menschen, dass es nun an der Zeit sei, Schwarze Literatur, Schwarze Wissenschaftler*innen und Schwarze Journalist*innen zu lesen. Das ist richtig und überfällig. Es zeugt aber auch von einem intellektualisierten und darum distanzierten Umgang mit der Geschichte und Gegenwart Schwarzer Menschen.

Es braucht richtige Begegnungen. Der Einsicht, dass auch unsere Kirchen viel zu häufig entlang rassistischer Trennlinien formiert sind, muss das Engagement für eine Begegnung auf Augenhöhe mit Nicht-Weißen Religionsgemeinschaften folgen. Den christlichen Gemeinden der beiden großen Kirchen ist das zuzutrauen: Mit großen Einsatz haben sich hunderttausende Christ*innen seit 2015 für geflüchtete Menschen engagiert.

#BlackLivesMatter aber setzt den Fokus zu Recht nicht auf Barmherzigkeit und Hilfe, sondern auf Gerechtigkeit und Solidarität. Die Anliegen unserer Schwarzen Geschwister teilen, heißt, das Evangelium tiefer kennenzulernen. Eine weiße Kirche kann nicht Kirche Jesu Christi sein.