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Corona in Paris

Agnes von Kirchbach lebt seit 48 Jahren in Frankreich und ist Pfarrerin der Vereinigten Protestantischen Kirche. Was kann die Kirche tun, um Menschen in Bedrängnis zu helfen?

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Mouna als Pflegerin in einer Schule für Körperbehinderte. Mit ihrem arbeitslosen Mann und vier Kindern lebt sie in einer Dienstwohnung. Seit Mitte März und der Schulschließung fürchtet Mouna um ihr (körperliches) Überleben. Ihr Mann hat alle vier Kinder in das enge Studentenzimmer der ältesten Tochter 400 Kilometer entfernt verbannt. Gleichzeitig hat er die Familie eines Neffen mit zwei kleinen Kindern aus Rumänien in die Wohnung genommen.

All das, ohne irgendwann mit seiner Frau darüber zu sprechen. Seitdem wird kein Französisch mehr gesprochen. Außer um Mouna zu bedrohen, zuerst mit Worten, dann mit dem Küchenmesser.

Wohin? Die Wohnung läuft auf Mounas Namen. Sie hat nirgendwo die Möglichkeit, ungehört zu telefonieren. Wegen der Einschränkungen darf sie die Wohnung und die Großstadt nicht verlassen. Sie hatte sich bereits eine neue Arbeitsstelle weit entfernt in einem anderen Landesteil gesucht, aber der Schuldirektor will sie nicht gehen lassen.

Hinter den Mauern

Das Schwierigste ist wie so oft das Unsichtbare. Unsichtbar jedenfalls für diejenigen, die bewusst oder unbewusst vermeiden, genau hinzuschauen und zu fragen, wie es hinter den Mauern aussieht. Hinter den Mauern der so engen Wohnungen großer Stadtviertel, wo es weder Gärten noch Balkone gibt. Die wenigen Parkanlagen dürfen sowieso nicht betreten werden. Hinter den Mauern der Studentenwohnheime. Auch hinter den Mauern gewisser Altenheime. Die Schreie sind oft stumm. Oder sie verhallen, ohne dass jemand reagiert. Denn hören kann man sie sehr wohl.

Offiziell sind die Zahlen der durch Gewalt traumatisierten Menschen um ein Drittel gestiegen. Alles Frauen. Das erfasst allerdings nur diejenigen, die es schaffen, das ihnen zugefügte Leid einer öffentlichen Stelle zu melden. Als Meldestellen und Zufluchtsorte sind die Apotheken bestimmt worden. Dort können fliehende Frauen auf die Polizei warten. Aber was dann? Alle Hotels sind geschlossen. Es gibt keine Notunterkünfte mehr.

Wer keine Familienangehörigen in nächster Nähe hat, kann zwar eine Klage einreichen, muss dann aber wieder zurück in die gleiche Wohnung, in den gleichen Lebenszusammenhang. Das Gesetz besagt zwar, dass der Gewalt Ausübende die Wohnung verlassen muss. Aber auch für diese Person gibt es keine Unterbringungslösung.

Mouna weiß, was sie erwarten würde, wenn sie über den Apothekenweg Klage erhöbe und ihr Mann der Wohnung verwiesen würde: Einbruch und Mord. Für die Kinder ist es noch schwieriger, zu verstehen, was ihnen geschieht. Sie hängen völlig von der Erwachsenenwelt ab.

Neue Ängste wegen der Lockerungen

Innere Ängste, die nicht bedacht und bearbeitet werden, führen zu Depression oder zu Aggression. Das gilt in allen Situationen: bei Alleinerziehenden, aber auch in sogenannten „intakten“ Familienstrukturen. Wer seine Arbeit verliert, wie jetzt zehn Millionen Menschen in Frankreich, Freizeitaktivitäten oder soziale Kontakte, fühlt sich der eigenen Identität beraubt. Sie oder er fragt sich: Wer bin ich überhaupt? Diese fundamentale Angst verkehrt sich dann häufig in Gewalt gegenüber den im gleichen Wohnraum befindlichen Menschen.

Noch ein Wort zu den Studierenden: 800 000 von ihnen leiden wirklichen Hunger. Die Mieten müssen bezahlt werden, es gibt keine Nebenverdienste. In vielen Fällen können die Familien finanziell nicht helfen. Eingesperrt in kleine Zimmer, ohne Zugang zu den Bibliotheken und den dort zur Verfügung stehenden Computern, können viele dieser Studierenden nur auf der Straße und über ihr Telefon an den Vorlesungen teilnehmen.

Inzwischen gibt es einige Lockerungen. Aber sie rufen neue Ängste hervor. Die Großstadt ist zu einer Falle geworden. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind risikoreich für eine Ansteckung. Einige Unternehmen melden, dass ihre Mitarbeiter nur bereit sind zur Arbeit zu kommen, wenn sie nicht mit dem öffentlichen Transport fahren müssen. Aber mehr Autos bedeuten Staus ohne Ende und erneute Verschmutzung.

Die Initiative ergreifen

Und die Kirchengemeinden? Wenn Mouna nicht gewusst hätte, wo sie etwas von ihrer enormen Last ablegen kann, wäre es wahrscheinlich schon zu einem Suizid gekommen. Sie steht per SMS und heimlichen Telefonaten mit Ehrenamtlichen der Gemeinde in Kontakt – mehr ist zurzeit nicht möglich. Aber das hilft ihr schon, sich weniger allein zu fühlen.

Unsere Aufgabe als Gemeinde ist es, uns bereitzuhalten, all das Schlimme anzuhören, aufzufangen – und am Kreuz abzulegen. Allerdings reicht es nicht, darauf zu warten, dass die Betroffenen sich selbst melden.

Es geht darum, die Initiative zu ergreifen und bewusst auf alle Menschen zuzugehen, die in der Kirche bekannt sind. Der Gemeindevorstand von Saint-Cloud hat sich die gesamte Gemeindekartei aufgeteilt, um mit jeder Person oder Familie Kontakt aufzunehmen und einfach nachzufragen, wie es ihnen geht. Es ist wie auf dem Weg nach Emmaus: Sich zu denen zu gesellen, die ihren Weg in Angst erleben. Sie erzählen lassen. Auch wenn wir selbst unsere Fragen und Ängste haben. Wir sind alle betroffen.

Aber irgendwann werden wir wahrscheinlich mit Dank erkennen, dass wir nicht allein sind. Auch das Brot der Tränen kann geteilt werden.

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