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Das neunte Gebot und sauteures Bier

Brexit. Darum dreht sich derzeit fast alles, was vom Vereinigten Königreich nach Kontinentaleuropa dringt. Carla Maurer, Pfarrerin an der Swiss Church in London, hat ein Verhandlungsangebot.

Sogar wenn William und Kate auf den Kontinent reisen, herzerwärmend in die Kameras dieser Welt lächeln und Brezeln backen, so weiss doch zumindest die politisch versierte Gala-Leserin, dass es sich hierbei um eine Brexit-Charmoffensive der britischen Regierung handelt – ist doch mittlerweile fast jedem klar, was für ein fantastisches Eigentor diese mit dem Volksreferendum im Juni 2016 geschossen hat. Das Wortgeschöpf, das anfangs noch wie eine Spielerei klang, hat sich mittlerweile zu einem ernstzunehmenden Eintrag im Duden und auf der Politagenda gemausert.

Über Brexit wird viel geschrieben und gesagt. Einig sind sich (fast) alle: es wird ein langwieriger Prozess, aus dem das Vereinigte Königreich geschwächt hervorgehen wird, und zwar unabhängig davon, ob es wirklich dazu kommen oder der „Exit vom Brexit“ doch noch salonfähig wird. Brexit ist Politdrama auf höchstem Niveau. Manchmal vergesse ich fast, dass es sich hierbei um die Realität handelt und nicht um eine neue Episode von House of Cards.

Die Säkularisierung im Vereinigten Königreich ist weit fortgeschritten, besonders in den urbanen Zentren. Dazu trägt sicherlich auch der öffentlich-rechtliche Status von Kirchen bei, die hier als „charity“ (also gemeinnütziger Verein) eingetragen sind. Das gilt auch für die Church of England, deren Oberhaupt die Königin ist.

Die Konfessions- und Kirchenzugehörigkeit wird nicht über die staatliche Steuerabgabe definiert, sondern über die direkte Mitgliedschaft bei der lokalen Kirchgemeinde, die man dann auch finanziell unterstützt. Wer nicht zur Kirche geht, ist nicht Mitglied.

Grundwissen in Sachen Religion und Christentum ist oft sehr rudimentär vorhanden, wenn überhaupt. Von den Zehn Geboten haben allerdings die meisten schon gehört. Und eines dieser Gebote lautet: Du sollst kein falsch Zeugnis geben gegen deinen Nächsten. Dass das Erzählen von Unwahrheiten als moralisch verwerflich gilt, zählt zu den gesellschaftlichen Grundwerten und verbindet Menschen über die Grenzen der Religion hinaus.

Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen

Umso erstaunlicher fand ich während dem Brexit-Abstimmungskampf, mit welcher Unverfrorenheit Unwahrheiten verbreitet wurden, unter anderem auch von gewählten Volksvertretern. Ich frage mich heute noch gelegentlich, ob die Brexit-Befürworter ihre Lügen absichtlich in die Welt setzten oder ob sie wirklich so uninformiert waren, diese tatsächlich selber zu glauben.

Ich weiss auch gar nicht, was ich verwerflicher finde. Das eine spricht für die schiere Inkompetenz dieser Politiker, das andere für knallhartes Kalkül und gefährliche Spielerei. Tatsache ist, dass viele Stimmbürger und Stimmbürgerinnen dem Ausmass der Verlogenheit nun auf die Schliche kommen.

Der Brexit bringt nicht mehr Geld, das direkt in staatliche Institutionen investiert werden kann, sondern kostet Geld. Es geht dabei nicht nur um die „Divorce Bill“ (die sogenannte Scheidungsrechnung), mit der das Vereinigte Königreich seine mittel- und langfristigen Verpflichtungen bei der EU auslöst, sondern auch um das Wegbleiben regionaler EU-Ausgleichszahlungen an benachteiligte Regionen auf der Insel, deren Regenerierung dank der EU überhaupt erst stattfinden konnte (die Stadt Liverpool und Cornwall im Südosten Englands sind Beispiele dafür).

Der Sinkflug des Sterlings seit der Abstimmung ist bereits ein Vorgeschmack darauf, wie hart der Brexit das insulare Königreich und die Menschen, die hier leben, treffen könnte. Ich spüre es im eigenen Geldbeutel. Reisen in EU Länder (ganz zu schweigen von Heimataufenthalten in der Schweiz) kosten mich einiges mehr als noch vor zwei Jahren. Ich muss mir den spontanen Sprung über den Ärmelkanal gut überlegen.

Der Brexit ist auch nicht, wie von seinen Befürwortern suggeriert, ein verhandlungstechnischer und rechtlicher Sonntagsspaziergang. Einfach Weglaufen und Türe zuschlagen geht nicht, ausser man nimmt ein Chaos exorbitanten Ausmasses in Kauf.

Gerade als Schweizerin weiss ich, dass Vertragsverhandlungen mit der EU Jahrzehnte dauern, und ich finde zu Recht, denn schließlich handelt es sich um ein politisches und wirtschaftliches Konstrukt mit unzähligen Interessengruppen. Das ist die manchmal etwas langwierige Kehrseite der Demokratie.

Dass wie bei so vielen Institutionen auch bei der EU Reformbedarf besteht, würde ich auch gar nicht abstreiten, aber ich sehe nach wie vor das Positive des europäischen Integrationsprozesses: nämlich die politische Stabilisierung und die Friedensbildung. Von dieser Stabilität hat auch Grossbritannien profitiert.

Auf dem Parkett der Weltpolitik

Klar, man kann gute Gründe für einen Brexit haben, und ich bin auch bereit, mir diese anzuhören, solange sie entweder auf Tatsachen oder aber auf gut informierten Überlegungen beruhen. Was mich aber wirklich stört, ist, dass Brexit ein Verschleiß von Ressourcen ist, der auf Un- und Halbwahrheiten basiert und unter dem die Schwächsten in der Gesellschaft am meisten leiden werden.

Wir hätten es schon im Abstimmungskampf wissen können, hätten sich die Aktivisten auf beiden Seiten der Kampagne an das einfache Grundprinzip des Nicht-Lügens gehalten, oder schlichtweg ihren Job getan und sich besser informiert.

Wie ist es möglich, dass Politiker mit blanken Lügen oder mit purem Unwissen ein Land in ein derartiges Schlamassel bringen können, ohne für die Konsequenzen zahlen zu müssen?

Wie ist es möglich, dass einige der Brexit-Befürworter, die mit diesen Unwahrheiten Stimmbürger an die Urne gelockt haben, jetzt am Verhandlungstisch sitzen, scheinbar kein Stück weiser und ohne Plan?

Du sollst kein falsch Zeugnis ablegen, heisst es im Alten Testament. Es hört sich so einfach an, aber wir alle wissen ja, wie schnell wir in die eine oder andere Unwahrheit hineingezogen werden, nur hat das in unserem Alltag meist weniger gravierende Konsequenzen als auf dem Parkett der Weltpolitik.

Ein paar Vorzüge hat dieser Brexit ja schon: London ist für Kontinentaleuropäer plötzlich zu einer bezahlbaren City-Trip-Destination geworden. Wenn ihr also nächstes Mal in Europas grösster Metropole seid, meldet euch doch und schaut in unserer wunderschönen Swiss Church in Covent Garden vorbei! Ich gebe euch gerne ein paar gute Tips. Im Gegenzug könnt ihr mich bei meinem nächsten Besuch auf dem Kontinent ja auf so ein sauteures Bier einladen. Deal?


Die Internationale ist unsere Kolumne für das Erdenrund und die weltweite Ökumene. Dabei unterstützen uns Autorinnen und Autoren, die vor Ort leben und arbeiten. Die Beiträge der Kolumne sollen unsere Leserinnen und Leser nicht als bloße Touristen in ferne und nahe Länder entführen, sondern Gefühl und Interesse dafür erwecken, wie andernorts gelebt und geglaubt wird.

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