Der andere Blick

Die aktuellen Kirchenmitgliederzahlen werden diskutiert: Auch im letzten Jahr haben die beiden Volkskirchen Mitglieder verloren. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Ein Kommentar.

Ende Juni wurden die aktuellen Zahlen zur Kirchenmitgliedschaft der röm.-kath. Kirche und Evangelischen Landeskirchen vorgelegt. Es folgte das übliche kleine Blätterrauschen und mit etwas Abstand die ebenso gewohnte Selbstkasteiung der Kirchen.

Der gewohnte Blick

Alljährlich verleiten die Kirchenmitgliedschaftszahlen dazu, vor allem auf jene zu schauen, die nicht mehr da sind. Wie bei jeder Statistik, ist es nicht nur wichtig, wer sie gemacht hat, sondern auch, wer sie liest.

Manche sehen in der stetig sinkenden Gesamtzahl von Kirchenmitgliedern schlicht die Bestätigung ihrer eigenen (Vor-)Urteile: Sei es, dass die Kirchen völlig aus der Zeit gefallen sind oder dass sie sich dem Zeitgeist übermäßig anbiedern. Die Zahlen sind da interpretationsoffen.

Schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, fallen einige Gründe für den allgemeinen Rückgang von Kirchenmitgliedern auf. An erster Stelle steht der Tod als unvermeidliches Ende von Menschenleben, auch christlichen. Tote zahlen keine Kirchensteuer mehr, tauchen daher auch nicht in der Mitgliederstatistik auf.

An großen Organisationen wie den beiden Volkskirchen lässt sich der demographische Wandel hierzulande gut ablesen. Schaut man allein auf die absolute Mitgliederzahl, entgeht einem womöglich, dass die Evangelischen Landeskirchen im letzten Jahr mehr Taufen und (Wieder-)eintritte zu verzeichnen hatten als Kirchenaustritte. Das war die letzten Jahre nicht immer der Fall und wäre also ein Grund zur Freude.

Der Blick auf den Gottesdienst

Allerdings überwiegt die Trauer über den Mitgliederschwund, in die sich wohl nicht wenig Angst vor dem Bedeutungsverlust und auch ein bisschen Scham mischen. Hanna Jacobs unternahm darum unter dem Titel „Hurra, uns gibt es noch!“ den Versuch, über diejenigen zu sprechen, die noch da sind. Ihre Typologien von Gottesdienstbesuchern lesen sich amüsant und in jeder ihrer Charakterzeichnungen steckt auch (mehr als) ein Körnchen Wahrheit drin.

Allein, Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesucher gleichzusetzen oder sie in der Debatte wie so häufig zu vermengen, blendet völlig aus, dass der Sonntagsgottesdienst seit Jahrzehnten nicht mehr die Zentralveranstaltung der Christen hierzulande ist. Das trifft auf Evangelen noch mehr zu als auf Katholiken, doch auch bei den röm.-kath. Geschwistern finden sich allsonntäglich nur knapp 10 % der eigenen Herde zur Messe ein.

Der christliche Gottesdienst als Veranstaltungsform ist in der Krise. (Um ein anderes Thema kirchlicher Selbstkasteiung nur zu streifen.) Seine Krise ist allerdings nur bedingt mit dem Rückgang an Kirchenmitgliedern verknüpft. Etwas überspitzt gesagt: Wegen enttäuschender Gottesdienste treten die wenigsten aus, sie gehen nur einfach nicht mehr hin. Vielleicht täte es der Sache auch gut, wenn wir neben dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch oder der Zahl an Kasualien andere Kennzahlen entwickelten, die kirchliches Engagement widerspiegeln.

Der andere Blick

Denn eines beweisen die alljährlichen Zahlenupdates, wenn man gewillt ist, tatsächlich diejenigen zu sehen die „noch“ da sind: 45,5 Millionen Menschen sind Mitglied einer der beiden Volkskirchen. Der Anteil von Christen an der Gesamtbevölkerung liegt bei 58,3 % (inkl. anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften).

Die beiden christlichen Volkskirchen beweisen damit eine Bindekraft, die alle anderen gesellschaftlichen Akteure weit in den Schatten stellt. Keinem anderen „Verein“, keiner Partei, keinem Sport- oder Fanclub, nicht einmal dem ADAC gehören so viele Menschen an. Das gilt im Übrigen auch für den Osten. Zwar gibt es hier Landstriche mit nur 10 % Kirchenmitgliedschaft, trotzdem ist die Kirche der einzige Akteur, der überhaupt so viele Leute zusammenführt und – nicht nur metaphorisch – an einen Tisch bringt.

Natürlich gibt es unter den Kirchenmitgliedern genug Leute, die sich ganz und gar nicht zugehörig fühlen. Gerade unter den Hochengagierten, unter denen, die ihren Kirchen viel zu geben hätten. Sie sind ein wichtiges, notwendiges Korrektiv, die Kirchenleitungen sollten mehr auf sie hören. Im Blick auf die unglücklich Bleibenden verbietet sich ein triumphbesoffenes Abfeiern der Millionenzahlen.

Aber: Millionen Menschen sind freiwillig Kirchenmitglieder. Trotz Kirchensteuer, trotz Gottesdienstkrise, trotz allem. Irgendeinen Grund wird das schon haben, allein an der Tradition liegt es nicht mehr. Natürlich ist es interessant, zu erfahren, warum Menschen aus der Kirche austreten. Ebenso interessant sollte sein, warum 99 % von ihnen bleiben. Das wäre eine ganz andere Frage.

Mit dieser Frage verbindet sich ein anderer Blick auf die realexistierenden Kirchen: Ein Blick, der – kirchen-deutsch gesprochen – wertschätzend zur Kenntnis nimmt, was alles da ist, was Menschen an ihre Kirche bindet, sie beheimatet, ihnen Halt und Hoffnung spendet.