Die Die Eule Eule

Foto: "Church" von Joe Lodge (Flickr), CC BY 2.0

Der andere Blick

Die aktuellen Kirchenmitgliederzahlen werden diskutiert: Auch im letzten Jahr haben die beiden Volkskirchen Mitglieder verloren. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Ein Kommentar.

Ende Juni wurden die aktuellen Zahlen zur Kirchenmitgliedschaft der röm.-kath. Kirche und Evangelischen Landeskirchen vorgelegt. Es folgte das übliche kleine Blätterrauschen und mit etwas Abstand die ebenso gewohnte Selbstkasteiung der Kirchen.

Der gewohnte Blick

Alljährlich verleiten die Kirchenmitgliedschaftszahlen dazu, vor allem auf jene zu schauen, die nicht mehr da sind. Wie bei jeder Statistik, ist es nicht nur wichtig, wer sie gemacht hat, sondern auch, wer sie liest.

Manche sehen in der stetig sinkenden Gesamtzahl von Kirchenmitgliedern schlicht die Bestätigung ihrer eigenen (Vor-)Urteile: Sei es, dass die Kirchen völlig aus der Zeit gefallen sind oder dass sie sich dem Zeitgeist übermäßig anbiedern. Die Zahlen sind da interpretationsoffen.

Schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, fallen einige Gründe für den allgemeinen Rückgang von Kirchenmitgliedern auf. An erster Stelle steht der Tod als unvermeidliches Ende von Menschenleben, auch christlichen. Tote zahlen keine Kirchensteuer mehr, tauchen daher auch nicht in der Mitgliederstatistik auf.

An großen Organisationen wie den beiden Volkskirchen lässt sich der demographische Wandel hierzulande gut ablesen. Schaut man allein auf die absolute Mitgliederzahl, entgeht einem womöglich, dass die Evangelischen Landeskirchen im letzten Jahr mehr Taufen und (Wieder-)eintritte zu verzeichnen hatten als Kirchenaustritte. Das war die letzten Jahre nicht immer der Fall und wäre also ein Grund zur Freude.

Der Blick auf den Gottesdienst

Allerdings überwiegt die Trauer über den Mitgliederschwund, in die sich wohl nicht wenig Angst vor dem Bedeutungsverlust und auch ein bisschen Scham mischen. Hanna Jacobs unternahm darum unter dem Titel „Hurra, uns gibt es noch!“ den Versuch, über diejenigen zu sprechen, die noch da sind. Ihre Typologien von Gottesdienstbesuchern lesen sich amüsant und in jeder ihrer Charakterzeichnungen steckt auch (mehr als) ein Körnchen Wahrheit drin.

Allein, Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesucher gleichzusetzen oder sie in der Debatte wie so häufig zu vermengen, blendet völlig aus, dass der Sonntagsgottesdienst seit Jahrzehnten nicht mehr die Zentralveranstaltung der Christen hierzulande ist. Das trifft auf Evangelen noch mehr zu als auf Katholiken, doch auch bei den röm.-kath. Geschwistern finden sich allsonntäglich nur knapp 10 % der eigenen Herde zur Messe ein.

Der christliche Gottesdienst als Veranstaltungsform ist in der Krise. (Um ein anderes Thema kirchlicher Selbstkasteiung nur zu streifen.) Seine Krise ist allerdings nur bedingt mit dem Rückgang an Kirchenmitgliedern verknüpft. Etwas überspitzt gesagt: Wegen enttäuschender Gottesdienste treten die wenigsten aus, sie gehen nur einfach nicht mehr hin. Vielleicht täte es der Sache auch gut, wenn wir neben dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch oder der Zahl an Kasualien andere Kennzahlen entwickelten, die kirchliches Engagement widerspiegeln.

Der andere Blick

Denn eines beweisen die alljährlichen Zahlenupdates, wenn man gewillt ist, tatsächlich diejenigen zu sehen die „noch“ da sind: 45,5 Millionen Menschen sind Mitglied einer der beiden Volkskirchen. Der Anteil von Christen an der Gesamtbevölkerung liegt bei 58,3 % (inkl. anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften).

Die beiden christlichen Volkskirchen beweisen damit eine Bindekraft, die alle anderen gesellschaftlichen Akteure weit in den Schatten stellt. Keinem anderen „Verein“, keiner Partei, keinem Sport- oder Fanclub, nicht einmal dem ADAC gehören so viele Menschen an. Das gilt im Übrigen auch für den Osten. Zwar gibt es hier Landstriche mit nur 10 % Kirchenmitgliedschaft, trotzdem ist die Kirche der einzige Akteur, der überhaupt so viele Leute zusammenführt und – nicht nur metaphorisch – an einen Tisch bringt.

Natürlich gibt es unter den Kirchenmitgliedern genug Leute, die sich ganz und gar nicht zugehörig fühlen. Gerade unter den Hochengagierten, unter denen, die ihren Kirchen viel zu geben hätten. Sie sind ein wichtiges, notwendiges Korrektiv, die Kirchenleitungen sollten mehr auf sie hören. Im Blick auf die unglücklich Bleibenden verbietet sich ein triumphbesoffenes Abfeiern der Millionenzahlen.

Aber: Millionen Menschen sind freiwillig Kirchenmitglieder. Trotz Kirchensteuer, trotz Gottesdienstkrise, trotz allem. Irgendeinen Grund wird das schon haben, allein an der Tradition liegt es nicht mehr. Natürlich ist es interessant, zu erfahren, warum Menschen aus der Kirche austreten. Ebenso interessant sollte sein, warum 99 % von ihnen bleiben. Das wäre eine ganz andere Frage.

Mit dieser Frage verbindet sich ein anderer Blick auf die realexistierenden Kirchen: Ein Blick, der – kirchen-deutsch gesprochen – wertschätzend zur Kenntnis nimmt, was alles da ist, was Menschen an ihre Kirche bindet, sie beheimatet, ihnen Halt und Hoffnung spendet.

3 Kommentare zum Artikel

Lukas

Hey Philipp, danke für deinen „anderen Blick“. Ich finde es gut, die Meldungen über Kirchenaustritte in Perspektive zu setzen und den Blick auf die, die zur Kirche gehören, nicht zu vernachlässigen. Allerdings fände ich die bei dir anklingende Konsequenz , eine stabile Mitgliedschaft in Distanz weiterhin als Grund zu Beruhigung zu sehen und sie genauer untersuchen zu wollen, unzeitgemäß (korrigiere mich, wenn ich dich missverstanden habe). Das ist der Stand der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen I bis IIII, die allerdings im krassen Gegensatz zu den von dir zurecht in den Blick genommenen Hochengagierten die Hochgebildeten für vernachlässigt hielt (vgl. Wegner, Gerhard, 50 Jahre dasselbe gesagt? Die Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD im religiös-kirchenlichen Feld, in: Ders. (Hg.), Gott oder die Gesellschaft? Das Spannungsfeld von Theologie und Soziologie, Würzburg 2012, 295-341). Anstelle einer Instiutionslogiken folgenden Selbstvergewisserung der eigenen Attraktivität oder Bindekraft braucht unsere Kirche mEn. eine neue inhaltliche Debatte über die Ekklesiologie. Was ist Kirche? Ist Mitgliedschaft dem gegenüber überhaupt eine Kategorie? Wie verhalten sich verfasste Kirche und communio sanctorum zu einander? Ist die Kirche im Institution, Organisation, Bewegung oder alles zusammen? Warum und wozu existierte die Kirche: aus historischer Kontingenz oder zu welchem Zweck?
Das, wiederum, wären meine ganz andere Fragen.
Schöne Grüße, Lukas vom @offenbartcast

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Philipp GreifensteinPhilipp Greifenstein

Na, so ganz missverstanden hast Du mich nicht, insofern als dass die „Mitgliedschaft in Distanz“, wie Du selbst schrubst, ja keine Neuigkeit ist. Ich finde nach all den Jahren Diskussionen, die den Eindruck machen, man hätte das gerade erst entdeckt, kreuzdämlich. Und ich bin ehrlich: Ich finde die alljährliche Kritik an diesen Kirchenmitgliedern auch wohlfeil, weil sie mE zu wenig in Rechnung stellt, dass diese Leute ja freiwillig dabei sind und schon ihre Gründe haben – auch wenn sie den Disputanten nicht passen.

Ich für meinen Teil habe gar kein Problem mit einer Kirche „zweierlei Geschwindigkeit“, die große Mitgliederzahl inkl. kirchensteuerzahlendem Volk macht so einige Aufgabenerfüllungen der Kirche erst möglich. Wichtig erscheint mir in der Praxis, dass sich die Hochengagierten und die Distanzler nicht völlig aus dem Blick verlieren.

Dazu gehört für die Distanzler wahrzunehmen, dass für andere Menschen Kirche alltäglicher Lebensraum ist, den sie mitgestalten, bei dem sie ein Wörtchen mitreden wollen, der „eigenen“ Regeln gehorcht. Ein bisschen Nachsicht z.B. von Kasualteilnehmern wäre da manchmal ganz gut.

Auf der anderen Seite sollten die Hochengagierten ein Einsehen darin haben, dass es eben Menschen gibt, die Kirche nicht jede Woche brauchen. Kasualien, Weihnachten, Ostern und (lokal verschieden) Erntedank, Kirchweih, etc. – das sind auch Fixpunkte und Lebensanker für Menschen, die ihren Alltag kirchenfern gestalten. Sich darüber jedes Jahr aufs Neue zu empören finde ich falsch und in deinen Worten (die ich mir aus einem anderen Zusammenhang borge ..) gestrig.

Das macht die von dir vorgebrachten ekklesiologischen Fragen umso dringender, denn eine Kirche (als Organisation) der zwei Geschwindigkeiten wäre kirchengeschichtlich mal eine richtige Novität – beziehungsweise, sich das endlich einzugestehen. Ich teile deine Fragen ausdrücklich, sie werden uns – dazu muss man kein Prophet sein – in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen.

PS: Außerdem geht mir das Gejammer auf den Sack.

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Lukas

Hey Philipp, danke für deine Antwort!
Wehret dem Gejammer, ich bin dabei!

Dein letzter Absatz stimmt mich (oh Wunder, nimmt er doch meine Impulse auf …) versöhnlich. Auf den vorigen möchte ich nochmal genauer eingehen.

„[D]ass es eben Menschen gibt, die Kirche nicht jede Woche brauchen“ stimmt wohl. Dass dieser status quo erst einmal anzuerkennen ist und nicht einfach weggepöbelt und -genasegerümpft werden kann, geschenkt.
Die bisweilen in Reaktion auf die KMUs aufkommende Gleichsetzung von Deskription und Normation allerdings halte ich für problematisch.

Wenn, um ein Beispiel zu verwenden, im Deutschunterricht 75% der Schüler in der Nase popeln und nur mal zu den Klausuren ein bisschen aktiv werden, sagt die Lehrkraft ja auch nicht „Na das ist ja schon so lange Fakt, dass sich die Schüler in meinem Unterricht langweilen, dann soll das wohl so. So lange sie überhaupt noch anwesend sind konzentriere ich mich auf die 25% die sich beteiligen.“ Also, sicher haben wir LehrerInnen erlebt, die so etwas zu sagen fertig gebracht hätten, aber von einer guten Lehrkraft erwarten wir doch, dass sie die Rahmenbedingungen prüft, ihren Unterricht verbessert und mit den abwesend-anwesenden Schülern in Kontakt tritt. Warum sollte sie das tun? Weil die Schule ein Ziel verfolgt, zu dessen Umsetzung die Lehrkraft beitragen soll.

Nun ist es das eine, dass sich die Schulen auch finanziell erhalten lassen, wenn viele Schüler in gnädiger Langeweile von Stufe zu Stufe durchkommen. Das andere ist die Frage, ob die Schulen damit ihr Bildungsziel erreichen. Übertragen auf die Kirche: Nur weil es viele Menschen gibt, die ‚Kirche nicht so oft brauchen‘ heißt das doch nicht, dass das Ziel der Kirche, ihr Existenzgrund und ihre Aufgabe, darin bereits aufgehen, sie als Mitglieder zu behalten. (Die letzen KMUs haben dazu gezeigt, dass diese „stabil Distanzierten“ den am stärksten schrumpfenden Mitgliederbereich der EKD darstellen. Das wird so nicht weitergehen.)

Wenn die Kirche ein Ziel, eine Existenzgrundlage und eine Aufgabe hat, dann muss die klar sein, bevor man sich darüber unterhält welche Mitglieder nun wie einzuschätzen sind. Vielleicht kümmert man sich am Ende dieser ekklesiologischen Frage dann doch nicht so sehr um die distanzierten Mitglieder sondern um ganz andere Personengruppen, mag sein. Aber allein Lebensanker und Fixpunkte für Menschen zu bieten halte ich theologisch für unterbestimmt. Es ist nicht schlecht, wenn die Kirche solche Dinge bietet – aber wenn sie meint, dass sie damit allein ihren Auftrag erfülle, läuten bei mir die Alarmglocken.

Und eine Kirche der zwei Geschwindigkeiten klingt mir einfach zu verdächtig nach Mt 25,1-13.

PS: Gejammer am Arsch, Polemik FTW. 😉

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