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Foto: Stefan Munder (Flickr), CC BY 2.0

Die doppelte Fremdheit des Islam

Der Islam und Ostdeutschland sind sich fremd. Muslime und Christen stehen der konfessionslosen Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Das könnte sie zusammenführen.

Wer über den Islam spricht, wir zumeist belehrt, dass es „dem Islam“ gar nicht gibt. Aber die innerislamischen Strömungen und Spaltungen sind derzeit nicht unser vordringlichstes Problem. Viel schwerer wiegt, dass der Islam und alles, was damit zusammen hängt, in den östlichen Bundesländern vergleichsweise fremd sind. Doppelt fremd.

Zeit, sich kennenzulernen

Andreas Fincke ist Hochschulpfarrer an der ESG Erfurt und Leiter der Evangelischen Stadtakademie "Meister Eckhart".

Uns ist der Islam als Religion fremd, und uns sind die Kultur und die Lebensgewohnheiten vieler Muslime fremd, weil es vor 1990 praktisch keine Muslime im Osten gab. Anders als in den westlichen Bundesländern, wo man sich langsam an die Gastarbeiter und damit den (zumeist türkisch geprägten) Islam und an muslimische Lebensweisen gewöhnen konnte, geht die Entwicklung in den östlichen Ländern vergleichsweise rasant. Das ist einer der Gründe für den Widerstand vieler Ostdeutscher gegen den Islam. Es braucht Zeit, sich kennenzulernen.

Daher wären die muslimischen Gemeinschaften gut beraten, wenn sie den Neubau von Moscheen im Osten mit Fingerspitzengefühl und Geduld betreiben würden. Es reicht nicht, mit viel Geld eine Moschee irgendwo hinzustellen. Man muss auch um die Herzen der Nachbarn ringen. Es reicht auch nicht, sich beim Moscheebauvorhaben auf unsere, im Grundgesetz verbriefte Religionsfreiheit zu berufen. Man muss diese Freiheit auch in der eigenen Familie (und gegenüber den Töchtern!) leben. Es ist nie gut, wenn man sich auf Rechte beruft, die man im eigenen Umfeld verachtet.

Fremde Religion

Fremd sind die Muslime vielen Menschen im Osten aber auch, weil engagierte Religiosität hier selten ist. Die östlichen Bundesländer sind mit ihrer exorbitanten Konfessionslosigkeit und ihrer religiösen Gleichgültigkeit ohnehin ein seltsames Pflaster – erst recht, wenn fromme Muslime sich nicht scheuen, ihre Religion ernsthaft und sichtbar zu leben.

Wenn zahlreiche Männer sich zum muslimischen Freitagsgebet versammeln keimt in der Nachbarschaft schnell die Sorge vor Extremisten auf. Weil wir Religion in der Öffentlichkeit kaum kennen. Im Osten ist ein muslimisches Freitagsgebet genau so fremd, wie eine katholische Fronleichnamsprozession.

Doch was heißt das für unsere Kirchengemeinden? Die Gemeinden sollten sich mit dem Islam beschäftigen und Kontakt zu Muslimen suchen. Gewiss ist das nicht einfach. Schon die leidige Frage, wer zur Begrüßung wem die Hand geben kann, kostet Nerven. Wir brauchen dennoch dringend solche Begegnungen. Gastfreundschaft ist gerade für Menschen aus orientalischen Ländern ein hohes Gut. Nur wenn man sich kennt und gemeinsam Tee getrunken hat, kann man auch kritische Fragen ansprechen.

Hintergrund: Moschee-Bau in Erfurt

Im Erfurter Stadtteil Marbach möchte die Ahmadiyya Muslim Jamaat eine Moschee errichten. Seit Bekanntwerden des Vorhabens 2016 gab es dagegen Proteste der AfD und Identitären Bewegung. Die Ahmadiyya-Gemeinde ist seit 1922 aktiv und gilt als älteste muslimische Gemeinde Deutschlands. Die rund 40.000 Mitglieder sind in ca. 220 Gemeinden organisiert. Die Ahmadiyya gilt als Reformbewegung innerhalb des Islam. Mitte Januar 2018 wurde der Bauantrag von der Stadt Erfurt genehmigt. Während Landesregierung und Landeskirche diese Entscheidung begrüßten, gab es Kritik aus CDU und AfD. Weitere Informationen zum Moscheebau in Erfurt.

Gleichgültigkeit als Gefahr

Den Kirchengemeinden kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu, weil sie vermitteln können: Muslimischen Kreisen können sie erklären, warum uns die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie viele persönliche Freiheiten einschließlich der Religionsfreiheit so wichtig sind. Und warum etliche Menschen Zweifel hegen, ob diese Freiheiten ausgerechnet in einer sehr strengen Religion gut aufgehoben sein können. Der Öffentlichkeit hingegen könnten Christen erklären, dass unser lauwarmer Zugang zur Religion nicht maßgeblich ist. Denn religiöser Glaube in seiner Tiefe erfasst immer den ganzen Menschen.

Jedoch: Nirgends auf der Welt stehen so viele Menschen religiösen Fragen derart gleichgültig gegenüber, wie in den östlichen Bundesländern. Diese missliche Lage birgt auch eine Chance. Denn Muslime und Christen, beide gemeinsam, stehen der konfessionslosen Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Das könnte sie einander näher bringen. Das könnte den Blick für Gemeinsamkeiten öffnen. Das könnte zum Modell für interreligiöse Begegnungen werden. Könnte es. Aber wir müssen die Chance ergreifen. Da wir als Christen glauben, dass Gott alle Menschen geschaffen hat, dürfte es möglich sein, auch im muslimischen Nachbarn ein Geschöpf Gottes zu sehen.

Die Verantwortung der Muslime

Und die Muslime? Auch sie könnten von der besonderen Lage in den östlichen Bundesländern etwas lernen. Denn hier zeigt sich, dass die sogenannten „Ungläubigen“ eben nicht die Juden oder Christen sind, die es in vielen islamischen Ländern leider sehr schwer haben, sondern jene, denen Gott wirklich gleichgültig ist.

Wer Moscheen baut, richtet sich auf ein längeres Verweilen ein. Wer verweilen will wird jedoch nur Frieden finden, wenn er auch fragt, was die Nachbarn bewegt.

Andreas Fincke ist Hochschulpfarrer an der ESG Erfurt und Leiter der Evangelischen Stadtakademie "Meister Eckhart".

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