Die Hellenisierung des Christentums

Das große Problem des Christentums ist, dass es Ideen der griechische Philosophie aufgenommen hat. Diese These wird auch heute noch aufgeregt diskutiert. Dabei lässt sich eine Menge für die Gegenwart lernen.

„Das größte Problem der frühen Kirche ist, dass sie vom griechischen Denken beeinflusst war, das nichts mit der Bibel zu tun hat.“

Das obenstehende Zitat drückt eine Überzeugung aus, die als „Hellenisierungs-These“ bekannt ist. Der Theologe Adolf von Harnack popularisierte diese Sicht im 19. Jahrhundert. Noch heute gibt es viele Christen, die von ihr überzeugt sind. Sie erfreut sich vor allem unter Bibelwissenschaftlern großer Beliebtheit, welche die abstrakten, präzisen und zeitlosen Gedankenspiele der griechischen Philosophen in starkem Gegensatz zum erdverbundenen, ganzheitlichen und geschichtlichen Zugang des Alten Testaments sehen.

Jeder, der die Bibel besonders wertschätzt, wird es nicht abwegig finden, dass andere Einflüsse auf unsere Theologie von den biblischen streng unterschieden werden sollten. Es erscheint außerdem ziemlich naheliegend, anzunehmen, dass die ersten Christen von der sie umgebenden Kultur negativ und unbewusst beeinflusst wurden.

Allerdings zieht diese Sichtweise einige problematische Annahmen nach sich.

Zuerst geht sie davon aus, dass das Christentum unübersetzbar ist, dass, weil sich Gott ursprünglich den Juden offenbart hat, wir nur innerhalb jüdischer Vorstellungswelten über Gott nachdenken können. Das ist eine intellektuelle Version der Judaisierungs-Häresie, die völlig außer Acht lässt, dass eine der radikalsten Offenbarungen des Neuen Testaments darin besteht, dass der Gott der Juden sich nun allen Menschen zuwendet, ohne dass sie zuerst in Praxis oder Denken jüdisch werden müssten.

Zweitens geht sie davon aus, dass nur jene Fragen gestellt werden sollten, die die Bibel explizit beantwortet, und dass wir allem gleichgültig gegenüber stehen sollten, worüber die Bibel nicht direkt Auskunft gibt.

Die Griechen haben sich für andere Dinge interessiert als die Hebräer. Sie stellten Fragen nach dem Ursprung und Zweck von allem, sie fragten nach universalen Prinzipien und Gesetzen, nach dem Wesen und der Natur der Dinge, sowohl der natürlichen als auch der begrifflichen.

Weil diese Fragen abstrakter sind, haben sie sich als anschlussfähiger für unterschiedliche kulturelle Kontexte erwiesen und so als hilfreich, dem Christentum eine gemeinsame Sprache zu geben, geeint zu bleiben und zugleich kulturell facettenreich.

Bitte nicht falsch verstehen: Sowohl die Wiederentdeckung des Judentums im Neuen Testament als auch das absolute Ernstnehmen des Alten Testaments halte ich für unglaublich wichtig. Ich glaube nur nicht, dass dies im Widerspruch zur Aneignung griechischer Philosophie durch die alte Kirche steht. Ich glaube nicht, dass es da einen Konflikt gibt.

Drittens geht diese Sichtweise davon aus, dass die großen Denker der frühen Christenheit, die Kirchenväter, weniger schlau und sich ihrer selbst bewusst gewesen sind als wir heute, dass sie sich kindliche Schnitzer erlaubt haben, die wir 2000 Jahre später ausmerzen müssen.

Tatsächlich zeigt jedes ernsthafte Studium der Kirchenväter, wie sorgsam sie in ihrer Aufnahme der Ideen Platos und Aristoteles‘ waren, wie sie die mit der Bibel inkompatiblen Teile ausgesiebt und die nützlichen behalten haben. Der Gott des Aristoteles unterscheidet sich so grundlegend von jenem der Christenheit, dass es für jeden, der beide studiert hat, schlicht unmöglich ist, zu behaupten, die frühen Christen hätten sie miteinander verwechselt.

Doch das bedeutet gerade nicht, dass Aristoteles‘ Analyse der vier unterschiedlichen Ursachen oder seine Entwicklung der Tugendethik in gleicher Weise unbiblisch oder dem Evangelium abträglich wären. In aller Kürze: Die ersten Christen war nicht dumm, die Bibel war ihnen Autorität und sie unterschieden genau, welche Teile der sie umgebenden Kultur mit ihr in Einklang zu bringen waren und welche nicht.

Ergebnis dieses Prozesses ist eine Bereicherung des Denkens, dass sich als unglaublich hilfreich für Christen erwiesen hat, ihren eigenen Glauben besser zu verstehen.

In der Begegnung mit unterschiedlichen Aspekten der uns heute umgebenden Kultur benötigen wir die gleiche sorgfältige Urteilskraft. Unkritisch alles zu glauben, was wir lesen und sehen, führt zur Verwässerung unseres Glaubens. Wir würden all das an uns verlieren, das uns als Christen von anderen unterscheidet.

Doch ebenso unkritisch alles abzulehnen, das nicht ausdrücklich in der Bibel Erwähnung findet, führt zu Fundamentalismus, paranoidem Argwohn und zur Weigerung zu erkennen, was in unserer Kultur gut und gottgefällig ist.

Vielleicht können wir uns ein, zwei Dinge davon abschauen, wie die Kirchenväter, immer von der Botschaft der Bibel ausgehend, das Nützliche vom Unbrauchbaren innerhalb der griechischen Philosophie unterschieden haben.

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