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Die Hölle von Moria – Die #LaTdH vom 22. März

Sind wir blind gegenüber dem Leid der anderen, weil uns selbst Nöte getroffen haben? Außerdem: Effiziente Verkündigung in der Corona-Krise und ein paar Stücken Theologie.

Debatte

Flüchtlingscamp Moria könnte zur Todesfalle werden – Matthias Meisner (Tagesspiegel)

Mehr als 20 000 Menschen sind im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos eingesperrt. Es ist nicht das einzige Lager, das Europa entlang seiner Außengrenzen für nötig erachtet, um dem Andrang von Flüchtlingen und Migranten Herr zu werden. Moria aber ist das groteske Beispiel einer gescheiterten Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Das Lager ist für 3 000 Menschen ausgelegt. Während die Bürger*innen Europas #PhysicalDistancing üben, sind dort Frauen, Männer und Kinder auf engstem Raum und ohne zureichende Versorgung und medizinische Betreuung zusammengefercht. Eine Schande für uns alle!

Bundesinnenminister Horst Seehofer hält trotz der wegen der Corona-Krise verhängten Einreisebeschränkungen an seinem Versprechen fest, Minderjährige aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen. „Wir haben zugesagt, dass wir uns bei der Aufnahme beteiligen“, sagte Seehofer dem „Spiegel“: „Dazu stehen wir.“ Zugleich verwies er mit Blick auf die Umsetzung auf die EU-Kommission: „Das Heft des Handelns liegt jetzt bei der Kommission.“

Die Flüchtlinge sind zum Spielball der großen Politik geworden. Wird sie trotz und neben der gewaltigen Anstrengungen, um Europa vor dem Corona-Virus zu schützen, Zeit und Kraft finden, diese Flüchtlinge und damit unsere europäischen Werte zu retten?

Das ist auch von unser aller Bürgersinn abhängig. Aufmerksamkeit für das Schicksal der geflüchteten Menschen muss hergestellt werden. Gerade in der Krise müssen wir daran festhalten, dass die Würde des Menschen nicht an Nation oder Herkunft gebunden ist.

Nach Deutschland könnten nach den bisherigen Plänen 300 Flüchtlinge aus Lesbos kommen, insgesamt sehen die Pläne eine Evakuierung von 1 600 besonders gefährdeten Menschen vor. Kranke Kinder und ihre Familien erhalten Vorzug.

Für eine Auflösung des total überfüllten Lagers auf der Insel Lesbos, die von Flüchtlingsinitiativen gefordert wird, würde das bei weitem nicht reichen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) wegen der extrem schwierigen Bedingungen teilweise aus dem Lager Moria zurückgezogen haben, wie Helfer dem Tagesspiegel berichten.

Die Dresdner Flüchtlingshilfeorganisation Mission Lifeline hat unterdessen Spenden für einen Evakuierungsflug gesammelt. Der Sächsische Diakonie-Chef Dietrich Bauer wiederholt die Forderungen des Hilfsbündnisses:

Kommentar

Wir halten die Menschen auf Lesbos und in den anderen Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas fest. Wir haben ihnen die Freiheit genommen, wir stehen in der Verantwortung. Zurecht mahnen Jurist*innen und Geisteswissenschaftler*innen angesichts der Einschränkungen der Grundrechte wegen der Corona-Krise, inkl. der legitimen Beschränkung der Religionsfreiheit, zur Mäßigung exekutiver Macht. Freizügigkeit und Versammlungsfreiheit stehen im Zentrum der persönlichen Freiheitsrechte, die nicht an Nation oder Herkunft gebunden sind. In welchem Land werden wir nach der Corona-Krise aufwachen? Der demokratische Bürger*innensinn gebietet Wachsamkeit.

Wachsam sein, bedeutet auch, die Verfehlungen Europas anzuschauen. Die Zusage Seehofers gilt, aber was ist sie wert? Unsere Freiheit und der Geist Europas erweisen sich am Schicksal der Flüchtlinge. Wir müssen sie der Hölle Morias entreißen, um ihret- und unseretwillen.

nachgefasst

Leopoldina legt Stellungnahme zu Coronavirus vor – Jan-Martin Wiarda (jmwiarda.de)

Der Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda (@JMWiarda) hat auf seinem Blog die Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zur Corona-Krise (PDF) allgemeinverständlich zusammengefasst.

Von einer kompletten Ausgangssperre, wie sie zurzeit auch diskutiert wird, halten die Forscher offenbar wenig. Notwendige und gesundheitserhaltende Aktivitäten müssten auch während des Shutdowns möglich bleiben, […]. Dabei sei zu bedenken, „dass die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens aufgrund der zu erwartenden, mitunter gravierenden sozialen und ökonomischen Konsequenzen sowie der möglichen negativen physischen und psychischen Auswirkungen auf die Gesundheit nicht über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten werden kann“.

Virus der Einsamkeit – Petra Bahr (Christ & Welt, ZEITonline)

Ein Stück Theologie in der Corona-Krise hat Petra Bahr (@bellabahr) in der Christ & Welt aufgeschrieben. Neben all dem schlimmen Zeug, das Kardinal Burke und andere rechte Verschwörungsgläubige unter Verwendung christlicher Traditionen dieser Tage von sich geben, strahlt die Vernunft dieses Beitrags umso heller.

Nein, Corona ist keine „Geißel Gottes“. Was wäre das für ein Gott, der einen Strafzug durch die Zimmer der Alten und Kranken verordnete? Die Pandemie ist kein zynischer Erziehungsversuch Gottes, sondern eine Naturkatastrophe in Zeitlupe. Sie ist Teil dieser Wirklichkeit mit ihren Zweideutigkeiten, ihren vielen Schattierungen zwischen hellem Licht und tiefem Dunkel. In der Theologie heißt das „gefallene Schöpfung“. Die Welt war in diesem Sinne immer schon aus den Fugen, mal mehr und mal weniger. […]

Der christliche Glaube ist kein Ansteckungsschutz und keine Garantie für seelische Stabilität. Wir brauchen einander. Die Kirche als Erinnerungs- und als Erzählgemeinschaft, als Gebetsgemeinschaft und als Hilfsgemeinschaft braucht sich für eine Weile nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Sie kann sich auf das konzentrieren, was ihr Auftrag ist: Gottes Nähe, Zuwendung und Liebe auch dann zu verkünden, wenn die eigene Glaubenskraft nicht ausreicht, mit Gebet und Paketen vor der Haustür, mit Telefon und Singen vom Balkon, mit Unterstützung für Menschen in innerer und äußerer Not. Und wenn zwischendurch die Kraft fehlt und die Erschöpfung um sich greift, altes geistliches Bekenntnis: „Gott glaubt an uns.“

Alle mal tief durchatmen! – Warum Isolation eine Chance ist – Markus Nolte (Kirche + Leben)

Markus Nolte beschreibt in der Kirche + Leben einen Weg „mit Jesus und dem heiligen Benedikt durch die Corona-Krise“. Der Artikel ist klüger, als die dusslige Überschrift vermuten lässt. Angesichts von Toten ist nicht nur das Meckern über das Homeoffice, so belastend es auch sein kann, zweitrangig, sondern auch die derzeit von einigen privilegierten Mitbürger*innen hochgejazzte „Entschleunigung“, die sich durch Distanzhalten und Zuhausebleiben einstellen könnte.

An derlei Wellness-Gemurmel schrammt Nolte knapp vorbei, aber er schafft es dank Benedikt von Nursia:

Heute, am 21. März, feiern seine Klöster seinen Gedenktag. Weil er das Große entdecken wollte, weil er Gott suchte, hat er gerade nicht Gemeinschaft, auch keine kirchliche, gesucht. Er hat nicht an der Uni studiert, um ihn zu finden. Nein, er ging in die Abgeschiedenheit der Berge, in eine Höhle. Nur er mit sich – auf der Suche nach Gott. […] In einer „ganz engen Höhle“, wie Papst Gregor der Große schreibt: „Allein, unter den Augen Gottes, wohnte er in sich selbst.“ – „Habitare secum“ heißt das auf Latein. Daher kommt auch der Name für das Gewand der Mönche: der Habit. Sie wohnen in ihrer Lebensform. Sie leben ihr Alleinsein. Sie wohnen in sich selbst. Wenn wir sagen, dass einer ganz in sich selbst ruht – dann geht das wohl in dieselbe Richtung. Und ist etwas sehr Positives.

Das Sich-selbst-Bewohnen ist eine Herausforderung, vor allem weil viele dann doch nicht allein sind, sondern ihre Wohnung mit anderen Menschen teilen. Hier haben es besonders die wirtschaftlich Schwachen in unserer Gesellschaft schwer. Die „physischen und psychischen Auswirkungen“ eines längeren Shutdowns, vor denen die Leopoldina warnt, betreffen konkrete Personengruppen: Kinder, geistig und körperlich Behinderte, psychchisch Kranke und Frauen. Die gesellschaftlichen Stütz- und Hilfesysteme für diese Menschen werden vielenorts heruntergefahren. (Sie sind ohnehin stets skandalös unterfinanziert.)

Eine sinnvolle Aufgabe neben der eigenen Beheimatung besteht für die kommenden Tage darum darin, diese Menschen nicht allein und im Stich zu lassen! In den #LaTdH, die im gesamten deutschen Sprachraum gelesen werden, eine auch nur im Ansatz vollständige Listen solcher Initiativen zu bieten, ist nicht möglich: Frauenhäuser, Jugendhilfe-Projekte, Sozialstationen, Tafeln und die mobile Kinder- und Jugendarbeit vor Ort sind aber sicher kompetente Ansprechpartner*innen für Menschen, die helfen wollen!

Buntes

Verbände appellieren: “Existenz der Wohlfahrt massiv gefährdet” – Tim Szent-Ivanyi (RND)

In der Corona-Krise schlagen die Wohlfahrtsverbände, inkl. Caritas und Diakonie, Alarm, weil sie fürchten, nicht unter den rettenden Schirm der Regierung schlüpfen zu können. Die Bundesregierung muss auch die Dienste und Einrichtungen der Wohlfahrtspflege nun stützen. Ihre Kapazitäten werden jetzt so dringend wie nie gebraucht! Ohnehin leiden alle unter Fachkräftemangel und Finanzierungsproblemen. Bei Caritas und Diakonie sind zusammen über eine Million Menschen beschäftigt. Auch diese Beschäftigten warten auf ein Signal aus Berlin!

In this crisis, God bless the net – Jeff Jarvis (BuzzMachine, englisch)

Der Internet-Journalist Jeff Jarvis (@jeffjarvis) beschreibt, wie das Internet Forscher*innen und Aktivist*innen weltweit zusammenbringt und ihnen hilft, das neuartige Corona-Virus zu bekämpfen.

Imagine, just try to imagine what it would be like to weather this very real-world crisis without the internet. Then imagine all the ways it can help even more. And stop, please stop claiming the net is broken and makes the world worse. It doesn’t. In this moment, be grateful for it. What we need most right now is expertise. Thanks to the net, it’s not at all hard to find.

Gute Maßstäbe lassen sich aus Jarvis‘ Gedanken auch für die digitale Kirche ableiten: Relevanz, Expertise und Effizienz. Diese sind im Krisenfall nicht weniger wichtig, sondern umso bedeutsamer. Effizienz bedeutet, den Medieneinsatz so zu wählen, dass ich mein Kommunikationsziel mit dem geringst möglichen Aufwand erreiche.

Sterben auf der Isolierstation – Tobias Rösmann (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

In diesem FAZ-Artikel werden Thorsten Latzels (@Thorsten_Latzel) Impulse für die Begleitung von Sterbenden auf Isolierstationen aufgenommen. Unter dem Titel „Queres aus der Quarantäne“ schreibt Latzel auf der Website der Evangelischen Akademie Frankfurt ein lesenswertes Blog zur Corona-Krise.

Ortspfarrer sollten sich überdies in der nächsten Zeit von anderen Aufgaben freimachen. Und sich „nicht in zusätzlichen digitalen Angeboten erschöpfen. So schön und wichtig diese sind, es stehen sehr bald andere, dringendere Aufgaben an.“ Deshalb, so wünscht es sich der Akademieleiter in seinem Impuls, sollten alle Pfarrer, Kirchenleitungen, Kirchenvorstände und in der Hospizarbeit Engagierte jetzt intensiv über Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemiezeit reden – „und unsere Kraft konzentriert auf die Vorbereitung dieser Arbeit setzen“.

Bibel

Predigt

Zahlreich sind die digitalen Alternativen für den suspendierten sonntäglichen Kirchgang: Eine umfassende Liste von YouTube-Gottesdiensten hat Selina Fucker (@selinafui2) zusammengestellt. Manche Landeskirchen und Bistümer sammeln auf ihren Websites Angebote aus ihren Regionen. Wenn Sie also wissen, wohin sie kirchenamtlich gehören, schauen Sie doch einmal dort vorbei!

Die katholischen Geschwister wollen sich vielleicht in Richtung Stuttgart wenden, wo Stadtdekan Christian Helmes ab 10 Uhr zelebrieren wird. Dann gibt es noch die „zeitgleichen Gottesdienste“ des Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik Michaeliskloster in Hildesheim mit Liedern und allem Drum und Dran zum virtuellen und analogen Mitfeiern (dort auch Links zu den Angeboten anderer Landeskirchen). Das EKD-Zentrum in Hildesheim ist ja eine der Zukunftswerkstätten, die sich die evangelischen Kirchen trotz oder wegen des Strukturwandels kirchlicher Öffentlichkeiten leisten. Eine gute Zeit, das auch mal zu nutzen!

Lotta und Hannah – Hannah Detken (YouTube)

Den Kindergottesdienst auf YouTube mit Lotta und Hannah Detken (@begeisterte) lege ich allen Eltern ans Herz, die den Nachwuchs einmal guten Gewissens vor dem heimischen Fernseher parken wollen. Hannah Detken macht das herzlich, erfreulich normal und vor allem theologisch sauber. Ja, ich weiß, wir sollen in der Krise alle zusammen stehen, eine kritische Sichtung der per Stream und Video verabreichten theologischen Dosen macht das aber gerade nicht obsolet.

„Gott hat schon längst das Notwendige für uns getan“ – Bruno Fröhlich (Evangelische Kirche A.B. in Rumänien)

Fast schon oldschool kommt der wöchentliche Lesegottesdienst aus der rumänischen Evangelischen Kirche A.B. daher. Doch keine Sorge, auch die Geschwister in Rumänien richten ab morgen einen Podcast ein. Pfarrer Bruno Fröhlich aus Sighișoara (Schässburg) predigt über Jesaja 54, 7-10:

Wodurch lassen wir uns trösten und welchen Trost vermögen wir anderen zu schenken? Hören wir noch einmal genau auf den Propheten: Zum einen besagt die Formulierung „kleiner Augenblick der Verlassenheit“, dass es andere, bessere Zeiten gegeben hat und geben wird. Zum anderen aber zeigt die Erinnerung an die Vorzeit, [z. B. die Bewahrung Noahs in der Sintflut], dass Gott auch inmitten größten Unheils Bewahrung und Leben schenken kann. Auf diesen positiven Erfahrungen gründet die Zuversicht, dass „wohl Berge und Hügel hinfallen“, aber „Gottes Gnade nicht weichen wird“.

In dir ist Freude – Knabenchor Hannover & andere (YouTube)

Und wer heute nur 5 Minuten Zeit hat oder aufbringen will (es lebe die Freiheit!), die findet sich vielleicht in dieser Version von „In dir ist Freude“ des Knabenchores Hannover wieder. Danke für den Tipp in das ganz fix arbeitende Landeskirchenamt der Hannoverschen Landeskirche. Ganz im Sinne Petra Bahrs (ebefalls Hannover, s.o.) können vielleicht gerade die alten Lieder jetzt trösten:

In dir ist Freude
in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben
himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden,
rettest von Banden.
Wer dir vertrauet,
hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.

Ein guter Satz

„Gott ist nicht dort, wo wir sein möchten, sondern da, wo wir sind.“

– Martin Werlen (@MoenchMartin), ein #CoronaEremit auf Twitter

Liebe Eule-Leser*innen,

auch während der Corona-Krise bieten wir euch in der Eule relevante Kirchennachrichten und Einordnungen in bewährter Form. Eine Reihe Autor*innen wird sich darüber hinaus in den kommenden Wochen mit den Folgen von Corona für Kirche und Theologie befassen. Das alles wollen wir ohne Panik und Overdrive machen. In den „Links am Tag des Herrn“ werden wir euch wie üblich jeden Sonntag einen Überblick über andere sehr gute Artikel und Medienangebote liefern.

Allen Eule-Leser*innen und Autor*innen wünschen wir von Herzen Gesundheit, Geduld und Zuversicht!

Eure Eule-Redaktion

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