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Foto: Joshua Davis (Unsplash)

Die Kirchen und Corona: Worauf wir verzichten, wenn wir verzichten

„Das Herz wird schwer“: Der Verzicht auf analoge Gottesdienste muss theologisch durchdacht werden, denn im Gottesdienst erleben wir ein Stück Himmel – auch zu Weihnachten.

Ich sitze an meinem Küchentisch und blicke in den Kalender. In den letzten Tagen scheint eine Horde aus Kugelschreibern dort eine besondere Schlacht geführt zu haben. Notizen, Deadlines, Randbemerkungen. Fast normal für die Adventszeit im Pfarrberuf könnte man meinen. Aber da ist eine Besonderheit:

Termine wie Seniorenadventsfeier, Konfi-Advent, Kaffee und Kuchen nach dem Adventsgottesdienst – alles gestrichen. Nicht durchgestrichen bisher die Gottesdienste an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen. Noch nicht? Am Mittwoch hat die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) empfohlen, dass die Presbyterien situativ entscheiden sollen, ob Präsenzgottesdienste stattfinden können. In Westfalen (EKvW) wurde am Dienstag die Empfehlung ausgesprochen „ab sofort und über die Weihnachtsfeiertage – voraussichtlich – bis zum 10.01.2021 auf alle Präsenzgottesdienste und andere kirchliche Versammlungen (in Gebäuden und unter freiem Himmel) zu verzichten.“

Einige Landeskirchen geben genaue Angaben vor, die die Gottesdienstdauer beschränken, Teilnehmerhöchstzahlen vorgeben und strenge Hygienekonzepte einfordern. Andere ermutigen dazu, Gottesdienste zu feiern, auch hier natürlich mit Konzepten und Abstand und allem, was zum neuen Alltag gehört.

Das Herz wird schwer

Ich weiß, dass es sich die unterschiedlichen Kirchenleitungen im Land nicht leicht machen, diese Entscheidung zu treffen. Es zeigt, wie lebendig und dialogfähig das synodal-presbyteriale System ist, wenn Kirchenräte, Kirchenkreise, Superintendent:innen und Presbyterien darum ringen, hier einen angemessenen Weg zu beschreiten.

Und es wird sicherlich nicht nur „den einen“ Weg geben, sondern viele Lösungen werden situativ sinnvoll sein. Die steigenden Fallzahlen, die unkontrollierte Entwicklung der Corona-Pandemie in Deutschland, die Notwendigkeit, Kontakte massiv zu beschränken ist genau das, was die Vernunft gebietet, fraglos!

Und doch wird mir das Herz schwer, wenn ich mir Weihnachten ohne Präsenz-Gottesdienste vorstelle. Einerseits trauert mein Kinderherz mit den nostalgischen Erinnerungen. Andererseits begehrt mein Theologinnenherz auf, da es sich fragt, wie wir als Kirche gerade jetzt auf diese Gottesdienste verzichten können, und was das über unser Gottesdienstverständnis aussagt.

Wir sind alle ausgelaugt

Die letzten Monate haben uns allen viel abverlangt. Wir sind ermattet, müde, ausgelaugt. Covid-19 und die damit einhergehende Vereinzelung, die psychische Belastung, Existenzängste und Absagen im großen und kleinen Stil erschöpfen uns. Die angespannte politische Situation, weltweite Krisen und die ganz unterschiedlichen Herausforderungen im persönlichen Alltag sind anstrengend.

Dass es in den vergangenen Monaten schwerer wurde, Energie und Zuversicht aufrecht zu erhalten, ist nachvollziehbar. Seelisch sind wir wund und verletzlicher denn je. Es ist im wahrsten Sinne zum Heulen. Dass wir Menschen – als soziale Wesen, die in unterschiedlichen Gemeinschaftsformen leben und diese zum gesunden Leben brauchen – so lange auf Kontakte verzichten müssen, macht es nicht leichter.

Dabei sind wir doch in der Gemeinschaft immer noch am besten aufgehoben. Wir erleben, dass wir abgeschnitten sind von den Lebensbereichen, die uns nähren: Familie, Freunde, physische Nähe, Gemeinschaft. Seelische Mangelernährung.

Kirche reagiert – aber wie?

Nun gehen wir auf Weihnachten zu und die Beschränkungen setzen sich fort, werden sogar angezogen, weil die Infektionslage das erfordert. Bei Kirchens entstehen nun kleine und große Diskussionen und Empfehlungen, wie mit den Weihnachtsgottesdiensten umzugehen ist. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, etwa eine Woche vor Heiligabend.

Rückblick: Im Herbst begannen viele Überlegungen und Planungen, wie Advent und Weihnachten gefeiert werden können – analog, digital, hybrid, alternative Feiern, Hausandachten, Krippenspaziergänge und vieles mehr. Gottesdienstinstitute sammelten Ideen und Materialien, Gemeinden kamen miteinander ins Gespräch – auch auf ökumenischer Ebene! Man suchte nach Formen, die auch mit Abstand und ohne Gesang die gemeinsame Feier ermöglichen. Die Hygienekonzepte hatten ihre Wirksamkeit gezeigt, viele Gemeinden feiern ja schon seit Monaten Gottesdienste in Kleinstbesetzung.

Kreative Kraft erwachte, die uns das Jahr über hier und da sicherlich gefehlt hat. Auf Weihnachten ist der Kompass ausgerichtet – denn „nicht wir retten Weihnachten, Weihnachten rettet uns“ (EKvW-Präses Annette Kurschus). Auf Präsenz-Gottesdienste (nicht nur an Weihnachten) zu verzichten, wirkt organisatorisch angebracht. Aber theologisch hinterfragt wird es wenig bis kaum. Worauf verzichten wir, wenn wir auf diese Gottesdienste verzichten? Auf eine ganze Menge, auf ein Stückchen Himmel und Erde, um es mal pathetisch zu sagen.

Die Begegnung mit Gott

Gottesdienst ist wesentlicher Bestandteil von Kirche. Gottesdienst hat nur ein Ziel: „Die Begegnung mit Gott, das Sich-Öffnen für das Unbedingte, für die alles bestimmende letzte Wirklichkeit.“ (Peter Cornehl, „Der Evangelische Gottesdienst“)  Mit dem Augsburgischen Bekenntnis (Confessio Augustana, 24) gesprochen: „Die Messe soll den Glauben erwecken und die Gewissen trösten. Sie wird gemeinschaftlich von der gläubigen Gemeinde gefeiert.“
Gottesdienst hat keinen Selbstzweck. Er ist kein Produkt der Pfarrer:innenschaft, die den Gemeindeschafen etwas präsentieren will.

„Gott ist Geheimnis, und Liturgie macht solches Geheimnis begehbar“, schreibt Martin Nicol („Weg im Geheimnis“). Gottesdienst ist das kultische Herz der Gemeinde. Gottesdienst ist das Zusammenspiel von Wort und Musik, von Klang und Stille, von Hören und Sprechen, von Machbarkeit und Unverfügbarkeit. Im Gottesdienst feiern Liturg:in, Musiker:in, Lektor:in und die Gemeinde gemeinsam. Die Gottesdienstfeier ist Dienst an und mit der Gemeinde, Dienst an und mit Gott, umfasst Himmel und Erde.

Dabei sind die Bestandteile der Liturgie Teile des Weges im Geheimnis. Im Gebet rufen wir gemeinsam Gott an, klagen, danken, ringen mit ihm. In den Lesungen erklingt Gottes Wort in unserer Welt  – eine Spannung zweifelsohne, aber wir bekommen einen Geschmack für Gottes Handeln in der Welt, an uns. Im Gesang vereinen wir unsere Stimmen – darauf verzichten wir derzeit. Aber dennoch erklingt Musik, weil sie ausdrücken kann, wozu Worte nicht möglich sind. Gott ist Geheimnis, Gott ist Geist, und – so hat es Bishop Michael Curry im Podcast mit Brené Brown formuliert – Gott teilt sich uns in der Gemeinschaft mit.

Wir sind abgeschnitten von der Gemeinschaft im Alltag und von der Gemeinschaft in der Gottesdienstfeier. Wir verlieren den Nährstoff, der uns Kraft, Trost, Hoffnung gibt. Wir brauchen die Energie aus der Begegnung mit anderen Menschen. Und wir brauchen die Energie und den Geist aus der Begegnung mit Gott, Ursprung und Kraft unseres Lebens. Deswegen brauchen wir Gottesdienste.

Gottesdienst als Balanceakt

Wir brauchen Gottesdienste und erleben eine entzückende Vielfalt dieser Tage! Digitale Angebote entstehen, vom Sonntagsgottesdienst über Adventskalender bis zum Kindergottesdienst oder Abendmahl per Zoom. Ein schöpferischer Reichtum, dessen Vielfalt an Gottes verschwenderische Tatkraft am Anfang der Zeiten erinnern mag oder an die vielen Glieder unter Christi Haupt, von denen Paulus spricht.

Digitale Angebote sind ohne Zweifel gut, aber sie führen das fort, was der analoge Gottesdienst auch mit sich bringt, nämlich eine starke Zielgruppenfokussierung. Wo auf analoge Gottesdienste langfristig verzichtet wird, muss man sich fragen, warum und worauf man verzichtet – nämlich die physische Gemeinschaft und eine gewisse Verbindlichkeit, die man bietet, aber auch erwartet.

Ich glaube, Gottes Geist weht auch, wenn wir vor dem Bildschirm Gottesdienste mitfeiern, ob technisch ausgetüftelt beim ZDF oder mit anderer Qualität aus der Heimatgemeinde. Aber zugleich spitzt der digitale Weg die Vereinzelung zu und eliminiert die Partizipation der feiernden Gemeinde. Digital und analog im Zusammenspiel ermöglichen, verschiedene Angebote für verschiedene Gruppen anzubieten. So können mehr Menschen erreicht werden. An sich banal, aber es setzt voraus, dass man sich bewusst ist, was man wo und warum tut und worauf man verzichtet, wenn man etwas sein lässt. Ein Balanceakt, keine Frage.

Stille Nacht, heilige Nacht

Gottesdienste zu Weihnachten werden von den einen gefeiert, andere verzichten darauf. Verzichten – nicht absagen, obwohl letzteres leider doch die Formulierung ist, die man oft hört oder liest. Sagen wir Weihnachten ab, wenn wir an manchen Orten auf Gottesdienste verzichten? Weihnachten passiert, ob wir es feiern oder nicht. Gottes Menschwerdung wird ja nicht wie ein Abo um ein Jahr verlängert, weil es als Krippenspiel in den Gemeinden aufgeführt wird. Gottes Liebe wirkt in unserem Leben auch jenseits der Gottesdienstfeier – wie könnte man als Mensch nur versuchen, den Höchsten klein zu halten und zu reduzieren!

Aber Gottesdienste an Weihnachten 2020 haben eine besondere Bedeutung. Und das liegt im Geheimnis dieser Stillen, Heiligen Nacht begründet, in der der Heiland geboren wurde – Immanuel, Gott mit uns. Der Inbegriff von Gottes Nähe – und jeder, der sein Weihnachtspredigt-Bingo parat hat, kann jetzt fix ein Kreuzchen machen – denn ob romantisch verklausuliert oder auf die Parole „Gott wird Mensch“ runtergebrochen: Das ist das Geheimnis von Weihnachten. In die zerbrechliche Verletzlichkeit des Lebens strahlt Gottes Licht hinein, mit dem Versprechen, dass diese Welt eine andere wird! Und wir Christen glauben, wir lassen uns vertrauensvoll hineinfallen in das Geheimnis, auch wenn wir noch nicht sehen.

Dieses Jahr gibt es die Angst davor, dass die Gottesdienste zum Bersten voll sein werden. Dort, wo mit Anmeldungen gearbeitet wird, zeigt sich oft ein anderes Bild: Menschen sind zurückhaltend, weichen aus auf andere Gottesdienstformate. Das ist gut – dafür gab es ja all die Planungen.

Vielen Menschen ist Weihnachten trotzdem wichtig. Auf einen Platz im Gottesdienst zu verzichten, heißt nicht, „Nein“ zu Weihnachten zu sagen. Aber: Den Wenigen, die kommen wollen, die Türen zu zumachen, ist seelsorgerlich und gottesdiensttheologisch problematisch. Denn dadurch verunmöglichen wir die Begegnung miteinander und mit Gott im liturgischen Rahmen. Ebendieser Rahmen ist aber in dieser Zeit einer, der Halt gibt, durch seine Rituale, festen Formulierungen und das alle Jahre wiederkehrende „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“.

Darauf zu verzichten, im analogen Gottesdienst unter Einhaltung aller Hygienekonzepte miteinander zu staunen über das Wunder; mit den Engeln zu singen – wenn auch im Herzen -; wie die Hirten die frohe Botschaft aller Welt verkünden – das heißt, auf eine der wesentlichsten Formen unseres Glaubens zu verzichten. Und dieser Verzicht schmerzt. Sehr!

Verzichten tut weh

Schmerzlich ist es für die, die Weihnachten als Strohhalm ihrer Planungen sahen. Schmerzlich für die, die in Gottesdienste gehen, obwohl sie schon auf den Familienbesuch verzichten, und dort nach Trost suchen. Schmerzlich für die, deren Kinderherzen pochen und schlagen, auch wenn sie nur einmal im Jahr die Kirche von innen sehen. Schmerzlich für die, die nicht zur Kirche gehen, aber die es tröstet, dass Gottesdienste stattfinden. Schmerzlich für Theolog:innen und Prediger:innen, die ihren Auftrag, das Evangelium zu verkündigen ernst nehmen.

Wir haben gewiss nicht immer die besten Worte, aber wir können den Mitfeiernden unsere Stimme leihen und anbieten. Oder gemeinsam mit ihnen traurig sein, denn es gibt genug Gründe, traurig zu sein. Und wir teilen Hoffnung, indem wir versichern, dass Gott uns ganz nah kommt. Wir glauben mit ihnen, dass alles anders wird!

Wir sind so verletzlich im Moment. Wir suchen nach Worten, suchen nach Trost. Gottesdienst ermöglicht genau das: Verletzlich sein dürfen. Klagen. Weinen. Schreien. Stumm sein. Worte hören, Worte des Trostes, der nicht hohl ist. Gott suchen, finden, seine Nähe erleben. Wo wir darauf verzichten, verzichten wir auf so viel.