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Foto: T. Chick McClure (Unsplash)

#digitaleKirche inhaltlich aufladen

Mit dem „Netzteufel“-Projekt der Evangelischen Akademie zu Berlin verabschiedet sich ein erfolgreiches Projekt der Kirche im digitalen Raum. Was wurde erreicht und wie geht es weiter?

Eule: Was ist hate speech?

Versemann: Hate speech ist ein Kofferbegriff, in den ganz viel reinpasst. Wir halten uns an die Definition des Europarats und sehen darin vor allem gruppenbezogene, menschenfeindliche Äußerungen. Die können manchmal auch ganz höflich daherkommen, sind aber irgendwie immer unter der Gürtellinie. Solche Äußerungen sind ein Online-Phänomen, das aber viel damit zu tun hat, wie wir auch offline kommunizieren.

Eule: Euer Projekt „Netzteufel“ setzt dagegen den sogenannten #HopeSpeech, also hoffnungsvolle Rede. Was ist damit gemeint?

Versemann: Wir haben hate speech aus christlicher Perspektive analysiert und festgesellt, dass das verbindende Element die Konstruktion von Bedrohungsszenarien ist. Hate, also Hass, ist vielleicht gar nicht die treffende Kategorie, es geht vielmehr um das Schüren von Ängsten. Es wird eine Welt konstruiert, die man nicht gestalten kann. Dagegen setzen wir die christliche Botschaft der Hoffnung, also trotz alledem das Vertrauen auf die Gestaltbarkeit der Welt. Wir haben #HopeSpeech als Kunstwort geschaffen, um einer Suchbewegung einen Namen zu geben: Wie können wir solche Inhalte ins Netz bekommen?

Eule: Was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun?

Versemann: Wir erleben, dass Diskriminierung auf tief verinnerlichten Einstellungen basiert, die auch mit christlichen Mustern grundiert sind. Wir glauben, wenn Menschen das „christliche Abendland“ retten wollen, dass wir dem aus der christlichen Botschaft etwas entgegenhalten können. Unsere christliche Botschaft spricht demgegenüber von Offenheit, von Liebe und Vertrauen.

Eule: Euer Projekt ist an der Evangelischen Akademie zu Berlin angesiedelt. Wir haben gerade erfahren, dass die Finanzierung des Projekts nicht gesichert ist und es darum eingestellt werden muss.

Versemann: Unser Projekt war immer darauf ausgelegt im Dezember 2019 zu enden, weil es ein Modellprojekt ist und weil es die Förderung vom Familienministerium dafür gab, etwas Neues auszuprobieren. Das entspricht der Logik von Modellprojekten, an die sich andere dann anschließen können, die Erfahrungen aus unserem Projekt aufnehmen.

Wir haben gemeinsam mit dem Netzwerk „antisemitismus- und rassismuskritische Religionspolitik und Theologie“ (narrt) ein solches Nachfolgeprojekt entwickelt, das aber leider keine Förderung vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ erhalten wird. Unsere Projektlaufzeit war mit ein bisschen mehr als zwei Jahren so kurz, dass wir keine Arbeitsresultate liefern konnten, bei denen dann kirchliche Institutionen und Bürokratien sagen können: Ok, das wollen wir weiterführen.

Eule: Mein Eindruck von der digitalen Kirche ist, dass da eine Menge konzeptionell gedacht wird, es aber nur wenige Projekte gibt, wo wirklich schon etwas zum Anfassen da ist. Was habt ihr in den letzten zwei Jahren geschafft?

Versemann: Wir haben zum einen eine Social-Media-Analyse gemacht, die sich unter dem Titel „Toxische Narrative“ auf unserer Website findet. Da geht es gerade um die Inhalte von christlicher Diskriminierung in Social-Media-Kommunikationen. Wir haben Formate wie #whatthehope, ein zweitägiges Werkstattseminar, und den Christlichen Meme Generator entwickelt. Dabei geht es um kreative Auseinandersetzung mit technischen Mitteln in Verknüpfung mit christlichen Botschaften. Also: Wie kriegen wir toxische Narrative analysiert, wie entwickeln wir in kreativen Prozessen alternative Erzählungen und was sind Prototypen der digitalen Vermittlung?

Zu guter Letzt haben wir mit dem hopeSpeech-Workshop ein Modul entwickelt, das überall – auch ohne Internet und Beamer – in Gemeinden, Zeltlagern, im Unterricht funktioniert, sowohl mit Jugendgruppen als auch mit Erwachsenen. Es geht darum, digitale Lebenswelten ernst zu nehmen und das in einem Offline-Format zu besprechen und digitale Handlungsperspektiven zu entwickeln. Der hopeSpeech-Workshop steht mit einer freien Lizenz auf unserer Website zur Verfügung und kann von allen Leuten durchgeführt und angepasst werden.

Eule: Das wird es weiterhin geben, auch wenn das Projekt jetzt beendet wird?

Versemann: Genau, der Workshop ist extra darauf angelegt, dass er fortbestehen kann. Es gibt eine Facebook-Gruppe, in der sich Multiplikator*innen austauschen können, auch wenn wir als Betreuer*innen einmal nicht mehr zur Verfügung stehen. Das war von Anfang an unsere Perspektive, dass „Netzteufel“ nicht mit uns oder dem Projekt endet, sondern langfristig angelegt wird.

Eule: Ich habe beim Barcamp Kirche online in Berlin (wir berichteten) an diesem Workshop teilgenommen: Ich fand das ganz spannend, weil ich darüber ins Nachdenken gekommen bin, wie ich selbst in den Sozialen Medien auftrete. Ist für diese Fragen mehr Achtsamkeit innerhalb der Kirche entstanden?

Versemann: Wir haben gemerkt, dass dieses Kunstwort #HopeSpeech bei ganz vielen Menschen verfängt, weil es catchy ist und eine gemeinsame Suchbewegung ausdrückt. Wir merken auch, dass viele Menschen davon zwangsläufig betroffen sind, weil sie selbst diskriminierenden Botschaften ausgesetzt sind. Wir suchen dann gemeinsam nach neuen Ausdrucksformen, um dem etwas entgegenzusetzen. Damit ist uns auch eine inhaltliche Aufladung des technischen Begriffs #digitaleKirche gelungen.

Eule: Wie wird es nun weitergehen?

Versemann: Wir haben unseren Antrag für das Nachfolgeprojekt „DisKursLab“ gerade noch einmal angepasst und werden ihn an anderer Stelle noch einmal stellen. Dabei werden wir von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unterstützt.

Und innerhalb der Akademie hier in Berlin wird überlegt, welche Elemente des Projekts weitergeführt werden können. Wie könnte #whatthehope als Format der kritischen politischen Bildung an anderen Orten durchgeführt werden? Wir sind guten Mutes, dass unsere Ergebnisse nicht versanden, auch wenn es vielleicht nicht in der gewünschten Form weitergeht.

Eule: Erhaltet ihr aus der EKBO ausreichend Unterstützung?

Versemann: Wir arbeiten ganz eng mit der EKBO zusammen und erleben da wirklich volle Unterstützung, sowohl bei der Aus- und Weiterbildung, als auch im digitalen Bereich.

Eule: Euer Projekt wird auch von der EKD gefördert. Die sind jetzt fast am Ende des ersten Jahres mit einem Budget für digitale Projekte. Ist es vielleicht möglich, dass die EKD die Lücke füllt, die das „Demokratie leben!“-Programm offenstehen lässt?

Versemann: Es sollen ja in den kommenden Tagen die Förderkriterien für den digitalen Innovationsfonds veröffentlicht werden. Und wir haben auch vor, da eine kleine Summe als Co-Finanzierung zu beantragen.


Das Gespräch führte Philipp Greifenstein.

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