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Foto: Volodymyr Hryshchenko (Unsplash)

Eine Rede an die Gebildeten unter den Weihnachtsverächtern

Das Weihnachtsfest in Corona-Zeiten wird anders gefeiert werden müssen, aber darum muss man es noch längst nicht kaputt reden. Ein Kommentar.

Vor ein paar Jahren warb ein großes deutsches Elektronikkaufhaus im Dezember mit dem Slogan „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“. Die Evangelische Kirche konterte damals, in Form der Evangelischen Jugend, natürlich in pflichtgemäßer Humorlosigkeit mit einer sehr klugen und gewitzten Kampagne, die den Titel „Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden“ trug. Ich war damals nicht besonders überzeugt und habe in einer Weihnachtspredigt den Mediamarkt-Slogan verteidigt – nicht ohne ihn natürlich, wie ich damals fand, clever umzudeuten. Nun ja.

Gerade diskutiert man, aus gegebenem und ungleich schärferem Anlass wieder über Sinn und Unsinn des Weihnachtsfestes und seiner Traditionen. Ein Aufhänger, der durch die Medien geistert und, auch wieder pflichtgemäß, Widerspruch in den Sozialen Medien auslöst, ist ein Zitat Armin Laschets, das in der Überschrift seines Interviews mit der WELT ausgebaut wurde zu „Das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“. Es bedarf sicherlich keine großen Anstrengung, um zu folgern, dass Laschet damit Kontaktbeschränkungen und weitere Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie meint, die ein Weihnachten, wie es für viele Familien normal ist, erschweren oder unmöglich machen.

Und freilich: Das stimmt so für viele Menschen sicher nicht, denn es gab schon vor Corona Menschen, für die Weihnachten als Fest schwer zu ertragen war. Alleinstehende und einsame Menschen, denen das zur Schau gestellte Familienglück zynisch erscheint. Arme Menschen, die gerne wollen, aber beim Konsum nicht mitmachen können. Oder Familien, die so zerrüttet sind, dass Weihnachten nur noch mehr Schaden anrichtet. Für diese Menschen ändert sich vermutlich nichts.

Weihnachten: Nur eine bürgerliche Illusion?

Möglicherweise entlasten die Einschränkungen sogar von Ansprüchen und Idealvorstellungen, die sowieso nicht haltbar sind. Auf der anderen Seite sind nun aber gerade alleinstehende Menschen davon betroffen, wenn öffentliche und gemeinschaftliche Aktionen abgesagt werden müssen, die sie zu Weihnachten mit anderen zusammenbringen könnten. Und sei es die Christvesper in einer überfüllten Kirche.

Auch wenn man all das im Blick hat – und das haben ja viele Menschen, auch wenn insbesondere auf Twitter einige so tun, als ob man jede:n im Alarmton daran erinnern muss: Die Verachtung, die sich gerade auch unter Theolog:innen gegenüber der „klassischen Weihnacht“ zeigt, ist erstaunlich. Am niedlichsten ist da vielleicht sogar noch, wenn die Weihnachtsfeier mit Familie, Baum, Freunden, Geschenken und, ja, Kitsch, als weihnachtlicher Götzendienst bezeichnet wird. Oder wenn darauf hingewiesen wird, dass Weihnachten im Vergleich zu Ostern (oder Karfreitag) sowieso nicht jene zentrale religiöse Bedeutung hat, die dem Fest landläufig beigemessen wird.

Es werden viele Worte verwendet, um zu zeigen, dass das Weihnachten, wie viele  – auch ich – es kennen und schätzen, sowieso nur eine bürgerliche Tradition und im weitesten Sinne nur Fassade ist. Es wird auf den Konsum hingewiesen, der fröhliche Urständ feiert. Kurz: Man könnte viele Stimmen so interpretieren, als ob sie ganz froh sind, dass Weihnachten dieses Jahr anders sein wird und endlich mal mit dem eisernen Besen des Infektionsschutzes durch den Weihnachtskitsch gefegt wird. Dabei wiederholt sich solche Kritik vor jedem Weihnachtsfest, durchaus auch von Seiten der Kirchenprofis: Die Kulturkritik gehört insbesondere zur evangelischen Weihnachtspredigt dringend dazu.

Weihnachten ist wichtig

Für viele Menschen ist Weihnachten mit allem Tand aber eben doch wichtig. Für viele Menschen wäre es gerade in dieser Corona-Situation wichtig. Manche verstreuten Familien kommen genau einmal im Jahr zusammen: zu Weihnachten. Das gleiche gilt, gerade auch in unserer Generation, für viele Freundeskreise. Man sieht sich halt nur dann mal wieder in der alten Heimat, am Abend des 23. Dezembers oder am 2. Weihnachtsfeiertag.

Ja, klar, sind für viele Familien Weihnachten und die Weihnachtsfeierei eine Art Fassade. Man spielt sich funktionierende Verhältnisse vor. Man vergisst für ein paar Tage mal, dass man sich eigentlich uneins ist über alles. Möglicherweise ist aber genau das wichtig und notwendig. Vielleicht brauchen wir vereinzelten Individuen genau diese Illusion? Das ist doch wenigstens einen Gedanken wert. Wenn nun den Menschen die oft mühsam erkämpfte und meist fragile „heile Welt“ der Feiertage genommen wird – was bieten wir ihnen eigentlich als Ersatz an? Als Trost? Als stabilisierende Ressource? Kann der nüchterne Blick in den Abgrund der sozialen Zerrüttung denn ein kleines Menschenherz erfüllen?

Nicht zuletzt ist Weihnachten das letzte christliche Fest, von dem auch kirchenferne Menschen einigermaßen genau wissen, was gefeiert wird. Man weiß, dass die Geburt Jesu ansteht. Das Kind in der Krippe. Möglicherweise geht man dafür sogar noch in die Kirche. Bei vielen Menschen werden noch Weihnachtslieder gehört. Und so weiter und so fort.

Das Weihnachtsfest sollte nicht als missionarische Gelegenheit verzweckt werden, auch wenn viele Pfarrer:innen genau in diese Falle tappen. Aber wenn es eine Zeit im Jahr gibt, in der vielen Menschen deutlich wird, dass es da was jenseits der Vernunft und hinter den Alltagszwängen gibt, dann ist das vermutlich die Advents- und Weihnachtszeit.

Seit vielen Monaten bemühen sich Expert:innen und Politiker:innen, nicht wenige Theolog:innen ebenso, darum, die Corona-Pandemie zu deuten. Sie sagen, dass danach nichts mehr so sein wird wie zuvor. Sie sagen auch, was an unserer Gesellschaft sich ändern muss, damit sie weniger anfällig für globale Katastrophen wird als jetzt. Steht denn nicht das Weihnachtsfest selbst für eine solche bessere Welt, in der auf das Kleine Rücksicht genommen wird, in der Liebe und Solidarität im Vordergrund stehen?

Wenn das Licht am Christbaum brennt

Es ist völlig klar, dass die weihnachtlichen Zusammenkünfte in der Familie und mit Freunden, dass Gänsebraten und Feuerzangenbowle, Weihnachtsbaum und Geschenkekauf anders als die offensichtlich religiöse Komponente des Weihnachtsfestes nicht den höchsten Schutzstatus des Grundgesetzes genießen. Das wäre auch Quatsch! Aber dass diese Dinge eine tiefere Dimension haben, die durchaus religiös konnotiert sein kann, ist auch nicht von der Hand zu weisen.

Wenn Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen, gemeinsam ihr Leben teilen und sich eine Freude machen, wenn das Licht am Christbaum brennt, das für die Hoffnung steht, dass es wieder heller und lichter wird, wenn ein Moment des Friedens in Beziehungen einkehrt, auch wenn er nicht auf Dauer ist, zeigt sich uns, wie es auch sein könnte und wie man es sich trotz allem noch immer wünscht. Und wie es vielleicht ja einmal sein wird.

Das jedenfalls war Weihnachten oft für mich. Ohne diese lichten Momente zwischen den schönen Kulissen wäre anderes danach und davor schwer zu ertragen. Und ja, für einen analytischen und rationalen Blick ist so etwas Illusion und Selbstbetrug. Aber für diesen analytischen und rationalen Blick wurde da damals im Stall ja auch nur ein Kind zweier Menschen geboren, die irgendwie weg von Zuhause waren und deshalb keine ordentliche Bleibe hatten. Ein Versagen der sozialen Institutionen, eine Folge politischer Willkür, ein Logistikproblem – mehr war es ja nicht.

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