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Foto: thomas (Flickr), CC BY-SA 2.0

Erfahrungsbericht eines einsamen Wolfes hinter den sieben Bergen

Richard Rohr hat die Arbeit mit Männern im Raum der Kirche weltweit inspiriert. Johannes Heinze ist Pfarrer in der thüringischen Provinz und berichtet von seinem Männerstammtisch.

Sanfte Hügel, grüne Wälder, dazwischen ursprüngliche Dörfer mit vielen Fachwerkhäuschen, bewohnt von Menschen, die sich selbst als mürrisch bezeichnen und sich in einer Sprache mit weichen Konsonanten unterhalten. So waren meine Eindrücke von dieser Gegend, in der ich vor drei Jahren als Pfarrer angefangen habe „Menschen zu fischen“.

Doch noch etwas fiel mir auf.

Etwas, das ich mir bei all den neuen Eindrücken nicht erklären, nicht fassen konnte. Zum Beispiel die Beobachtung, dass nach Einbruch der Dunkelheit niemand hier die Tür aufmacht, wenn man klingelt. Irgendwo geht lediglich ein Fenster auf und eine Stimme fragt mürrisch: „Ja, was is denn?“

Erst im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass die jahrzehntelange Isolation im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze tiefe Spuren hinterlassen hatte. Andererseits ist deswegen auch vieles bewahrt und konserviert worden. Die Dörfer, der Dialekt, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen. Es hat sich während der SED-Diktatur eine Volkskirche gehalten wie sonst nur noch im Erzgebirge. Teilweise mit bis zu 84% Kirchenzugehörigkeit in manchem Dorf. Daneben sind freilich auch gewisse Rollenbilder konserviert worden, wie zum Beispiel das Männerbild.

Konservierung des Konservativen

Im Winter wird Holz gemacht und im Sommer Kleinvieh gezüchtet. Zweimal im Jahr wird Bier gebraut, einmal Kirmes gefeiert. Das Haus wird erhalten und wer auf das Gymnasium geht wird schief angeguckt. Leider stellte sich bei der letzten Wahl auch heraus, dass sich eine Art konservative Haltung konserviert hat, die viel zu tief wurzelt.

Die Rolle der Frau ist in vielerlei Hinsicht auch klar definiert, weswegen erstaunlich viele Männer den Sonntagsgottesdienst besuchen, während die Frauen mit „de Klös“ beschäftigt sind. An hohen Feiertagen werden Traditionen gepflegt, wie das Zusammenkommen am 3. Oktober an der Grenze oder die Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag.

Bei eben dieser Gelegenheit fing alles an.

Der Kranz war niedergelegt, die Bläser hatten geblasen und ich hatte ein paar Worte gesagt und gebetet. Eigentlich war „die Messe schon gelesen“, würde man ein Dorf weiter in Unterfranken sagen, da konnte der Bürgermeister nicht an sich halten, ergriff das Wort noch einmal und zitierte aus einem Zeitungsartikel den Satz: „Nächstenliebe und Vaterlandsliebe gehören zusammen.“

Wie auch immer er darauf kam, diesen Satz sagen zu müssen, mich lies das nicht los und ich schrieb diesem Bürgermeister, dass ich unbedingt mit ihm nochmal über seinen Satz nachdenken möchte, gerne auch in Gesellschaft mit anderen Männern aus dem Dorf. Mein Vorschlag war, dass wir uns doch im Wirtshaus treffen könnten in einer offenen „Männer“-Runde.

Ein untypischer Stammtisch

So wurde dieser Stammtisch geboren und existiert nun schon mehrere Jahre. Mal sind es sieben Männer mal sind es 25 Männer, gläubig oder nicht, die in der Dorfkneipe zusammenkommen und über Themen ins Gespräch kommen, wie oben erwähnt: Patriotismus und Nächstenliebe, aber auch Aberglaube, Angst oder Auferstehung wurden besprochen.

Manchmal habe ich etwas im Gepäck, aber das was oben auf liegt wird besprochen. Dabei springt der Modus der Runde bisweilen von bibelkundlichen Streifzügen, über Lebenshilfe bis hin zu Erkundung von Ursprüngen noch gelebter christlicher Traditionen. Dass wir dabei wenigstens zwei Lieder zusammen singen, bedurfte keiner großen Überzeugungsarbeit, denn in diesen Dörfern gibt es eine lebendige Chorkultur. Da kommt es durchaus vor, dass bei Liedern wie „Großer Gott, wir loben dich“ aber auch „Die Gedanken sind frei“ die Handzettel gar nicht gebraucht werden.

Das sind nun drei Schritte – Idee, Kneipe, Gemütlichkeit -, die ich auf diese Männergruppe zugegangen bin. Dabei sind nette Gespräche herausgekommen und Vertrauen ist gewachsen. Ich meine auch eine Entwicklung feststellen zu können in der Art und Weise sich gegenseitig zuzuhören und ernst zu nehmen. Aber eigentlich müsste da doch mehr gehen, denke ich manchmal. Eigentlich müsste „Mann“ mehr in Bewegung kommen, um es mit Richard Rohr zu sagen.

Er war schon mein Gewährsmann, als ich noch als Vikar in Halle (Saale) ein Männerprojekt ins Leben rief. Damals sind wir als Grenzgänger aus der Stadt ins Grüne gewandert und richtig in Bewegung gekommen. Auch ein Männerspieleabend im Spielzeugladen folgte darauf. Ach wie wunderbar war das.

Wo ist die spirituelle Neugier geblieben?

Doch hier im ländlichen Bereich teile ich die Enttäuschung mit Richard Rohr, „dass kaum spirituelle Sehnsucht unter den Menschen lebt, ja nicht einmal spirituelle Neugier.“ Als ich nach anderthalb Jahren guter Gemeinschaft ein Vater-Kind-Wochenende vorgeschlagen habe, stieß ich auf große Skepsis.

Mir begegnet bei den Männern eine große Sensibilität dafür, manipuliert zu werden. Wenn auch nur der geringste Verdacht dafür aufkommt, wird zu gemacht. Selbst im Seniorenkreis verweigern Männer Methoden, die die Feinmotorik oder das Gedächtnis fördern, weil man „so ein Zeuch“ nur im Altenheim macht.

Alles was die Integrität, die eigene Selbstständigkeit auch nur im Geringsten in Frage stellt, wird abgelehnt. Im Grunde genommen muss ich zugeben, dass ich Hochachtung und sogar Sympathie für diese Art von stolzer Selbstachtung hege. Nur leider vermute ich, dass sie bei vielen Männern eine unbewusste Haltung ist, die in dem fein austarierten sozialen Gefüge des Dorfes mit der Muttermilch eingesaugt wurde.

Wenn es gelingen könnte diesem intuitiven Selbstbewusstsein zu einem eigenen Bewusstsein zu verhelfen, es wäre ein Segen. Die wenigsten Männer auf dem Dorf machen Erfahrungen, wie sie der verlorene Sohn gemacht hat, um erwachsen zu werden. Dabei denke ich weniger an das Prassen und Huren, sondern an das Ausziehen in die Welt, das selbstverantwortlich sein und ja, auch das Scheitern.

Eben diese Erfahrungen jedoch sind es, die Männern echte Entscheidungen abverlangen und somit auch Herzensregungen und innere Bewegung initiieren. Doch wie bekommt man mürrische Dorfmänner in diese Bewegung? Das würde ich Richard Rohr gerne fragen. Der hatte in den Vereinigten Staaten einen durchaus anderen gesellschaftlichen Nährboden vor sich, als wir hier im postsozialistischen Deutschland.

Offene Fragen

Wie mag es also praktisch funktionieren mit Männern, die so sesshaft sind wie ihre Bäume hinterm Hof, in innere Bewegung zu geraten? Wie gelingt es spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen, ohne den Eindruck der Manipulation zu erwecken? Wie tritt man mit Daheimgebliebenen die Heimkehr zu Gott an?

Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber und freue mich über jeden hilfreichen Hinweis. Bis dahin bleibe ich dran und arbeite daran Vertrauen wachsen zu lassen im Weinberg des Herrn.

Richard Rohr zum 75. Geburtstag

Am 20. März 2018 feiert Richard Rohr seinen 75. Geburtstag. Der Franziskanerpater aus den USA hat mit seinen Vorträgen und Büchern Millionen Christen auf dem Weg zu einer neuen Spiritualität begleitet. Im Zentrum seiner Arbeit steht eine neue Männerspiritualität, die er in Büchern wie „Der wilde Mann“ und „Adams Wiederkehr“ beschreibt. Anlässlich seines Geburtstages bringen wir ein Richard-Rohr-Special.

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