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Evangelische Kirche: Die Sorge vor dem „seelischen Ruin“

Kurz vor Ostern meldet sich der EKD-Ratsvorsitzende zu Wort. Was er zu sagen hat, zeigt an, warum die Kirchen in dieser Phase der Pandemie als irrelevant wahrgenommen werden. Ein Kommentar.

Kurz vor dem Osterfest am kommenden Wochenende lud die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) an diesem Montag zum Pressegespräch mit ihrem Ratsvorsitzenden, dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Eine Stunde lang entwarf er vor Journalist:innen sein Lagebild und antwortete auf Fragen. Im Zentrum seiner vorösterlichen Botschaft steht die Warnung vor dem „seelischen Ruin“, der von der Corona-Pandemie und den gegen sie veranlassten Maßnahmen verursacht wird.

Bedford-Strohm will neben den Inzidenzen, die sich aus dem Ansteckungsgeschehen ergeben, eine „seelische Inzidenz“ einführen, denn „die seelischen Inzidenzen gehen steil nach oben. Es gibt die Gefahr des seelischen Ruins für viele Menschen, insbesondere für junge Menschen.“ Der Ratsvorsitzende verweist dazu auf eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die stark ansteigende psychische Gefährdungen für Kinder und Jugendliche während des letzten Pandemie-Jahres diagnostiziert.

Bedford-Strohm geht es um das Seelenheil der Menschen, um einmal diesen altertümlichen, theologischen und doch greifbaren Begriff anstatt der missverständlichen Rede von „seelischen Inzidenzen“ zu benutzen. Denn als Forderung nach weiteren Öffnungen und Absage an die Einschränkungen für junge Menschen will Bedford-Strohm seine Gedanken nun auch wieder nicht verstanden wissen. Die tatsächlichen Inzidenzen sinken ja auch nicht, nur weil man fest dran glaubt. Heute fordern Intensivmediziner erneut eindringlich einen harten Lockdown von zwei bis drei Wochen, auch über die Oster-Feiertage.

„An den Lagerfeuern des Landes“

Dass das Seelenheil vieler Menschen durch Vereinsamung, unverarbeitete Trauer und die Einschränkungen des Soziallebens in Gefahr ist, betonen Kirchen und Religionsvertreter:innen seit einem Jahr. Auch warnen sie immer wieder davor, dass in der Corona-Krise die ohnehin Schwachen am stärksten zu leiden haben.

Nur als Beispiel aus den Pressemeldungen der Diakonie der letzten sieben (!) Tage: Am 22. März fordert die Diakonie Deutschland die schnelle Umsetzung des jüngsten Corona-Hilfsprogramms für Familien. Am 26. März warnt sie vor dem Scheitern der lange angekündigten und immer noch nicht umgesetzten Pflegereform der Bundesregierung. Und am heutigen Montag legte sie ein Konzept gegen Armut vor, dass die Existenzsicherung in Deutschland neu denken und „Hartz IV“ überwinden will.

Die Einlassungen des EKD-Ratsvorsitzenden kommen demgegenüber erstaunlich politikfern daher und erinnern an die vor wenigen Tagen im „Manifest der offenen Gesellschaft“ von einigen prominenten Kulturschaffenden und Publizist:innen erhobenen Forderungen. Hier wie dort mag es um wichtige Sachfragen gehen, aber eben auch darum, selbst zu Wort zu kommen. Bedford-Strohm wünscht sich zum Beispiel, dass die Perspektive der Seelsorge nicht allein in den Gottesdiensten der Kirchen zur Sprache kommt, sondern „an den Lagerfeuern des Landes“.

Ins Fernsehen wären Kirchenvertreter:innen im Kontext der Corona-Sendungen bisher zu selten eingeladen worden, stattdessen sähe man „seit einem Jahr nach den heute-Nachrichten und der Tagesschau Sondersendungen, in denen vor allem Virologen zu Wort kommen“, klagt Bedford-Strohm. Noch im selben Atemzug kritisiert der bayerische Landesbischof allerdings Formate, in denen Meinungen kritisch aufeinanderprallten wie in Fernseh-Talkshows. Er wünscht sich vielmehr ein ruhiges Gespräch darüber, was das Virus mit der Seele mache, in dem dann auch Kirchenvertreter:innen mitsprechen könnten. Vielleicht können ja die KirchenvertreterInnen in den Fernsehräten so etwas in die Wege leiten?

Kirchliches Reden im Praxistest

Niemand wird ernsthaft in Abrede stellen, dass „Lockdowns“, monatelange Schul- und Kitaschließungen und Einschränkungen des Kulturbetriebs negative Auswirkungen auf die seelische Befindlichkeit und psychische Gesundheit der Bevölkerung haben. Angesichts erneut stark ansteigender Infektionszahlen ist allerdings ebenso evident, dass dem Virus ohne derartige – oder noch schärfere – Maßnahmen nur allein mit Testen, Impfen und Hoffen nicht beizukommen ist.

Die Schicksale der Kranken, Verstorbenen und ihrer Angehörigen und derjenigen, die durch das Virus und seine Bekämpfung anderweitig in Mitleidenschaft gezogen werden, zur Sprache zu bringen, ist durchaus Aufgabe der Kirchen. Im Falle der Corona-Trauerfeiern mussten sie von der Publizistik und vom Bundespräsidenten dazu jedoch hartnäckig überredet werden. Tod und Sterben gehören ausweislich der Kirchenkommunikation zu ihren absoluten Kompetenzbereichen, aber einen richtigen Zugriff auf das Sterben während Corona haben die Kirchen bis heute nicht gefunden. Dieses Eingeständnis schmälert das Engagement von Seelsorger:innen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Gemeinden keineswegs. Es sind ja gerade die Akteur:innen in der Fläche, die sich von ihren Kirchenleitungen in diesen Fragen deutlich wahrnehmbare Stellungnahmen erhoffen.

Solche Stellungnahmen müssen auch während der Corona-Pandemie glaubwürdig sein. Und hier holpert es gewaltig. Noch nie in der jüngeren Geschichte des Landes waren die Vertrauenswerte der Kirchen so niedrig wie heute, noch nie war daher das Zusammengehen von Handeln und Reden so bedeutsam wie jetzt. Im Praxistest muss sich erweisen, ob das Reden der Kirche Relevanz für die Gesellschaft hat. Zwei Beispiele:

„Das Ein und Alles ist die föderale Kommunikation“

Der EKD-Ratsvorsitzende rät der Bundesregierung und den MinisterpräsidentInnen, so schnell wie möglich zu „einer gemeinsamen Überzeugung“ zu kommen. Nur so könne die Politik in der Krise glaubwürdig bleiben. Und die Kirche selbst? In der vergangenen Woche trat die Kirchenkonferenz zusammen, das Gremium der leitenden Geistlichen und JuristInnen der EKD-Gliedkirchen. Auf der Tagesordnung stand der Umgang mit den Präsenzgottesdiensten zum Osterfest. Eine gute Gelegenheit, meint man, um jenseits der grundsätzlichen Bejahung von Präsenzgottesdiensten „dort, wo es geht“, auch gemeinsame Standards für die Empfehlungen an die Gemeinden festzulegen, oder?

So hätte man sich zum Beispiel an der Nordkirche orientieren können, wo Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in einem Brief an die Gemeinden empfahl, „ab einem Inzidenzwert von 50 das Infektionsgeschehen genau zu beobachten“. Ab einem Inzidenzwert von 100 sollen im Norden Alternativen zum Präsenzgottesdienst sorgfältig geprüft und vorrangig digitale Formate angeboten werden.

Doch weder auf diese, noch auf eine andere konkrete Empfehlung, die sich an Inzidenzzahlen orientiert, hat man sich in der Kirchenkonferenz einigen können. Der Ratsvorsitzende lobt gegenüber der Presse die Einmütigkeit der Runde. Hat man sich die Widersprüchlichkeiten der unterschiedlichen Standpunkte gar nicht erst zugemutet?

So gibt es nun auch vor dem dritten christlichen Großereignis der Corona-Pandemie (nach Ostern und Weihnachten 2020) einen unübersichtlichen evangelischen Flickenteppich, der Gottesdienstbesucher:innen sowie ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter:innen herausfordert. Das ist im evangelischen Föderalismus und Synodalsystem angelegt, könnte aber sehr wohl besser moderiert und kommunziert werden. „Das Ein und Alles ist die föderale Kommunikation. Man muss im Gespräch miteinander sein“, empfiehlt Bedford-Strohm den politisch Handelnden – und seine Evangelische Kirche soll dafür als Vorbild dienen?

Lernerfahrungen durch die Krise

Beim „Wiederaufbau“ nach der Corona-Krise sollen Soziale Teilhabe und vor allem die Klimaziele der Pariser Weltklimakonferenz Beachtung finden, erklärt Bedford-Strohm. Das gehöre geradezu zu den „Lernerfahrungen“ aus der Krise, die Arme und Schwache in besonderer Weise trifft.

Konfrontiert damit, dass die Klimaziele, die sich EKD und evangelische Landeskirchen bisher setzen, dieser Vorgabe selbst nicht entsprechen, verspricht Bedford-Strohm Besserung: „Wir sind da massiv dran, zum Beispiel mit neuen Mobilitätskonzepten, in denen öffentliche Verkehrsmittel und Elektro-Mobilität eine große Rolle spielen.“ Inlandsflüge wären sowieso tabu und die Corona-Zeit hätte gezeigt, dass Dienstreisen häufig durch Video-Konferenzen ersetzt werden könnten, führt der Ratsvorsitzende weiter aus.

Auf Nachfrage der Eule, ob die EKD die eigenen Klimaziele denn so verschärfen wird, dass sie dem 1,5-Grad-Ziel von Paris entsprechen, erklärt Bedford-Strohm, das Thema Klimaschutz sei „permanent auf der Tagesordnung“ und man sehe auch, dass man hier selbst noch „Optimierungsmöglichkeiten“ habe.

Einheit von Rede und Handeln

Warum sollte man auf die Kirche hören? Im dritten Leitsatz der „12 Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“, die als Zukunftsprogramm der evangelischen Kirchen im letzten Herbst von der EKD-Synode beschlossen wurden, heißt es:

„Wir […] nehmen zu gesellschaftlichen Prozessen öffentlich Stellung, wo dies vom Evangelium her geboten ist und sich in unserem kirchlichen Leben und Handeln praktisch und erkennbar niederschlägt.“

Ist die Kirche in der Corona-Krise relevant? Diese Frage beschäftigt die Christen hierzulande nun schon seit einem Jahr. Zum zweiten Corona-Ostern gehört zu einer ehrlichen Antwort auf diese Frage, dass die Botschaften der Kirche nicht allein aufgrund der Säkularisierung oder wegen der Missbrauchs-Krise nicht mehr gehört werden, sondern weil sie die eigenen Standards immer wieder unterläuft, nach denen Handeln und Reden unmissverständlich aufeinander bezogen sein müssen.