Wird dem roten Hahn der Hals umgedreht?
Im Rheinland will die evangelische Kirche bis 2030 drastisch sparen, um aus den Miesen zu kommen. Von den Sparplänen unmittelbar bedroht sind die Evangelischen Studierendengemeinden.
Für das neue Jahr rechnet die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) erneut mit einem deutlichen Defizit: Im Haushalt der Landeskirche klafft eine Lücke von 18 Millionen Euro. Wie auch für die Defizite der vergangenen Jahre muss daher die Rücklage der Landeskirche einspringen, deren Gemeinden in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und im Saarland liegen.
Die rheinische Kirche sitzt dauerhaft in den Nassen, weil trotz stagnierenden Einnahmen wegen Inflation und steigender Sach-, Personal- und Versorgungskosten immer mehr Geld ausgegeben werden muss. Im EKiR-Haushalt stehen für dieses Jahr 622 Millionen Euro Ausgaben 604 Millionen Euro Einnahmen gegenüber.
Weil die Kirchenmitgliedschaft weiter zurückgehen wird und das Kirchensteueraufkommen in den nächsten Jahrzehnten dramatisch sinken soll, arbeitet man im Rheinland an einer neuen Finanzstrategie, die auf der kommenden Tagung der Landessynode vom 16. bis 20. Januar beschlossen werden soll. Ziel ist, wenigstens im Jahr 2029 wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu können.
Kräht der rote Hahn bald nicht mehr?
Teil des Pakets, mit dem bis zum Jahr 2030 insgesamt 33 Millionen Euro eingespart werden sollen, sind drastische Kürzungen bei den Evangelischen Studierendengemeinden (ESGen), die es im Rheinland an insgesamt neun Standorten gibt (Aachen, Bonn, Düsseldorf, Duisburg-Essen, Koblenz, Köln, Saarbrücken, Trier und Wuppertal). An sechs Standorten gehören auch Wohnheime mit insgesamt 381 Plätzen zum Angebot der Studierendengemeinden.
Von den bisher ca. 3 Millionen Euro, die aus dem landeskirchlichen Haushalt für die Arbeit der ESGen aufgewendet werden, sollen 2 Millionen Euro gekürzt werden. Wie die EKiR auf Anfrage der Eule mitteilt, würden die landeskirchlichen Aufwendungen ohne Haushaltskonsolidierung im Jahr 2030 auf 3,8 Millionen Euro ansteigen. Die Kürzungspläne sehen vor, die landeskirchliche Trägerschaft aller Wohnheime aufzugeben und die Studierendengemeinden im Rahmen einer Transformation zu Gemeinden für junge Erwachsene umzubilden, die von den Kirchenkreisen vor Ort getragen werden sollen. Aus dem landeskirchlichen Haushalt sollen diese neuen Gemeindeformen mit je 100.000 Euro unterstützt werden.
Gegen die Kürzungspläne protestieren Studierende und Ehemalige der ESGen im Rheinland mit einer Online-Petition „Der rote Hahn muss bleiben“, die bereits von mehr als 3.500 Personen gezeichnet wurde. Der rote Hahn ist bundesweit das Symbol der Evangelischen Studierendengemeinden. Auf der anstehenden Tagung der Landessynode wollen Studierende und Unterstützer:innen mit einem Stand vor den Tagungsräumen und mit kreativem Protest auf ihr Anliegen aufmerksam machen – wenn sie nicht doch noch im Plenum der Synode Gehör finden.
Ein „geschützter Raum“ für Studierende
Initiiert wurde die Petition aus den Reihen des NizzaLink e.V., des Ehemaligen- und Fördervereins der ESG Aachen. In über 1.200 Kommentaren zur Petition drücken deren Unterstützer:innen ihr Entsetzen ob der Sparpläne der Landeskirche aus und verweisen auf die Bedeutung der ESGen für das Leben der Studierenden und an den Hochschulstandorten, ihren Beitrag zur Integration von ausländischen Studierenden und für die Zukunft der Kirche.
„Die ESGn erreichen junge Menschen, die von den Kirchengemeinden nicht selten gar nicht mehr erreicht werden“, schreibt Thomas Martin Schneider, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Koblenz, und weist auf die vergleichsweise preiswerten Unterkünfte in den ESG-Wohnheimen hin. Wie auch andere Unterzeichner:innen warnt er vor einem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche:
„Wenn der Eindruck entstünde, dass die Kirche sich lediglich in wohlfeilen Sonntagsreden für Geflüchtete und faire Bildungschancen bzw. bezahlbaren Wohnraum für Studierende einsetze und dem – zugegebenermaßen oft schwierigen – akademischen Diskurs aus dem Wege gehen wolle, so wäre das fatal.“
Zu den Angeboten der ESGen im Rheinland gehören wie an allen Standorten der evangelischen Studierendenarbeit Beratungsangebote für Studierende, Gottesdienste und Andachten, Integrations- und Orientierungshilfen sowie kirchenmusikalische und gemeinschaftsstiftende Veranstaltungen. Die ESGen seien „Orte für Demokratie, Dialog, Solidarität und echter Gemeinschaft“, erklärt Michaela Richter vom NizzaLink e.V..
„Transformation“ oder Rückzug?
Die ESGen würden durch die Kürzungen „faktisch abgeschafft“, warnt die Petition „Der rote Hahn muss bleiben“. Besonders betroffen seien „jene Gemeinden, die von jungen Erwachsenen getragen werden – einer Gruppe, die für die Zukunft der Kirche zentral ist“. Für diese Zielgruppe plant die EKiR anstelle der bisherigen ESGen neue regionale Gemeindeformen. ESG-Studierende befürchten dadurch die Aufgabe des spezifischen Profils ihrer Gemeinden als hochschulnahe Begegnungsorte von Student:innen.
Konzepte für die neuen Gemeinden liegen noch nicht vor. Sicher ist nur, dass sich die Landeskirche an der Finanzierung nur noch mit 100.000 Euro pro Standort beteiligen will. Der Großteil dieses Geldes würde wohl für die Finanzierung einer Pfarrstelle aufgewendet. Die Verantwortung für die neuen Gemeinden soll auf den örtlichen Kirchenkreis übergehen. Die Kirchenkreise im Rheinland sind jedoch ebenfalls zunehmend finanziell überlastet.
Die Unterzeichner:innen der Petition fordern hingegen den Erhalt aller neun ESGen in der rheinischen Kirche, eine sichtbare und dauerhafte Präsenz an den Hochschulen, die „Bewahrung internationaler, rassismus- und queersensibler Räume“, die Fortführung der lebenswelt-sensiblen Seelsorge für Student:innen und die „Sicherung bezahlbaren studentischen Wohnraums, notfalls durch Übertragung an gemeinnützige Träger“.
Pläne für einen veränderten Weiterbetrieb der Wohnheime in Zusammenarbeit mit lokalen kirchlichen- und zivilgesellschaftlichen Partnern gibt es jedoch bisher ebenso wenig wie Konzepte für die neuen Gemeindeformen. Gegenüber dem Bonner General-Anzeiger (€) kritisierte der Bonner Studierendenpfarrer Michael Pues: „Die Landeskirche verkauft [die Pläne] als Transformation. Sie möchte sich aber als direkter Player aus diesem Arbeitsfeld zurückziehen.“
Teure Wohnheime und wenig Mitsprache
In Bonn sind 80 Wohnheimplätze im Dietrich-Bonhoeffer-Haus der ESG unmittelbar von den Sparplänen bedroht. Das Haus schreibe zwar schwarze Zahlen, aber schiebe auch einen Sanierungsstau vor sich her, informiert Studierendenpfarrer Pues. Auch an anderen Standorten stehen die Wohnheime vor teuren Sanierungen nach aktuellen Gebäudestandards. Die Renovierung des Wohn- und Lebenshauses der ESG Köln wurde hingegen im Jahr 2020 abgeschlossen: Statt 75 gibt es dort nun 103 Zimmer in einem inklusionsgerecht und ökologisch nachhaltig sanierten und aufgestockten Altbau. Die EKiR investierte dafür 9,5 Millionen Euro.
So unterschiedlich die finanziellen Herausforderungen des Wohnheimbetriebs und auch die Trägerstrukturen im Rheinland bereits heute sind: Akteur:innen aus den ESGen betonen einhellig, wie wichtig das gemeinschaftliche Wohnen in den ökumenischen und internationalen Häusern am Studienort ist. Die „Wohnheime mit internationaler und interreligiösen Atmosphäre“ seien „einzigartig in unserer kirchlichen Arbeit“, erklärt die ehemalige Saarbrücker Studierendenpfarrerin Ellen Simon bei der Online-Petition.
Mehrere ESG-Studierende und Kritiker:innen der Sparpläne der EKiR betonen gegenüber der Eule, man wünsche sich von der Landeskirche vor allem mehr Zeit, um an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. Die EKiR selbst betont, man habe die Vorlage der neuen Finanzstrategie für die Landessynode in einem breiten partizipativen Verfahren erstellt. Betroffene der Kürzungen sei Gelegenheit eingeräumt worden, zu den Vorschlägen Stellung zu nehmen. Eine solche – kritische – Stellungnahme haben die rheinischen ESG-Pfarrer:innen nach Informationen der Eule beigesteuert.
„Kämpft gegen Mammons Mächte an!“
Trotzdem fühlen sich Akteur:innen vor Ort und insbesondere die Studierenden bisher nicht ausreichend in den Prozess eingebunden. Darum wollen sie auf der Tagung der Landessynode präsent sein. Die EKiR selbst will zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Zukunft der Studierendengemeinden Stellung nehmen und verweist gegenüber der Eule auf den abgestimmten Partizipations- und Kommunikationsprozess.
Ein Sprecher der Landeskirche erklärt jedoch gegenüber der Eule, die Kirchenleitung sei sich bewusst, „dass jede Einsparung, die sie im Rahmen der erforderlichen Haushaltskonsolidierung vorschlägt, einen gravierenden Einschnitt in Bereiche bedeutet, in denen unsere Kirche heute eine wichtige gesellschaftliche Rolle wahrnimmt“. Es sei notwendig, „die Vorschläge in ihrer Gesamtheit und in ihrer Ausgewogenheit im Blick auf den Auftrag der Kirche in intensiven Beratungen sorgfältig zu prüfen“.
Die EKiR rechnet, wie auch andere evangelische Landeskirchen, mit einer Halbierung der jährlichen Kirchensteuereinnahmen bis zum Jahr 2060. Der rheinischen Kirche stünden dann, so eine Prognose, nur noch 30 Prozent der heutigen Ressourcen zur Verfügung. Im vergangenen Jahr hatte die EKiR „strategische Leitlinien“ für die Finanzstrategie beschlossen: Die notwendigen Kürzungen sollen nicht nach dem Prinzip „Rasenmäher“ erfolgen. Statt „flächige prozentuale Einsparungen“ vorzunehmen, sollen „klare strategische Prioritäten und Posteritäten“ formuliert werden, was auch die „Aufgabe von Handlungsfeldern“ bedeute.
Als weitere Risikofaktoren für die finanzielle Zukunft der EKiR wurden im vergangenen Jahr gleichwohl auch „die abnehmende religiöse Sozialisation junger Generationen“ und die „sinkende Bindung vieler Mitglieder durch Gebäudeschließungen und Fusionen“ benannt. In ihren „strategischen Leitlinien“ hielt die EKiR fest:
„Es bedarf Spielräume für Neues, nicht ein bloßes Fortführen von Vorhandenem. Es darf nicht weiter auf Kosten künftiger Generationen gelebt werden. Wichtige kirchliche Räume sind für kommende Generationen zu erhalten – nicht museal, sondern als Orte gelebter christlicher Glaubenskommunikation.“
Ob die ESGen zu jenen kirchlichen Räumen gehören, die für kommende Generationen erhalten werden, haben nun die Landessynodalen zu entscheiden. Wird unter dem Zeichen des roten Hahns auch in Zukunft gewohnt, gefeiert und gebetet? Im Florian-Geyer-Lied, einer Hymne der ESGen, deren Text an den Bauernaufstand von 1524/1525 erinnert, werden gleiche Rechte „vom Fürsten bis zum Bauersmann“ gefordert, den Pfaffen und Klöstern wird mit Spieß und Brandstiftung gedroht.
Heutige ESGler:innen wünschen sich von ihrer Kirche – vergleichsweise harmlos – mehr Dialogbereitschaft und ein offenes Ohr. Ganz im Sinne der Strophen, die im Jahre 2008 zum Florian-Geyer-Lied vom damaligen Hallenser Studierendenpfarrer und heutigen EKM-Landesbischof und EKD-Friedensbeauftragten Friedrich Kramer hinzugedichtet worden, will man „Wort voran“ mit Staat und Kirche „raufen“. Die letzte Strophe der ESG-Hymne jedoch ruft „Frau und Mann“ auch 2025 noch zum Kampf „gegen Mammons Mächte“.
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