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Foto: Long Thiên (Flickr), CC BY-SA 2.0

Fratelli Tutti: Wie die neue Papst-Enzyklika zu ihrem Titel kam

Über den Titel der für Anfang Oktober angekündigten neuen Enzyklika von Papst Franziskus ist Streit entbrannt, denn es ist darin nur von „Brüdern“ die Rede. Wie ist es dazu gekommen – und sollte es dabei bleiben?

Der Vatikan bestätigte am 5. September, dass Papst Franziskus auf einer Reise in die mittelalterliche Stadt Assisi am 3. Oktober – am Jahrestag des Todes des Heiligen Franziskus also – eine neue Enzyklika unterzeichnen wird. In den darauffolgenden Tagen wird das Schreiben in vielen Sprachen veröffentlicht. In seiner neuen Enzyklika wird Franziskus die „sozialen, politischen und ökonomischen Verpflichtungen“ erklären, „die sich aus dem Glauben daran, dass alle Menschen Kinder Gottes und deshalb einander Brüder und Schwestern sind“, ergeben.

Außerdem wurde der italienische Titel der Enzyklika, Fratelli Tutti, bekannt gegeben. Er löste in den Sozialen Netzwerken sofort eine Welle von Diskussionen aus, weil er gender-exklusiv formuliert ist. Die wörtliche Übersetzung aus dem Italienischen lautet „Alle Brüder“ oder „Brüder alle“. Warum, fragten Theolog:innen auf Twitter in ihren ersten Reaktionen auf die Bekanntgabe des Titels, wurde das Dokument nicht „Fratelli e sorelle tutti“ („Brüder und Schwestern alle“) überschrieben? Eine gute Frage!

Bemerkenswert ist, dass der Catholic News Service (Nachrichtendienst der Katholischen Kirche in den USA, Anm. d. Red.) ursprünglich „Brothers and Sisters All“ als Titel des Schreibens angegeben hatte, und erst später auf Twitter klarstellte, dass die inklusiv formulierte Übersetzung ins Englische von ihr vorgenommen wurde und nicht vom Pressebüro des Vatikans. Dies ändert also nichts an dem gender-exklusiven Titel, der vom Vatikan bekannt gegeben wurde.

Woher stammt der Titel der Enzyklika?

Um die Herkunft des italienischen Titels der Enzyklika zu verstehen, muss man den Kontext jenes Schreibens verstehen, von dem die Enzyklika ihren Namen ableitet.

Es wurde bekannt gegeben, dass der Titel „Fratelli tutti“ aus den Schriften des heiligen Franziskus von Assisi stammt, dessen Namen Jorge Bergoglio als Papst wählte. Es handelt sich um ein Zitat aus der sechsten der Ermahnungen des Franziskus. Diese bestehen aus insgesamt 28 kurzen Mahnschreiben oder Predigten, die der heilige Franziskus seinen Mitbrüdern hielt. Jeder der kurzen Texte liefert typischerweise eine praktische Reflexion auf eine Bibelstelle.

Die sechste Ermahnung lautet in Gänze:

Lasst uns alle, Brüder, des Guten Hirten gedenken, der die Marter des Kreuzes ertrug, um seine Schafe zu retten.

Die Schafe des Herrn sind ihm nachgefolgt in Trübsal, Verfolgung und Schmach, in Hunger und Durst, in Krankheit und Versuchung und in anderen Heimsuchungen. Und dafür erhielten sie das ewige Leben vom Herrn.

Deshalb ist es eine große Schande für uns, die Diener Gottes, dass die Heiligen große Werke vollbrachten, wir aber Ruhm und Ehre erlangen wollen, indem wir von ihnen erzählen.

Die Anrede der Ermahnung scheint die naheliegendste Inspirationsquelle für den Titel der neuen Papst-Enzyklika zu sein. Wie schon bei seiner Enzyklika Laudato Sí, die ihren Titel dem Beginn des berühmten Sonnengesangs des Franziskus verdankt, folgt Papst Franziskus bei der Wahl des Titel der Tradition, ein „Incipit“ zu wählen, d.h. die ersten Worte eines bestehenden Textes zu nutzen. Aber anders als bei Laudato Sí, das vom heiligen Franziskus um 1225 im umgangssprachlichen Dialekt der italienischen Region Umbrien verfasst wurde, wurden die Ermahnungen auf Latein zusammengestellt und überliefert.

Der erste Satz lautet einer kritischen Edition des Textes zufolge „Attendamus, omnes fratres“ was so viel heißt wie: „Lasst uns, alle Brüder, Acht geben ..“. In ihrem ursprünglichen Kontext ergibt die Gender-Exklusivität der Anrede natürlich Sinn, denn der heilige Franziskus wandte sich an die Gemeinschaft seiner Ordensbrüder. Die Ermahnungen waren als informelle und praktische Form der geistlichen Ermahnung gedacht, die in ihrer Zeit für eine Gemeinschaft von Männern gedacht war und für sie geschrieben wurde.

„Brüder und Schwestern“

Weil aber der Titel der angekündigten Enzyklika kein wörtliches Zitat einer Primärquelle ist, wie es bei Laudato Sí der Fall war, gibt es keinen Grund – auch keinen theologischen – den italienischen Titel des Schreibens gender-exklusiv zu fassen.

Da sich die Enzyklika an die weltweite christliche Gemeinschaft richten wird – weit über die vom heiligen Franziskus adressierte mittelalterliche Mönchs-Gemeinschaft hinausgehend -, bietet es sich an, für die modernsprachlichen Übersetzungen der Enzyklika einen inklusiven Titel zu wählen, der nicht einfach nur „Brüder“, sondern „Brüder und Schwestern“ anspricht.

Die Botschaft der sechsten Ermahnung ist, dass Christ:innen auf die Weisung in den Evangelien hin dem Guten Hirten folgen sollen. Der heilige Franziskus fordert seine Ordensbrüder heraus, ihre Berufung als Getaufte ernst zu nehmen, und aus dem Glauben konkret zu handeln. Robert J. Karris OFM, ein franziskanischer Neutestamentler, hat einen ausführlichen Kommentar zu den Ermahnungen verfasst, in dem er eine Zusammenfassung dessen anbietet, was Franziskus seinen Brüdern sagen wollte:

In den Versen 1-2 werden wir von Franziskus aufmerksam gemacht: Jesus tat dies; die Heiligen folgten seinem guten Beispiel. Ganz sicher zeigen sie uns eine Menge, was wir in unserem Glaubensleben nachmachen können. Und was machen wir, wenn wir einmal ehrlich sind? Wir sitzen herum und reden über ihr Beispiel oder predigen über sie von der Kanzel oder erzählen unseren Studenten von ihnen. Ja wirklich, Schande über uns!

Karris‘ moderne Übertragung lässt uns die zentrale Botschaft der sechsten Ermahnung klar erkennen: Es ist nicht genug, Christus und die Heiligen einfach zu bewundern. Oder auch nur, ihre Taten zu erinnern und andere über sie zu unterrichten. Als Gefolgschaft des Guten Hirten wird von uns mehr erwartet: Wir sollen unserem Glauben Taten folgen lassen.

Der Vatikan erinnerte bei der Bekanntgabe des Veröffentlichungstermins der Enzyklika daran, dass der Gedanke der Verwandtschaft und wechselseitigen Abhängigkeit aller Frauen und Männer innerhalb der Menschheitsfamilie ein regelmäßiges Motiv der Verkündigung von Papst Franziskus als Bischof von Rom ist. In diesen Zeiten, die durch politische Polarisierung und die Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt sind, ist es wichtig in Erinnerung zu rufen, dass Solidarität und Gemeinwohlorientierung konstitutive Elemente der christlichen Nachfolge sind.

Hoffentlich werden die modernsprachlichen Titel der neuen Papst-Enzyklika durch eine gender-inklusive Formulierung genau diesen Geist widerspiegeln.


Dieser Artikel ist eine autorisierte Übersetzung des englischen Originalbeitrags von Daniel P. Horan auf Medium.