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Bild: Montage (Julius C (Wikipedia), CC BY-SA 3.0 & Jamieson Gordon (Unsplash)

„Frieden braucht Symbole“

Vor der EKD-Synode im November schaut der Friedensforscher Dr. Karlheinz Lipp in die Geschichte des Protestantismus mit dem Frieden zurück und fordert einen verbindlichen Friedenssonntag in allen Landeskirchen.

Eule: Herr Dr. Lipp, Sie haben in den vergangenen Jahren zwei Lesebücher zur Geschichte der Friedensbewegung innerhalb der evangelischen Kirchen zusammengestellt. Eines beschäftigt sich mit dem Thüringer Friedenspfarrer Ernst Böhme (1862 – 1941). Was ist ein „Friedenspfarrer“?

Lipp: Friedenspfarrer im Kaiserreich wie z.B. Ernst Böhme und Otto Umfrid gehörten der Deutschen Friedensgesellschaft (gegründet 1892) an – und vertraten die Ziele dieser ersten deutschen Friedensorganisation: Friede durch Recht, gewaltfreie Konfliktlösung durch ein internationales Schiedsgericht, Völkerversöhnung und Abrüstung. Durch eine Friedenspädagogik sollte der weit vorherrschenden Kriegserziehung entgegengewirkt werden. Kritisiert wurde die Romantisierung von Kriegen und die Verharmlosung von Gewalt.

Eule: Es waren nur wenige Menschen, die in den evangelischen Kirchen vor dem 1. Weltkrieg friedenstheologische Positionen einnahmen. Was bewegte und bestärkte sie, sich gegen den kirchlichen Mainstream zu stellen?

Lipp: Die problematische Verbindung der evangelischen Landeskirchen mit der staatlichen Obrigkeit seit dem Zeitalter der Reformation erfuhr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine Steigerung, da im Jahre 1871 der protestantische König Preußens zum Deutschen Kaiser proklamiert wurde. Die kurzen und erfolgreichen Kriege Preußens gegen Dänemark (1864) und Österreich-Ungarn sowie von Preußen-Deutschland gegen Frankreich (1870/71) legitimierten und verstärkten das jahrhundertelange Bündnis von Thron und Altar. Beachten Sie die Reihenfolge beachten!

Dabei erwiesen sich die lutherische Zwei-Reiche-Lehre und die weit verbreitete Interpretation von Römer 13 als besonders wirksam – und verhängnisvoll. Gott wurde als Lenker des siegreichen Deutschlands von vielen Kanzeln verkündet. Der Protestantismus avancierte so zu einem festen Bestandteil des imperialistischen Kaiserreichs. Soweit der Mainstream.

Dies kritisierten die Friedenspfarrer, indem sie sich auf das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe, das Tötungsverbot sowie die pazifistische Grundhaltung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten beriefen.

Eule: In diesem November wird sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Frieden als Thema befassen. Ernst Böhme organisierte schon 1908 den 1. Deutschen Friedenskongress in Jena. Was lässt sich von damals für heute lernen?

Lipp: Böhme organisierte diesen Friedenskongress von 1908 in erster Linie als Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft. Diese Friedensorganisation und Böhme wollten mit der Tagung das Thema „Frieden“ verstärkt in die Öffentlichkeit einbringen. Dieses Ziel kann die EKD-Synode, jede Landessynode, jeder Kirchentag, jede Akademie und jede Kirchengemeinde durch Tagungen, Vorträge, Diskussionsforen und Stellungnahmen ebenfalls dauerhaft erreichen.

Eule: Im Gospel „Down by the riverside“ gibt es den Refrain „I ain’t go study war no more“ im Anschluss an die bekannte Bibelstelle aus dem Micha-Buch: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Micha 4,1).

Ich bin mit dieser christlichen Haltung zum Frieden aufgewachsen. Habe ich einfach Glück gehabt, dass ich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts geboren wurde?

Lipp: Es lässt sich eine historische Entwicklung erkennen. Waren es bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nur wenige Personen innerhalb Protestantismus, die sich für den Frieden engagierten, so gab es in der Weimarer Republik durch den pazifistisch orientierten Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands schon mehr evangelische Friedensbewegte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in der alten Bundesrepublik durch die Debatten über die Wiederbewaffnung und die Atomwaffen eine größere pazifistische Strömung innerhalb des Protestantismus. Erweitert wurde der evangelische Teil der Friedensbewegung durch die Diskussion um die NATO-Rüstung in den 1980er Jahren. Neben der Teilnahme an öffentlichkeitswirksamen Massendemonstrationen erwiesen sich hierbei die Kirchentage in der alten Bundesrepublik sowie die regionalen Kirchentage in der DDR als besonders wichtig.

Nach der Jahrtausendwende zeigten die Kritik am Golf- und Irakkrieg, dass mehr als 100 Jahre nach dem Kaiserreich im Protestantismus eine deutliche Entwicklung hinsichtlich der Frage von Frieden und Krieg stattgefunden hat.

Eule: In einem zweiten Lesebuch fassen Sie die Geschichte des Friedenssonntags im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zusammen. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat auch hier der 1. Weltkrieg zu einem stärkeren Engagement geführt?

Lipp: Einen Friedenssonntag feierten Christenmenschen in Großbritannien bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In Deutschland tat dies erstmals die Freie Evangelische Gemeinde in Königsberg im Jahre 1908. Die Evangelische Kirche in Elsass-Lothringen, von 1870/71 bis 1918 zum Kaiserreich zugehörig, feierte im Jahre 1913 in allen Gemeinden am 2. Advent einen Friedenssonntag. Die Initiative hierzu ging von Pfarrern in Straßburg aus – und das Konsistorium stimmte zu. Bis in unsere Gegenwart ist dies einmalig. Nach 1918 versuchten Friedrich Siegmund-Schultze sowie die religiös-sozialistische Bewegung einen Friedenssonntag zu installieren – scheiterten jedoch. Weitere Versuche gab es seitdem nicht mehr.

Eule: Haben die Protestanten erst die große Katastrophe erleben müssen, bevor Sie sich den friedenstheologischen Ressourcen der eigenen Tradition zuwandten?

Lipp: Es kam zu mehreren kriegerischen Katastrophen: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Abwurf der Atombomben (1945) und Kalter Krieg (Kuba-Krise, Entwicklung von Wasserstoff- und Neutronenbomben). Diese Ereignisse führten bei Teilen des Protestantismus zu einem deutlichen Umdenken.

Eule: Die EKD hat im Vorfeld ihrer Synode ein sehr umfangreiches friedenstheologisches Lesebuch veröffentlicht. Sein Titel ist derselbe wie der Leitspruch der Synode: „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“. Die Protestanten wähnen sich also immer noch „auf dem Weg“. Stimmt das aus der Perspektive der historischen Friedensforschung?

Lipp: Unterwegs zu sein ist ein gutes Zeichen. Es heißt, offen zu sein für neue Ideen auf dem Weg zur Gewaltfreiheit und zum Frieden. Gandhi formuliert es so: „Der Weg ist das Ziel“. Gewalt und Kriege sind auch ein Ausdruck von Fantasielosigkeit, nämlich dem Mangel an Fantasie, um Konflikte friedlich zu lösen. Oft genug hat dem Protestantismus die Fantasie gefehlt.

Interessant und wichtig ist, dass die EKD Friede mit Gerechtigkeit verknüpft. Dies ist eine Perspektive, die relativ neu und im Zeitalter der Globalisierung gut geeignet ist, um die Probleme der Weltgemeinschaft anzugehen. Hier gibt es viele internationale Aufgaben in einer Welt, die immer mehr auseinander trifftet. Thomas Mann formulierte treffend: „Krieg ist nichts anderes als die Drückebergerei vor den Aufgaben des Friedens“.

Eule: Wo gab es in den letzten Jahrzehnten konkrete Fortschritte „auf dem Weg des Friedens“ und wo gab es sogar Rückschritte?

Lipp: Zu den Fortschritten zähle ich: Beratung der Kriegsdienstverweigerer, Kritik am Rüstungsexport, Friedenspädagogik, Zivile Konfliktbearbeitung, Abbau von Feindbildern, Einrichtung von Arbeitsstellen für den Frieden in den Landeskirchen, Arbeit an einer Außenpolitik jenseits von Waffen – insbesondere in der Landeskirche Badens -, die Ökumenische Friedenswoche im Herbst jeden Jahres sowie die Friedensthematik auf den Kirchentagen.

Ein großer Rückschritt ist das Ende des INF-Vertrages, d.h. Gespräche, Verhandlungen und Verträge zum Thema Abrüstung im Bereich der Atomwaffen müssen wieder und neu auf den Weg gebracht werden. Die deutliche Aufstockung des Etats für das Verteidigungsministerium und der Gelder für die NATO ist ein Problem. Diese ca. 30 Milliarden Euro fehlen beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, im sozialen Wohnungsbau, im Gesundheitswesen und in der Bildung.

Eule: Eingedenk ihrer friedenstheologischen Traditionen, in Erinnerung an Ernst Böhme und den Friedenssonntag: Was muss die evangelische Kirche heute friedenstheologisch leisten?

Lipp: Frieden braucht Symbole: Einen festen, verbindlichen Friedenssonntag in allen evangelischen Landeskirchen als klares Friedenszeichen gibt es bis heute nicht.

Ein weiteres Problem sollte geklärt werden: Seelsorge an Soldaten und Soldatinnen im Rahmen der Gemeinden oder staatlich finanzierte Militärseelsorge? Und die Weiterarbeit am interreligiösen Friedensdialog ist sehr wünschenswert. Gespräche der EKD, von Landeskirchen und Gemeinden mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten zum Thema Frieden und Gerechtigkeit sind zu begrüßen.

2 Kommentare zum Artikel

Michael Zimmermann

Es ist richtig, dass wir keinen Friedenssonntag haben, aber wir haben seit 1980 die Ökumenische Friedensdekade – elf Tage im November. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Es gibt verschiedene Anregungen und Arbeitsmaterialien für die Gemeinden. Diese Tradition zu stärken ist besser als zusätzlich etwas zu beginnen.

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Roman Holst

Ich würde mich freuen, wenn die EKD sich auch mit dem Buch „Das Religionsparadox“ von Victoria Rationi befasst (vielleicht auch hier eine Rezension schreibt?) in dem die Frage gestellt wird, warum säkulare Länder friedlicher sind als religiöse. Man sollte sich auch einer so provokanten These nicht verschließen …

MfG Roman Holst

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