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Gedenke deines Erbarmens – Die #LaTdH vom 17. März

Die Suche nach den Gründen für den Terroranschlag in Christchurch hat begonnen. Und die Deutsche Bischofskonferenz versucht den großen Sprung nach vorn.

Debatte

49 Leben ausgelöscht, die nicht mehr feiern, lachen, hoffen, lieben können. Für diese Menschen und ihre Angehörigen und Freunde können wir nur noch beten. Über die Toten wissen wir hier, einen Ozean und einen Kontinent entfernt, sehr wenig. Wir können die Trauer und das Leid in Christchurch nur ahnen. Über den Täter wissen wir viel mehr. […]

Nach solchen Taten sollte man die Opfer in den Mittelpunkt stellen, nicht den Täter. Denn das wollen Terroristen ja: Aufmerksamkeit für ihre Tat und ihre Motivation. Trotzdem möchte ich auch die Mechanismen verstehen, die der Rassist von Christchurch zur Verbreitung nutzte.

Mit dieser klugen Einordnung beginnt Hanno Terbuyken (@dailybug) seinen Artikel über die Rolle der Sozialen Medien beim rechtsextremistischen Terrorangriff in Christchurch. Ich stelle sie hier ganz an den Anfang und komme weiter unten auf den Artikel noch einmal zurück.

Nach einem fürchterlichen Attentat steht das Mitleid mit den Opfern, ihren Angehörigen und mit der Stadt Christchurch im Vordergrund. Die Folgen für die Familien, die Moscheegemeinden und die Neuseeländische Gesellschaft sind heute noch gar nicht absehbar. Zu Beginn der Woche wurde an den Amoklauf von Winnenden vor zehn Jahren erinnert. Trotz aller Unterschiede: Das Verbrechen prägt das Leben in der Stadt bis heute. Der Respekt vor den Opfern gebietet Demut.

Den Hass verstehen

Trotzdem gibt es ein verständliches Interesse, die Motive der Tat zu erklären. Dazu gehört, den Angriff als das zu bezeichnen, was er nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist: ein rassistisches Attentat, rechtsextremistischer Terror. Als ein solches Verbrechen steht der Angriff auf Bürger*innen muslimischen Glaubens – auch wenn er am anderen Ende der Welt geschehen ist – im Kontext einer zunehmenden Radikalisierung am rechten Rand des politischen Spektrums.


Einer der möglichen Täter hat sich in rechtsextremen Echokammern radikalisiert, die es so auch in Deutschland gibt. Den Rechtsextremismus und auch seine Anziehungskraft gerade auf junge Männer besser verstehen und wirkungsvoll bekämpfen zu wollen, ist eine angemessene Reaktion auf einen solchen Terrorangriff. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit unterschiedlicher Religionen, Nationalitäten, Geschlechter und sexueller Identitäten führt zwangsläufig zu Verachtung und Bekämpfung anderer Menschen.

Als Christ habe ich in den vergangenen Tagen wie viele andere Bürger*innen die Nachrichten aus Neuseeland aufmerksam verfolgt („Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist“, ZEITonline). Dabei sind mir auch die religiösen Motive der Tat aufgefallen. Ist es vielleicht noch Zufall, dass der vermutliche Täter für seinen Angriff auf Muslime ausgerechnet eine Stadt namens Christchurch wählte, so doch ganz sicher nicht, dass er sich in seinem Manifest auf die Tradition der Tempelritter beruft, und sich damit in die Linie christlicher Kreuzzügler stellt.

„Der Kreuzritter-Mythos ist für solche Terroristen entscheidend“ – Interview mit Peter Neumann (ZEITonline)

Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London. Er weist im Interview darauf hin, dass der mutmaßliche Täter durch seinen Verweis auf die Tempelritter vor allem auf Anders Breivik, den Attentäter von Utøya, anspielt.

Breivik hat diese ganze Ideologie der Kreuzritter geschaffen und ihr mit seiner Tat die Strahlkraft verliehen. Der Täter von Christchurch sah sich in der Tradition dieser Idee und war dadurch nicht nur irgendein Loser, sondern Teil einer großen historischen Bewegung. Das ist für Terroristen immer wichtig. Denn niemand will ein einzelner Loser sein.

Dass es sich beim bemühten Kreuzritter-Mythos um eine Nachahmung Breiviks handelt, scheint schlüssig. Trotzdem kann nicht einfach darüber hinweg gegangen werden, dass es auch ein christlicher Mythos ist. Ein Mythos wohl, zu dem die überbordende Mehrheit der Christ*innen ein kritisches Verhältnis hat, der aber am rechten Rand des Christentums lebendig ist.

Überall auf der Welt sehen sich Nazis, Rechtsextreme und Identitäre als legitime christliche Kämpfer gegen den Islam. Ihr Terror gehört zu meiner Religion, wie der islamistische Terror zu der meiner muslimischen Mitbürger*innen. Diese müssen sich nach jedem islamistischen Terrorangriff scharfe Anfragen gefallen lassen.

Ich frage mich, was kann das Christentum dafür, dass es bis heute solche Terroristen gebiert? In Westeuropa und den USA müssen sich Kirchen und christliche Religionsgemeinschaften ehrlich fragen, was sie zur Spirale des Hasses zwischen den Religionen beitragen. Wie kann es sein, dass gerade junge Männer im Wort vom unschuldig verurteilten, geschundenen und getöteten Gott einen Aufruf zu Hass und Gewalt hören? Und was können Christ*innen überall auf der Welt dem anderes entgegenhalten als betroffene Beileidsbekundungen?

Soziopathen aus dem Internet? – Hanno Terbuyken (Confessio Digitalis, evangelisch.de)

Der Terroranschlag von Christchurch gerät zu einem „Ich hab’s doch gesagt!“-Moment für viele Kritiker*innen der Sozialen Medien: Dort werden Hass und Gewalt gezüchtet, sind sie sich sicher und dürfen sich durch den Missbrauch der Sozialen Medien durch den mutmaßlichen Täter vor und während der Tat bestätigt fühlen. Widerspruch dagegen fällt im Angesicht des Versagens der Netzwerkbetreiber schwer. Und es ist auch nicht die Aufgabe der Digitalversteher*innen und -Erklärer*innen diese zu verteidigen. Die Verantwortung liegt bei den Unternehmen.

Die 49 Morde von Christchurch zeigen einmal mehr, dass die meisten Online-Plattformen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, Menschen vor Schaden zu schützen. Immerhin haben die verschiedenen legitimen Download-Seiten, auf denen das konfuse Schreiben hochgeladen war, das Dokument flächendeckend entfernt, aber auch das dauerte zum Teil Stunden.

Die komplett nutzergetriebenen Foren, in denen der Täter seine Ankündigung verbreitete, sind da nicht so konsequent. Sie wollen rechts- und moralfreie Räume sein. Dort bekommt man von irgendeinem verblendeten Hirn Beifall für fast alles.

Wohl aber liegt bei uns allen als Nutzer*innen dieses Internets die Verantwortung zu kritischer Reflexion. Das unternimmt Hanno Terbuyken auf seinem Digitalblog Confessio Digitalis bei evangelisch.de. Seit dem Web 2.0 findet die kritische Begleitung in den gleichen Medien statt wie die kritikwürdigen Auslöser derselben. Das Web ist ein corpus permixtum. Seine Bevölkerung ist nicht aus der Verantwortung zu entlassen, aber sie wird ihr immer wieder auch gerecht. Die schärfsten Kritiker der Pervertierung des Netzes schreiben ins Netz.

Die digitale Gemeinde ist nicht blind für die Gefahren des Netzes und steht ihnen darum auch nicht machtlos gegenüber. Aber das Netz kann sich vor Radikalisierung und selbstgerechten Plattformmonopolen nicht selbst erretten. Der Widerstand gegen diese und andere Krankheiten findet genau dort statt, aber er muss endlich politisch wirksam werden. Nach einer Tat mit christlich-rassistischer Motivation ist ganz sicher nicht der Zeitpunkt, einfach mehr Christentum für das Netz zu fordern. Aber doch sehr wohl mehr Verantwortung, ethische Reflexion und Liebe*.

nachgefasst

Bei ihrer Frühjahrstagung hat die röm.-kath. Deutsche Bischofskonferenz (DBK) einen „synodalen Weg“ beschlossen, in dessen Rahmen über Macht in der Kirche, den Zölibat als verpflichtende priesterliche Lebensform und die kirchliche Sexualmoral mit Laien und Wissenschaftler*innen debattiert werden soll. Diese Debatte läuft längst und die nun bekundete Bereitschaft der Bischöfe an ihr teilzunehmen, wird darum durchaus unterschiedlich bewertet.

Scharfe Kritik übt Tilmann Kleinjung (@TilmannKk) auf BR24:

Die Bischöfe nehmen sich die Zeit für eine gründliche Analyse, um dann eine tragfähige Lösung finden. Natürlich. Doch die katholische Kirche wird seit rund 20 Jahren mal mehr mal weniger intensiv mit dem Skandal des Missbrauchs in den eigenen Reihen konfrontiert. Die Zeit war da. Die Geduld der Opfer ist erschöpft, und auch die Mitglieder haben immer weniger Verständnis für dieses Schneckentempo bei der Aufklärung und Aufarbeitung der Missbrauchskrise. Dass im Jahr 2018 noch einmal deutlich mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten sind, ist ein klares Zeichen.

„Das ist die Wende“ jubelt hingegen Fabian Klask (@FKlask), Redakteur der Christ & Welt, auf ZEITonline. Es bestünde „die Chance zur Demokratisierung der katholischen Kirche“. So viel Begeisterung verlangt nach einer Einordnung, die Klask dann mit einer Schilderung der internen Verwerfungen in der DBK vornimmt. Trotzdem endet er hoffnungsvoll:

Dass etwa eine Abkehr von der strikten Pflicht zum Zölibat möglich ist, sagen sogar katholische Bischöfe. Theologisch spreche nichts dagegen, wenn in Zukunft jede nationale Bischofskonferenz selbst darüber entscheiden könne, wie sie es mit der Ehelosigkeit ihrer Priester hält. Ja, Rom müsste das noch erlauben. Aber die deutsche katholische Kirche könnte sich darauf vorbereiten. Sie könnte Druck machen.

Ich weiß ja nicht, wieviel Optimismus man sich bei der Betrachtung der röm.-kath. Kirche noch erlauben darf, aber dass ausgerechnet eine uneinige DBK in der röm.-kath. Weltkirche etwas reißen soll, scheint mir reichlich far fetched.

Dass „Bischöfe in vielen Ländern nun auf Deutschland schauen [werden]“ meint auch Christoph Strack (@Strack_C) von der Deutschen Welle. Darin eingepreist ist sicherlich, dass ob der gerade erst anlaufenden konsequenten juristischen Verfolgung der Missbrauchsverbrechen (inkl. Vertuschung) und steter Ermahnungen zur Besserung aus dem Vatikan, dieser Blick recht kritisch ausfallen könnte.

So notwendig die Debatte ist, so weit geht sie über das Maß an Awareness hinaus, das zuletzt im Vatikan von den Bischöfen gefordert wurde. Die Hoffnungen der Reformer*innen liegen einzig in der Andeutung des Papstes begründet, regionale bzw. nationale Sonderwege nicht kategorisch zu unterbinden.

Den Text der Frühjahrstagung aber hat Prof. Julia Knop verfasst und den Bischöfen zu Beginn ihres Studientages gepredigt. Da haben die Kommentatoren Recht: So einen deutlichen Vortrag von einer Theologin, der bewusst mit der Öffentlichkeit geteilt wird, hat es noch nicht gegeben. Den Bischöfen wurde von Knop ordentlich der Kopf gewaschen. Die DBK hat den ganzen Vortragstext online gestellt. Es wäre wirklich schön – vielleicht zu schön -, wenn die Debatte nicht hinter dieser klaren Einordnung von Julia Knop zurückbliebe.

Sie haben sich diese Themen nicht ausgesucht. Im Gegenteil, es handelt sich samt und sonders um Themen, die seit Jahrzehnten auffällig nicht behandelt werden. Nicht weil sie nicht aufgerufen worden wären. Sondern weil ihre Debatte in der Kirche nicht gewünscht, sogar tabuisiert war. Ich gehe davon aus, dass einige von Ihnen diese Tradition der Tabuisierung gern fortgeschrieben hätten.[…]

Die MHG-Studie hat keine Einzelfälle gefallener Kleriker aufgelistet. Es geht hier nicht um priesterliche Sünden gegen die Keuschheit oder den Zölibat. „Die Braut Christi“ ist nicht „in flagranti erwischt worden“ (Franziskus). Es geht um Gewalt.[…]

Sexueller Missbrauch liegt nicht in der DNA der Kirche. Sexueller Missbrauch hat vermutlich auch nicht ursächlich mit dem Zölibat zu tun. Sexueller Missbrauch hat auch nichts damit zu tun, dass homosexuelle Männer im katholischen Klerus weit überdurchschnittlich vertreten sind.[…]

Sie sind in den Themen, die heute auf der Tagesordnung stehen, nicht Beobachter, sondern Beteiligte. […] Sie repräsentieren eine Kirche, deren systemische Defekte offenkundig geworden sind.

Buntes

Die Schülerstreiks wirken wie eine ansteckende Gesundheit – Ulrich Kasparick (Ich werfe Kieselsteine in den Strom)

1,5 Millionen junge Menschen haben am vergangenen Freitag weltweit für eine entschlossene Klimaschutzpolitik demonstriert. An vielen Orten schließen sich nun auch Erwachsene an. In Bremen leuteten die Kirchenglocken als Solidaritätszeichen. Die Evangelische Jugend ist mit Kuchen und lauter Stimme mit dabei. Für den Klimaschutz und die Bewahrung des Planeten setzen sich auch Menschen der Großelterngeneration ein. Ihr Klassensprecher ist Ulrich Kasparick (@ulrichkasparick), ehem. SPD-Politiker und Pfarrer. Er schreibt auf seinem Blog:

Mich erinnern diese Tage und Wochen an das Ende der DDR, als aus winzig kleinen Grüppchen, die sich versteckt in den Kirchen zu „Friedensandachten“ versammelt hatten, immer größere Veranstaltungen wurden bis sie so groß wurden, dass die Räume nicht mehr reichten und man auf die Straße musste, ob man wollte oder nicht. Angst war natürlich ein Thema. Aber wachsender Mut eben auch. […] Die jungen Leute tun das. Sie lassen sich nicht mehr Angst machen von irgendwelchen Lehrern oder Ministern. Sie gehen aufrecht. Das wirkt wie eine ansteckende Gesundheit.

LGBTIQ*-Pfarrer*innen in Deutschland – Florence Häneke (feinschwarz.net)

Im theologischen Feuilleton feinschwarz.net gibt Florence Häneke einen Einblick in ihre Forschung zu LGBTIQ*-Pfarrer*innen in evangelischen Kirchen in Deutschland. Offenbar wird auch in ihrer empirischen Studie deutlich, welchen Reichtum sich die Kirche erschließt, wenn sie Menschen ganz verschiedener geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung nicht ausschließt.

LGBTIQ* Pfarrer*innen kennen auch, dass Menschen gerade deswegen zu ihnen kommen, weil sie als besonders wahrgenommen werden. Die Frau, deren Mann aufgrund einer Behinderung sonntags in der Kirche immer auffällt, und die immer nach ihrem Mann und ihrer Beziehung gefragt wird, sieht in der lesbischen Pfarrerin eine Ansprechpartnerin, von der sie hofft verstanden zu werden: „Denn Sie wissen ja, wie das ist, wenn es ein bisschen anders ist.”

Predigt

Den Himmel durchschritten – Christiane Quincke (Freie Worte)

Eine Predigt über Hebräer 4, 14-16 (letzte Woche dran nach der neuen Perikopenordnung der EKD) von Christiane Quincke (@CQuincke). Poetisch, persönlich, passioniert.

Einer hat die Himmel durchschritten.
Auch meine Himmel. Und meine Höllen.
Durch mein Leben ist er gegangen.

„30 dagen zonder klagen“, auf deutsch: 30 Tage ohne Klagen! – Mandy (unendlichgeliebt.de)

Eine Fastenpredigt der beliebtesten christlichen Bloggerin des Landes (@unendlichgelieb): Folgen auch Sie dem Fastenmotto „30 dagen zonder klagen“, das ursprünglich aus Belgien stammt!

[…] auf Kippen, Alkohol, Fleisch oder Süssigkeiten zu verzichten, hat ja jeder schon gehört. „Social Media“-Fasten ist mittlerweile auch im Standard-Programm vertreten. Doch wie sieht es aus, mit einfach mal die Klappe halten, statt sie zum Schimpfen oder Jammern zu öffnen?! Man ist schließlich nicht verpflichtet, überall seinen Senf dazu zu geben, vor allem, wenn er nur platte Attitüden a lá: „Ja, Du hast Recht! Da kann man sich nur aufregen!“ beinhaltet.

Man schimpft und jammert, um Stress abzubauen, aber Schimpfen und Jammern bewirkt leider das Gegenteil: Unser Gehirn setzt Cortisol frei. Zusammen mit Stress kann das Hormon krank machen. Das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes mellitus und Fettleibigkeit steigt. Zudem steigert es die eigene Unzufriedenheit und sorgt für eine latent gereizte Stimmung in Deinem Umfeld.

Ein guter Satz

Du siehst, was geschieht.
Du kennst unsere Kerker.

– aus der Übertragung des 9. Psalms von Ernesto Cardenal

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