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Gedenken an die Corona-Toten: Trauer zur richtigen Zeit?

Der Bundespräsident und in seinem Gefolge MinisterpräsidentInnen und Kirchen laden am Sonntag zum Gedenken an die Corona-Toten ein. Ist jetzt die richtige Zeit zum Trauern?

Seit dem April 2020 fordern Publizist:innen und Religionsvertreter:innen in der Pandemie Zeit und Raum für das Trauern ein. Die Forderung stammt also aus einer Zeit, in der das Sterben vor allem alte und bereits schwer erkrankte Menschen in Pflegeheimen am Rande der öffentlichen Wahrnehmung betraf. Die Debatte wurde wiederbelebt, als in den christlichen Kirchen im Spätherbst die üblichen Sterbegedenktage anstanden. Zu Allerheiligen und Allerseelen (kath.) sowie zum Ewigkeits-/Toten-Sonntag (ev.) haben die Kirchen selbstverständlich auch den Toten der Pandemie gedacht.

Trotzdem verfestigte sich um die Jahreswende der Eindruck, das Schicksal der Toten und ihrer Angehörigen sei bisher nicht ausreichend bedacht worden. Dazu mag auch der Streit um die Gestaltung des Weihnachtsfestes beigetragen haben: Sind uns Gänsebraten, Gemütlichkeit unter dem Baum und das Krippenspiel mehr Wert als gerettete Menschenleben?

Die Kirchen verhielten sich in dieser Zeit ruhig. Groß war – und ist – die Sorge, sich der Öffentlichkeit bei diesem Thema aufzudrängen. Besonders die Frage des richtigen Zeitpunkts bewegt die Kirchenleute. Kann ein ordentliches Totengedenken nicht erst dann stattfinden, wenn die Pandemie „vorüber ist“? Am 22. Januar lud dann Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Aktion #LichtFenster ein und kündigte eine zentrale Trauerfeier in Berlin an.

Öffentliche Trauer zur Unzeit?

Die Kirchen wurden erst nachträglich in diesen Plan inkl. Terminsetzung eingeweiht, zeigten sich aber trotz einigen Gegrummels bereit, den staatlichen Trauerakt mit einer eigenen Feier zu flankieren. Eigentlich wollen sie an diesem Wochenende in ökumenischer Eintracht dem Auftritt des Reformators Martin Luther vor dem Reichstag in Worms vor 500 Jahren gedenken („Ich stehe hier…“ oder so ähnlich) – wegen der Pandemie inzwischen ausschließlich digital.

Die ausbleibende Resonanz dieses „Reformationsjubiläums“ zeigt schon an, dass der Bundespräsident, der das Luther-Gedenken gestern offiziell eröffnete, mit seinem Vorschlag zum Corona-Gedenken jedenfalls näher an den Bedürfnissen der Bevölkerung ist als insbesondere die Evangelische Kirche mit ihrem Luther-Gedenk-Bedürfnis.

Gleichwohl ist eingetreten, was Kirchenvertreter:innen und Politiker:innen befürchteten: Das offizielle Corona-Gedenken an diesem Wochenende fällt mitten in eine dritte Welle der Pandemie, die Zahl der Infizierten steigt rasant an, die Krankenhäuser warnen vor Überlastung, in einigen Regionen gibt es bereits Einschränkungen bei der medizinischen Versorgung.

Viele Menschen, insbesondere im Internet, stoßen sich daran, dass die MinisterpräsidentInnen im Anschluss an den Bundespräsidenten dazu aufrufen, Kerzen in die Fenster zu stellen (#LichtFenster). Auch daran, dass die Kirchen vor der zentralen Trauerfeier in Berlin zu einer ökumenischen Trauerfeier mit interreligiöser Beteiligung einladen und Landeskirchen und Bistümer zum Gedenken an die Corona-Toten in den Gottesdiensten an diesem Sonntag aufrufen.

Das Trauern ist politisch

Hauptargument der Kritiker:innen ist, dass die Pandemie ja keineswegs vorüber ist und zu ihrer Bekämpfung andere Maßnahmen dringender notwendig sind als „gefühlige“ Gedenkveranstaltungen. Nun kann man das eine ja machen, ohne das andere zu lassen. 80 000 Menschen sind inzwischen gestorben. Zum Zeitpunkt der Einladung von Bundespräsident Steinmeier im Januar waren es 50 000. 80 000 Tote, das heißt auch und vor allem Töchter und Söhne, Enkelkinder, Freunde und Familien, die trauern. 80 000 Tote bedeuten viele tausende Angehörige, die in den letzten Stunden nicht bei ihren Sterbenden bleiben konnten, die ihre Toten unter zum Teil widrigen Umständen bestatten und betrauern mussten.

Viele Menschen wünschen sich härtere Maßnahmen gegen die Pandemie, diese Woche noch einmal deutlich mehr als letzte. Das kann man als Wunsch der  Bevölkerung deuten, dass die angekündigten Maßnahmen für hohe Inzidenzen auch durchgeführt werden, die Regierungen also verlässlich handeln. Es geht darum, sich an die selbstgesetzten Regeln zu halten. Gerade Eltern kennen diese Situation bereits vom Pandemie-Erleben des letzten Frühjahrs her. Es ist belastend, nicht genau zu wissen, was in zwei oder vier Wochen eigentlich anliegt. Die Unsicherheit lastet auf vielen Menschen, auf manchen viel mehr als die eigentlichen Maßnahmen.

Aber man darf die generell hohe Zustimmung zu den Maßnahmen in ihrer Bedeutung auch nicht überschätzen. Das eine ist, harte Maßnahmen zu fordern, das Andere, sie auch im persönlichen Bereich durchzuhalten. „Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.“ Ein Beispiel dafür sind die Schnelltests bei Kindern, gegen die sich Eltern landauf und landab wehren.

Gleichzeitig wird darüber gestritten, ob Impfungen oder gar Tests einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit darstellen. Der Overdrive der Debatten ist in einem Jahr Corona-Pandemie keineswegs zum Erliegen gekommen, sondern hat sich in unerkannte Höhen geschraubt. Alles ist politisch geworden: Die Corona-Schutzmaßnahmen, das Maske-Tragen, selbst das Impfen, das für die große Mehrheit der Menschen zugleich Privatsache und eine medizinische Selbstverständlichkeit ist.

Und so ist auch das Trauern während der Pandemie politisch und keineswegs nur privat. An dieser Stelle wird klar, dass die Einladung zum Trauern kontraintuitiv zu dem wahrgenommen wird, was in Deutschland üblicherweise als Trauern verstanden wird – und dass wir es auch und gerade jetzt nötig haben, die Trauer offiziell in den Vordergrund zu stellen.

Trauern und das Notwendige tun

Der Tod liegt immer quer zu unseren Plänen, weil er das Ende aller unserer Lebenspläne bedeutet. Trauer kommt immer zur Unzeit, ja sie ist Unzeit. Zu trauern bedeutet, aus dem gewöhnlichen Alltag herauszutreten. Eine Trauerzeit ist eine Zeit des Schutzes, der Ruhe.

In Trauer innehalten und jetzt das Notwendige tun, stehen nicht im Widerspruch zueinander. Die Toten zu beklagen und die Angehörigen in Gedanken und Gebete einzuschließen, eine Kerze zu ihrem Gedenken zu entzünden und als Zeichen in die Fenster zu stellen, tröstet vielleicht diejenigen, die mit ihrem Schmerz alleine geblieben sind. Die Trauer vermag andere daran erinnern, warum wir die einschneidenden Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens in dieser Zeit eigentlich auf uns nehmen.

Trauern und Handeln stehen sich nicht als Entweder-Oder gegenüber, aus Trauer und Anteilnahme wachsen Solidarität und Mitgefühl. Vielleicht ist uns dieser Zusammenhang auch deshalb undeutlich geworden, weil das Trauern hierzulande so selten nur noch praktisch, handfest ist. Trauern wird von vielen als passives Abwarten und stoisches Ertragen aufgefasst – ein eindimensionales, historisch gewachsenes Verständnis vom Trauern, das uns lähmen kann. Trauern ist nicht Nichtstun.

Wir können und sollten das Sterben und die Trauer um die Toten, um verpasstes und entgangenes Leben nicht von uns abscheiden. Es ist inzwischen klar, dass die Corona-Pandemie keinen für alle verbindlichen Schlusspunkt finden wird. Das Trauern, besonders in seiner öffentlichen Form, wird für einige immer zur Unzeit kommen. Andere ziehen aus dem Gedenken Trost und Kraft. Niemand ist dazu gezwungen, mitzutrauern und stillzuhalten, aber vielleicht, nur vielleicht werden uns diese Minuten des Gedenkens gut tun.


Weiterlesen: Das Sterben während der Corona-Pandemie thematisiert Philipp Greifenstein in einem ausführlichen Beitrag: „Der letzte Feind: Sterben während Corona“.

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