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Foto: Josh Applegate (Unsplash)

Gottesdienste: Oder soll man es lassen?

Schon bald sollen die Gläubigen sich wieder in den Kirchen zum Gottesdienst versammeln dürfen. Dafür haben die Kirchen gekämpft. Was ist damit gewonnen? Ein Kommentar.

Gottesdienste sollen bald wieder stattfinden. Die erste Stufe von Lockerungen der Corona-Sicherheitsmaßnahmen wird erklommen und die Kirchen sind mit dabei – dank deutlichen Einspruchs von EKD, Deutscher Bischofskonferenz und Kirchenleitungen. Anfang Mai soll es wieder physische Gottesdienstangebote geben.

Die Lockerungen werden regional unterschiedlich geregelt. Die Bundesländer haben auch hier die Handlungshoheit. Und die Landesregierungen liegen über Tempo und Umfang der Lockerungen im Clinch. Gestritten wird auch darüber, dass Gottesdienste nicht verboten bleiben können, wenn Friseure und der Einzelhandel öffnen (s. #LaTdH von vergangenem Sonntag).

Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Die derzeitigen Einschränkungen müssen gut begründet sein, zu anderen Maßnahmen in einem guten Verhältnis stehen und gehören regelmäßig überprüft – so das Bundesverfassungsgericht. Es ist darum richtig, dass die Kirchen genau darauf pochen. Sie tun das – hoffentlich – auch stellvertretend für alle Religionsgemeinschaften in Deutschland, die keine große Lobbymacht oder guten Leumund haben.

Lobby für den christlichen Kultus, das kommt vor allem dann gut, wenn dabei die Schwachen, Kranken und Toten im Blick bleiben. Unter der Woche kritisierte der ehemalige Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber im Deutschlandfunk den „weinerlichen Ton“, den Kirchenobere beim Thema Gottesdienst-Einschränkungen anschlagen. Recht hat er.

Kirche „in diesen Zeiten“

Kirche in der Krise kann lernen, worin ihr Nutzen für die Menschen besteht. Sie kann sich dort dienstbar machen, wo Menschen krank, gefangen, blind und voll Angst sind. Und das tut sie. Die Kirchenprofis aber diskutieren nun auch schon seit zwei Monaten intensiv den christlichen Kultus. Zunächst wurde darüber gestritten, wie man wohl „in diesen Zeiten“ noch Gottesdienst und Abendmahl feiern könnte. Alsdann wurde über Streaming-Gottesdienste und Online-Abendmahl debattiert. Nun also werden Form und Umfang der „neuen“ Gottesdienste thematisiert.

Der Austausch darüber scheint notwendig und bringt zuzeiten auch bleibend Nachdenkenswertes hervor. Die Härte der Debatten zeigt an: Der Sonntagsgottesdienst als zentrale Veranstaltung des christlichen Glaubens ist fragwürdig geworden. Das war freilich schon vor Corona so. Die zentralen Riten des Christentums hierzulande sind Kasualien wie Taufen, Firmungen, Hochzeiten und Beerdigungen, und einige große christliche Feste wie Weihnachten und Ostern.

Ausgerechnet der Ausfall von physischen Gottesdiensten zum Osterfest vergangene Woche wird nun von Kirchenleitungen als Argument für eine Lockerung benutzt. Wir haben ja so gelitten! Einige Kirchenobere argumentieren sogar damit, sie hätten die erforderlichen Maßnahmen besonders früh, gründlich und wohlwollend umgesetzt. Das stimmt für viele Landeskirchen und Bistümer, aber nicht für alle. Von der Umsetzung vor Ort ganz zu schweigen. Man mag wegen Corona ein bisschen dizzy sein, aber so vergesslich doch nicht.

Wer sich seiner Verantwortungsbereitschaft lobt, den wird man daran packen müssen: Die Lockerungen entheben Gemeinden und einzelne Gläubige nicht der Abwägung, welche Gemeinschaftsformen der Situation tatsächlich angemessen sind. Religiöse Veranstaltungen konnten überall auf der Welt als Infektionsherde identifiziert werden. Sollen der langen Liste Gemeinden in Deutschland hinzugefügt werden?

Gottesdienst als Zuschau-Veranstaltung

Nun also Gottesdienste. Aber bitte nicht so wie bisher! Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schwört die Bevölkerung in vielen Interviews auf eine „neue Normalität“ ein. Auch der neue Gottesdienstbetrieb wird anders ausschauen. Teilnehmer*innenzahlen werden begrenzt. Sinnvoll erscheint das Führen von Teilnahmelisten, um eventuelle Infektionsherde identifizieren zu können. Körperkontakt, physische Nähe und Gemeindegesang werden nicht möglich sein. Die Diskussion um die „richtige“ Durchführung von Abendmahl und Eucharistie läuft bereits an.

Ich schätze den liturgischen Sonntagsgottesdienst gerade wegen der Beteiligung, die mir Liturgie und Lieder ermöglichen. Im Wechselgesang nehme ich tatsächlich Teil am Geschehen. Die „neuen“ Gottesdienste drohen zu reinen Zuschau-Veranstaltungen zu geraten. Vor allem, wenn einfach nur der bisherige Gottesdienst in die neue Form übertragen wird. Ein Phänomen, das bereits bei den Gottesdienst-Streams und -Videos problematisert wurde.

Wirkliche Teilnahme ist nicht einfach durch physische Präsenz gegeben. Teilnahme und Teilhabe am Gottesdienstgeschehen kann von Gläubigen eingefordert und von Gemeinden anders als bisher organisiert werden. Hoffentlich bleibt von der Kreativität der vergangenen Wochen etwas übrig! Stehen wie bei den Diskussionen der vergangenen Wochen vor allem die hauptamtlichen Religionsbediensteten im Fokus, wird das schwer.

Für die allermeisten Christ*innen hierzulande ändert sich nichts. Wer mag sich Kasualien mit anschließenden Familienfeiern vorstellen? Welchen Sinn haben Zugangsbeschränkungen, Abstandsgebote und tiefe Eingriffe in den Ritus, wenn danach bei Kaffee und Kuchen beieinander gehockt wird? Insofern ist der Jubel über die Rückkehr der Gottesdienste verfrüht und besonders deplaziert.

Vom neuen Gottesdienstgeschehen werden wohl Menschen mit erheblichen Vorerkrankungen, Alte, Familien und Kinder faktisch ausgeschlossen bleiben oder sich freiwillig abwenden, um nicht sich und andere in Gefahr zu bringen. Nichts da mit einhelligem Jubel!

Tankstellen des Glaubens

Gottesdienste sind Tankstellen des Glaubens. Gut, dass Menschen jetzt auch physisch wieder anzapfen können. Aber der Gottesdienst ist kein Autokino und keine Rennstrecke. Das Auto wurde nicht für die Tankstelle gemacht, sondern andersherum. Den christlichen Glauben in diesen Zeiten „auf die Strecke“ zu bekommen, heißt Vorrang für Seelsorge und diakonisches Handeln.

Darum ist es gut, dass Seelsorger*innen bald wieder flächendeckend in Alters- und Pflegeheime hinein dürfen. Es ist gut, dass die Zugangsbeschränkungen für Bestattungen gelockert werden. Davon bekommt die digitale Kirche im Zweifel weniger mit als von der nächsten Gottesdienst- und Abendmahlsdebatte. Kann man ja bei den anstehenden Diskussionen mal im Hinterkopf behalten.

3 Kommentare zum Artikel

Hille

hmm, wer besucht denn die Sonntagsgottesdienste?

Doch ganz überwiegend ältere und alte Menschen. Die zumindest ich mit den ganzen virtuellen Möglichkeiten nicht erreiche.

Die allermeisten von ihnen leben NICHT in Heimen. Wenn sie Gottesdienste besuchen, dann in ihrer Gemeinde.

Warum darf nicht gesungen werden?

In unseren riesigen Kirchen kann genügend Abstand gehalten werden.
Wenn nur 15 kommen dürfen?

Soll das die Zukunft sein? Wird das jetzt bei jeder Influenza, Corona etc. Usus sein?

Kirche erreicht so vielleicht ein paar jüngere Menschen.
Die Masse, die Alten und Älteren, lässt sie allein.
Traurig.

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Stefan

Eine kleine Anmerkung zur These, dass der Sonntagsgottesdienst als zentrale Veranstaltung des christlichen Glaubens „fragwürdig geworden“ sei und die zentralen Riten des Christentums nun Kasualien wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen und große christliche Feste seien.

In deskriptiver Hinsicht beschreibt das natürlichen einen Trend in der gegenwärtige Entwicklung, den jeder beobachten kann. Aber:

1. Regelmäßige Gottesdienstfeiern oder ähnliche regelmäßige Formen gemeinsamer Religionsausübung (z. B. Taizé-Gebet, Gebetstreffen o. Ä.) sind und bleiben immer unerlässlich. Wo sie wegbrechen, brechen verzögert um zwei bis drei Jahrzehnte auch die Kasualien weg. Wer drei Jahrzehnte nicht mehr in der Kirche war, lässt sich auch nicht mehr kirchlich beerdigen. Für Hochzeiten und Übergangsriten (Abitur-Galas!) gibt es längst außerhalb der Kirchen viele Angebote, die sehr erfolgreich sind, wenn es darum geht, die christlichen Sakramente oder Feiern zu übernehmen. Auch für Weihnachtsfeiern braucht es nicht zwingend Religion.

2. Von daher liegt es m. E. auf der Hand, dass eine Religionsgemeinschaft, die regelmäßige Formen gemeinsamer Religionsausübung in Frage stellt oder aufgibt, kaum zukunftsfähig ist. Interessant dazu: https://www.ekd.de/abschied-vom-sonntagsgottesdienst-ekd-studie-48693.htm

3. Religionsgemeinschaften, die regelmäßige Gemeinschaftsformen und ihre Glaubenspraxis pflegen, haben Zukunft. („Wo zwei oder drei…“)

Dessen unbeschadet gilt natürlich in der Corona-Zeit, dass der Gesundheitsschutz nicht gefährdet werden darf und die Religionsausübung, wie einst bei den ersten Christen, momentan zuhause stattfinden sollte.

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Carsten

Sehr kluge Anmerkungen!

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