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GottesZeit – Die #LaTdH vom 27. Oktober

Die Amazonien-Synode hat ein Abschlussdokument: Was steht drin? Außerdem: Missbrauchsverdacht in evangelischen Kindergärten, zwei neue Apps und Theologie im Diskussionsmodus.

Debatte

Gestern Abend wurde das 30-seitige Abschlusspapier der Amazonien-Synode in Rom veröffentlicht. Auch darüber ist der Deutungskampf, wie um die ganze Synode, entbrannt. Synodalität heißt eben auch Streit, auch wenn ich über manche katholische Aggression gegenüber der Synode nur noch den Kopf schütteln kann.

Amazonien-Synode: Das steht im Schlussdokument – Gudrun Sailer (Vatican News)

Gudrun Sailer (@gusailer) stellt bei Vatican News Struktur und Inhalte des Abschlussdokuments vor. Bevor man also in rechten Foren wie kath.net hetzt, das Papier enthielte wohl kaum noch Verweise auf Jesus Christus, erstmal lesen!

Die Synode stellt hier ihr Grundlagenverständnis einer Kirche der Zukunft vor: eine samaritanische, barmherzige, solidarische Kirche, eine „magdalenische“ Kirche, „die sich geliebt und versöhnt fühlt und mit Freude und Überzeugung den gekreuzigten und auferstandenen Christus verkündet“.

Der Großteil des Dokuments setzt sich mit der Situation der indigenen Völker und der Natur im Amazonas-Gebiet auseinander und gibt hier auch klare Handlungsempfehlungen für die Ökumene und internationale Gemeinschaft. Außerdem wird die Inkulturation des katholischen Glaubens betont und eine „Evangelisierung im Kolonialstil“ zurückgewiesen:

„Wir alle sind dazu eingeladen, uns den amazonischen Völkern auf Augenhöhe zu nähern, ihre Geschichte, ihre Kulturen, ihren Stil des ,guten Lebens´ zu respektieren. Kolonialismus ist das Auferlegen bestimmter Lebensarten von einem Volk auf das andere, wirtschaftlich, kulturell oder religiös. Wir weisen eine Evangelisierung im Kolonialstil zurück. Die Frohe Botschaft von Jesus verkünden heißt, die Samen des Wortes anzuerkennen, die in den Kulturen angelegt sind.“

Das alles liegt in meinen Augen nicht nur auf der Linie von Lumen gentium (2. Vatikanisches Konzil), sondern beschreibt auch die eigentliche Stärke des Katholizismus. Als Weltkirche hat die Katholische Kirche überall, wo sie hingekommen ist, den Glauben der Menschen transformiert und damit – logisch – auch bewahrt. In dieser Woche werden Christ*innen überall auf der Welt und höchst unterschiedlich Allerheiligen feiern. Auch Halloween ist ein Beispiel für diese Kraft des Katholizismus.

Verheiratete als Priester – in Ausnahmefällen (Deutsche Welle)

Die Deutsche Welle informiert darüber, wie sich die Synode zur Einführung der Priesterweihe für „viri probati“ positioniert. In Ausnahmefällen soll eine Weihe zum Priester für Männer, die bereits als Ständige Diakone geweiht wurden, möglich werden. Dabei handelt es sich naturgemäß um eine Empfehlung, denn das Synodenabschlusspapier hat keine kirchenrechtlich bindende Kraft.

Dieser Empfehlung stimmten 41 der 185 Stimmberechtigten nicht zu, eine nicht zu unterschätzende Minderheit. Es wird abzuwarten sein, ob Papst Franziskus diesen Punkt in seinem noch für dieses Jahr versprochenen Sendschreiben aufnimmt – oder nicht.

Gudrun Sailer (s.o.) hält fest:

Unter dem Titel „Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des synodalen Kommunion“ schließlich befürwortet die Synode die Priseterweihe verheirateter Diakone, wobei das Dokument den Ausdruck „Viri probati“ vermeidet.

„Wir schätzen den Zölibat als Gabe Gottes“, heißt es (111), „und wir beten um viele Berufungen zum zölibatären Priestertum.“ Allerdings: rechtmäßige Unterschiede schädigten die Einheit der Kirche nicht, sondern dienten ihr, wie auch die Vielfalt der existierenden Riten und Disziplinen bezeuge.

Deshalb schlage man angesichts des Priestermangels vor, Kriterien zu erstellen, „um geeignete und von der Gemeinde anerkannte Männer zu Priestern zu weihen, die ein fruchtbares ständiges Diakonat innehaben“. Diese Priester mit bereits bestehender Familie könnten „in den entlegensten Regionen des Amazonas das Wort verkünden und die Sakramente feiern“.

Ein Dammbruch zur Öffnung des kirchlichen Amts sieht anders aus. Zum Frauendiakonat wird lediglich festgehalten, dass man darüber im Gespräch bleiben wolle. Papst Franziskus hat angekündigt, dass die von ihm 2016 eingesetzte Kommission zum Diakonat von Frauen ihre Arbeit fortsetzen wird.

Raus aus dem System der Missbrauchstäter – Thomas Hanstein im Gespräch mit Christiane Florin (Deutschlandfunk)

Thomas Hanstein ist eigentlich auch Ständiger Diakon der röm.-kath. Kirche, hat sich aber von diesem Amt freistellen lassen, weil er dem System der Missbrauchstäter nicht weiter dienen will. Warum das so ist und wie es dazu gekommen ist, erläutert er im Gespräch mit Christiane Florin (@ChristianeFlori) im Deutschlandfunk. Das Gespräch legt den Finger in die Wunde der Kirche hierzulande, deren Heilung nicht an die Christ*innen vom anderen Ende der Welt delegiert werden kann.

nachgefasst

Verzerrungen und Vorurteile – eine ausführliche, kritische Rezension zu Constantin Schreibers „Kinder des Koran“ – Jan Altaner (dis:orient)

Constantin Schreiber (@ConstSchreiber) gilt als einer der hervorragendsten jungen Journalisten des Landes. Er arbeitet für die ARD vor allem zu Themen mit Islambezug. Anfang des Jahres hat er ein neues Buch über die „Kinder des Koran“ veröffentlicht, das von Jan Altaner für dis:orient (@disorient_do) kritisch gelesen wurde:

Antisemitismus, problematische Frauenbilder und religiöser Fundamentalismus prägen die Schulbücher muslimischer Länder und dadurch die Werte von Muslim*innen – das behauptet der Journalist Constantin Schreiber in „Kinder des Koran. Was muslimische Schüler lernen“. Eine genaue Lektüre zeigt jedoch: Schreibers Analyse ist ungenau, verzerrend und bisweilen faktisch falsch und verbreitet xeno- und islamophobe Positionen, Stereotype und Diskurse.

„Einladung zu Übergriffen an Kindern“ – Alexander Fröhlich (Tagesspiegel)

In evangelischen Kindertagesstätten in Berlin und Hamburg wurde 2018 im Zusammenhang mit der Methode „Original Play“ wegen des Verdachts auf Missbrauch von Kindern ermittelt, berichtet Alexander Fröhlich (@alx_froehlich) für den Tagesspiegel:

Bei „Original Play“ rangeln zumeist Erwachsene mit Kindern in engem Körperkontakt. Sie rollen sich auf Matten, liegen ineinander verdreht, nehmen sich fest in die Arme. Das Spiel soll laut des Vereins an das frühkindliche Rangeln und den Spieltrieb freilebender Tiere erinnern und Beziehungen „zwischen Individuen und Gruppen“ verbessern. […]

Wie die beiden Sender berichten, wird „Original Play“ seit Jahren in Kindereinrichtungen als pädagogisches Konzept angeboten, ohne dass Behörden oder Träger das „sektenähnlich organisierte Geschäftsmodell“ unter dem Aspekt des Kinderschutzes geprüft hätten.

Geschäftsmodell und pädagogischer Ansatz werden von zahlreichen Experten kritisiert. Und ich nehme mir als Vater mal eine eigene Meinung heraus: Es geht mir nicht in den Kopf, wie nach fast zehn Jahren Diskussion um Kindesmissbrauch in Kirche und Diakonie eine solche „Methode“ unhinterfragt von Hausleitungen, Fachaufsichten und Eltern durchgeführt werden kann.

Wir haben unseren 3-jährigen Jungen in einer evangelischen Kita. Es käme mir gar nicht in den Sinn, so ein Angebot dort nachzufragen. Es ist ein stinknormaler Kindergarten. Mal spielen die Kinder zusammen, in Kleingruppen oder alleine. Sie gehen auf den Spielplatz, sie decken gemeinsam den Tisch, sie toben. In Themenwochen beschäftigen sie sich mit biblischen Geschichten und dem Kirchenjahr. Vor dem Essen wird gebetet.

Gekuschelt und „gerangelt“ wird zuhause. Zärtlichkeit lässt sich nicht outsourcen. Wohl werden die Kinder auch umarmt und getröstet, wenn sie sich gegenseitig die Köpfe eingehauen haben oder traurig sind. Ist es denn wirklich so schwer, Grenzen zu setzen und einzuhalten?

Buntes

Die KonApp – Anregungen für den Einsatz der neuen EKD-App für Konfis in der Praxis – Thomas Ebinger (Ebiblog)

Thomas Ebinger (@Thomas_Ebinger) erprobt mit seinen Konfirmand*innen die neue offiziöse App von EKD und Deutscher Bibelgesellschaft für den Konfirmations-Unterricht. Von Ebinger stammte auch der Anstoß zur Entwicklung. Die KonApp stellt zwei Bibelübersetzungen, eine Messenger-Funktion und einiges mehr zur Verfügung. Ebinger verlinkt auch das Einführungsvideo und weitere lesenswerte Artikel zur KonApp. Ob sich die App durchsetzen wird, steht noch in den Sternen. Da aber genug Kraft und Geld investiert wurde, sollte man es wohl wenigstens probieren!

Devotionalium – Die erste interreligiöse Tageslosung – Max Melzer (moehrenzahn.de)

Vom Technikchef der Eule, Max Melzer (@_maxmelzer), stammt die Losungs-App Devotionalium. Seit kurzem ist sie die erste interreligiöse Losungs-App und bietet jeden Tag Texte aus den heiligen Schriften von Juden, Christen und Muslimen an.

Unsere Zeit verlangt nach einer neuen Art von Losung: Eine Losung, die nicht nur nach innen schaut, sondern den Blick nach außen weitet. Eine Losung, die zeigt, dass die christliche Tradition nicht vom Himmel gefallen ist, sondern in der jüdischen Tradition wurzelt und mit der muslimischen Tradition eng verwandt ist.

Bibel / Predigt / Theologie

Quo vadis Christentum? Der Theologe Reiner Anselm über Kirche, Theologiestudium und Protestantismus – Rieke C. Harmsen (Sonntagsblatt)

In der bayerischen Kirchenzeitung Sonntagsblatt befragt Rieke C. Harmsen (@RiekeHarmsen) den Münchener Theologieprofessor Reiner Anselm. Was die drängenden kirchenpolitischen Fragen der evangelischen Kirchen angeht, schweigt die Riege der Theologieprofessoren zurzeit verdächtig. Hier wagt sich einer mal heraus. In der #digitaleKirche-Bubble wird das lange Gespräch kontrovers diskutiert, auch weil es gleich mehrere Problemanzeigen zur Situation der Theologie in der Kirche enthält.

„Wir können nicht mehr so richtig sagen, was es bedeutet, ein christliches Leben zu führen. Als Lehrer oder als Ärztin können wir am Freitag zur Klimademo gehen oder für Seenotrettung demonstrieren. Aber jenseits des kurzfristigen punktuellen Aktionismus haben wir echte Schwierigkeiten, zu sagen, was ein christliches Leben bedeutet.

Das treibt mich sehr um, zumal ich aus einer liberalen Tradition komme, die lange der Ansicht war, dass auf diese Fragen jeder für sich selbst eine Antwort finden muss. Das setzte aber voraus, dass ich in meiner Umgebung genügend Muster gibt, zu denen ich mich ins Verhältnis setzen kann und muss. Aber wenn dies alles immer weniger vorhanden ist – wie komme ich dann zu einer eigenen Antwort?

Was uns fehlt, ist ein christliches Ethos, das uns sagt, wie man als Christ lebt. Was heißt es, eine christliche Ehe zu führen? Im christlichen Sinne Kinder zu erziehen? Als Politiker eine christliche Position zu vertreten? Hier muss sich die akademische Ethik mehr engagieren als bisher.“

Friedenstheologisches Lesebuch im Dialog (EKIBA)

Vor der EKD-Synode im November ist ein friedenstheologisches Lesebuch erschienen, das den Schwerpunkt der Synode „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“ vorbereiten soll. Dazu muss man sich natürlich überhaupt erst einmal damit auseinandersetzen. Genau das geschieht momentan auf der Website der Evangelischen Landeskirche in Baden (@ekiba), wo zahlreiche Kommentare zu den Beiträgen des Lesebuchs von versierten und neugierigen Kirchengliedern gesammelt werden. So geht evangelische Diskussion. Bis zur Synode soll es weitergehen.

Ein guter Satz

„Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“

die Bachkantate zur Zeitumstellung, hier auf YouTube

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