
Herz oder Hetze?
Zum AfD-Parteitag in Erfurt öffneten die Kirchen ihre Türen für den Protest. Rechte Medien wittern den nächsten Skandal. Über Mut, Vorsicht und die Frage, wie viel Rückgrat Kirche zeigen darf.
Dies ist die Chronologie einer Kirchenfrage. Dabei geht es dieses Mal nicht um Elevation oder Filioque, sondern um ganz akute Fragen der Gegenwart: Wie gehen Kirchen mit rechtsextremen Medienschaffenden um? Lassen sie sich von hetzenden Portalen vor sich hertreiben? Bietet die Kirche Schutz für den Kampf gegen faschistoide Tendenzen?
Als die AfD ihren Bundesparteitag nach Erfurt holte, öffneten Kirchengemeinden ihre Türen für den Protest dagegen: für Aktionstrainings, Segnungen und einen ökumenischen Gottesdienst. Rechte Medien witterten früh den nächsten Skandal: Stellen sich die von der AfD verachteten großen Kirchen unzulässig allein auf die Seite derer, die gegen die Partei protestieren wollen? Müssten die Kirchen sich nicht eher „unpolitisch“ und „neutral“ verhalten? Wo liegen die Grenzen des politischen Einsatzes in Kirchenmauern und welche Werte vertreten die Kirchen in der politischen Auseinandersetzung?
In den Wochen vor dem AfD-Bundesparteitag, der am 4. und 5. Juli 2026 in der thüringischen Landeshauptstadt stattfand, und in den Tagen seitdem sind die Erfurter Kirchen in einen Zwiespalt zwischen Segen und Skandalisierung geraten. Die Frage, welche Protestformen legal und legitim sind, beschäftigt die Öffentlichkeit anlässlich des AfD-Parteitages. In der Kirche wird zugleich darum gerungen, wie sie sich selbst positioniert und mit medialen Angriffen umgeht.
Ein Parteitag mobilisiert die Stadt
Doch ganz an den Anfang: Am 10. Oktober 2025 teilte die AfD mit, dass die Messe Erfurt der Austragungsort für ihren 2026er Bundesparteitag werde. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) bestätigte ein Sprecher der Partei das Datum am 4. und 5. Juli 2026 und den Ort, er nannte die Veranstaltung einen „reinen Wahlparteitag“.
Unverzüglich mobilisierte das Bündnis „widersetzen“ nach Erfurt. Nachdem sie bereits bei den Bundesparteitagen in Essen (2024), in Riesa (2025) und bei der Gründung der AfD-Nachwuchsorganisation Generation Deutschland in Gießen (ebenfalls 2025) gegen die Veranstaltungen aktiv gemacht hatten, fokussierte sich der Zusammenschluss nun auf Erfurt. Es sollten die größten Demonstrationen seit dem Ende der DDR in thüringischen Landeshauptstadt werden.
Mehrere Monate lang fanden die „widersetzen“-Planungen von der Öffentlichkeit eher unbemerkt statt. Mit einer „Aktionskonferenz“ beteiligten die Organisatorinnen und Organisatoren Mitte April zunehmend auch die Erfurter Stadtgesellschaft an ihrem Vorhaben. Das Ziel war von Beginn an klar: Der AfD-Parteitag sollte verhindert werden. „widersetzen“-Sprecher Suraj Mailitafi bestätigte dies am Tag vor dem Bundesparteitag bei einer Pressekonferenz erneut.
Mittels Aktionen wie „Stadtversammlungen“ und Haustür-Gesprächen informierten die Aktivistinnen und Aktivisten rund zwei Monate vor dem eigentlichen Parteitag über ihr Vorhaben. Sie meldeten Kundgebungen an, etwa am 12. Juni, als sie gegen eine „Remigration“-Demo der Organisation Freies Thüringen am Erfurter Talknoten aufstanden. Mit sogenannten „Aktionstrainings“ bereitete „widersetzen“ Interessierte auf mögliche Blockaden gegen den Bundesparteitag vor. Laut DER SPIEGEL war das Ziel, eine „unräumbare Masse“ zu schaffen, um die Zufahrtswege zur Messe Erfurt zu blockieren.
Kirchenräume für den Widerstand
An dieser Stelle kommt die Kirche ins Spiel. Während einige Kirchengemeinden wie auch die katholische Pfarrei in Erfurt sich zusammen mit anderen Akteuren, wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Bürgerstiftung Erfurt und dem Sportverein der Basketball Löwen, im Bündnis „Zusammenstehen“ zusammenschlossen, öffneten weitere evangelische Einrichtungen ihre Türen in Vorbereitung der Parteitagsdemos: auch für Aktionsvorhaben.
So fand etwa eines dieser Trainings in den Räumlichkeiten der Offenen Arbeit (OAT) statt, ein anderes im Predigerkeller. Für ein Drittes hatte der Gemeindekirchenrat (GKR) der Kaufmannskirche am Anger sein Okay gegeben. Dieses „Aktionstraining“ war medienöffentlich, so dass binnen kürzester Zeit Fotos und Inhalte von der Veranstaltung im Netz kursierten.
Das MDR-Fernsehen lud kurz darauf zu einer Diskussionsrunde „Fakt ist“ mit dem Titel „Linker Protest gegen rechte Politik“ ein und mehrere rechte Nachrichtenportale und Youtube-Kanäle skandalisierten die Veranstaltung in den Kirchenräumen – unter anderem mit der rhetorischen Frage: Ist denen denn gar nichts heilig?
Protest-Bündnisse zum AfD-Bundesparteitag
Das Bündnis „Zusammenstehen“ gründete sich als Ergänzung zur Aktion „widersetzen“ in Erfurt. Es organisierte am 4. Juli unter anderem die Hauptkundgebung an der Messe, zwei Demo-Züge vom Hauptbahnhof zu den anderen Kundgebungen und schloss sich unter anderem auch mit den Omas gegen Rechts zusammen. Wie eine Sprecherin des Bündnis gegenüber der Eule sagte, habe man mit Aktionen wie „Seifenblasen gegen Nazis“ sowie einem bunten Konzert- und Unterhaltungsprogramm bewusst zur Friedlichkeit des Protests beitragen wollen.
Trotz des lauten Getrommels von Medien wie Apollo News, der Jungen Freiheit und Nius blieb es allerdings zunächst ruhig. Die Aktionstrainings gingen weiter – in kirchlichen und in nichtkirchlichen Räumlichkeiten. Das Wochenende des Bundesparteitags rückte näher. Zugleich nahmen die Mitteilungen von Kirchengemeinden zu Angeboten gegen den Parteitag zu.
Die evangelischen Kirchen und auch die katholischen Gemeinden der Stadt Erfurt kündigten an, ihre Räumlichkeiten für Besinnung und Erholung zu öffnen. Vom Turm der Kaufmannskirche leuchtete das Banner mit der Aufschrift „Herz statt Hetze“ über den Anger und die Christinnen und Christen der Thüringer Landeshauptstadt übten sich in der Gastgeber-Rolle für den Widerstand gegen Menschenverachtung und Hetze.
Segen für die Straße
So auch am Abend vor den geplanten Aktionen, als ausgerechnet in die Andreaskirche – einem wichtigen Ort der Friedlichen Revolution von 1989 – in Kooperation mit der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) zu einem „Aktionsplenum“ von „widersetzen“ eingeladen wurde. Die frisch gegründeten „Studis gegen Rechts“ verteilten über einen WhatsApp-Kanal die Einladung.
Die Pfarrerinnen Julia Braband, Ruth Elisabeth Schlemmer und Dorothee Schneider hatten, zusammen mit einigen Gemeindemitgliedern, dazu eingeladen, sich segnen zu lassen. Im Halbstundentakt konnten jeweils rund 200 Menschen, viele von ihnen spätere Demonstrierende, in die Kirche kommen. Die Pfarrerinnen riefen zum Einsatz für gesellschaftliche Vielfalt und ein friedliches Miteinander auf – und betonten die Würde des jeweiligen Gegenübers. Dies gelte auch, so Ruth Elisabeth Schlemmer, für Einsatzkräfte der Polizei: Auch Polizistinnen und Polizisten seien Menschen mit Familie, Wünschen und oftmals mit vielen Ängsten vor dem ungewissen Folgetag.

Regionalbischöfin Friederike Spengler (Erfurt) beim ökumenischen Gottesdienst (Foto: Paul-Philipp Braun)
Nach Eule-Informationen wurde diese Akzentuierung auch vom Thüringer Landespolizeipfarrer mitgetragen. Die Botschaft, die von den Segensandachten in der Andreaskirche ausging, hob sich damit explizit von manchen Parolen aus dem antifaschistischen „widersetzen“-Spektrum ab.
Es waren also durchaus christliche Werte, die die Pfarrerinnen den Menschen mit auf den Weg gaben. Bei einem der letzten Plena war sogar der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, anwesend und beteiligte sich an der Segnungsaktion.
Am Folgetag trafen sich Akteurinnen und Akteure von Kirchen und Religionsgemeinschaften wiederum auf dem Anger. Während die AfD ihren Bundesparteitag trotz aller Blockaden längst begonnen hatte, noch immer tausende Gegendemonstrierende sich auf den Weg zum großen „Zusammenstehen“-Event an der Messe machten und „widersetzen“-Demonstrant:innen zu diesem Zeitpunkt bereits seit Stunden in Straßenblockaden auf der Autobahn 71 oder dem Gothaer Platz saßen, feierten Regionalbischöfin Frederike Spengler und Weihbischof Reinhard Hauke dort gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst. Auch er sollte ein sichtbares Zeichen gegen Ausgrenzung und Hass sein.
All das ist nun eine Woche her, doch die Gemüter haben sich nach dem AfD-Parteitag noch nicht beruhigt. Insbesondere rechtspopulistische Medien haben die Geschehnisse rund um die in Summe eigentlich als friedlich zu bezeichnenden Proteste aufgegriffen und versuchen, die vielgestaltigen Aktionen zu skandalisieren.
Ein Grund dafür mögen die wenig klugen Aussagen auf der Abschlusspressekonferenz von „widersetzen“ am vergangenen Sonntag gewesen sein. Die Aussage einer Aktionssprecherin, dass man einschlägigen Medien – darunter auch der BILD – keine Fragen beantworte, in Kombination mit einem mutmaßlichen Übergriff auf rechte Medienschaffende am Rande einer der zahlreichen Widersetzen-Kundgebungen, treibt die Empörung im rechten Lager hoch.
Eine Stellungnahme mit Folgen
An dieser Stelle machen nun aber rechtspopulistische Medien, was solche Medien eben (schon immer) machen: Sie nutzen die Empörung und versuchen mit journalistischen Versatzstücken gegen Aktivistinnen und Aktivisten, aber auch gegen die Kirchen mobil zu machen. Aus dem Kirchenkreis Erfurt hat Die Eule erfahren, dass eine entsprechende Anfrage eines rechtspopulistischen Mediums, Apollo News, an verschiedene Verantwortungsträger der Kirchengemeinden und des Kirchenkreises gegangen ist.
Laut der Redaktion des Mediums habe sich der Gemeindekirchenrat der evangelischen Kaufmannsgemeinde auf diese Anfrage hin vom „Aktionstraining“ in den eigenen Räumlichkeiten, das Mitte Juni stattgefunden hatte, nachträglich „distanziert“. Ausschnitte der Stellungnahme des Gemeindekirchenrates fanden Eingang in einen Text des Mediums, der schon in der Überschrift von einem „Missbrauch des Kirchenraums“ spricht.
Der Eule liegt der vollständige Text des Gemeindeskirchenrates vor. Während rechtspopulistische Medien wie Apollo News das „Aktionstraining“ als solches kritisieren und zu skandalisieren suchen, bemängelt die Gemeinde lediglich das „Anbringen von Plakaten im gesamten Kirchenschiff und insbesondere das Aufhängen eines riesigen Banners von der für Besucher gesperrten Orgelempore“. Das Anbringen der Transparente sei im vorhinein nicht abgesprochen gewesen, so der Gemeindekirchenrat.
Dass aber das „Aktionstraining“ widerrechtlich stattgefunden habe und in irgendeiner Form — auch nicht nachträglich — abgelehnt werde, davon ist in der Verlautbarung der Gemeinde nichts zu lesen. Im Gegenteil: Die Kirchengemeinde nimmt auf das angebrachte Banner „Herz statt Hetze“ aus der offiziellen Kampagne von Landeskirche und Diakonie Mitteldeutschland Bezug und betont abschließend, dass dessen Botschaft „für alle Seiten“ gelte.

Gottesdienstgemeinde beim ökumenischen Gottesdienst mit Landesbischof Friedrich Kramer (ganz links) und Regionalbischöfin Bettina Schlauraff (Magdeburg) (Foto: Paul-Philipp Braun)
Verzerrungen entgegentreten
Es ist nicht das erste Mal, dass die evangelische Kirche im Dickicht der fragwürdigen journalistischen Tätigkeit von rechtspopulistischen Medien die Orientierung verliert. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) weiß man prinzipiell um die Problematik. Dennoch gäbe es, erklärt EKM-Pressesprecher Ralf Uwe Beck auf Nachfrage der Eule, keinen Gremienbeschluss, der Akteur:innen der verschiedenen Ebenen der Kirche eine Kommunikation mit solchen Medien verbiete.
„Wir haben in den Pressestellen schon vor Jahren – und vor dem Hintergrund von schlechten Erfahrungen – entschieden, Medien, die als Sprachrohre des autoritären Rechtspopulismus agieren, nicht zu bedienen und auf deren Anfragen nicht zu reagieren“, erklärt Beck weiter. Die Strategie, Abstand zu halten, geht in der vielstimmigen evangelischen Kirche allerdings nur teilweise auf. Wie jedes gesamtkirchliche Handeln scheitert sie zuweilen an der weitreichenden Eigenständigkeit von Kirchgemeinden und -Kreisen. Die Verabredung ist eher ein Versuch, sich nicht von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Medien und Akteur:innen treiben zu lassen.
Ob dies gelingt, werden auch die nächsten Wochen und Monate des Landtagswahlkampfs in Sachsen-Anhalt zeigen. Dort könnte die AfD eine absolute Mehrheit im neuen Landtag erringen. Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände warnen ausdrücklich vor einem solchen Wahlausgang. Welche Auswirkungen ein Wahlerfolg der AfD für die Gemeinden und Werke der EKM in Sachsen-Anhalt haben könnte, wird schon länger im Landeskirchenamt und auch mit externer Beratung diskutiert.
Alle Eule-Beiträge des Themenschwerpunkts „kirche macht politik“.
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