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Bild: Hernán Pinera (Flickr), CC BY-SA 2.0

Hitze

Die seltsame Aktualität der Erinnerungen Sebastian Haffners : Über die erneute Hitze der Diskussionen, die bis in unser Privatleben hineinreicht.

Deutschland im Sommer 2017 macht Urlaub und trödelt sich in Richtung Bundestagswahl. In einer neuen Kolumne beleuchten wir Wahl und Wahlkampf für euch: Wahl ’17


Auch kleine Die Eule-Redakteure machen Ferien. In meinem Fall z.B. an der Ostsee und Berlin. Im Urlaub lese ich mich gerne durch den Bücherstapel, der sich über den Rest des Jahres bei mir auftürmt. Wenn ich ausreichend zügig lese, dann lande ich im Urlaub sogar bei Büchern an, die ich allein aus Spaß oder Neigung lesen möchte.

Eines der Bücher, das ich schon lange auf meiner Lektürewunschliste stehen hatte, habe ich jetzt in wenigen Tagen endlich vertilgt, wenn auch – das spricht für die Qualität des Buches – längst nicht verdaut: Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“.

Als das Buch vor gut 15 Jahren erschien, wurde es zu einem Bestseller. Einem von der Sorte, die es in Deutschland zu selten gibt: Ein Buch, das jeder lesen sollte, das in den Kanon der Schullektüre hineingehört, und das gleichzeitig packend und unterhaltsam ist.

Haffner beschreibt sein Aufwachsen, vor allem seine Jugend- und jungen Erwachsenenjahre beginnend mit dem Jahre 1914 bis (eigentlich) 1933. Eine Qualität des Buches, das erst posthum veröffentlicht wurde, besteht allerdings darin, dass es Zeitströmungen und Entwicklungen so zu deuten vermag, dass mir beim Lesen mehrmals der Atem stockte? Ist es nicht genauso wieder?

Hitze

Über die Monate nach der Regierungsübernahme durch die Nazis im Januar 1933 schreibt er:

„Ich gestehe, ich neigte dazu, […] überhaupt alles ungestörte Weitergehen des Lebens wie einen Triumph über die Nazis zu empfinden: Mochten sie sich noch so laut und wild gebärden, sehr doch, sie konnten höchstens die politische Oberfläche aufrühren – hier unten die ganze Meerestiefe des wirklichen Lebens blieb unberührt von ihnen.

Blieb sie ganz unberührt? Drang nicht schon damals etwas von den Wirbeln auf die Oberfläche bis hier herunter – in einer neuen zitternden Spannung, einer plötzlichen Unversöhnlichkeit und hitzigen Haßbereitschaft, die in die politischen Privatdiskussionen drang, überhaupt in diesem Stets-und-ständig-an-Politik-denken-müssen?“ (Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen, S. 109 f.)

Ich glaube diese Hitze, die plötzliche Unversöhnlichkeit auch heute wieder erspüren zu können. Es steht wenn schon nicht Spitz auf Knopf doch einiges in Frage in unseren westlichen Demokratien. Das Meer ist unruhig und nicht wenige fürchten einen kommenden großen Sturm.

Gewiss, da sind noch die Nachdenklichen und jene, die sich um Verstehen und Mitgefühl bemühen – doch hören „wir“ ihnen wirklich zu, werden sie nicht vollends an den Rand der Aufmerksamkeit gespült von immer neuen Brandungswellen beunruhigender Nachrichten und den Trump-Brechern, an die wir uns ja irgendwie schon gewöhnt haben?

Widerstehliche Zeitenströmung

Haffner klammert sich, erinnert er, an das normale unpolitische Weiterleben, auch weil es für ihn keine Stelle gab, von wo aus er gegen die Nazis hätte kämpfen können. Ist es schon ein Akt des Widerstands, sich dann wenigstens nicht stören zu lassen?

Irgendwann ist es dafür zu spät, das ist die bittere Erkenntnis nicht nur der Lektüre der „Geschichte eines Deutschen“: Nicht nur ist es unmöglich geworden, sich nicht behelligen zu lassen, weil die Eingriffe in das eigene Leben nicht mehr nur durch Push-Nachrichten, sondern mit wirklichen Schlägen erfolgen, auch ist das rettende Ufer inzwischen außer Sicht geraten, so weit hat man sich von der hitzigen Strömung abtreiben lassen.

Noch ist sicher Zeit sich einzumischen, gegen die Strömung anzurudern, gegen den Wind zu kreuzen. Bedingung dafür ist ein erhöhtes Aufmerksamkeitslevel, die Bereitschaft sich stören zu lassen. Nicht nur für die USA und Charlottesville gilt ein Zitat Martin Luther King Jr.s:

 

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