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Hörbare Stimmen: Literatur Schwarzer Autor*innen in Deutschland

Für die Mehrheitsgesellschaft ist es nicht immer einfach, sich mit Texten Schwarzer Autor*innen auseinanderzusetzen. Doch es lohnt sich, nicht nur literarisch.

Das literarische Schaffen Schwarzer Autor*innen ist vielfältig. Es reicht von Krimis, über politisch-philosophische Essays, autobiographische Texte und Lyrik hin zu hybriden Textformen, die sich keinem klassischen Genre zuordnen lassen.

„Auch wenn wir es wollen, steht unsere Kunst nicht für sich allein – sie wird zur Repräsentation einer ganzen Community“, sagte Sharon Dodua Otoo in ihrer mit „Dürfen Schwarze Blumen malen?“ übertitelten Rede anlässlich des Bachmannpreises 2020 (Video inkl. Übersetzung in Gebärdensprache). Damit spricht Otoo eine Kausalität an, mit der sich alle Schwarzen Autor*innen in Deutschland konfrontiert sehen.

Das literarische Schaffen deutscher Schwarzer Autor*innen hatte bis in die 2010er-Jahre überhaupt nur eine Chance auf dem Buchmarkt, wenn die Hautfarbe als Alleinstellungsmerkmal vor allem bei Autobiographien tituliert wurde. So erging es auch der Autorin Abini Zöllner mit ihrem 2003 erschienenen Buch „Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder“, das es auf die Bestsellerlisten schaffte. An sich hatte sie es „Der Anteil vom Himmel“ nennen wollen, doch der Rowohlt Verlag sah den Titel „Schokoladenkind“ als „markt evidenter“ an.

Auch die 2013 erschienene und unbedingt lesenswerte Autobiographie des KZ-Überlebenden Theodor Michael „Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen“, erschienen bei dtv, trägt den „Grundkonflikt“ im Titel, bestand aber darauf eben beides zu sein. Deutsch und Schwarz. In den Rezensionen zu seinem Buch fällt allerdings auf, dass die Rezensent*innen vor allem dankbar waren, dass er eben „keine Anklageschrift“ verfasst hätte, sondern mit „großer Nüchternheit“ über seine Rassismuserfahrungen berichtete.

Noch in einer Rezension im Jahr 2020 auf n-tv.de ist es vor allem das „Außergewöhnliche“, was die Rezensentin schwärmen lässt, es sei eine Geschichte, die, „wenn sie nicht wahr wäre, wie ein Drehbuch“ klinge. Sie ist aber in ihrer Beschreibung von Rassismus und den Folgen des Kolonialismus eben keine erfundene, sie ist ein Teil deutscher Geschichte.

Die Frustration und die Wut der „Anderen“

Der versöhnliche Tonfall, den Theodor Michael in seiner Autobiographie anschlug, erleichterte ihm den Zugang zum Buchmarkt. Doch wäre allein sein Buchtitel mit der Eigenbeschreibung als afro-deutsch nicht möglich gewesen, hätten nicht andere Autor*innen ihm den Weg geebnet. (Eine ausführliche Literaturliste befindet sich am Ende des Artikels. Anm. d. Red.)

Einen zugleich wissenschaftlichen als auch literarischen Impuls setzte hierbei das 1986 im feministischen Orlando Verlag auf Anregung der afro-amerikanischen Autorin und Aktivistin Audre Lorde hin erschienene Buch „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“, das zum ersten Mal die Lebensgeschichte von Schwarzen Frauen in Deutschland darlegte. Mit der hier erstmals gebrauchten Wortschöpfung „afro-deutsch“ wollten die Autor*innen Selbstbestimmung in der Frage der eigenen Identität erringen:

„Mit dem Begriff ‚afro-deutsch‘ kann und soll es nicht um Abgrenzung nach Herkunft und Hautfarbe gehen, wissen wir doch allzu gut, was es heißt, unter Ausgrenzung zu leiden. Vielmehr wollen wir ‚afro-deutsch‘ den herkömmlichen Behelfsbezeichnungen […] entgegensetzen, als einen Versuch, uns selbst zu bestimmen, statt bestimmt zu werden“ (Oguntoye u. a., 20).

Den Überbau dieses Buches bildet der Aufsatz „Rassismus, Sexismus und vorkoloniales Afrikabild in Deutschland“ der Autorin May Ayim, in dem sie sich kritisch mit den Folgen des Kolonialismus auseinandersetzt. Auch dies stellte ein Novum dar. Bis heute ist die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus verglichen mit anderen Thematiken ein Stiefkind in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Dies ist nicht verwunderlich, denn eine breite gesellschaftliche Beschäftigung mit diesem dunklen Kapitel deutscher Vergangenheit begann erst 2004, als sich der Völkermord an den Hereros zum hundertsten Male jährte, und damit 18 Jahre nach Farbe bekennen (vgl. Conrad).

Die hier im Anschluss versammelten Lebensberichte sind eindrückliche Zeugnisse des Ringens um Identität und Akzeptanz in einer rassistisch geprägten Gesellschaft, wie es die Autorin Helga Emde in ihrem Beitrag über ihr Aufwachsen im Nachkriegsdeutschland als sogenanntes Besatzungskind beschreibt:

„Im Tagdienst passierte es hin und wieder, dass ein Arzt auf die Station kam, mich sah und mich fragte, ob denn niemand da sei. Ich war in seinen Augen niemand! Bin ich denn niemand? Ich bin eine Deutsche, ich bin hier geboren und bin doch anders. Eine Schwarze. Eine Mischung von schwarz und weiß“ (Oguntoye u. a., 147).

Für die Schwarze deutsche Community glich das Buch einem Befreiungsschlag. Endlich hatten Frauen den Mut gefunden, den alltäglich erlebten Rassismus anzusprechen, die Verletzungen, die er verursacht, offengelegt und auch die Wut darüber formuliert. Aus dem daraus gewonnenen Selbstbewusstsein, sowie der Gewissheit, mit den eigenen Erfahrungen doch nicht allein sein zu müssen, bildete das Buch den Anstoß sich auch politisch zu vernetzen und zu engagieren.

So wurden die Herausgeberinnen des Buches May Ayim und Katharina Oguntoye zu den „Samen, aus denen die afrodeutsche Bewegung wuchs und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD e. V.) entstand“ (Chebu 2016). Trotz der nachhaltigen und bis heute andauernden Wirkung für die afrodeutsche Community fand das Buch nur verhaltene Rezeption in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Immerhin schaffte das Buch zwischenzeitlich eine Aufnahme in die Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“ des Fischer Verlags und damit auch eine größere Verbreitung. Bis heute erscheint es immer wieder in kleinen Auflagen erneut im Orlanda Verlag.

Ein Grund für die fehlende Breitenwirkung ist sicher auch darin zu sehen, dass die Veröffentlichungen die Bagatellisierung von Rassismus bloßstellen, meisterhaft formuliert von May Ayim in ihrem Gedicht afro-deutsch II:

„… hm verstehe. […]
Kannst ja froh sein, dass de keine Türkin bist wa?
Ich meine: ist ja entsetzlich,
diese ganze Ausländerhetze,
kriegste denn davon auch manchmal was ab?
‚…‘
Na ja, aber die Probleme habe ich auch.
Ich finde, man kann nicht alles
auf die Hautfarbe schieben,
und als Frau hat man’s nirgendwo einfach.
[…] Ich glaube ich wär froh, wenn ich du wäre.
Auf die deutsche Geschichte kann man
Ja wirklich nicht stolz sein
Und so schwarz bist du ja auch gar nicht.“
(Ayim 2013, 23)

Niemand lässt sich gerne den Spiegel vorhalten, und auch die in dem Gedicht durchscheinende Frustration und berechtigte Wut ist für manchen schwer auszuhalten, was zum Teil erklärt, dass bis vor kurzem die Werke von May Ayim und anderen Autor*innen weiterhin nur in einem kleinen Kreis rezipiert wurden.

Die Stimmen hören

Nun hat aber in den letzten Jahren, inspiriert durch die Vorkämpfe der Autor*innen in Farbe bekennen, eine neue Generation afro-deutscher Autor*innen ihre Stimme erhoben. In den Fokus stellen die Autor*innen die Selbstermächtigung der Community wie beispielsweise Anne Chebus „Anleitung zum Schwarzsein“. Dabei richten sie sich auch an die weiße Mehrheitsgesellschaft und fordern diese dazu auf, sich aktiv mit dem alltäglichen Rassismus auseinanderzusetzen.

Der Diskurs scheint endlich auch die weiße Mehrheitsgesellschaft erreicht zu haben. Immerhin gelang so Alice Hesters „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ ebenso wie Tupoka Ogettes „exit RACISM. rassismuskritisch denken lernen“ der Sprung auf die Bestsellerlisten.

Publikumsverlage entdecken afroamerikanische Autor*innen wie Toni Morrison, Timothy Baldwin und Audre Lorde neu und geben auch Autor*innen wie Olivia Wenzel mit „1000 Serpentinen Angst“ ein verlegerisches Zuhause. Das ist wichtig und gut, denn „rassismus bleibt / bleiches Gesicht einer Krankheit / die uns heimlich und öffentlich auffrisst“ (Ayim 1995, 57). Doch trotz all dieser Erfolge erscheinen die meisten Neuerscheinungen Schwarzer Autor*innen noch immer in den kleinen Verlagen wie Orlanda oder Unrast.

Schwarze Deutsche gehören zu Deutschland. Dieser Satz ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, was sich auch daran zeigt, dass sich ihre Literatur gezwungenermaßen meist mit den Themen Rassismus, Identitätsfragen und Diskriminierungserfahrungen auseinandersetzten muss, einfach deshalb, weil der Literaturmarkt es zum einen fordert das ‚Andere‘ zum Thema zu machen, zum anderen, da es einfach die eigenen Erfahrungen sind, die von den Autor*innen aufgegriffen werden.

Bei aller artikulierten Wut, Frustration und Trauer entwerfen die Autor*innen dabei aber auch gesellschaftliche Utopien, wie eine gerechtere Gesellschaft möglich ist. So wie May Ayim in ihrem Gedicht community:

„[…]
es gibt sie hier und da und
überall auf dem land und in den städten
in baracken und in villen
frauen männer du die kinder
die laut singen
und frei lachen
feiern kämpfen sprechen schweigen
leben sterben hoffen leiden
viele schwarz und manche weiß
menschen
für den frieden in der welt“
(Ayim 2013, 105)

Ja, für die weiße Mehrheitsgesellschaft ist es nicht immer angenehm, sich mit diesen Texten auseinanderzusetzen. Es fällt nicht leicht zuzugeben, dass man selbst, vielleicht auch nur unbewusst, rassistische Klischees reproduziert. Aber die daraus erlebten Diskriminierungen und Verletzungen sind real.

Und „eine Sprache, [und Gesellschaft; D. K.] die es geschafft hat, sich von ‚Fräulein‘ zu verabschieden und ein Wort wie ‚Safari‘ willkommen zu heißen, ist stark genug, um weitere Upgrades zu verkraften. Oder zumindest, um einen souveränen Aushandlungsprozess zuzulassen“ (Otoo 2020). Wir als weiße Mehrheitsgesellschaft haben es in der Hand, ob wir weiterhin verletzen, oder dies ändern wollen. Hören wir dafür einfach diesen starken Texten zu. Es lohnt sich. Nicht nur literarisch.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Lebendigen Seelsorge 72 (2021), Heft 1, S. 38 – 42. Wir danken der Redaktion für die freundliche Genehmigung zum „Nachdruck“.


Literatur & Mehr:

Die Literaturhinweise können nur schlaglichtweise die Vielfalt der Literatur Schwarzer Autor*innen abbilden und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. So fehlen hier die Werke geflüchteter Autor*innen sowie Autor*innen, die sich der afrikanischen Diaspora zurechnen. Die Auflistung konzentriert sich somit auf Autor*innen, die sich zumeist in ihrem Selbstverständnis als Schwarze Deutsche identifizieren.

Prosa / Lyrik / Autobiographisches (Auswahl)

  • May Ayim: blues in schwarz-weiß, Berlin 1995
  • May Ayim: Weitergehen. Gedichte, Berlin 2013
  • Denise Bergold-Caldwell (Hg.): Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland, Münster 2016
  • Michael Götting: Contrapunctus, Münster 2015
  • Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern, Berlin 2016
  • Ika Hügel-Marschall: Daheim unterwegs. Ein deutsches Leben, Münster 2020
  • Philipp Khabo (Hg.): Afroshop, Berlin 2014
  • Theodor Michael: Deutsch sein und Schwarz dazu, München 2013
  • Katharina Oguntoye u. a. (Hg.): Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 1986
  • Sharon Dodua Otoo: Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity. Zwei Novellen, Frankfurt a. M. 2017
  • Jackie Thomae: Brüder, Berlin 2019
  • Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst, Frankfurt a. M. 2020
  • Abini Zöllner: Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder, Hamburg 2003

Politische Essays (Auswahl)

Weitere Artikel, Sekundärliteratur und nützliche Links

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