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Hope-Storytelling in Zeiten von Corona

Welche Rollen nehmen Pastor*innen während der Corona-Pandemie in der digitalen Kirche ein? Und wie können sie die Glaubensgemeinschaft fördern?

Die Maßnahmen gegen das Coronavirus betrafen in Deutschland schon früh auch das kirchliche Leben. Die Reaktionen der einzelnen Kirchengemeinden in ganz Deutschland lassen sich unserem ersten Eindruck nach unter den Stichworten Trost und Hoffnung subsummieren: große Banner mit Bibelversen hängen an Kirchen, Predigten werden über digitale Medien geteilt u.v.m. Dabei ist aus unserer Sicht zu beobachten, dass insbesondere einzelne Pfarrpersonen hervortreten. So entsteht das Bild einer Kirche, die Amtspersonen, also Geistliche als Stellvertreter*innen im Glauben öffentlich präsentiert – jedenfalls medial.

Ilona Nord (links) und Swantje Luthe forschen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zu mediatisierter Religiosität

Für viele Pastor*innen, die zum ersten Mal einen YouTube-Gottesdienst feiern, scheint es am einfachsten zu sein, mit der Kamera den Blick der Gemeinde nachzuahmen. Andachten oder Gottesdienste werden so gefilmt, als ob die Reihen mit Gemeindemitgliedern gefüllt wären. Der Gottesdienstraum, der für Besucher*innen geschlossen ist, wird virtuell geöffnet.

Die Pfarrpersonen sind zum Trotz im „heiligen“, zugleich für die Gemeinde derzeit verbotenen, Raum anwesend. Manche Pfarrpersonen scheinen geradezu im Widerstand gegen Corona zu sein – gegen das Virus, das die Kirche bedroht und sie an ihrem Gotteslob hindert. Spitzt man diese Wahrnehmung einmal zu, zeigen sich Stilblüten: Die einsame, heilige Rezitation der biblischen Texte ist in gewisser Weise ein Aufruf dazu, einer Gegenwelt, nämlich der Welt des Glaubens, Macht zu geben.

Weitere Stimmen zeigen einen mehr seelsorgerlichen Habitus, der Ängste vor einem Ausbreiten eines Massensterbens, gerade unter älteren und alten Menschen, nehmen möchte. Außerdem gibt es prominente Stimmen in Deutschland, die das strikte Versammlungsverbot in Kirchen aus seelsorgerlichen Gründen heraus kritisieren.

Kommunikation one-to-many

Mit Blick auf die Mediennutzung aber entsteht der Eindruck, dass viele Pfarrpersonen in eine Art von Nachrichtenmodus verfallen. Sie scheinen wenig auf Interaktion aus zu sein, sondern kommunizieren one-to-many. Dafür wird Autorität über das Amt generiert; es tritt eine nahezu priesterliche Identität hervor. Die Pfarrpersonen agieren sozusagen in Fortsetzung kirchenamtlicher Verlautbarungen wie z.B. der gemeinsamen Presseerklärung der katholischen Bischofskonferenz, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der orthodoxen Bischofskonferenz.

Nach evangelischem und insbesondere lutherischem Verständnis ist das Priestertum aller Gläubigen für die Verkündigung ein normgebendes Kriterium. „Das heißt, nicht ein besonderes Amt, sondern bereits der Glaube befähigt zum priesterlichen Zeugnis, jeder Christenmensch kann das Wort Gottes weitergeben und für andere beten.“ (Karle 2020, S.135, s.u.)

Pfarrer und Pfarrerinnen unterscheidet genau genommen nur eins in der Gemeinde, ihre Funktion, die sie für die Gemeinde übernommen haben: „Das Pfarramt ist die professionelle Konkretion des einen Predigtamtes und des einen Priestertums, das alle Christinnen und Christen miteinander teilen.“ (Karle 2020, S. 136) Es ist nach unserer Meinung gegenwärtig die wichtigste Funktion der Pfarrpersonen darauf zu achten, dass sie dieses Amt so gut wie möglich mit Christinnen und Christen teilen.

Mediatisierung und Kirche

Kirche online ist in Corona-Zeiten vor allem in Social Media-Formaten aktiv; diese umfassen sowohl institutionelle Kommunikationen als auch persönliche von einzelnen Christinnen und Christen. Für beide gilt allerdings, dass sie auf Reziprozität, auf Austausch angelegt sind. One-to-many Kommunikationen erreichen hier unseres Erachtens kaum Resonanzen, weil Menschen weder online noch offline nur Konsumentinnen von (digitalen) Angeboten sind. Sie sind gleichzeitig Produzentinnen und Mitkonstruierende (prosumer) ihrer Beziehungen zu sich selbst und zur Welt sowie deren Darstellungsweisen im Spiel vernetzter Diskursgemeinschaften.

Wenn Kirchen nun im Bereich von Social Media online gehen, sollten sie erkennbar Interaktionen fördern. Ein Weg hierzu ist, dass nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer, Bischöfe und Bischöfinnen im Rampenlicht stehen, sondern alle religiösen Berufe – Religionslehrkräfte wie Gemeindepädagog*innen und Kirchenmusiker*innen – gemeinsam mit Ehrenamtlichen jetzt innerhalb der Kirche sichtbar zusammenwirken, um Impulse zu einer lebendigen, aktiven und vielstimmig kommunizierenden Glaubensgemeinschaft zu geben.

Aus der Seelsorgelehre gewinnen wir die Einsicht, wie elementar wichtig es ist, Menschen dazu zu verhelfen, dass sie zu Subjekten ihrer Lebensgeschichte werden können (empowerment). Insbesondere in Krisenzeiten entsteht Hoffnung dort, wo Menschen aktiv zusammenwirken und Themen für sich und andere stark machen (agency).

An vielen Beispielen zeigt sich bereits, dass dies gottesdienstliche oder ganz alltägliche Beiträge sein können, die innerhalb oder außerhalb von Kirchengemeinden in kommunalen Netzwerken angesiedelt sind. Nicht selten geschieht dies dann so, dass religiöse Überzeugungen weitergegeben und reflektiert werden. Hier werden Menschen theologische prosumer.

#Ostersteine #Staerkeralsdertod #Hoffnunghamstern

Ein gutes Beispiel für das soeben Beschriebene ist die Aktion „Ostersteine“ aus der Evangelischen Kirche in Norddeutschland: Zwei Pastorinnen gaben den Impuls dazu, dass Menschen aus der Gemeinde während der Passionszeit auf Ostern hin Feldsteine mit Hoffnungsbildern oder -farben bemalen. Dann setzen sie die Steine in der Stadt bzw. ihrer Umgebung aus, sodass jemand anderes sie finden kann.

Die Finder*innen wiederum posten ihren Fund mit den Hashtags #ostersteine #staerkeralsdertod #hoffnunghamstern über Social Media, auf Facebook vor allem in die öffentliche Gruppe „Ostersteine“. Die Osterbotschaft wird offline und online in die gegenwärtige Krisenerfahrung hineingebracht. An diesem sozusagen hybriden Kommunikationsprojekt beteiligen sich inzwischen Menschen aus ganz Deutschland und geben ihre Funde unter den benannten Hashtags weiter.

Ostersteine, Fotos: Philine Pawlas (links), Janina Riebeling (rechts oben), Susann Kropf (rechts unten)

Hope-Storytelling inmitten der Krise

Kirche ist eine weltweit wirksame Institution, sie ist Organisation und sie ist auch gottesdienstliche Versammlung. Sie ist nicht zuletzt auch eine Bewegung, die sich in der Öffentlichkeit an kommunalen oder auch an regionalen, bundesweiten und globalen Aktivitäten beteiligt. Gerade weil Corona eine Pandemie ist, die alle Dimensionen gesellschaftlichen und politischen Handelns herausfordert, ist Kirche deshalb auch in allen vier Dimensionen in und für die verschiedenen Reichweiten von Öffentlichkeiten wichtig.

In Social Media können diese verschiedenen Reichweiten in den Kommunikationen ohne hohen Aufwand abgebildet werden. Dies gilt zum Beispiel auch für die Aktion „Ostersteine“. Sie schafft Resonanz und sie schafft Reziprozität – und zwar nicht nur mit einfachen Likes. Die empirische Forschung könnte, z.B. mit Hilfe von Vignetten (vgl. St. Stiehler/J. Werner), individuellen Coping-Strategien nachgehen, die sich hier verwirklichen.

Heidi Campbell hat in „Digital Religion“ aufschlussreich herausgearbeitet, wie sich Religion online anhand der Kategorien Autorität, Authentizität, Identität, Gemeinschaft und Ritual beschreiben lässt. #Hoffnunghamstern zeigt dies exemplarisch: Es ist die theologische Kompetenz zweier Pastorinnen, die dazu führt, den Impuls zu den Hoffnungssteinen zu setzen. Sie geben dem Wort von der Auferstehung hohe Autorität. Alle jene, die sich beteiligen, eignen sich diese Hoffnung persönlich an (Identität), adaptieren und redefinieren die christliche Botschaft, indem sie ihren eigenen Ausdruck für diese finden (Authentizität).

Sie behalten den Stein nicht für sich, sondern setzen ihn aus. Sie teilen ihre Hoffnung analog und digital mit. Social Media visualisiert diesen Prozess, der Menschen in einer Gemeinschaft verbindet (Community), und zwar nicht nur online oder offline. Die Frage, ob eine Kommunikation online oder offline verläuft, ist hier nicht mehr wichtig, weil Empowerment und Enablement (Domsgen) beide Lebensrealitäten durchdringen.


Dieser Artikel ist zuerst in englischer Sprache im Sammelband „The Distanced Church: Reflections on Doing Church Online” (Heidi Campbell Hrsg.) erschienen, der in einer kostenfreien digitalen Version zur Verfügung steht. Das Buch versammelt Beiträge zur digitalen Kirche während der Corona-Pandemie aus zahlreichen Ländern und Kirchen.


Zum Weiterlesen:

Heidi Campbell (Ed.) (2013): Digital Religion. Understanding Religious Practice in New Media Worlds, Routledge, New York

Michael Domsgen (2019), Religionspädagogik, LETh 8, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig

Isolde Karle (2020), Praktische Theologie, LETh 7, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig

Swantje Luthe (2016), Trauerarbeit online – Facebook als Generator für Erinnerungen, in:

Ilona Nord/Thomas Klie (Ed.): Tod und Trauer im Netz. Mediale Kommunikationen in der Bestattungskultur, W. Kohlhammer, Stuttgart.

Sabrina Müller (2020), Resonanzräume für eine gelebte Theologie des allgemeinen Priestertums. Zur Theologieproduktivität im gemeindlichen Kontext, Praktische Theologie. Zeitschrift für Praxis in Kirche, Gesellschaft und Kultur, 55(1): 11-16.

Nord/Palkowitsch-Kühl (2020), Art. Soziale Medien, in: WiReLex. Online: https://doi.org/10.23768/wirelex.Soziale_Medien.200288

St. Stiehler/J. Werner (2008): „Dresdner Bewältigungsvignetten“ zur Erfassung der Hilfesuch- und Bewältigungsstrategien von Kindern, in: F. Nestmann/J. Günther/St. Stiehler/K. Wehner/ J. Werner, Kindernetzwerke, dgvt, Tübingen.

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