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Bild: Montage aus Paulinum Leipzig (Alexander Goldhammer, Unsplash) und Something funny (Gemma Chua-Tran, Unsplash)

Initiative #theoversity: Für mehr Vielfalt in der Theologie

Theologiestudierende in Leipzig gründen die Initiative #theoversity für mehr Diversität in der Lehre an ihrer Fakultät. Dadurch wollen sie vor allem ihre Dozierenden sensibilisieren.

Bewegungen wie #MeToo und „Black Lives Matter“ erhöhten in den letzten Jahren den Druck, Themen wie Diversität und Feminismus in allen gesellschaftlichen Bereichen zu reflektieren. Besonders Kirche und Theologie gelten vielen Menschen dabei als Gegenpole zur Diversität.

An der theologischen Fakultät Leipzig gründeten Studierende daher die Initiative #theoversity (@theoversity). Sie will ein Bewusstsein für Diversität und postkoloniale, rassistische und sexistische Strukturen in der Theologie schaffen. Anna Berting ist Theologiestudentin in Leipzig und von Anfang an Teil von #theoversity. „Die Ereignisse um George Floyd waren für uns ein call for action“, erzählt sie.

Seit der Gründung im ersten Lockdown ist ein fester Kern aus 20 bis 25 Mitgliedern entstanden, die Vorträge organisieren, Diskussionsrunden initiieren, das Gespräch mit Dozent*innen suchen und Literaturlisten überarbeiten. Dabei baut die Initiative auf drei Standbeinen: Bildungsarbeit, Vernetzung und Aufmerksamkeit innerhalb der Fakultät.

Vielfalt in den Uni-Seminaren repräsentieren

Im Dezember stellten die Studierenden eine Stellungnahme im Fakultätsrat vor. Die Forderungen an ihre Fakultät betreffen besonders die Sensibilisierung und das Aufdecken von systemischer Diskriminierung. Berting erklärt: „Das Christentum wächst nicht mehr in Europa. Die großen Strömungen in Afrika, Asien und Südamerika sind befreiungstheologisch oder pfingstlerische Strömungen. Darüber lernen wir in unserem Studium hier fast gar nichts beziehungsweise nur am Rande.“

Die weltweite Ökumene und ihre globalen theologischen Perspektiven seien aber für die theologische Praxis in den späteren Berufen der jungen Theolog*innen wichtig: „Uns interessiert: Was ist Christentum anderswo, was ist der Unterschied zu unserem Kontext, was müssen wir differenzieren und wo können wir noch lernen?“. #theoversity habe zum Ziel, dass sich die Diversität des Christentums in ihren Seminaren widerspiegelt. „Wir wollen, dass das ein Bestandteil der Seminare wird. Ich habe Seminarlisten gesehen ohne eine einzige Frau. Das ist keine Ausnahme, sondern der Standard“, kritisiert Berting.

Stolz ist die Initiative besonders auf die Themenreihe Global Perspective, in der sie Theolog*innen verschiedener Perspektiven aus aller Welt einlädt in Leipzig Vorträge zu halten. Im Anschluss bietet #theoversity einen Raum zur Diskussion. Auch ein Lesekreis ist geplant.

Gender und postcolonial studies: Dozierende lernen dazu

Innerhalb der Theologischen Fakultät sei ihnen viel Interesse entgegengebracht worden. Laut Berting war Alexander Deeg einer der ersten Dozierenden, der nach der Stellungnahme im Fakultätsrat aktiv das Gespräch suchte. Deeg ist Professor für Praktische Theologie und betont, dass sich die Kirchen und Theolog*innen trotz vermeintlicher Unmoderne in den letzten Jahren weiterentwickelt hätten. Besonders in Bezug auf Homosexualität, Machmissbrauch, Kolonialismus, Rassismus und der Entwicklung von Queer Theories. Das Lesen und Verstehen der Bibel sei zeitgebunden. „Auch unsere kritische Betrachtung ist zeitgebunden und wird von nachfolgenden Generationen kritisch hinterfragt werden“. So könnten kirchliche und gesellschaftliche Machtstrukturen in der Vergangenheit Vielfalt leider auch im Weg gestanden haben. Für Deeg passen Theologie und Diversität aber unbedingt zusammen: „Die Welt war von Anfang an vielfältig und divers“.

Marco Frenschkowski ist in Leipzig Professor für Neues Testament und Religionsgeschichte der Hellenistisch-Römischen Welt und hat im Gegensatz zu Deeg noch nicht mit der Initiative zusammengearbeitet. Er betont: „Auch theologische Menschen lernen dazu. Ich habe vieles erst nach meinem Studium gelernt, etwa die Bedeutung der feministischen Theologie“. Die Kirche und Theologie haben eine eigene Tradition zum Nachdenken über diese Themen, erklärt er.

Das bedeute allerdings nicht, dass die Kirche gesellschaftliche Debatten verweigere. Sie spreche nur nicht jedem Trend nach, sondern bemühe sich diesen anhand eigener Gesichtspunkte zu benennen: „Das Christentum hat den Umgang mit Vielfalt erst lernen müssen: aber in diesem Prozess sind wir nun mittendrin“. Frenschkowski hebt hervor, dass es keine seriöse Theologie mehr ohne Gender Studies gäbe. Auch Diversität sei präsent, allerdings meint Frenschkowski: „Postcolonial Studies kommen in Deutschland in der Theologie gerade erst allmählich an“.

Alexander Deeg hat bereits Angebote der Initiative in Anspruch genommen: „Es war sehr hilfreich, gemeinsam einen Blick auf den Seminar- und Lektüreplan zu werfen und konkret Ideen für Veränderungen zu sammeln“, erzählt er. „Wir haben gefragt, welche Stimmen von Frauen und welche Stimmen aus anderen Teilen der Welt bisher nicht vorkamen und entsprechend Literatur ergänzt“. Für die nächsten Semester überlegt er bereits, welche Gastdozent*innen aus aller Welt die Seminare bereichern könnten.


Dieser Artikel erschien zuerst in Leipzigs unabhängiger Hochschulzeitung luhze.

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