Zum Tode von Jürgen Habermas

Habermas im Hintergrund

Was bleibt vom Philosophen Jürgen Habermas, der am Wochenende im Alter von 96 Jahren verstorben ist? Eine persönliche Lektüre-Erkundung, nicht nur für theologisch Interessierte:

Ich kann über Habermas nichts Schlaues sagen, das nicht irgendjemand schon geschrieben hat. In den Tagen nach seinem Tod am 14. März haben das seine Schüler, Kollegen und prominente Zeitgenossen übernommen. Ich kenne mich mit Habermas zu wenig aus, um als Experte gelten zu können. In der Theologie läuft einem Habermas über den Weg. Man liest auch hier und da mal was, aber er war nie mein „Fokusphilosoph“.

Dazu war Habermas bereits – wenn man das so sagen darf – zu bekannt, zu wichtig, zu Mainstream. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezog sich in seiner „Weltethos“-Rede 2019 auf das damals ganz frische Alterswerk des „staatstragenden“ Philosophen, sein 2000-Seiten langes „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Ich aber lese mit Vorliebe die komischen Leute, die in der zweiten Reihe stehen oder schon vergessen wurden: Feyerabend und Rorty, Foot und Diamond und so weiter. Habermas tanzt da aus der Reihe, erhaben.

Habermas ist der Philosoph, den man halt kennt. Auch ohne drin zu sein in der akademischen Bildung. Neben ihm steht vielleicht noch Luhmann im deutschsprachigen Raum, das war es aber auch schon. Habermas war immer da. Irgendwo habe ich einen Comic gesehen, der darauf hinausläuft, dass sich jetzt alle auf Habermas beziehen – auf seine Person, seine politischen Interventionen vor allem – ohne seine Bücher je gelesen zu haben. Vielleicht ist da nicht nur was dran, sondern ist es sogar das, was ihn auszeichnet? Ist es bei Kant oder Platon nicht ebenso? Habermas kurz nach seinem Tod in eine solche Reihe zu stellen, mag manchen voreilig erscheinen. Aber warum nicht?

Habermas im Lesekreis

Mir ist Habermas in seinen Texten das erste Mal im Studium begegnet, im Jahr 2009 in einem Lesekreis an der Augustana. Eine Veranstaltung, die an anderen Unis deutlich großspuriger Oberseminar genannt worden wäre. Aber die Augustana in Neuendettelsau ist etwas bescheidener, eben Kreisliga und nicht Champions League. Interessierte Studierende durften teilnehmen, auch ohne Schleiermacher oder Karl Barth auswendig zu können.

Jedenfalls wurde dort bei Markus Buntfuß Habermas gelesen: Dessen Rede „Glauben und Wissen“ zum Erhalt des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 über religiöse Argumente und die Risiken einer „Säkularisierung in der postsäkularen Gesellschaft“, die unter dem noch ganz frischen Eindruck des 11. September gehalten wurde. Habermas hat, soviel kann man hier sagen, mit der Rede eine gewisse Modifikation seiner Diskursethik vorgenommen.

Ursprünglich ging er davon aus, so könnte man etwas salopp formulieren, dass Geltung oder Beachtung im öffentlichen Austausch der Argumente, um zu einer ethischen Position zu kommen, nur diejenigen Vorstellungen haben können, die von allen vernünftigen Personen verstanden und geteilt werden können. Religiöse Überzeugungen waren davon ausgenommen, da diese ja nur von der Gemeinschaft der Glaubenden geteilt werden. In der Friedenspreisrede wiederum entfaltet Habermas, zunächst skizzenhaft, dass religiöse Sprache und Vorstellungen mehr bereithalten, als sich in säkulare Sprache übersetzen lässt. Es geht also etwas verloren, wollte man religiöse Argumente aus dem öffentlichen vernünftigen Diskurs ausschließen.

Diesem Gedankengang geht Habermas in weiteren Texten nach, die wir auszugsweise im Lesekreis gelesen haben. Sie sind im Sammelband „Zwischen Naturalismus und Religion“ zu finden. Den Abschluss des Lesekreis bildete ein sehr guter, einordnender Aufsatz von Martin Laube, der heute Professor für Systematische Theologie in Göttingen ist.

Immer wieder Habermas

Was an Habermas sonst dran ist, wusste ich 2009 nicht. Bei meinen Eltern standen keine Suhrkamp-Bücher im Regal. Dass ich während meiner Kollegstufenzeit Störigs „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ gelesen habe, war schon genug für mich. Aber dass Habermas wichtig war, das war mir damals klar. Irgendwann in Zürich habe ich dann Ausschnitte aus seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ gelesen. Ein Oberseminar von Johannes Fischer hatte Hans Joas zum Thema und irgendwie kam man drauf. Die Grundidee war und ist spannend, aber zitieren könnte ich aus Habermas‘ Hauptwerk (jetzt) wenig.

Dann in einem Praktikum bei Stephan Schleissing lasen wir einen Text von Trutz Rendtorff, der die Debatte zwischen Luhman und Habermas theologisch einordnete („Gesellschaft ohne Religion? – Theologische Aspekte einer sozialtheoretischen Kontroverse (Luhmann-Habermas)“). Das war ein wilder Text, der von Eilert Herms dafür gescholten wurde, dass er zu komplex sei.

Aber auch hier: Ich hatte das vage Gefühl, dass Habermas zur Beschreibung der gegenwärtigen Gesellschaft immer noch Ideen bereithält; dass er, vielleicht auch kommend aus einer anderen Zeit, etwas entwickelt, dass zur Analyse immer noch dient. Etwas später hatte ich eine Gremliza-Phase und habe alte konkret-Texte gelesen und bin dort, über die Umwege der Walser-Bubis-Debatte, auf den Historikerstreit gestoßen. Auch hier: Habermas, der damals Recht hatte und immer noch Recht hat.

Habermas als Allgemeinwissen

Ich vermute, dass es vielen mehr oder weniger Gebildeten so geht wie mir. Man stolpert immer wieder über Habermas. Liest ein bisschen was – oder auch nur eine Zusammenfassung. Selbst im ersten theologischen Examen war er schon mal, mehr oder weniger, Thema in der Ethik-Klausur. Deshalb behandle ich ihn auch im Integrationsseminar, formerly known as „Repetetorium“.

Menschen, die mehr in der theologischen Lehre und Forschung zu tun haben als ich, also bestallte akademische Prüfer:innen, gehen davon aus, dass man sich in der Ideenwelt von Habermas orientieren kann. Mindestens mal das stellt ihn in eine Reihe mit Platon und Kant. Kants kategorischer Imperativ und Platons Höhlengleichnis gehören zum Allgemeinwissen für die gebildete:n Bürger:in. Mittlerweile gilt das auch für die Idee des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ und für Habermas‘ Argumentation dafür und warum religiöse Vorstellungen im öffentlichen Diskurs eine Bedeutung haben.

Wenige haben die ursprünglichen Texte gelesen und immer weniger Leser:innen werden die Kontexte und Konflikte, in denen sie entstanden sind, selbst erlebt haben. Trotzdem handelt es sich bei ihnen um zwei der Habermasschen Beiträge, die Geltung beanspruchen, gerade auch, wenn man ihnen widerspricht; die in Diskussionen als bekannt vorausgesetzt werden, nicht selten als implizites Wissen. Und die gelegentlich auch strategisch genutzt werden, um ausufernde oder (vermeintlich) in die Irre führende Debatten zu beenden.

Mit Habermas ist ein Eckpfeiler der deutschsprachigen Geisteswissenschaft gestorben. Er wird seine Ideen nicht mehr weiterentwickeln können. Seine Texte bleiben und stehen auch einer neuen Generation von Leser:innen zur Verfügung. Aber von ihm bleibt mehr: Seine Ideen sind aus seinen Texten ausgewandert und leben im Diskurs.

Literatur:


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