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Kälte und Wut – Die #LaTdH vom 4. März

Mit dem Diakoniepräsidenten schauen wir dahin wo es weh tut: Wie ergeht es wirtschaftlich Schwachen in unserem Land? Außerdem: Kinderschwere Fragen, Blicke an den rechten Rand und ein harter guter Satz.

Eine Woche voller kontroverser Kirchenmeldungen, auch in der Eule. Doch in der Debatte wenden wir uns dem oft vergessenen Rand der Gesellschaft zu. Die Diskussion um die Essener Tafel (Zum Fall selbst Olivia Kortas bei ZEITonline.) hat das Schicksal von armen und wirtschaftlich schwachen Menschen hierzulande in Erinnerung gerufen. Zeit, hinzuschauen.

Debatte

Unerhört! Dieses Gedicht! – Ulrich Lilie (Ulrich Lilie bloggt)

Der Präsident der Diakonie führt ein eigenes Blog, in dem er diese Woche von einem Rundgang durch Marzahn-Hellersdorf (Berlin) mit der Abgeordneten Petra Pau (DIE LINKE) berichtet. Der Bezirk war vor wenigen Tagen noch in der Presse, weil um das Gomringer-Gedicht an der Fassade der dortigen Alice-Salomon-Hochschule ein teils erbitterter Streit entbrannt war. Nur am Rande ging es um das schwierige Umfeld, in dem Hochschule, Politiker_innen und Sozialarbeiter_innen ihr Möglichstes versuchen. Ulrich Lilies Text ist selbst ein wichtiger Einblick in diese „Parallelgesellschaft“:

Ein Bekenntnis zur Kunst kann sehr wichtig sein, auch in sozialen Brennpunkten, das ist mir klar. Trotzdem: Zwei Stunden in Marzahn-Hellersdorf reichen, um sich dafür zu schämen, welche unerhörten Debatten wir in unserem Land führen und welche eben nicht.

Dem Berliner Tagesspiegel gab Lilie zu Protokoll:

Aber die Tafeln sind keine Antwort auf das strukturelle Armutsproblem. Das muss jetzt dringend von der Politik gelöst werden – das kann man nicht den Tafeln überlassen. Wir müssen darüber reden, wie wir die Hartz-IV-Sätze erhöhen und wie in diesem reichen Land mehr Geld zur Bekämpfung der Armut eingesetzt werden kann. Dass muss für die neue Bundesregierung unbedingt eine vorrangige Aufgabe sein.

Tafeln in Not – Harald Stollmeier (Der Eisvogel)

Die von Fake-News und wechselseitigen Vorwürfen geprägte Debatte um die Tafeln in Deutschland schadet diesen Linderungsstationen des sozialen Elends. Darauf macht Harald Stollmeier aufmerksam und sagt: „Ich bleibe bei der Tafel.“ Tafeln sind kein Allheilmittel, Stollmeier meint, sie sind Linderung und überhaupt nicht in der Lage zu heilen, was anderswo verbockt wurde. Wie kann es sein, dass in einem so reichen Land wie Deutschland hunderttausende Menschen auf diese Linderung angewiesen sind?

Gleichwohl ist diese Krise Anlass zu fragen, was Tafeln eigentlich erreichen können. Nachhaltig helfen können die Tafeln offenbar nur einer Minderheit ihrer Kunden. Es ist aber ungerecht, deswegen (man liest das in diesen Tagen oft) den Tafeln mangelnde Nachhaltigkeit vorzuwerfen. Die Tafeln sind ja überhaupt nur entstanden, weil schon vorher die Nachhaltigkeit gefehlt hat. Wer ausgerechnet den Tafeln vorwirft, dass sie Armut und Ausgrenzung nicht heilen können, der würde auch die Feuerwehrleute für den Ausbruch des Feuers verantwortlich machen.

Fake über Merkel erfolgreichster Artikel – Patrick Gensing (tagesschau faktenfinder)

Welche Rolle verdrehte Fakten, Auslassungen und Lügen spielen können, wenn sie von einem unbedarften, unaufgeklärten (und in manchen Fällen: dummen) Publikum aufgenommen werden, davon haben wir in der Eule in anderem Zusammenhang diese Woche wieder einmal berichtet. Im Falle der Essener Tafel bestimmte die Lüge, die geschäftsführende Bundeskanzlerin hätte sich für Bevorzugung von Asylbewerbern bei Tafeln ausgesprochen, für einige Zeit die Debatte. Patrick Gensing (@PatrickGensing) hat für den faktenfinder aufgeschrieben, wie es dazu kam.

Randständiges

BDKJ fordert Katholikentag ohne AfD – Lisi Maier (bdkj.de)

Klares Statement vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (@bdkj) zur Einladung des AfD-Politikers Volker Münz zum kommenden Katholikentag (wir berichteten in den #LaTdH vom 18. Februar). Die Bundesvorsitzende Lisi Maier:

„Im Rahmen der Diskussionsrunden des Katholikentags sollen auf Basis eines christlichen Wertefundaments konstruktive Lösungen für gesellschaftliche Probleme gefunden werden. Wir sehen jedoch nicht, wie das mit diesem Vertreter des rechts-außen Flügels der Partei möglich sein soll. Im Vorfeld des Katholikentags in Leipzig 2016 hatte die Katholikentagsleitung klar Stellung bezogen und die AfD nicht eingeladen. Die AfD hat sich in den vergangenen zwei Jahren […] klar radikalisiert. Dass man sie nach dieser Radikalisierung einlädt, ist für uns nicht nachvollziehbar und ein fatales Signal. Der Katholikentag darf keine Bühne für Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten sein. Wir fordern, dass das Podium mit den religionspolitischen Sprecherinnen und Sprechern ohne Beteiligung der AfD diskutiert.“

Die ungestörten Handwerker – Konrad Litschko (taz)

Ein wichtiges Erinnerungsstück von Konrad Litschko (@konradlitschko) in der taz: Für alle, die auf dem Land leben und arbeiten, und besonders für diejenigen, die aus den Städten nur verstohlene Blicke in die Provinz wagen.

Der Fall zeigt, wie sehr die Ministerien und der Verfassungsschutz beim neurechten Milieu lavieren. Denn die Identitäre Bewegung wird inzwischen sehr wohl vom Verfassungsschutz beobachtet. „Ein Prozent“, Pegida oder die AfD indes nicht. Dabei grenzen sich die Gruppen untereinander längst nicht mehr ab, sehen sich vielmehr als Teil eines gemeinsamen rechten Mosaiks.

Holocaust – Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen – Volker Steinhoff (Panorama)

Handelt es sich beim Artikel von Konrad Litschko um eine Form der Vorwärtserinnerung („Nicht, dass jemand sagt, er hätte es nicht wissen können!“), geht es in der beeindruckenden Aufzeichnung von Volker Steinhoff um die schwierige Erinnerung an das Morden in den Konzentrationslagern. Auch um diese Erinnerung ist der Kampf neu ausgebrochen. Auch hier braucht es das bürgerschaftliche Engagement der vielen Menschen, die lebendige Zivilgesellschaft ausmachen.

Wladimir Ostapenko, ein Überlebender des KZ Neuengamme erinnnert sich: „Jede Wolke aus dem Krematorium ein Menschenleben. Rund um die Uhr kam der Rauch da raus, 24 Stunden. Natürlich hat die Bevölkerung von Neuengamme das gesehen. Es kam ja immer ein Bauer, der die Asche aus dem Krematorium abholte, als Dünger.“

Poggenburg erhält Vorsitz in Linksextremismus-Enquetekommission

Letzten Sommer stimmten viele CDU-Abgeordnete mit der AfD für die Einrichtung einer Enquetekommission zum Linksextremismus in Sachsen-Anhalt. Als Anlass musste eine leicht gestiegene Zahl politisch motivierter Straftaten von Links herhalten. Fast 70 % der als politisch motiviert eingestuften Straftaten in Sachsen-Anhalt werden von Rechtsextremisten verübt. (Die Zahlen des Landesinnenministeriums.) Diese Woche wurde bekannt, dass ausgerechnet Andrè Poggenburg, der Landesvorsitzende der AfD und Kubitschek- (s.o. Litschko) und Höcke-Jünger, den Vorsitz dieser Kommission übernehmen soll.

„Die Mehrheit der Menschen erreichen wir nicht mehr“ – Marie Lisa Kehler im Gespräch mit Johannes zu Eltz (FAZ)

Ein Gespräch mit dem Frankfurter Stadtdekan (vom Main) über die Diskussion rund um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in der röm.-kath. Kirche. Dazu sagt Eltz auf die Frage, ob er eine solche jetzt durchführen würde:

„Nein, sicher nicht. Weder öffentlich noch privat. Ich leite im Bezirk Frankfurt die Seelsorge im Auftrag des Bischofs. Mein Amt gibt so ein Vorpreschen nicht her, und meine Bemühung geht in eine andere Richtung. Ich möchte dazu beitragen, dass die ganze Kirche sich neu aufstellt. Das geht nur mit fair play. Deshalb haben wir angefangen, alle Steine umzudrehen. Auf das Risiko hin, dass Dinge, die bisher irgendwie gingen, in Zukunft nicht mehr gehen. Die Segnungen gehören nicht in eine schummrige Ecke. Sie müssen am hellen Tag gefeiert werden können. Wir sind Kinder des Lichtes, nicht der Finsternis. Deshalb müssen die Betroffenen mit denen, die so denken wie ich, viel Geduld haben. Aber die Geduld lohnt sich.“

Evangelischer Theologe: Abendmahl-Fortschritte sind „ein Murks“ (Chrismon, epd)

Der Wiener Systematische Theologe Ulrich Körtner bringt noch einmal eine evangelische Haltung zur kommenden Einladung von konfessionsverbindenen Ehepartnern zur röm.-kath. Eucharistie auf den Punkt:

„Nach wie vor wird es aber, soweit ich verstanden habe, den katholischen Ehepartner untersagt sein, am evangelischen Abendmahl teilzunehmen. In meinen Augen ist das alles ein Murks. Aber die EKD-Spitze ist ja auch nicht unbedingt an solider Theologie interessiert, sondern nur an guter Stimmung und ökumenischer Beziehungsarbeit.“

Autsch, da setzt es in guter Tradition mal wieder Kritik für die EKD-Spitze aus den professoralen Stuben: Dass die Neuregelungen das weitaus liberalere (oder eben laschere) Handeln vor Ort nachträglich legitimieren soll, damit hat Körtner wohl Recht. Und weil ich gerade einen Blick auf die Chrismon-Website werfe, hier noch ein Zitat aus der heimeligen human interest-Story über Margot Käßmann und ihre Tochter:

Was soll man denn morgens um sechs seine Mutter ­fragen?

Rahe: Die banalsten Dinge. Zum Beispiel, ob man den ­Joghurt noch essen kann, wenn der schon drei Tage abgelaufen ist.

Käßmann: Klar kannste den noch essen!

Fröhlichen Ruhestand, Frau Käßmann! Den haben Sie sich verdient.

Bibel

Vor 250 Jahren starb der Bibelkritiker Hermann Samuel Reimarus – Markus Springer (Sonntagsblatt)

Der Streit um die wörtliche Lesart der Bibel ist wahrlich nicht Geschichte, sondern in vielen Kirchen tagesaktuelle Debatte. Markus Springer erinnert im Sonntagsblatt an einen der ersten Aufklärer in Sachen der historisch-kritischen Bibelwissenschaft.

Doch Zweifler am rechten Glauben leben zu allen Zeiten gefährlich. Vor allem wenn sie wie Reimarus der Meinung sind, von den Kanzeln werde Zeug gepredigt, das der Vernunft himmelschreiend entgegensteht. Oder die ebenfalls sehr aktuelle Frage stellen (die nicht nur das Christentum betrifft): Wie verhält es sich mit der Göttlichkeit eines Texts, wenn der sich an vielen Stellen offenkundig widerspricht? Oder fragen, ob heilige Texte wirklich Buchstabe für Buchstabe »offenbart« sein können, wenn bei genauer Betrachtung offenbar wird, dass diese heiligen Texte selbst eine Überlieferungsgeschichte haben müssen.

Predigt

Wenn dein Kind dich morgen fragt … – Holger Pyka (Kirchengeschichten)

Holger Pykas (@PastorPy) slam-inspirierter Beitrag zum Eröffnungsabend der ZEIT-Konferenz „Die Zukunft der Religion“ nimmt einen alten Kirchentags-Slogan auf, um eine Ahnung davon zu vermitteln, was Kirche heute machen könnte. Und zu was wir missionieren sollten. Mit Witz und Herz gesprochen.

Und wenn Du den Herrn Jesus fragst, was er eigentlich mit diesem „christlichen Abendland“ zu tun hat, kannst du dann hören, wie es im Himmel leise kichert? Weißt du dann noch, dass es heißt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“, und nicht: „Bitte ERST die Leute aussteigen lassen!“? Und dass er gesagt hat: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird nimmermehr dürsten“, und nicht: „Draußen nur Kännnchen!“

Ein guter Satz

„Empathie ist 2018 fehl am Platz.“

– Ein harter Satz aus einem herausfordernden Text von Carolin Würfel in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Nicht Empathie, sondern Mitgefühl (das kein Mitleid ist) und Verstand werden dringend gebraucht.

Philipp Greifenstein

Philipp stammt aus Dresden, wohnt in Lutherstadt Eisleben und ist bei uns für die Artikelplanung zuständig. Außerdem schreibt er die Kolumne Unter Heiden. Philipp führt seinen eigenen Blog und ist als @rockToamna auf Twitter.

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