Foto: Hannes Rohrer (Stadttheater Ingolstadt)
Rezension Theologie im Theater

Ein Unglück namens Barth

Am Stadttheater Ingolstadt wurde die berühmteste Dreiecksgeschichte der jüngeren Theologiegeschichte inszeniert: Warum die Beziehung zwischen Karl und Nelly Barth und Charlotte von Kirschbaum heute fasziniert.

So etwas hat es seit dem Pop-Oratorium anlässlich des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 nicht mehr gegeben: Eine multimediale Inszenierung aus Theater, Musik und Bewegtbild einzig und allein für Kirchenfreaks! So scheint es jedenfalls zunächst.

Der Überraschungserfolg von „Zieht die gewaltige Stille mich immer – Ein Archiv für Charlotte von Kirschbaum und Nelly Barth“ am Stadttheater Ingolstadt in diesem Frühjahr deutet allerdings darauf hin, dass sich für die Dreiecksgeschichte der Theologie des 20. Jahrhunderts offenbar viele Menschen begeistern können, die mit Theologie und Kirche sonst wenig am Hut haben.

Wer sich vom etwas sperrigen Titel oder gar von theologischen Vorbehalten nicht vom Theaterbesuch abhalten ließ, durfte eine witzige und zugleich berührende, vor allem aber cringe-freie und öffentlichkeitstaugliche Inszenierung genießen (Regie: Mirja Biel). Grundlage der Produktion ist ein im Auftrag des Stadttheaters von der mehrfach ausgezeichneten Schriftstellerin Ivna Žic verfasster Text, der ausgerechnet – wer hätte es für möglich gehalten? – einen Teil der jüngeren Theologiegeschichte dramatisiert.

Erzählt wird die Geschichte der zwei Frauen, die jahrzehntelang gemeinsam mit dem Theologen Karl Barth unter einem Dach lebten: Nelly (Mara Widmann) verzichtet auf eigene musische und akademische Ambitionen, heiratet ihren Konfirmationspfarrer, zieht die fünf gemeinsamen Kinder groß, während er dem Ruf auf eine Professur in Göttingen folgend das Familienleben kurzer Hand nach Deutschland verlegt.

Im Laufe der teils linearen, teils fröhlich zwischen erzählter Zeit und Gegenwart springenden Handlung tritt dann Charlotte von Kirschbaum (Edda Wiersch) in das Leben der Barths. Von Kirschbaum, gebürtige Ingolstädterin, lernt Karl über einen gemeinsamen Bekannten kennen. Sie, die nach dem Tod des Vaters im 1. Weltkrieg den Lebensunterhalt ihrer Familie bestritt, wird von ihm als theologisches Talent gefördert.

Eine zaghaft angedeutete romantische Beziehung zwischen den beiden wird sehr bald von der gemeinsamen Arbeit überschattet: Von Kirschbaum arbeitet dem Großordinarius jahrzehntelang mit Korrekturen, Exzerpten, vorgeschriebenen Briefen und anderweitig zu. Charlotte zieht gar in den Haushalt der Familie Barth ein. Die beiden Frauen müssen sich miteinander arrangieren. Wie soll das funktionieren? Wie erklärt man es den Kindern?

Karl Barth als Ursache des Unglücks

Das sagenumwobene Dreieck in der Familie Barth erleben wir Zuschauer:innen völlig neu als ein Gespräch zwischen Charlotte und Nelly. Der Familienpatriarch und allegedly „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ Karl Barth hat keine Sprechrolle in diesem Stück. Er ist nur als riesiges, am Bühnenhintergrund fixiertes Porträt gegenwärtig. Das Bild erinnert an ein Altarretabel. Zu Wort kommt der Theologe nur durch den Mund der Frauen, die aus seinen vielen Briefen vorlesen.

Gewissermaßen an seiner Stelle beobachten wir die Archivarin (Paula Aschmann). Sie steht auch einem singenden wie gelegentlich tanzenden und mitspielenden Frauenchor vor, der die Szenen rahmt. Gesang und Musik sind großartig mit Stoff und Stimmung des Textes verzahnt. Mich wird noch lange begleiten, wie Nelly Barth den Brief ihres Mannes vorliest, in dem er ihr angesichts der schwierigen „Situation“ eine Scheidung geradezu aufdrängen will – und der Chor dabei den Kehrvers „Jesus, geh‘ voran auf der Lebensbahn“ immer schmerzhafter wiederholt.

„Zieht die gewaltige Stille mich immer“ ist eine ungewöhnlich kompromisslose Interpretation des Schicksals von Nelly und Charlotte. Karl erscheint im Wesentlichen als Ursache ihres Unglücks. Sie beide, die sich zunächst gegenseitig bekriegen, wachsen in ihrer gemeinsamen Verletzung, in ihrem gemeinsamen Schicksal, wegen Karl, aber auch wegen ihrer Verantwortung für die Sache der Bekennenden Kirche und für den Widerstand, in der Sorge, ihre Leben hinter ihren Möglichkeiten gelebt zu haben.

Das ist eine bewusst stark aktualisierende Perspektive, die nicht zwingend im Sinne der tatsächlichen historischen Persönlichkeiten Nelly und Charlotte sein muss, sondern vielmehr exemplarisch für die grundsätzliche Ungerechtigkeit steht, dass die Geschichte der Menschheit inklusive der Geschichten von Frauen hinter der Geschichte verschwindet, die über wenige große Männer geschrieben wird.

Konkret erscheint der von der Nachwelt romantisierte Heroe Karl Barth, von dessen Gelehrtenexistenz vor allem die „Kirchliche Dogmatik“ als sein Hauptwerk zeugt, als ein ziemliches Arschloch, das über seine Gefühle nicht sprechen kann, sondern höchstens in geschwollenen Worten in postalischen Entschuldigungen zu verteidigen sucht, worunter alle Beteiligten ihr Leben lang zu leiden haben. „Es reichen keine 9000 Seiten, um die Situation zu bändigen“, lässt Ivna Žic ihre Nelly Barth sagen.

Sie und Charlotte machen beide gleichermaßen eine Transformation zum girl boss durch. Während die verzweifelnde, wütende und letztlich versöhnliche Nelly dabei überzeugt, ist der Figur Charlotte trotz der tollen Spielleistung von Edda Wiersch die grundsätzliche Entfremdung von ihrem Leben als Barths Assistentin nur begrenzt abzunehmen.

Der Chor der Frauen klagt (Bild: Screenshot)

Eine moderne Situationship

Die Vorstellung, die ich am Pfingstmontag besuchen durfte, war die vorerst letzte dieses Projekts. Sie war zugleich auch eine der letzten Aufführungen im knapp 60 Jahre alten Theatergebäude im Herzen Ingolstadts, einem herrlich wuchtigen Betonbau. Nachdem notwendige Renovierungen immer wieder aufgeschoben wurden, kann sich die Stadt den Betrieb des Hauses nicht mehr leisten.

Pläne für ein neues Haus wurden auch durch das Engagement einer Bürger*inneninitiative verhindert. Dem Theater bleiben für die kommende Spielzeit ein reduzierter Etat und eine Reihe erheblicher kleinerer Spielstätten. Unter Sparzwängen steht die Stadt nicht zuletzt deshalb, weil das Ingolstädter Unternehmen Audi derzeit weitaus weniger Steuern zahlt als früher.

Ob das „Archiv für Charlotte von Kirschbaum und Nelly Barth“ nochmals auf den Spielplan rutscht oder es vom gleichen Schicksal wie so viele andere zeitgenössische (Auftrags-)Stücke eingeholt wird, die nach einem Durchgang bereits ihrerseits im Archiv landen, hängt vielleicht auch am Interesse der Zuschauer:innen, die sich für den Stoff womöglich weniger aus theologiegeschichtlichem Interesse, sondern aus Neugier gegenüber einer modernen Situationship begeistern. Dem Team hinter „Zieht die gewaltige Stille mich immer“ ist eine zeitnahe Wiederaufnahme des gelungenen Gesamtkunstwerks jedenfalls sehr zu wünschen.


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