
Durch das Dunkel hindurch
Der Katholikentag 2026 in Würzburg wird als Erfolg in die jüngere Geschichte der Kirche in Deutschland eingehen. Für die Zukunft von Kirchen- und Katholikentagen gibt es einige Fingerzeige.
Vom Residenzplatz Würzburgs leuchtet gleißendes Licht durch die benachbarten Straßen. Der helle Schein kommt vom Zentrum des Platzes her, auf dem während des 104. Katholikentages neben einer Bühne auch ein riesiger Pavillon mit Altar für die Gottesdienste errichtet wurde. Das Licht leuchtet in die Finsternis. Auch wenn nach Mitternacht kaum eine:r mehr da ist, um sich von ihm blenden oder den Weg weisen zu lassen.
Der Würzburger Katholikentag 2026 wird als Erfolg in die jüngere Geschichte der römisch-katholischen Kirche in Deutschland eingehen: Auf den Plätzen, Brücken und Straßen der Stadt wandelten laut Veranstalterangaben rund 70.000 Menschen auf katholischen Pfaden, besuchten Gottesdienste, die „Demokratiekirche“, Konzerte und Diskussionsveranstaltungen. So viel Zuspruch in Wort und Tat gab es für die katholische Kirche lange nicht.
Die „Kirchenmeile“ genannte Promenade am Main, voll mit Ständen von allen möglichen christlichen Vereinen, katholischen Gruppierungen und kirchlichen Arbeitsstellen und Unternehmen, stand in Würzburg ebenso wie der erste Abend mit seinen vielzähligen musikalischen Bühnenprogrammen auf den Plätzen der Stadt und die Gottesdienste allen interessierten Bürger:innen und Gästen offen. Eine einladende Kirche kann auf Resonanz und Beteiligung hoffen.
Ohne Moos nix los
Auch das selbstgesetzte Ziel, 30.000 der verschiedenen Tickets für den Katholikentag zu verkaufen, mit denen man auch die Podien, Workshops und Konzerte besuchen durfte, wurde in Würzburg übertroffen: 34.000 wurden schlussendlich verkauft. Ein Vorteil einer zumindest traditionell katholischen Gastgeberstadt: Neben eher mauen 23.000 Dauerkarten zahlen 11.000 Tagestickets auf dieses Konto ein (Erfurt 2024: 20.000 Dauerkarten, 3.000 Tagestickets). Möglicherweise hat auch das neue „Mutmach“-Ticket für 25 Euro für Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren einen positiven Effekt gezeitigt.
Nur noch ein Zehntel der Kosten dieser größten katholischen Veranstaltung Deutschlands, zu der das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aller zwei Jahre im Verbund mit einem gastgebenden (Erz-)Bistum einlädt, wird jedoch durch den Ticketverkauf gedeckt. Der Rest des 10 Millionen Euro Budgets wird aus verschiedenen Quellen gefüllt:
Da wären die Katholikentags-Kollekte, die in allen römisch-katholischen Messen und Gottesdiensten an einem Frühjahrssonntag gesammelt wurde, und der Beitrag des Bistums Würzburg, der neben der Arbeitszeit vieler Hauptamtlicher und dem Gastrecht in vielen Immobilien und Kirchen auch ca. 1 Million Euro umfasst. Gut 45 % des Budgets machen Förderungen von Stadt (ca. 500.000 Euro), Freistaat Bayern (3 Millionen Euro) und Bund (940.000 Euro) aus. Nur so war auch das Wachstum des Katholikentages im Vergleich zu Erfurt 2024 möglich: Rund 400 Veranstaltungen mehr als in der thüringischen Hauptstadt wurden angeboten, die Gesamtkosten stiegen um 3 Millionen Euro.
Wie es mit den staatlichen Zuwendungen für Katholiken- und Kirchentage in Zukunft weitergeht, ist angesichts des Schrumpfens der beiden großen Kirchen jedoch ungewiss. In der Würzburger Innenstadt findet sich zwar an jeder Straßenecke eine kirchliche Einrichtung oder mindestens einmal ein altes Kloster, aber nur noch 35 % der Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Kirche an. Der evangelische Kirchentag in Düsseldorf im kommenden Jahr wird allein vom Land Nordrhein-Westfalen mit 7 Millionen Euro unterstützt, aber gerade noch 20 % der rund 18 Millionen Einwohner:innen des buntesten deutschen Bundeslandes sind evangelische Kirchenmitglieder.
Derweil ist klar: Ohne Hilfe von der öffentlichen Hand geht es nicht, sollen die Christentreffen doch auch in die (Stadt-)Gesellschaft ausstrahlen und für Besucher:innen erschwinglich bleiben.
Ein Katholikentag der kleinen Räume und kurzen Wege
„Mehr von allem“ hatte zu Beginn des Katholikentag ZdK-Generalsekretär Marc Frings angekündigt. Optimistisch war Frings, dass Würzburg den Zuwachs an Veranstaltungen vertrage. Tatsächlich waren beim Katholikentag 2026 (endlich wieder) viele Gottesdienste und Diskussionsveranstaltungen „überfüllt“ – was im Jargon von Kirchen- und Katholikentagen bedeutet, dass die Sitzplatzkapazität ausgeschöpft wurde. Das ist beabsichtigt, denn (halb-)leere Plätze, Kirchen und Säle wollen die Veranstalter egal welcher Konfession dringend vermeiden.
Den Erwartungen mancher (zahlender) Besucher:innen läuft diese Managemententscheidung gleichwohl zuwider. Zum Podium mit ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp und dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Heiner Wilmer (Hildesheim, demnächst Münster), zum aktuellen Stand des Synodalen Weges wurden nur 250 Besucher:innen zugelassen. Viele Interessierte mussten am Eingang kehrtmachen. Vielleicht hatten die Veranstalter das bleibend hohe Interesse an innerkatholischen Reformfragen auch unterschätzt?
Wie auch schon in Erfurt und vor allem bei den evangelischen Kirchentagen der vergangenen Jahre ließ sich in Würzburg eine Veränderung in der Struktur der Veranstaltungen beobachten: Viele Besucher:innen wollen sich als aktive Teilnehmer:innen in kleineren Gesprächsrunden einbringen. Mit der „Demokratiekirche“, zahlreichen „Fishbowl“-Runden und Workshops bediente der Katholikentag diese Nachfrage. Zum Teil fanden sich auch prominente Politiker:innen, wie beispielsweise die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien (CDU), in solchen Konstellationen wieder.
Selbst der obligatorische Kanzlerauftritt wurde in Würzburg als „Gespräch mit jungen Menschen“ geframed. Auf dem Podium diskutierten die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, und Lisa Quarch, Geistliche Leiterin des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), mit Friedrich Merz (CDU). Der Kanzler hörte auch die Fragen weiterer junger Teilnehmer:innen und beantwortete sie teilweise zufriedenstellend. Für Politiker:innen sind solche Veranstaltungen im Vergleich zu sonstigen Redeveranstaltungen bei Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und auf Messen sicher gewöhnungsbedürftig. Andererseits verhindert ein solches Setting üblicherweise auch, dass man sich auf großer Bühne so richtig in die Nesseln setzt.

Die evangelische St. Johanniskirche beim Podium mit Elke Büdenbender, im Vordergrund Helfende mit „Ich helfe“-Halstuch (Foto: Philipp Greifenstein)
Die Zeit langatmiger Vortragsveranstaltungen und Podien mit nur wenigen Sprecher:innen, bei denen die Besucher:innen nur vermittels von „Anwält:innen des Publikums“ ihre zuvor schriftlich formulierten Fragen einbringen können, scheint langsam zu Ende zu gehen. Für Kirchen- und Katholikentage, die den Anspruch erheben, gesellschaftliche und politische Diskurse prägend zu führen, ist das ein wichtiger Fingerzeig für die Zukunft.
Auch der nächste Katholikentag wird übrigens wieder in einer eher kleinen Großstadt stattfinden: Nach Erfurt (220.000 Einwohner:innen) und Würzburg (130.000) geht es 2028 nach Paderborn (155.000): Groß genug für viele kleine Begegnungsorte und klein genug, damit sich die Gäste von anderswo nicht verlaufen.
Die mussten sich übrigens, ebenso wie der Tross von Mitarbeiter:innen und Ehrenamtlichen, insofern sie nicht in den immer selteneren Privatquartieren oder Schulen untergebracht waren, in Würzburg enorme Übernachtungspreise gefallen lassen. Manche Hotels verdoppelten ihre Zimmerpreise. Hohe Nachfrage bei begrenztem Angebot: Der Markt regelt. Mehr als 1.000 Euro für Übernachtungen ausgeben, um den gesamten Tag über ehrenamtlich im Einsatz zu sein, wie es gerade viele ältere Ehrenamtliche in den vergangenen Tagen wieder einmal machten, ist vermutlich ein mit den zähen katholischen Boomern aussterbendes Konzept von Urlaub. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer:innen jedoch könnten Katholiken- und Kirchentage die notwendige Logistik überhaupt nicht stemmen.
Ökumenischer Kirchentag: Ein neuer Anlauf?
Dass der Katholikentag allein nach Paderborn im Jahr 2030 in eine richtige Großstadt zurückkehrt, ist unwahrschinlich. Allzu große Hoffnungen auf einen Ökumenischen Kirchentag, zu dem der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT), das ZdK, evangelische Landeskirchen und römisch-katholische Bistümer einladen, sollte man sich ebenfalls nicht machen. Da kann man Ökumene für noch so zeitgemäß halten.
Der DEKT wird im nächsten Jahr in Düsseldorf zu Gast sein, wo man hofft, einen Kirchentag der kurzen Wege inmitten einer der größten Landeshauptstädte des Landes zu realisieren (620.000 Einwohner:innen). Dass die Messe der Stadt zentrumsnah gelegen ist, lässt darauf hoffen. Für das Jahr 2029 ist bereits die Millionenstadt Hamburg als Gastort festgelegt und für 2031 lädt mindestens einmal die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) den DEKT nach Frankfurt (Main) ein. Die Einladung wurde aber noch nicht angenommen.

Würzburger Dom mit großem „Hab Mut, steh auf!“-Banner (Foto: Philipp Greifenstein)
ZdK-Präsidentin Stetter-Karp bedauerte in Würzburg, dass dieser lange evangelische Vorlauf die gemeinsame Terminfindung für einen nächsten, dann 4. Ökumenischen Kirchentag behindere. Gleichwohl gibt es noch eine Reihe weiterer offener Fragen: Da wären zunächst die Mentalitäts- und Strukturunterschiede zwischen DEKT, der sich als unabhängig von der evangelischen Kirche positioniert, und ZdK, das (mindestens) finanziell am Tropf des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) hängt. Der Kirchentag ist eben keine Laienvertretung, sondern eine Bewegung.
Zwar schwindet evangelischerseits die Angst davor, mit einer neuerlichen Kooperation die wenig erbaulichen binnenkatholischen Reformfragen ans Bein gebunden zu bekommen, wozu sicher auch das inzwischen gewachsene evangelische Bewusstsein um die eigenen Missbrauchs- und Machtproblematiken beiträgt. Aber bei wichtigen Ökumene-Anliegen wie dem gemeinsamen Abendmahl gibt es kaum Aussicht auf Besserung. In Würzburg verweigerte der frischgebackene DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer sogar eine Dialogpredigt mit einer theologisch qualifizierten Laiin im Abschlussgottesdienst. Die evangelische Unlust, sich auf solche klerikale Ränkelspielchen einzulassen, ist mit Händen zu greifen.
Eine weitere offene Frage ist, mit wem denn alles eine der Situation im Lande angemessene Form der Ökumene noch gelebt werden müsste – auch und gerade bei einem Großevent. Zwischen 3 und 4 Millionen Orthodoxe gibt es inzwischen in Deutschland, vor allem wegen des Zuwachses durch ukrainische Flüchtlinge. Am institutionellen Rand der römisch-katholischen Kirchen wachsen die sog. muttersprachlichen Gemeinden. Auch wenn sich die beiden großen Kirchen vor allem rhetorisch und noch wenig praktisch als Kirchen in der Migrationsgesellschaft verstehen: Das Christentum in Deutschland wird unter den allgegenwärtigen Schrumpfungen auch vielfältiger.
Auf Katholiken- und Kirchentagen dokumentiert sich das jetzt schon in einer Vielzahl ökumenischer und interreligiöser Veranstaltungen, vor allem am „Ökumene-Samstag“, und auf dem „Markt der Möglichkeiten“ bzw. der „Kirchenmeile“, auf denen sich alle möglichen Vereine, Splitter- und Neigungsgruppen präsentieren können. Ein buntes Potpourri. Der 4. Ökumenische Kirchentag kann sicher nicht mehr allein eine römisch-katholisch/evangelische Kooperation sein.
Und so wird es wohl noch einige Jahre dabei bleiben, dass sich die Apparate von Kirchen- und Katholikentagen gegenseitig bei ihren je eigenen Events unterstützen. Vielen Akteur:innen aus Politik, Kirchen und der Zivilgesellschaft wird das ganz recht sein: So gibt es jedes Jahr einmal die Möglichkeit, bei Leuten zu Gast zu sein, die es sich zum Auftrag machen, in der Dunkelheit der Welt ein Licht anzuzünden. Eine vergleichbar große Bühne für Menschen guten Willens wie es die beiden christlichen Großevents sind, gibt es im Lande nicht noch einmal. Wo sonst kann man sich im Schweinwerferlicht als Mensch zeigen, der*die für eine bessere Welt aufsteht?
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