Der Sommer unsers Mißvergnügens
Klimakrise, „Leihmutterschaft“ und der lange Schatten der Aufarbeitung: Welche Themen bewegten im Sommer 2026 die Kirche(n)? Und welche Chancen haben sie verpasst?

Liebe Eule-Leser:innen,
first things first, am Dienstag dieser Woche ist die „engelsgleiche“ Liedermacherin und Menschenfreundin Dolly Parton gestorben. Zahlreiche Nachrufe auf die US-Country-Sängerin, Unternehmerin und Ikone sind auch in deutschsprachigen Medien erschienen. Bei den zeitzeichen habe ich meine Kolumne gestern einer bemerkenswerten Lücke in diesen Nachrufen gewidmet und schreibe über Partons „In the meantime“ als Summe christlicher Lebenskunst in unserer Zeit.
„We rant and we rave about the ‚good old days‘ and how different it was ‚back then‘
Well the greatest days we’ve ever known are the days we’re living in […]
We’re so consumed with the fear of dying; the joy of living is lost
In the meantime, in between time, let us make time to make amends …“
Im „Re:mind“-Newsletter von vergangener Woche / von Montag hatte ich für diese Ausgabe ein Update zu einigen der wichtigen Kirchendebatten des Sommers versprochen, also irgendwie ein „nachgefasst“, wie es langjährige Leser:innen noch aus den #LaTdH kennen, aber für den gesamten Sommer. Oh je!
Ein erster Befund: Soooo viele Nachrichten und Debatten gab es in der Kirchen- und Religionspolitik gar nicht. Die Abwesenheitsnotizen wurden konsequent eingerichtet und viele Akteur:innen nutzten den Juli und August ganz offenbar zum Durchschnaufen und Abhängen. Vielleicht sogar ein bisschen zu gründlich?
Zum bestimmenden Thema des Sommers, der Klimakrise mit ihren Hitzewellen, Waldbränden und weiteren Extremwetterereignissen, sind die Kirchen hierzulande (fast) stumm geblieben. Ich halte das für eine vergebene seelsorgliche und politische Chance. Unter dem Dom aus Hitze hat sich leider genau jene Scheu vor der eigenen Courage fortgesetzt, die ich schon im letzten „Re:mind“-Newsletter vor unserem kleinen Newsletter-Sommerpäuschen Anfang Juli beklagt hatte:
„Nicht nur stoßen [Klimaschutz-]Appelle bei der aktuellen Bundesregierung offenbar auf taube Ohren, sie genießen auch innerkirchlich einen zweifelhaften Ruf. Dass man mit Klimaschutzengagement derzeit „keinen Blumentopf gewinnt“, ist zur Weisheit der kirchlichen Büroflure geronnen.
Im besten Fall lässt man die hauseigenen Klimaschützer:innen und -Manager:innen auf Grundlage der durchaus ambitionierten (evangelischen) kirchlichen Klimaschutzgesetze weiterarbeiten und hofft im Stillen, auch Staat und Politik mögen sich an ihre Verpflichtung gegenüber den zukünftigen Generationen erinnern.“
Dass auch die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen in den Kirchen die öffentliche Unterstützung ihrer Arbeit durch das bischöfliche Personal dringend nötig haben, weil sie kirchenintern auf erhebliche Widerstände bei der Umsetzung der Klimaschutzregeln stoßen, erklärt „Eule-Podcast“-Host und Pfarrer Michael Greder im „Sommer-Rückblick“ unseres Podcasts, der pünktlich morgen, am 30. August, veröffentlicht wird. Einschalten!
Was mich, der ich mich während meines Urlaubs in diesem Jahr konsequent rausgezogen habe, brennend interessieren würde: Welche Nachrichten und Debatten mit Kirchen- und/oder Religionsbezug haben es in Deine sommerliche Aus- und Freizeit überhaupt geschafft? Und auf welchem Weg?
Drei Debatten und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Meldungen der vergangenen Wochen picke ich in diesem „Re:mind“-Newsletter aus dem Zeitenlauf heraus.
Catholica: Zölibat und Synodalität
Trotz „Sommerloch“ und Urlaubszeit gab es doch einige Schlagzeilen mit religiösem Bezug. Zuletzt zum Beispiel wurde auch in den großen Medien mal wieder über den (Un-)Sinn des Zölibats in der römisch-katholischen Kirche debattiert. Äußerer Anlass war die Suspendierung von Andreas Unfried vom Priesterdienst, nach fast 40 Jahren und „vielen Jahren“, in denen er im Verborgenen eine Partnerschaft mit einer Frau geführt hat, die er nun heiraten wolle. Über die Bekanntgabe dieser Lebensentscheidung in Anwesenheit des Limburger Bischofs Georg Bätzing, der bis Anfang 2026 noch der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vorstand, berichtet Mario Trifunovic bei katholisch.de (ohne den Pathos von Klatschmagazinen).
Die Begeisterung des Boulevard für derartige Stories ist wenig überraschend. Ich finde solche Vorgänge allerdings überhaupt nicht romantisch. Dass nun ausgerechnet dieser Abschied von der „Berufsrolle“ (so Unfried in seinem Abschiedsbrief) zu einem Überdenken des Pflichtzölibats führen wird, halte ich für einen naiven Wunsch. Obwohl man sicher einräumen muss, dass hier exemplarisch die Problematik des Priesteramts in der römisch-katholischen Kirche in unserer Gesellschaft und für die beteiligten Personen(kreise) vorgeführt wurde.
Mit der „Priesterliche Existenz heute“ hatte sich bekanntlich auch eines der Synodalforen des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland befasst. Das zugehörige Grundtext (PDF) und ein korrespondierender Handlungstext, „Der Zölibat der Priester – Bestärkung und Öffnung“ (PDF), wurden im März 2023 von der Synodalversammlung verabschiedet. Seitdem ist allerdings, vor allem wegen der weltkirchlichen und vatikanischen Beschränkungen und Missachtungen, nichts weiter geschehen.
Und wie steht es um den Synodalen Weg, der im November 2026 in verstetigter Form als Synodalkonferenz fortgesetzt werden sollte? Wie schon beim Katholikentag 2026 im Mai vom neuen Vorsitzenden der DBK, Bischof Heiner Wilmer (damals Hildesheim, nun Münster), vorausgesehen (und im „Eule-Podcast“ erörtert (ab 17:45 Min)), wird die erste Sitzung des neuen Gremiums nicht mehr in diesem Jahr stattfinden, gab die DBK auf Anfrage der KNA in dieser Woche bekannt. Grund ist das fehlende Placet aus dem Vatikan, die Recognitio, über die wir in der Eule zum ersten Mal im Januar 2026 anlässlich der letzten Tagung des Synodalen Weges in Stuttgart berichteten.
Der Vatikan lässt sich mit dieser Zustimmung „zweiter Klasse“ immer noch Zeit. Vielleicht kommt sie auch gar nicht. Beobachter:innen und Kommentator:innen spekulieren darauf, der Vatikan wolle den deutschen Synodalen Weg vielleicht stärker mit dem weltweiten (oder kontinentalen) Synodalen Prozess der Weltkirche (sog. „Weltsynoden“) verknüpfen. Das würde allerdings eine Verschiebung bis 2028 und Überarbeitung der beschlossenen Satzung, der sowohl Lai:innen als auch (fast alle) Bischöfe zugestimmt hatten, nötig machen. „Es ist aber genauso möglich, dass der komplette Prozess in den Untiefen der römischen Bürokratie versinkt“, meint Domradio-Chefredakteur Renardo Schlegelmilch in seinem Kommentar.
„Leihmutterschaft“
Ebenfalls aus Anlass einer zunächst privaten Lebensentscheidung ist das Thema „Leihmutterschaft“ in diesem Sommer auf die Tagesordnung des politischen Betriebs geraten. Eigentlich war es wie so viele Probleme im Konnex Frauengesundheit, Schwangerschaft und Familienbild(er) seit dem Dienstantritt der gegenwärtigen Bundesregierung von CDU/CSU und SPD trotz (oder wegen?) der Vorarbeiten der von der Ampel-Regierung eingesetzten Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin (Kom-rSF) „in den Untiefen“ des Berliner Politikbetriebs versunken.
Weil aber der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn (CDU) sich gemeinsam mit seinem Ehemann den eigenen Kinderwunsch mit Hilfe einer US-amerikanischen „Leihmutter“ erfüllte und diese Entscheidung – zum Schock seiner Partei und der medialen Öffentlichkeit – ansatzlos bekanntgab und im Widerspruch zur Parteilinie verteidigte, wurde das ohnehin schon komplizierte Thema, leider noch weiter politisch (und mit Ressentiments) aufgeladen, wenigstens für eine Weile debattiert. Für Spahn resultierte die Erfüllung seines Wunschs im (nicht ganz freiwilligen) Rücktritt vom Fraktionsvorsitz.
Gleichwohl der Rückzug Spahns von politischen Spitzenämtern in den Augen vieler Zeitgenoss:innen längst überfällig war, befremdet mich doch sehr, wie standardisiert inzwischen persönliche und private Entscheidungen, die als Verfehlungen wahrgenommen werden, zum Gegenstand einer öffentlichen, medial und sozial-medial geführten Auseinandersetzung werden. Im modischen Mangel an Diskretion und Nachsicht, wie er insbesondere vom politischen Feuilleton vorgetragen wird, kann ich jedenfalls als Freund von Libertas und Besonnenheit keinen Fortschritt erkennen.
Deutlich weniger aufgeregt nahm der katholische „Kirchenbotschafter“ Prälat Karl Jüsten zur Debatte um die „Leihmutterschaft“ Stellung. Er sprach sich im Namen der römisch-katholischen Kirche für die Beibehaltung des gesetzlichen Verbots aus. Wie das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (SI-EKD) in einer instruktiven Ausgabe von „SI-Kompakt“ (PDF) darstellt, sind die Einstellungen zur „Leihmutterschaft“ in der Bevölkerung „breit gefächert“ und jedenfalls nicht zwischen absolutem Verbot und gesetzgeberischem Laissez-faire polarisiert – auch nicht strikt entlang konfessioneller Zugehörigkeiten.
Und mit ein paar Wochen Abstand hat die feministische, evangelische Publizistin Antje Schrupp (die zuletzt im April 2026 zu Gast im „Eule-Podcast“ gewesen ist) bei ref.ch eine faktenorientierte und ethisch-moralisch klare Orientierung geschrieben:
„Vielleicht ist das der Stand der Dinge: Wir haben uns als Gesellschaft in dieser Frage noch keine abschliessende Meinung gebildet. Es gibt noch viel zu diskutieren und zu überlegen. Keine Position ist ohne Tücken. Auch die Gegenseite hat jeweils gute Argumente. Diese Debatten sollten wir ernsthaft, sachlich und in gegenseitigem Respekt führen.
Und die Moralkeule, die bleibt besser im Keller.“
Aktuell im Magazin
Kunst im Kirchenraum: Manifesta 16: Das ist keine Kirche! – Elinor Viska Amrei Höke
Zwischen Säkularisierung und Heimatsuche: Elinor Höke hat sich für Die Eule auf der „europäischen nomadischen Biennale“ Manifesta 16 im Ruhrgebiet umgeschaut, die unter dem Motto „Das ist keine Kirche“ steht. Sie hat Kunst im Kirchenraum entdeckt und fragt: Was könnte die Kirche noch sein?
„Liegt die Sprachlosigkeit gegenüber christlichen Glaubensrealitäten und der Architektur, die von ihnen inspiriert wurde, nicht parallel zur Sprachlosigkeit in Bezug auf einen neuen Heimatbegriff für die Region, deren konstituierendes Merkmal es ist, dass ihre Einwohner alle irgendwann hier eingewandert sind?“
Sachsen-Anhalt: Wahlkämpferin wider Willen – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)
Zwischen „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ und Evangelium, AfD-Bedrohung und Dialogbereitschaft: Im Wahlkampf vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt engagieren sich die Kirchen und ihre Bischöfe.
Eule-Podcast (62): Warum ist die AfD so stark? Mit Regionalbischöfin Bettina Schlauraff und Philipp Greifenstein (35 Minuten)
Im „Eule-Podcast“ berichtet Regionalbischöfin Bettina Schlauraff von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) über die Stimmung in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl am 6. September. Was bewegt die Menschen im Land? Warum kommt die AfD so gut an? Wie muss sich unsere Demokratie weiterentwickeln?
„Missbrauch evangelisch“
Ein letztes kurzes Update zu Meldungen aus dem Sommer 2026 sei zum Schluss dem Eule-Themenschwerpunkt „Missbrauch evangelisch“ gewidmet: „Mängel bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den Kirchen“, die „nur langsam voranschreitet“, sieht die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM), Kerstin Claus, in einem ausführlichem Interview (24 Minuten) bei Luisa Meyer im Deutschlandfunk.
Franziska Hein vom epd hat bei den evangelischen Landeskirchen nachgefragt, wie es um die Umsetzung der neuen Anerkennungsrichtlinie steht – wir berichteten im Frühjahr hier, hier & hier ausführlich in der Eule. Neben den bereits bekannten Problemen gibt es offenbar auch nach wie vor keine Vereinheitlichung bei der Anrechnung der Pauschalleistung von 15.000 Euro bei Strafbarkeit der Tat auf bereits gezahlte Anerkennungsleistungen.
Dass auch der angekündigte „Anhaltskatalog“ – oder wie die neue evangelische Sprachregelung lautet: „Orientierungshilfe“ (s. Eule-Interview mit der badischen Landesbischöfin Heike Springhart vom Juni 2026) – nach wie vor auf sich warten lässt, war erst in dieser Woche Teil der Beschwerde von Betroffenen in der westfälischen Landeskirche, über die der WDR berichtet. Die neue Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), Adelheid Ruck-Schröder, erklärte den nochmaligen Überarbeitungsgang wegen Wünschen aus der EKD-Kirchenkonferenz formschön verantwortungsdiffundierend:
„Die Präses von Westfalen räumt im Interview mit dem WDR ein, dass es Abstimmungsprobleme zu dem „Katalog“ gebe. Viele unterschiedliche Personen müssten bei Änderungswünschen zustimmen. Das Verfahren benötige noch Zeit. […] Wann der „Katalog“ für die Entschädigungszahlungen vorliegen könnte, ist zurzeit nicht absehbar.“
Im „RE: August 2026“ des „Eule-Podcast“ sprechen Podcast-Host Michael Greder und ich u.a. über die Klimakrise der Kirche und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Außerdem ziehen wir ein Fazit des sommerlichen „Eule-Podcast“-Doppels zu generativer Künstlicher Intelligenz (genAI) in der Kirche mit Oberkirchenrat Max Niessner aus dem EKD-Kirchenamt und Digitalisierungsexperte Hanno Terbuyken. Die neue Episode geht am Sonntagmorgen online!
Ich selbst verfüge mich morgen nach Dessau zum anhaltischen Kirchentag, der in diesem Jahr so kurz vor der Landtagswahl ein „Hoffnungskulturfest“ werden soll. Vielleicht trifft man sich dort? Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Karsten Wolkenhauer, freut sich im Interview von MDRKultur jedenfalls auf das Fest der 100 Tische.
Und wir freuen uns über Hinweise, Kritik und Wünsche! Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„In the meantime, in between time,
let us make time to make it right
And let us not fear what is not clear;
faith should be your guide,
just follow this advice …“
– aus „In the Meantime“ von Dolly Parton (YouTube, Spotify, Text)
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